Kleine Ackerkunde für Coachs: Feldkompetenz im Karrierecoaching

Auf so manchem Seminar habe ich den Satz gehört „ach, Feldkompetenz“: Gut zu haben, aber nicht wichtig. Feldkompetenz brauchen Berater.  Berater ist dabei als Seitenhieb zu verstehen. Das sind die Leute, die sich einen Lebenslauf anschauen und sagen: Machen Sie X, dann steigern Sie Ihr Gehalt um Y. So verstehe ich Karrierecoaching nicht. Das machen keine systemischen Coachs, und ich bin ja einer. Für mich steckt im Karrierecoaching auch ein Bündel von Methoden, die die Klienten helfen, für sich selbst eine Lösung zu finden. Um diese Methoden anwenden zu können, braucht es Feldkompetenz. Neben Selbstverständlichkeiten wie sozialer Kompetenz und Handlungskompetenz.  Ich bin dabei dafür, den Begriff der Feldkompetenz zu erweitern. Ich lese in Texten anderer eigentlich immer nur, das es bei der Feldkompetenz um Branchen- oder Führungserfahrung geht. Für mich steckt viel mehr darin. Ich habe in der Grafik drei Bereiche beschrieben, von denen mindestens der dritte normalerweise in den Beschreibungen nicht auftaucht:

  • Fachlich
  • Prozessural
  • Persönlich
Copyright: Svenja Hofert

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Warum braucht man Feldkompetenz?

Ganz einfach: Um die Fähigkeit zu haben, situativ in die Beraterrolle zu steigen. Auch das kann Methode sein. Da fast jeder Coach oder Trainer mal was mit Transaktionsanalyse gemacht hat (zeigt unter anderem die derzeitige Ausgabe von „training aktuell“), will ich es damit verdeutlichen. Es kann Methode sein, sich bewusst in die Rolle des fürsorglichen oder auch kritischen Eltern-Ichs zu versetzen. Einfaches Beispiel: Eine Klientin hat drei Alternativen für mögliche Berufswege. Im Grunde weiß sie sie, was sie will. Wir spielen das mit drei Stühlen durch, und es war klar, in welcher Rolle sie sich am authentischsten fühlte. Trotzdem war ihr am Ende meine Einschätzung wichtig.

Und nun kommt es: So eine Einschätzung kann ich nur geben, wenn ich mehr als eine Ahnung davon habe, was der beste Weg für den Klienten ist. Dafür muss ich erstens wissen, was den Klienten hindert (z.B. Glaubenssätze) und antreibt (z.B. Motivationen), aber zweitens auch wissen, mit welchen Entscheidungen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass er/sie damit weiterkommt. Ich muss auch die Karrierelebensphase orten können und erkennen, was für die Person gerade wichtig ist.

Simples Beispiel: Mit bestimmten Lebensläufen – dazu morgen mehr, wenn ich über Triple-A-CVs schreibe, braucht man sich bei Strategieberatungen gar nicht erst zu bewerben. Das sollte ich als Karrierecoach erkennen. Den Klienten das selbst recherchieren zu lassen, wie die strengen Systemiker (oder vielmehr: oft die Neulinge oder jene, die nur nebenbei in diesem Feld arbeiten) es verlangen, ist bei solchen klaren Fragestellungen hanebüchen. Ich kann auch keinen Abiturienten aus 17.000 Studiengängen passende auswählen lassen. Wenn ich mich als Karrierecoach in so einem Gebiet positioniere, hier in der Abiturientenberatung, muss ich helfen können, eine Vorauswahl zu treffen, z.B. weil ich weiß welche Wege wahrscheinlicher in ein bestimmtes Arbeitsfeld führen.

Wenn es um berufliche Themen geht, muss ich auch schnell verstehen, wie die Situation im Unternehmen ist, welche Entscheidungswege es gibt etc. Der Klient erklärt nicht lange. Und er nimmt sein Gegenüber vielleicht nicht ernst, wenn dieses fragt „was bitte ist ein Verwaltungsrat“ oder was genau macht man als Business Analyst?

Dabei wird Feldkompetenz oft missverstanden. Es geht nicht nur um Branchen- und Berufs- bzw. Führungserfahrung, sondern beispielsweise auch um die persönlichen Aspekte, einen ähnlichen Bildungsstand oder ähnliche kognitive Fähigkeiten. Dabei gilt natürlich, dass sich jemand mit mehr Intelligenz, Wissen und Erfahrung auf jemanden mit weniger einstellen kann – deutlich schwieriger ist es aber umgekehrt. Hier geht es um Ebenbürtigkeit, die fachlich und zur eigentlichen Lösung nicht notwendig ist, die es aber braucht, um eine Beziehungsebene herzustellen. Auch das subsummiere ich unter Feldkompetenz.

Natürlich hat jeder Mensch andere Vorstellungen von Ebenbürtigkeit und sicher variieren diese von Thema zu Thema. Mein Partnerschafts-Ehecoach, sollte ich ihn einmal brauchen, sollte einfühlsam und geistig rege sein. Die einzige Feldkompetenz, die ich von ihm erwarten würde, wäre umfangreiche Erfahrung im Beziehungsumfeld. Ich persönlich würde niemals zu jemand gehen, der mehr als einmal geschieden ist. Und ich würde ganz sicher jemand, der 60 Jahre oder mehr hinter sich hat, eher akzeptieren als einen jungen. Einen Nicht-Akademiker würde ich womöglich nicht als ebenbürtig  empfinden. Diese Dinge sind bei jedem anderes, aber sie sind da und sie spielen eine Rolle. Und deshalb sind sie auch für den Erfolg relevant.

Oft werden Coachinganfragen an mich herangetragen. Die Empfehlung ist manchmal für mich schwierig, weil falsche Empfehlungen wie ein Bumerang sind – sie fliegen dir um die Ohren. Ich will deshalb wissen, dass es passt – und Feld-Erfahrungen eines Coachs, sei es im Job oder durch Jahrelanges Coaching erworben, geben mir diese Sicherheit.  Auch die Tatsache, dass jemand klar positioniert ist und nicht  auf mehreren Hochzeiten tanzt, unterstreicht die Sicherheit. Ebenso das Auftreten und Aussehen. Oder eine eigene Praxis außerhalb der eigenen Wohnung. Wohnzimmercoachs sind für mich ein No-Go.

Was bedeutet das für Ihr Angebot im Karrierecoaching?

Wer jeden bedienen will, bedient keinen richtig. Finden Sie eine Zielgruppe, die von Ihrer Feldkompetenz profitiert – oder erwerben Sie gezielt Feldkompetenz. Denken Sie dabei nicht nur klassisch an Branchen, sondern auch an den von mir beschriebenen dritten Bereich der Feldkompetenz, den persönlichen.

Ich sehe manchmal, dass sich Menschen als Karrierecoach selbstständig machen oder machen wollen, die bisher durch die Berufswelt geirrlichtert sind. Aber auch die Suche nach dem richtigen Beruf kann Feldkompetenz sein…Die Erfahrung, einen falschen Weg gegangen zu sein. Oder auch… die Herkunft.

Wenn Sie sich mit etwas NICHT auskennen, sagen Sie das dem Kunden.  Bereiten Sie Gespräche vor. Wenn ich beispielsweise einen Business Analyst berate, der vor der Entscheidung für einen MBA oder eine fachspezifische Zertifizierung steht, informiere ich mich vorher über die Zertifizierungen und deren Anerkennung – am besten bei Leuten, die voll im Thema sind. Ein gutes Netzwerk nährt Feldkompetenz.

Aber auch wenn´s nur Google ist: Vorbereitung hilft Ihnen, Anliegen einzuordnen. Natürlich wird es im Coaching dann erst mal darum gehen, die Ziele zu klären, was also genau die Maßnahme bewirken soll. Aber dann sagen zu können: „Ganz ehrlich, ich glaube nicht, dass Ihnen der MBA bei diesem Ziel jetzt wirklich hilft“ ist eben genau das, was die meisten Kunden auch erwarten. Und: wofür im allgemeinen mehr Geld bezahlt wird als für einen Rat, den 1000 andere auch geben könnten. Diese ökonomische Komponente sollten zumindest die Selbstständigen nicht unterschätzen.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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