0,3 Prozent: Wie unwahrscheinlich Einladungen auf Vorstellungsgespräche wirklich sind – und an welchen Schrauben Sie drehen können

„Ich passte 100% und wurde nicht eingeladen“, so höre ich oft von Bewerbern, die das gar nicht glauben wollen. Wo doch alle vom Fachkräftemangel reden. Mit diesem Artikel gebe ich Ihnen einen kleinen, anonymen Einblick  in Bereiche und tatsächliche Bewerberzahlen. Die Zahlen habe ich entweder direkt von Personen, die dort zum Gespräch waren oder von den Personalern bzw. aus ihrem Umfeld. Namen nennen möchte ich natürlich nicht.

  • Projektstelle bei einer beliebten NGO: 1.200 Bewerber
  • Position im Pressebereich bei einer namhaften Institution: 3.000 Bewerber
  • Marketingposition bei einem Tourismusverband: 350 Bewerber
  • Kaufmännische Leitungsposition bundesweit: zwischen 70 und 800 Bewerber (höhere Zahlen in Großstädten und bei Markenunternehmen)
  • Marketing Leitungsfunktion bundesweit zwischen 150 und 1.500 Bewerber (höhere Zahlen bei Markenunternehmen, in Großstädten und vor allem Fast Moving Consumer Goods)
  • Controller in Hamburg: 280 Bewerber
  • Brand Manager in Hamburg: 800 Bewerber

Ich publiziere die Zahlen, nicht um zu schocken, sondern um zu relativieren. Natürlich gibt es auch Jobs mit 30 Bewerbungen und noch weniger. Doch gerade in beliebten Bereichen und in den Großstädten ist die Bewerberzahl immer noch sehr hoch, was durchaus auch an sehr allgemein gehaltenen Anzeigen liegt, in denen sich viele wiedererkennen. Immer wieder erlebe ich es aber auch, dass Bewerber zu viel erwarten oder denken, wenige Bewerbungen reichten aus, um eine Stelle zu bekommen. Das ist nicht (mehr) so. 100 Bewerbungen und mehr sind oft nötig, um am Ende einen Job zu bekommen. Das ist eine einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung: Bei 100 Bewerbungen ist die statistische Wahrscheinlichkeit, eingestellt zu werden bei ein Prozent, die eingeladen zu werden vielleicht bei 10. Bei 1000 schrumpft das Verhältnis auf  0,1 bzw. 1%. Oft ist Auswahl ein Glücksspiel. Etwas „Bekanntes“ und (scheinbar) Vertrautes im Lebenslauf wirkt beispielsweise Wunder. Deshalb haben es Bewerber mit namhaften Unternehmen im Gepäck erheblich leichter – sofern die namhaften Unternehmen positiv assoziiert sind.

MS Office

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Angenommen Sie bewerben sich auf Jobs, auf die sich im Durchschnitt 100 Personen bewerben. Regiert König Zufall, brächte Ihnen das eine Einladung. Mit gezielten Maßnahmen können Sie es aber schaffen, zu den besten zehn Prozent zu gehören.

 

 

Ich zeige Ihnen, an welchen Schrauben Sie drehen können:

  • Die Schraube Unterlagenoptimierung: Kaum 10% der Bewerbungen sind wirklich verwertbar, sagen mir Personaler. Sie haben also eine Schraube an der Sie drehen können – die der Optimierung. Bewerben sich 300 Personen, so schaffen Sie es durch Top-Unterlagen unter die besten 30.
  • Die Schraube Visibility: Je öfter ich jemand sehe, desto eher ist er/sie mir vertraut. Wer es also schafft, gesehen zu werden, erhöht seine Chancen. Noch mehr gilt das, wenn man eine Bewerbung bekommt und sagt „den kenne ich“, beispielsweise von Twitter oder aus einem Blog. Die Popularität darf aber auch nicht zu groß sein, VIPs stellt keiner ein.
  • Die Schraube Türöffner: Gibt es jemanden, der Ihren Namen ins Spiel bringt? Das ist besser als jede Unterlagenoptimierung, wobei Sie auch diese nicht vernachlässigen sollten. Mit Kontakt, jemanden, auf den man „hört“, kommen Sie immer unter die ersten fünf – auch bei 3000 Konkurrenten.
  • Die Schraube Gehalt: Manche wollen es billig. Dummerweise sieht man das nicht im Inserat wie in Österreich. Dort sind Mindest-Gehaltsangaben verpflichtend (und es ist ein guter Tipp für Deutsche, sich da mal umzuschauen). Manche nehmen aber auch nur Bewerber ernst, die richtig teuer sind. Mir erzählte ein Kunde, dass er unten durch war, nachdem klar geworden war, dass er im vorigen Job keine 200.000 Euro verdient hat. Die Spannen für Leitungspositionen sind ohnehin enorm: zwischen 60.000 und 250.000 EUR ist vieles drin, wenn in der Anzeige steht „Leiter Marketing“ (CMO), „Leiter IT“ (CIO), „kaufmännischer Leiter“ (CFO), „Leiter Recht und Personal“ (CRO und CHRO) o.ä. (hier gibt es übrigens Muster für CEO-Bewerbungen). Nur Vertriebler können sich meist höher einsortieren.

Es gibt auch Schrauben, an denen sich nicht drehen lässt. Vielleicht heißen Sie wie der Sohn das Personalers oder waren auf der gleichen Grundschule – schon sind Sie eingeladen. Vielleicht heißen Sie aber auch so wie der geschasste Onkel – und schon sind Sie raus. Manche mögen keine schwarzweißen Bilder und andere finden zu viel Selbstbewusstsein unsympathisch (während wieder andere genau das gut finden). Lassen Sie diese Schrauben stecken. Sie können nicht daran drehen.

Diese Macht haben nur Personaler – durch konkretere Stellenanzeigen (hier über ehrliche Jobanzeigen), darüber habe ich hier bereits geschrieben. Sagt doch bitte, wenn ihr ausschließlich Bewerber aus der Kunststoffindustrie wollt! Verratet doch, wenn Projektleitungserfahrung mit Teams größer als 30 Personen Bedingung sind. Oder welche Ausbildungsabschlüsse erwartet werden. Vor allem sagt doch bitte, was ihr zahlt – das würde ganz viele Probleme lösen. Jemand der 5.000 EUR im Monat verdienen möchte, wird sich nicht auf Stellen mit 2.000 bewerben. Dabei könnte man so viel Geld sparen! Und so viel Frust.

Über mich

SBereits seit 1998 schreibe ich Karriereratgeber, seit dem Jahr 2000 betreibe ich “Karriere & Entwicklung” für Outplacement und Karrierecoaching. 2004 gründete ich meinen ersten Online-Shop, aus dem 2012 Kexpa wurde, 2011 mein Portal Karriereexperten.com. In diesem Jahr kam die Karriereexpertenakademie dazu: verschiedene Weiterbildungen zur Professionalisierung der Methoden und Vorgehensweisen im Karrierecoaching.

About Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

Über Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

7 Kommentare zu “0,3 Prozent: Wie unwahrscheinlich Einladungen auf Vorstellungsgespräche wirklich sind – und an welchen Schrauben Sie drehen können

  1. Naja, gaaanz so ist das ja nicht. Viele Mittelständler klagen nicht ganz zu unrecht über zurückgehende Bewerberzahlen. So kenne ich viele kleinere unbekannte Unternehmen, die “nur” 30 Bewerbungen bekommen.

    Geht man von Deiner o.g. 10%-Quote der guten Bewerbungen aus, gehöre ich dort mit einer passenden guten Bewerbungen schon mal zu den Top 3.

    Blöd ist nur, dass die meisten Bewerber sich auf Stellen unbekannter Unternehmen gar nicht bewerben.

    Drum mein Tipp:
    Wenn schon klassische Bewerbung, dann Ausschau halten nach “Hidden Champions” und anderen No-Name-Unternehmen. Im Internet, besonders bei XING kann man prima Recherche betreiben.

    • beim Fallbeispiel kaufmännische Leitung waren 70 Untergrenze – und das bei Mittelständlern in mittelgroßen Städten. Ja, es kommt auf den Namen an (je größer, desto mehr), aber auch auf den Bereich. Und da gibt es ganz klar ein deutliches Überangebot… Mir sind auch Stellen bekannt mit nur 8 oder 9 Bewerbungen – da sind die Ausschreibungen aber dann schon viel spezieller. Aber dein Tipp ist super, kann ich noch Yourfirm ergänzen, auch gut für Recherche.
      LG Svenja

  2. Sehr geehrte Frau Hofert
    Gehaltsangaben in Stellenausschreibungen sind in Österreich zwar seit 2011 gesetzlich verpflichtend vorgeschrieben, jedoch hat sich in der Praxis eingebürgert, dass lediglich das Mindestgehalt (laut Kollektivvertrag) angegeben wird, mit dem vagen Zusatz, dass Überzahlung unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist. Zur Orientierung für Bewerber sind diese Angaben absolut ungeeignet. Nach unserer Erfahrung nützen nur wenige Unternehmen die Chance, sich hier als Arbeitgeber zu profilieren und offen und ehrlich zu präsentieren.
    Die ursprüngliche Idee war, mehr Transparenz am Arbeitsmarkt zu schaffen und die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen zu verringern – dieses Ziel wurde eindeutig verfehlt.
    Übrigens „vergessen“ viele KollegInnen aus Deutschland diese Angaben für Ausschreibungen in Österreich zu machen – das kann im Ernstfall zu Abmahnungen und Strafen bis zu 360,00 € führen.
    Sonst kann ich nur bestätigen, was Sie in Ihrem Artikel ausführen, die Chancen auf Einladungen zu Bewerbungsgesprächen steigen drastisch mit gut aufbereiteten Unterlagen. Leider sind – zumindest in Österreich – die Bewerbungsschreiben und vor allem die Lebensläufe meist keine Visitkarte für den/die BewerberIn. Da gilt es noch viel Aufklärungs – und Überzeugungsarbeit zu leisten.
    Beste Grüße aus Wien!
    Claudia Cech

    • Liebe Frau Cech, Danke schön für das Feedback aus direkter Quelle. Schade, eigentlich wäre es eine super Sache gewesen. Beim Betrachten der Anzeigen ist mir allerdings schon aufgegangen, dass hier vielfach am unteren Ende gepokert wird und das “Anker” bewusst niedrig gesetzt wird. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass der Effekt nicht so gut ist wie gewünscht. Danke Ihnen, herzliche Grüße Svenja Hofert

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  5. Und dann gibt es Unternehmen, die dann angeblich als Grund für Absagen schreiben (auch wenn nur ein Textbaustein ist), dass sie eine unerwartet hohe Anzahl von Bewerbungen bekommen haben (und das sind eher Kleinstunternehmen).

    “Manche wollen es billig”. Wollen das nicht alle Firmen haben? Mich haben schon Firmen angerufen, nachdem ich mich beworben habe, wo ich nennen sollte, was meine unterste Grenze wäre und dann noch sagten, so viel würden die Mitarbeiter, die bei denen anfangen würden, nicht verdienen.

    Da ich von der Firma nichts mehr gehört habe, denke ich das Thema ist durch. Hoher Lohn bedeutet nicht automatisch, dass man sich interessant macht.

    Auch in Belgien und zum Teil in Spanien findet man so ungefähre Gehaltsangaben in den Kontaktanzeigen, während man sich hier in Deutschland in der Regel (ich lag auch schon mal recht gut), meistens vorbei “tippt” und das schon einmal ein Minuspunkt in der Bewerbung darstellt.

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