Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Coaching goes digital: Wie die Digitalisierungswelle Berufsberatung und Karrierecoaching aufmischt

By | 2015-01-08T22:01:44+00:00 8. Januar 2015|

Die Zukunft für Altenpfleger in der Demenzpflege heißt Paro, und ist eine Kuschelroboter-Robbe. Welche Toys die Zukunft für Berater bereithält, ist noch unklar. Sicher ist nur: Der Beraterberuf ist wie alle Dienstleistungen von der Digitalisierung bedroht. Eine Reise zur Beratung von morgen.

Suitcases and rucksacks isolated on white

Erste Station: Haltestelle Berufung

Die erste Station macht viele Worte. „Svenja, ich möchte dir ein ganz besonderes Geschenk machen“, steht in der Mail. „Svenja, auch du kannst im Club der Erfolgreichen sein“. Manchmal weiß ich nicht genau, ob ich diesen Oliver, Stefan, Marcus nicht doch kennen müsste – vor allem, da sie immer mehr ein penetrantes „fw:“ vor die Mail setzen. Die Berufungsgurus der Generation Y und New Work sind schnell per Du. Sie glauben berufsoptimistisch an das „Alles ist möglich. Mach dein Ding. Für jeden gibt es etwas, du musst nur wollen.“ Hm. Heute erzählte mir ein weiser Mensch mit Jahrzehnten Erfahrung im Coaching, Motivation sei für ihn irrelevant. Es ginge nicht um Wollen, sondern um Machen. Die die wollen, machen sowieso, sie brauchen höchstens einen Impuls. Die die nicht wollen, denen hilft auch Motivation nicht. Die muss man ins Tun bringen. Das schafft man nicht mit Mailimpulsen, Newslettern, Checklisten und Online-Webinaren. Das schafft man überhaupt nicht als Lösungsanbieter. Es sei denn man macht sich zum Guru. Genau das versuchen derzeit ein paar Leute zu viel, die eigenes berufliches Scheitern als Selbstfindung verkaufen.

Was wird passieren: Hier wird sich der Markt bereinigen. Einige werden erkennen müssen, dass viele, die eine Berufung suchen, eigentlich einen Therapeuten bräuchten. Und der ist derzeit noch kein Roboter. Und bleibt meist beim Sie.

Zweite Station: Haltestelle Berufsfindung

Die zweite Station ist algorithmisch. Bei keiner Berufsgruppe sind Tests so zentrale Prognoseinstrumente, wie bei jungen Menschen, die noch nicht auf belastbare Berufserfahrungen zurückgreifen können. Mit Tests kann man herausfinden, welcher Bereich zur Intelligenz, den Interessen und Neigungen passt. Es ist noch nicht so lange her, da durften nur diplomierte Psychologen bestimmte Testverfahren einsetzen und man konnte mit einem Tag „Durchtesten“ eine Menge Kohle verdienen. Die Zeiten sind noch nicht ganz, aber bald vorbei. Tests, auch psychologische sind überall verfügbar und immer öfter kostenlos. Klassiker wie RIASEC und BIS finden sich überall, Portale wie Berufsprofiling bieten ausgefeilte Interessentests etwa für das Ingenieurwesen an. So kann man schon frühzeitig herausfinden, ob man sich z.B. mehr fürs Konstruieren oder Prüfen interessiert. Im Geva-Test oder auch dem Borakel sind Bestandteile aus IQ-Tests, so dass man das kognitive Kapital schon recht sicher per Internet einschätzen kann. Die Berufsempfehlungen in solchen Tests sind derzeit oft etwas einseitig und/oder amerikanisch geprägt, aber nichtsdestotrotz Anhaltspunkte.

Werden in Zukunft auch Informationsportale wie Whatchadoo besser, wird es Software geben, die auf Basis von Interessen und kognitiven Möglichkeiten sowie Kompetenzen/Stärken konkrete und brauchbare Empfehlungen gibt; die NC-Kompatibilität checken, den Wohnortwunsch berücksichtigen und sogar ausgewogene Praktika-Empfehlungen geben, dann braucht man keine Berufsberater mehr. Zumindest, siehe oben, wiederum keine, die Lösungsanbieter sind.

Was wird passieren: Warten wir ab, zwei Jahre etwa. In diesem Bereich werden sich auch deshalb die Uhren und Räder schneller und technisch hochwertiger drehen, weil Firmen ein Interesse an möglichst vielen „Berufsorientierten“ haben.

Dritte Station: Haltestelle Karriereberatung

Längst gibt es komplette Online-Outplacementprojekte und auch Jobcoaching über Skype oder eine Webplattform. Dabei ist der Coach allerdings immer noch eine Person und kein Roboter. Die Wechsel aus Themeninput und Coachingeinheiten können sehr effektiv sein. Auch hier zeigt sich: Lösungen – also Wissen und Information – lassen sich digitalisieren, wie etwa auch auf meinem Portal Kexpa, die Prozessbegleitung nicht.

Was wird passieren: Hier ist noch Raum für hochprofessionelle und spezialisierte Beratungsangebote, bei denen es durch was und wen auch immer „geprüfte“ Inhalte gibt.

Vierte Station: Haltestelle Führungskräftecoaching

Im Training gibt es seit viel Jahren einen Trend: Die klassische Wissensvermittlung ist dem situativen Lernen, dem Action Learning und dem Lernen in der Gruppe gewichen. Erst recht gilt das für Führungskräfteentwicklung, die außerhalb des Unternehmenskontextes kaum wirksam ist, wie Evaluationen zeigen. Hier werden Angebote entstehen, die dem Wunsch nach Flexibilität gerade vielbeschäftigter Manager nachkommen. So bin ich sehr gespannt auf das Portal von Geschäftsführercoach und Podcast-Pionier Bernd Geropp, der mit mir ein Interview gemacht hat.

Was wird passieren: Der Austausch in Foren und Chats wird manchmal sogar als effektiver empfunden als im Workshop. Wenn es zusätzliche Möglichkeiten zum Kontaktaufbau und persönlichen Kennenlernen gibt, kann gerade Gruppenlernen – nicht nur zu Führungsthemen – wunderbar online stattfinden.

Alles in allem sehe ich drei große Trends:

  • Das Ende der Experten: Zu viele wollen eine für ihr Eigenmarketing passende Wahrheit verkaufen anstatt die Menschen ihre Antwort auf Fragen selbst finden zu lassen. Sie agieren aus dem Über-Ich anstatt aus der Augenhöhe. Solche Bevormundung wollen aufgeklärte Menschen nicht.
  • Der Anfang der Automatisierung: Technisch ist viel mehr möglich als derzeit nur ansatzweise realisiert ist. Es braucht im Grunde nur ein finanzstarkes Interesse dahinter, um die zahlreichen zerfledderten Einzelangebote von Berufsprofiling über Berufenet und Whatchadoo bis zu Studienangebotsportalen sinnvoll zu verknüpfen.
  • Der Sieg der Prozessbegleiter: Menschen durch Veränderungen zu führen – das kann kein Roboter. Dazu müsste er zu situativ agieren, zu wortstark sein und Methoden wie provokatives Coaching situativ und interkulturell passend anwenden können. Da sind wir noch sehr weit entfernt. Ein Teil bleibt also menschlich. Keine Robbe in Sicht.

 

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

8 Kommentare

  1. Henrik Zaborowski 8. Januar 2015 at 09:41 - Antwort

    Der Teil mit der Berufung ist das Beste und Klarste, was ich seit langem dazu gelesen habe. Hab so gelacht. Danke, Svenja!

    • Svenja Hofert 8. Januar 2015 at 21:50 - Antwort

      Kennste die auch mit dem fw:? Muss einen Kurs geben, in dem das vermittelt wird. Oder einen Ratgeber. Igitt 😉 LG Svenja

  2. Thomas Pabst 8. Januar 2015 at 10:19 - Antwort

    Habe bisher von SvenjaHofert zwei Bücher gelesen und war schon begeistert.
    Aber dieser Blogeintrag ist sehr interessant und zukunftsweisend. Vielen Dank.

  3. Cornelia Bohlen 8. Januar 2015 at 10:26 - Antwort

    Liebe Frau Hofert, danke für diesen Artikel. Er stimmt mich nachdenklich und gleichzeitig sehe ich eine Chance für Menschen, die Coaching als Prozess begreifen und nicht als Intervention, die innerhalb von wenigen Sessions beendet ist. Es spricht vieles für den Mix aus persönlicher Begleitung und automatisierten Prozessen, die unterstützend wirken. Ich arbeite bereits seit einigen Wochen zusätzlich mit Ihrem Test zum Thema Work-Life-Balance und habe damit einen Zusatznutzen für meine Kunden geschaffen. Sie sind klarer, was Ihre persönlichen Präferenzen an ihr berufliches Umfeld betrifft. Klarheit im Innen ist das wichtigste, was wir unseren Kunden geben können. Liebe Grüße

    • Svenja Hofert 8. Januar 2015 at 21:49 - Antwort

      Liebe Frau Bohlen, lieben Dank für den Kommentar. Sie haben so recht: Klarheit ist wichtig. Wissen ist hilfreich, nutzt aber auch nicht viel. herzliche Grüße Svenja Hofert

  4. Petra-Alexandra Buhl 10. Januar 2015 at 10:32 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,
    Danke für diesen Artikel, eine wie immer wohl überlegte und präzise Analyse des Berater-Marktes und seiner Auswüchse – zum Beispiel diejenigen, die ihre Berufung suchen und beim Therapeuten besser aufgehoben wären. Ich freue mich schon auf Ihre spitze Feder im Jahr 2015.
    Herzliche Grüße, Petra-Alexandra Buhl

    • Svenja Hofert 13. Januar 2015 at 13:46 - Antwort

      Hallo Frau Buhl, Dankeschön für Ihren Kommentar. Freut mich sehr! LG Svenja Hofert

  5. Ben 23. Januar 2015 at 01:25 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,

    erst einmal Gratulation zu dem gelungenen Artikel und den erfreulichen Reaktionen darauf.

    Im Großen und Groben stimme ich Ihnen durchaus zu.

    Gleichzeitig habe ich mich unterbewusst doch ein wenig angesprochen gefühlt, als sie „Mach Dein Ding“ erwähnten.

    Denn das ist gewissermaßen mein Motto geworden. Dahinter steckt jedoch mehr als einfache „Du schaffst das schon, du musst nur wollen!“-Parolen.

    Um den Selbstfindungs- und Selbst-Erkenntnis-Prozess von jungen Menschen zu unterstützen braucht es aus meiner Erfahrung und Beobachtung vor allem zwei Dinge:

    1) Gute Fragen sind wertvoller als halb-herzige Standard-Antworten

    2) Machen. (Das erwähnen Sie direkt im ersten Abschnitt.)

    Unser Bildungs- und Ausbildungssystem trägt leider weder dazu bei Punkt 1) noch Punkt 2) zu fördern.

    Vor ein paar Wochen habe ich meine Blogleser zum Jahreswechsel aufgefordert mir doch von den Veränderungsprozessen zu erzählen, die in 2014 durch das Lesen meines Blogs angestoßen wurden. Wenige Tage später hatte ich über 400 Mails in meinem Postfach, die teilweise über 1.500 Wörter hatten. Ganze Jahresrückblicke las ich da also. Was mich positiv überrascht hat: Viele haben sich Fragen gestellt und versucht nicht die erstbeste Antwort als bare Münze zu nehmen. Ja, viele der 400 haben tatsächlich in 2014 gemacht.

    Ich muss zugeben, dass ich von der Zahl und der Intensität der Rückmeldungen wirklich überrascht war. Aber scheinbar hat sogar ein Blog (jedenfalls teilweise) dazu beigetragen, dass einige junge Menschen mehr wirklich gemacht haben und einen Schritt gegangen sind.

    Ich kann mir das nur so erklären wie es eine Leserin schrieb: „Du hast in 2014 erst mein Denken verändert. Und dann habe ich auf der Basis meines neuen Denkens mein Handeln geändert.“

    Mir macht das Mut und daher führe ich meinen Blog auch in 2015 weiter.

    Beste Grüße,

    Ben

Hinterlasse einen Kommentar

*