HR-Barcamp 2015, Teil 2 – Active Sourcing oder: Erzieherinnen triffst du bei Ebay und Programmierer ganz hinten im Code

Eine Session, alle Blicke nach vorn

Eine Session, alle Blicke nach vorn

Der zweite Tag des Barcamps (gestern Teil 1) beginnt bei mir müde. Ich hätte früher ins Bett gehen sollen. Ich treffe Christoph Athanas vorm Frühstücksbuffet (Top-Catering!), der sich für meinen Beitrag bedankt. „Genau das ist übrigens Barcamp – man weiß nie, wie eine Diskussion verläuft.“ Es sei essentiell, dass Personaler selbst Sessions geben. Und da ist halt manches nicht immer so perfekt. Da hat er Recht! Also, liebe Personaler, macht mit beim Barcamp 2016. Das Unperfekte ist sowieso viel spannender.

Ich erkenne am zweiten Tag, dass es offensichtlich verschiedene Barcamp-Varianten gibt. Manche stehen vorn, geben einen Impuls und moderieren eine Diskussion, andere veranstalten Mini-Workshops.

Flieg weiter und mach nicht, was andere dir sagen

Martin Gaedts Session beginnt mit einer Übung, die Hunger auf mehr macht. Wir sollen Papierflieger basteln. Wer am weitesten nach vorne schießen kann, hat „gewonnen“. Wir basteln alle brav Flieger. Dann stellen wir uns hinten in den Saal und werfen nach vorne. Und – wer kommt am weitesten? Na klar: Die die keine Flieger, sondern Kugeln gebastelt hatten! Klasse Übung, tolle Erkenntnis: Mach nicht, was man dir sagt, sondern denk nach… Und auch: Ungewöhnliche Ansätze bringen es weiter. Danach geht es mit drei Übungsrunden voran. Ich habe eine Idee mitgenommen: Schicke dem Bewerber ein Handy mit der Notiz „ich bin dein neuer Arbeitgeber“. Teure Sache, denke ich, funktioniert sicher auch nicht bei jedem. Aber genau das ist ja auch die Botschaft überall hier – Recruiting und vor allem das neudeutsche „Active Sourcing“ wird immer kreativer und differenziert sich aus. Die eine rare Fachkraft steht vielleicht auf Handys, die andere …Dazu später mehr.

Die Jagd nach Fachkräften von kreativ bis gefährlich

Die Suche nach Fachkräften wird in Teilbereichen allerdings offensichtlich eher zu einer unkreativen Jagd. Das erfahre ich in informellen Randgesprächen, in denen ich zum ersten mal etwas von der „bösen“ Seite dieser neuen Recruitingwelt erfahre, so genannten Staffingagenturen, die aus den USA kommend, bei uns alles andere als wertschätzend auf Fachkräfte-Beutezug gehen. “Sind die wirklich damit erfolgreich?” will ich  wissen. Offensichtlich. Diesem Thema gehe ich noch mal nach…

Wie man sein Image sicher kaputtmacht: Candidates Horror Cabinett

Das Highlight an Tag 2 war für mich die Session von Wolfgang Brickwedde vom „Institute for Competitive Recruiting“ und Thomas Wölcken, die sich dem auf diesem Barcamp beliebten Thema „Candidate Experience“ zuwendeten. Zuerst durften wir alle destruktiv brainstormen über das, was so schief läuft. Solche Aufgaben machen nicht nur mir eine höllische Freude. Jobbedingt sehe ich mehr Horrorfacetten als die Personaler, die nur ihre eigene Firma im Blick haben. Die hier Anwesenden sind mutmaßlich ohnehin die besseren und fortschrittlicheren Unternehmen, zum Beispiel Startups wie Sofatutor, Groupon oder GameDuell, deren HRler Rüdiger von Hennig bei dieser Session neben mir sitzt. Konzerne sind hier rare Ware, in einer anderen Session war jemand von Daimler.

Candidates Horror Cabinett? Ich bekomme täglich Geschichten zu hören, die meine Kunden auf der Reise zu einem neuen Job so erleben. Eine kleine Auswahl:

  • Absagen im CC:, zum Beispiel direkt an alle Bewerber. (siehe “Sie glauben doch nicht, dass wir alle Bewerbungen lesen?” aus dem Jahr 2010)
  • Einladungen nach vorheriger Ausladung mit der Begründung, da seien zu viele Bewerber gewesen und man habe keine Zeit für die Auswahl gehabt.
  • DUZ-Anzeigen, aber Eingangsbestätigungen und Vorstellungsgespräche per Sie.
  • Total modern gestaltete Karrierewebseiten und völlig verknöcherte Unternehmen.
  • Schicke junge Damen in der Stellenanzeige und “alte Knacker” im Vorstellungsgespräch…

Nun soll es aber auch darum gehen, wie man es besser machen kann. Ehrlich sein? War schon am ersten Tag ein Thema und ist es hier wieder. Apropos: Boring is the  new sexy… (wenn da nicht diese Panik wäre, nur faule Konsorten anzusprechen, wenn man ehrlich ist – die haben einige ganz offensichtlich.)

Es geht auch oft darum, wie und wo man mit Hinweisen auf die Firma und kreativen Stellenanzeigen Bewerber findet, die zum Unternehmen passen. Von Hennig, der Personaler der Berliner Spielefirma, findet sie im Programmiercode, und zwar an Stellen, an die sich nur Profis vortasten.

Touchpoints für Fachkräfte finden!

Fachkräfte! Fachkräfte! Das ist überall Thema. Für mich bestätigt sich wieder die Schieflage: Ich sehe Fach- und Führungskräfte, die enorme Probleme haben, etwas Neues zu finden. Hier höre ich: Ja, es gibt Fachkräfte, die wirklich gesucht sind, offensichtlich neben den Entwicklern vor allem die nicht-akademischen Zielgruppen. Die finde man an ihren Touchpoints, also dort wie sie sich aufhalten. Kräftige Männer, verrät mir ein Barcamp-Teilnehmer, finde man auf einschlägigen Portalen, habe er in einer anderen Session gelernt. Erzieher dagegen lassen sich bei Ebay-Kleinanzeigen locken. Wenn man meinen Sohn anwerben wollte, denke ich, müsste man auf Online-Fußball-Manager gehen.

Gegen 15 Uhr endet die Veranstaltung im großen Saal. Auf der linken Seite berichten Teilnehmer, die zum ersten Mal dabei sind von ihren Eindrücken und rechts alte Hasen, für die dieses Jahr schon das vierte  Mal “on board” war. Zum Abschluss wird über den Content-King abgestimmt… mit dem Pokal geht Ali von Whatchadoo nach Hause, nicht ohne vorher anzukündigen, dass er in einem halben Jahr ein Barcamp nach Wien bringen wird.

Danke an die beiden da unten: Jannis Tsalikis und Christoph Athanas.

jannisundchristoph

 

About Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

Über Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

5 Kommentare zu “HR-Barcamp 2015, Teil 2 – Active Sourcing oder: Erzieherinnen triffst du bei Ebay und Programmierer ganz hinten im Code

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