Akademiker, die eigentlich keine sind und Bachelors, die nichts taugen

businesswoman-454874_1280Jeder soll studieren. Das ist immer noch die Forderung von einigen, die ein Studium vor dem Hintergrund der Zukunft der Arbeit als Lösung ansehen. Je mehr Bachelor- und auch Masterabsolventen ich sehe und höre, desto mehr zweifle ich an dieser Lösung. Eine aktuelle Untersuchung bestätigt meine Ahnung: So richtig einsatzfähig sind die neuen Bachelorabsolventen anscheinend nicht. Gleichzeitig aber oft sehr anspruchsvoll, Stichwort Generation Y.

Akademiker auf dem Papier, aber nicht im Kopf

Viele führt das Studium in eine falsche Erwartungshaltung. Sie sind keine Akademiker im Kopf, sondern nur einem Ruf gefolgt. Sie wollen im Grunde praktisch arbeiten, nicht am Computer. Sie haben nicht den Drang, ihren Kopf immer und immer wieder Anregung zu bieten. Sie denken nicht analytisch, sind nicht konzeptionell, interessieren sich auch nicht für Strategie. Schon gar nicht steuert sie intrinsische Motivation an irgendetwas, das wirtschaftlich relevant wäre. Ihnen gegenüber sitzen andere, viele, viele, die all das könnten, im stromlinienförmigen Bewerberauswahlprozess aufgrund ihres Alters und der bisherigen Erfahrungen nicht eingestellt werden. Die vielleicht als Selbstdenker auch nicht immer ganz einfach zu führen sind.

Ideale Assistenten, die keine sein wollen

Die gab es schon immer: Menschen, deren Lernambitionen sich mit dem Erwerb des Scheines erschöpfen, weil sie Wissen nicht aus Interesse erwerben, sondern weil es vorgegeben ist und sie im Studium im Grunde nichts anderes machen, als die Schule weiterzuführen. Eigentlich sind es ideale Assistenten, Zuarbeiter, Dienstleister. Die jetzt nur die ersten „Akademiker“ in der Familie sind und glauben, sie müssten „Entsprechendes“ aus sich machen. Die gleichzeitig aber nicht damit zurechtkommen, dass es keine richtigen Berufe mehr gibt und damit kaum Halt in der Karrierewelt finden… Im Studium haben sie zudem ihre Persönlichkeit nicht entwickelt, so dass sie auch Schwierigkeiten haben mit Konflikten, Doppeldeutigkeit, unklaren Zielen und mangelnden Vorgaben zurecht zu kommen (genau das, was man in einem nicht organisierten Uni-Studium lernt).

Welche Funktion hat überhaupt ein Studium?

Ich suche nach einer Begründung. Eine ist vielleicht: Mit Bologna hat das Studium seine Funktion als Persönlichkeitsentwicklungsstation verloren. Früher studierte man lang und breit, weil es einen interessierte. So kam ich nach einer Pause auf 13 Semester. Damit gehörte ich sogar noch zur schnelleren Fraktion. Warum? Es ging uns nicht um einen Abschluss, es ging uns um einen Lebensabschnitt.  Ich habe alles selbst herausgefunden, mir Pläne 100% allein gemacht… es gab überhaupt gar keine Anleitung. Einen Großteil meiner Kompetenzen habe ich außerdem vermutlich auf Parties erworben. Insgesamt habe ich viele Gegensätze gesehen, vor allem aber gelernt, zu verstehen, welche unterschiedlichen Motivationen und Werte Menschen antreibt, denn genau das hat mich immer schon am meisten interessiert. Dazu hätte ich bei einem Studium heute keine Zeit. Ohne dass hätte sich aber mein heutiger Job vielleicht nie ergeben.

BWLer sind die neuen Bürokaufleute

Was das lange Studium am Ende gebracht hat, werde ich nie genau wissen. Zwar sind kaum Inhalte hängengeblieben, aber jede Menge prägende Erfahrungen. Dass ich niemanden brauche, der mir Ziele setzt, mich auch ohne Rahmen von außen selbst organisiere, mit angemessener Gründlichkeit analysiere, mir einfach eine Meinung bilde und keine Entscheidungsprobleme kenne – manche mögen es den Genen zuschreiben, ich bin da eher Situationalistin. Ich bin überzeugt, dass das Umfeld einen prägt.

Glaubt man das, wird der Bachelor mehr Probleme als Lösungen bringen. Die Vorhut sehen wir in unserer Karriereberatung in Form von Absolventen, die mit ihren Jobs und dem, was sie mit Ihrem Studium anfangen können, unzufrieden sind. Die sich weder selbst organisieren noch Entscheidungen treffen könnne. Übrigens sehe ich das vor allem im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich, wo Bachelors die neuen Bürokaufleute sind. Und schauen Sie mal in das Berufsberechnungsprogramm der Süddeutschen Zeitung „wie wahrscheinlich ist es, dass mein Job durch einen Computer ersetzt wird“: Für den Reiseverkehrskaufmann berechnet es, mit einer Wahrscheinlichkeit von 61%, dass der Job ersetzt werden wird. Bei Buchhaltern und Wirtschaftsprüfern sind es übrigens 91% (!), beim Steuerberater 99%. Alles BWL-Heimatfelder.

Und genau das ist das zweite Problem bei einem verschulten Bachelor, der zudem nicht aus intrinsischer Motivation („egal, was es mir bringt, ich mache es für mich!“), sondern aus Berechnung erworben wird („das ist meine Zukunftssicherung“). Karriere und wirtschaftlichen Erfolg berechnende Persönlichkeiten neigten früher zu Jura und BWL. Jura ist aufgrund der Dauer und des Durchhaltevermögens, dass dieses Fach erfordert, immer noch besser geeignet als andere Fächer, diese Berechnung auch zu belohnen, sofern man eine gute Note schafft. BWL ist es nicht mehr, auch der Schwerpunkt Finanzen rettet kaum, siehe oben. So flüchten immer mehr in Ingenieurwissenschaften, denen das eigentlich gar nicht liegt.

Am Tropf der Industrie

Immer mehr Ingenieure landen anschließend in Bereichen wie CAD-Konstruktion, die von Auslagerung bedroht sind, in Jobs, die nicht mehr bei Produzenten direkt, sondern Personaldienstleistern sind, die am Tropf der Industrie hängen (was Jobsicherheit höchst volatil macht, auch wenn hier das Süddeutsche-Programm “grünes Licht” gibt; es bezieht sich indes allgemein auf Ingenieur und betrachtet nicht einzelne Felder). Was vielen anfangs nicht bewusst ist, dass sie mit einem Studium oft auch gleich eine Branche und deren Werte und Globalisierungsstatus mitstudieren. So landet zum Beispiel der Elektroingenieur, ohne es vorher zu wissen, in einer arbeitsteiligen, eher konservativ-hierarchisch geprägtem Umfeld, das sich etwa von der viel dynamischeren Softwarebranche (Stichwort “teal”) radikal unterscheidet.

Die Lösung? Wir müssen unbedingt weg vom Gedanken einer sich stetig aufbauenden Karriere hin zum Mosaikgedankenkarriere der Lynda Gratton (“The Shift”). Bewerber müssen endlich verstehen, dass es sein kann, dass sie gestern 60.000 im Jahr, heute gar nichts und morgen 30.0000 EUR verdienen können und sich vom Gedanken des stetigen Zuwachses verabschieden und an eine Kurve gewöhnen.

Deutsche Firmen müssen ihre begrenzte Sicht auf Fachlichkeit aufgeben und endlich amerikanischer werden, also auch jenen eine Chance geben, die etwas Neues suchen und nicht immer mehr vom Gleichen. Der Staat sollte erkennen, dass Weiterbildung lebenslanges Gut ist und endlich nicht mehr Arbeitslosigkeit versichern, sondern Bildung. Und zuletzt: Aus Berufsberatern sollten Bildungsberater werden, denn die Suche nach einem Beruf ist auch Kopfsache. Wer anfängt nach Bildung zu suchen, trifft andere Entscheidungen.

Womit wir dann auch beim Anfang meiner Kolumne wären und damit bei denjenigen, die ein Studium für alle fordern. Wie wär´s ersatzweise mit einer Bildungsversicherung? Bildung sollte nicht eingeimpft werden in zweit-und drittklassigen Turbo-Studiengängen am Lebensanfang, sondern immer wieder aufgefrischt werden. In einem Arbeitsleben, das 40, 50 Jahre dauert, ist dazu jeder Zeit Zeit genug. Und kommt mir bitte nicht mit Arbeitgebern, die Akademiker suchen. Sie suchen nicht wirklich Akademiker, sie suchen Lösungen für ihre Probleme. Und Bachelorabsolventen, die weder gute Arbeit machen noch mit dem Inhalt ihrer Arbeit zufrieden sind, lösen diese Probleme, wie man an der aktuellen Studie sieht, ja auch nicht.

Zu diesem Text passt mein Buch Karriere mit System.

About Svenja Hofert

Mit meinem Unternehmen Karriere & Entwicklung biete ich privates oder unternehmensfinanziertes Karrierecoaching mit Schwerpunkt Karriereplanung sowie Persönlichkeits- und Stärkenentwicklung vor dem Hintergrund einer sich ändernden Arbeitswelt. Dazu kombiniere ich umfangreiche Beratungserfahrung (>16 Jahre), Führungspraxis (>21 Jahre) sowie diagnostisches Knowhow mit sehr gutem strategischen Gespür und hoher Zukunftsorientierung. Mit meiner Karriereexpertenakademie bilde ich Personalentwickler und Business Coachs in Karrierecoaching aus. Als Mitgründerin und Geschäftsführerin von Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung mbH treibe ich die Themen agileres Führen und agile Teamentwicklung strategisch und inhaltlich mit einem engagierten Team und meinem Geschäftspartner Thorsten Visbal voran. Unsere Haltung ist geprägt von Offenheit, Freude im Umgang mit Unterschiedlichkeit in jeder Hinsicht - auch im Denken -, einem Blick für sinnvolle, interdisziplinäre Aspekte und pragmatische Lösungsorientierung. Wir sind keinem Ansatz, keiner Theorie und keiner Methode verpflichtet, sondern nutzen ein Bestof mit vielen eigenen Ansätzen und eigenen Entwicklungen.

Über Svenja Hofert

Mit meinem Unternehmen Karriere & Entwicklung biete ich privates oder unternehmensfinanziertes Karrierecoaching mit Schwerpunkt Karriereplanung sowie Persönlichkeits- und Stärkenentwicklung vor dem Hintergrund einer sich ändernden Arbeitswelt. Dazu kombiniere ich umfangreiche Beratungserfahrung (>16 Jahre), Führungspraxis (>21 Jahre) sowie diagnostisches Knowhow mit sehr gutem strategischen Gespür und hoher Zukunftsorientierung. Mit meiner Karriereexpertenakademie bilde ich Personalentwickler und Business Coachs in Karrierecoaching aus. Als Mitgründerin und Geschäftsführerin von Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung mbH treibe ich die Themen agileres Führen und agile Teamentwicklung strategisch und inhaltlich mit einem engagierten Team und meinem Geschäftspartner Thorsten Visbal voran. Unsere Haltung ist geprägt von Offenheit, Freude im Umgang mit Unterschiedlichkeit in jeder Hinsicht - auch im Denken -, einem Blick für sinnvolle, interdisziplinäre Aspekte und pragmatische Lösungsorientierung. Wir sind keinem Ansatz, keiner Theorie und keiner Methode verpflichtet, sondern nutzen ein Bestof mit vielen eigenen Ansätzen und eigenen Entwicklungen.

24 Kommentare zu “Akademiker, die eigentlich keine sind und Bachelors, die nichts taugen

  1. Wau …. werte Frau Hoffert,
    ich bin geplättet sehr gute Analyse. Viele einfache Schritte könnten viele Situationen entgrampfen aber der Staat wünscht dies nicht! Ich möchte hier nicht einmal auf das Aus-Bildungssystem eingehen sonder eher den Fokus auf Arbeitslosigkeit und die möglichkeit der eigenständigen Weiterbildung. Dies wird konsequent ausgeschlossen. Z.B. darf nicht studieren wer Hartz IV bekommt. Wäre es denn nicht Sinnvoll diese erzwungene Freizeit effektiv nutzen zu dürfen, um seinen Wissensstand aufzupollieren oder um interessanteThemenfelder sich zu bereichern. Nein dies ist nicht möglich! Die Arbeitslosen müssen unter Kontrolle gehalten werden und dürfen nur das lernen was wir Ihnen genehmigen, da wir Ihnen ja die eigenständigen Finanzierungsmöglichkeiten von Weiterbildung nahmen. Wie die staatliche Weiterqualifikation bei Hartz IV aussiehtund auf welchem Niveau ist hinreichend bekannt. Ich möchte hier mal keine Extreme aufzeigen welche ich auch kenne, wie wandern an der Alster oder spazieren gehen mit Lamas nicht zu vergessen die unsäglichen Bewerbungstrainings oder Berufstrainings, die eine Abwärtsspirale in die Depression erst fördern. Ich möchte mal aus einer aktuellen Situation berichten. Lustigerweise ein Lehrgang zum Personalentwickler. Die Kursinhalte waren nicht schlecht gewählt. Die Dozenten hingegen waren von “allererster Güte”. Ich möchte keine Dozentenschelte betreiben alles ehrbare Berufe. Aber für das unterrichten großer Themenbereiche braucht es etwas mehr als nur das Fachwissen sondern auch pädagogisches und didaktisches Geschick. Da unterichten IHK-Kaufleute mit AEVO mal Lustig und Flockig einen Kurs von 20 Akademikern was Betriebswirtschaftlehre den nun sei. Ganz ehrlich die AEVO ist nicht unbedingt die Lehrbefähigung sondern nur eine Ausbildereignung. Dieser ganze Lehrgang bei einem nicht so bekannten Bildungsträger und ohnen IHK-Abschluß kostete 10.000,- Euro. Gut investiertes Geld, da man ja für einige Monate mich aus der Statistik hatte. Für das gleiche Geld hätte ich einen berufsbegleitenden MBA-Abschluß haben können. Wertzuschreibungen sind in Deutschland ja gar so wichtig und eigenständiges Einarbeiten in ein Thema ohne einen anerkannten Qualifikationsnachweis geht nicht erst recht nicht bei Hartz IVern.
    Und ja deutsche Firmen lieben geradlinige Lebensläufe – ja keine Brüche, der rote Faden muß sichtbar sein natürlich mit der richten Branchenerfahrung, und um Gottes Willen keine Handwerker die Geisteswissenschaften studieren, oder IHK-Kaufleute die Sozialwissenschaften studieren.
    Lebenslanges lernen Ja das ist schon Sinnvoll!
    Aber wir wissen doch ganz genau das wir die Arbeitslosen und Hartzer ganz dringend brauchen vor allem auch die Hochqualifizierten. Zum einen um die Löhne unten halten zu können und um anderer Seits viele Stellen über die Sozialsystem finanzieren zu können. Man kann davon ausgehen das jeder Arbeitslose für die Jobsicherheit einer anderen Person sorgt. Es gibt ca 4 Millionen Arbeitslose die für Jobsicherheit der Mitarbeiter bei den Agenturen und Jobcentern, sowie bei den Bildungsträgern und in den juristischen Berufen sorgen. Nein wir müssen einsehen Arbeitslose sind für unsere Industrie und unseren Staat überlebensnotwendig, die dürfen wir nur so bilden, daß Sie unter hoheitlicher kontrolle auch bleiben. Das ist ganz wichtig!
    Für mich stellt sich manchmal schon die Fragen oder wird immer häufiger auch an mich herangetragen: warum lernst du immer noch dazu – wo willst du das denn überhaupt anwenden – je mehr du dich fort und weiterbildest des so geringer sind deine Jobchancen. Dies bestätigt auch meine Erfahrung bei der IHK Beratungsstellen für Weiterqualifikationen. Hier sagte mir doch der Berater klar ins Gesicht: auch wenn Sie diese Qualifikationen erfolgreich abschließen werden sie in dieser Region keinen Job bekommen. Mit diesem Lebenslauf nein Sie sind Überqualifiziert! Intrinsisches Lernen wird nicht anerkannt – strategisches Lernen lohnt sich nicht ohne das entsprechende Vitamin B, da sowieso keine Jobs vorhanden sind und der Fachkräftemangel ja auf unbestimmte Zeit grad mal wieder verschoben wurde. Ebenso ist der bunte Blumenstraus an Qualifikation und Erfahrung der Todesstoß für den Lebenslauf, welchen schon der Praktikant, wenn nicht gar schon das SAP-Bewerbersystem, hat gründlich solche Lebensläufe vor- und erfolgreich aussortiert.
    Bildung und Ausbildung im (deutschen) Kapitalismus ist sehr Zielorientiert wir Prof Huisken hier aufzeigt: http://bit.ly/1pWK9Ch
    .
    Mit freundlichen Grüße
    K.G.Werzner

    • Hallo Herr Werzner, danke für den Beitrag. Was die Dozenten betrifft, ist das Problem, dass diesen Job vorwiegend Leute machen, die in ihrer Selbstständigkeit keine Alternative im besser bezahlten Bereich haben oder sehen. Dass diesen Dozenten so wenig bezahlt wird, zeigt den Wert, den man dieser Tätigkeit zuschreibt. Die Bildungsträger haben oft gar nicht großartig die Wahl. Dass auf nicht-akademisches Personal gesetzt wird, hängt damit indirekt zusammen. Wobei ein Schein, siehe mein Text, auch keine Versicherung ist, dass jemand sich auskennt UND schon gar nicht didaktisch fähig ist. LG Svenja Hofert

  2. Das ist grundlegend mehr falsch. Das Ganze hat noch weitere Auswirkungen, die man mit Blick nur auf den Arbeitsmarkt nicht sieht: eine steigende Anzahl von Studierenden ist wegen des Akademiker-Hypes heute nur noch extrinsisch motiviert (“ich krieg ein Papier mit einem akademischen Titel/Abschluss – und damit hoffentlich auch irgendeinen Job”) und betrachtet Studium nur noch als eine Abfolge von zu bestehenden Klausuren. Das wiederum wirkt sich auf die Lehre aus – wir beraten und trainieren zahlreiche hochmotivierte Universitätslehrende, die sich lerner- und kompetenzorientierte didaktische Vorgehensweisen aneignen und dann damit konfrontiert werden, dass die einzige Frage der Studierenden lautet “Ist das klausurrelevant?” – Während das System Hochschule gerade versucht, durch den Qualitätspakt Lehre die Hochschulausbildung methodisch zu verbessern steht auf der anderen Seite eine immer größere Zahl von Studierenden, die ein Studium nur als Mittel zum Zweck sehen. – Das Gefühl, ohne Studium keine Karriere machen zu können oder nur ein halber Mensch zu sein, wird jedoch von den Eltern geschürt, die schon in der Grundschule in Panik verfallen, dass das Kind später “keine Chancen” hat.
    Also: nicht nur Bologna-oder Hochschul-Bashing betreiben – sondern das Grundproblem an der Wurzel packen, in dem Berufsfelder für die man keinen akademischen Abschluss braucht wieder inhaltlich und gesellschaftlich aufgewertet werden. (Was zugleich bedeutet, dass man nicht an deren Abschaffung durch “Industrie 0.4″ arbeiten sollte … solange kein Konzept für das Leben einer Gesellschaft mit zuviel Menschen und zu wenig attraktiver Arbeit besteht, denn darauf steuern wir hin, wenn alles technisiert und mechanisiert wird.)

    • danke, Frau Reichmann, absolut richtig. Ich frage mich auch, wo in der Industrie 4.0 die Arbeitsfelder für Leute bleiben, die keine Roboter bedienen wollen… und Ihr Studium in bare Münze zu verwandeln streben. Ist nicht nur der Bachelor, stimmt, aber die damit verbundene Verschulung ist schon ein wichtiger Aspekt.LG SH

  3. Hallo Frau Hofert,

    danke, schöner Artikel. Erfrischend ungeschminkt und 100% kompatibel mit meiner HR-Erfahrung.

    Was mir schon seit Jahren sauer aufstößt ist der Eindruck, dass wir nicht nur zunehmende Zahlen an akademisierten Nicht-Akademikern haben, sondern zunehmend auch der qualifizierte und vor allem kompetente Sachbearbeitungsbereich den Bach runter geht.

    In den letzten Jahren war es oft schwerer eine anspruchsvolle Assistenzstelle zu besetzten als so manche Ingenieursposition. Eben weil kaum noch junge Menschen eine Ausbildung zum Büro- oder Industriekaufmann aus Begeisterung machen. Viel häufiger ist sowas die B-Lösung statt Studium, oder eine Überbrückung. Mehr nicht. Leistungsträger in der Sachbearbeitung entstehen anders. Und ja, die gibt es.

    Ich kenne kaum ein Unternehmen das in seinem Kern nicht von quirligen, praktisch denkenden, nicht-akademischen Organisationstalenten zusammengehalten würde. Die Lücke werden gefrustete BWLer – die sich um ihre Karriere betrogen fühlen – ebenso wenig füllen, wie Computer.

    Schade eigentlich….

    Beste Grüße!

    • Hallo Herr May, oh ja, das Sachbearbeiterproblem. Höre (lese) ich diese Woche schon das 3. Mal. Das ist offensichtlich ein ganz großes Thema. Aus meiner Warte: Will keiner sein, Assistenz ist “bäh”, aber Sachbearbeiter noch mehr. Ich denke auch manch einer der neuen Akademiker wäre hier gut aufgehoben, müsste aber ordentlich geschult werden… LG Svenja Hofert

  4. Sehr geehrte Damen und Herren,

    leider ist es so, dass ein Studium eine der wenigen Letzten Chancen auf eine (wenn auch vielleicht kleine) Karriere und somit adäquate Bezahlung ist. Es ist nicht nur ein Gefühl, sonder trifft meiner Meinung nach den Kern wenn ich sage… Handwerk hat einfach keinen goldenen Boden mehr. Systematisches Lohndumping, Leiharbeit, Mehrarbeit ohne Bezahlung, schlechte Behandlung der Arbeiter etc. haben dazu geführt. Was hat ein Facharbeiter denn von seiner Ausbildung? Das kann ich gern verdeutlichen. Anstatt Mindestlohn gibt es nach 3 ½ Jahren Ausbildung dann z.B. 9,20eu/brutto (Tatsachen laut mehrerer Stellenausschreibungen und eigener Erfahrung). Das sind bei 160 Stunden 1470eu/brutto. Natürlich ist die Arbeitsstätte nur mit dem KFZ erreichbar. Wer soll mit Lohnsteuerklasse 1 davon leben können? Nein danke. Da ist es nur logisch und zwangsläufig, dass die jungen Menschen vor diesem Schicksal an die Unis und Fh´s fliehen. Oder…. Warum sollte ein Jugendlicher überhaupt noch eine Ausbildung machen? Leistung und Bildung wird auch aus eigener Erfahrung heraus systematisch im hiesigen Arbeitsleben bestraft. Es geht nur um das abarbeiten gestellter Aufgaben. Jeglicher Blick über den Tellerrand hinaus, wird hart bestraft. Damit es nicht dazu kommt wurden, z.B. in meiner ehemaligen Berufsschulklasse die Besten systematisch von ihren Ausbildungsbetrieben in die Arbeitslosigkeit “gedrückt”, denn ihre Leistungen und deren Bildung stellten eine systematische Bedrohung für die Hierarchien der zukünftigen Arbeitgeber dar. Ich kann es auch verstehen, dass ein Großteil der Jugendlichen gar keinen Bock mehr hat sich überhaupt systematisch von den Unternehmern vera**chen zu lassen. Ich verteidige nicht unbedingt die Art (teilweise Lernverweigerung, Drogen- und Alkoholkonsum etc.) der Arbeitsverweigerung, aber meiner Meinung nach ist der jetzige Zustand ein kausales Ergebnis von dem, was die Unternehmer, ihre Verbände und deren Lobbypolitik bzw. die Politik an sich seit Jahren säen. “If you pay peanuts, you get monkeys”.

    Bezüglich der aktuellen Kritik am Bachelor wundert mich etwas. Genau das System, welches nun eingefordert wird (Berufspraxis etc.) hatten wir doch. Das waren die Berufsakademien und Fachhochschulen. Wer dagegen von Universitätsabsolventen eine „Berufsausbildung“ erwartet (wie scheinbar viele Unternehmer) hat einfach nicht verstanden wozu Universitäten da sind. Sie sind Horte der Bildung, der Wissenschaft, des humboldtschen Bildungsverständnisses etc. und nicht des Fachidiotentums wie ständig aktuell gefordert. Wie Frau Hofert auch feststellt, ist ein Studium neben allen fachlichen Dingen ein Ort der individuellen Persönlichkeitsbildung. Wenn ich aber sehe, was z.B. aus den „alten“ Studiengängen (ich bin stolzer Magister) durch Bologna geworden ist, so überkommt mich das blanke Grauen. Kaum individuellen Entwicklungen und Spezialisierungen mehr, sondern nur ein durchschleifen nach „Norm“ und Schema F. Kein Wunder, dass der Bachelor kein positives Echo findet. Meiner Meinung nach reicht der Umfang auch nicht aus, um überhaupt belastbare und relevante Fähigkeiten und Kenntnisse zu vermitteln.

    Die Erfahrungen von Herrn Werzner kann ich darüber hinaus nachvollziehen. Da kann es schon sein, dass ein „Ausbilderschein“ ganz schnell mehr wert und viel besser ist als ein Universitätsstudium, Weiterbildungen, Zertifikate, Arbeitserfahrungen und eine Ausbildung zusammen. Was die Ausbildereignung bedeutet, dass habe ich in meiner Ausbildung bei den Lehrgesellen feststellen dürfen. Einhacken auf die Azubis, welche besser als der Durchschnitt waren, mehr nicht. Die „Klugscheißer“ machen nämlich nur Probleme. Darüber hinaus ersetzt lediglich die Vermittlung von Fachwissen (Ausbildung) keine Bildung, obwohl dieser Anspruch öffentllich verrtreten wird (charakterliche Bildung der Azubis). An dieser Stelle mangelt es meiner Erfahrung nach ganz gewaltig in der „handwerklichen Praxis“. Wie Herr Werzner so treffend ausdrückte. Nur der Zweck ist wichtig. Daher auch der alltägliche Hass auf die Geisteswissenschaften, denn sie vermitteln, richtig gelehrt, Bildung und machen den Menschen mündig. Das ist aber in der Arbeitswelt nicht gewünscht. Der Chef hat eben recht, auch wenn es bei ihm nur für 10 Jahre Schule und 6 Klassen reichte. Es werden oft lediglich Sündenböcke gesucht und die Ursachen bleiben oftmals unberührt. Die Gutsherrenstrukturen in so manchem (mehrere eigene Erfahrungen) KMU lassen nicht anderes zu. Oft wird auch der Begriff Marktwirtschaft (höhere Preise für mangelndes Gut, z.B. Arbeit bei sog. Fachkräftemangel) nicht kapiert. Wobei scheinbar generell nur Marktwirtschaft herrscht, wenn es “den selbsternannten Herren” nützt. Ein Arbeitsvertrag ist eben so kein “martktwirtschaftliches einkaufen” einer Arbeitsleistung, sondern ein schriftliches “Betteleingeständnis” des Arbeitsnehmersklaven.

    …und was die Auswirkungen eines bunten Blumenstraußes voller Qualifikationen betrifft, so kann ich Herrn Werzner nur zustimmen. Ich würde aber noch weiter gehen. Eine „Normale Ausbildung“, egal ob nun im angeblich gefragten technischen Bereich, besser als 2,5 abgeschlossen ist anscheinend fast eine Garantie für Arbeitslosigkeit in diesem Lande.

    Weiter gehende „Tugenden“, wie auch Herr Werzner erwähnt, wie z.B. Grundkompetenzen eines jeden Uniabsolventen (so war es mal) z.B. eigenes aufarbeiten auch schwierigster fachfremder Themenbereiche, analytische und konzeptionelle Fähigkeiten, logisches Denken, besondere organisatorische Fähigkeiten etc. etc. sind nicht mehr gefragt. Wieso neue Lösungen erarbeiten, wenn der Rubel auch so rollt? Hauptsache oben beim “Wasserkopf” kommt das Geld an und die Anteile können regelmäßig abgeschöpft werden. Mehr ist nicht von Interesse. Potentielle Geistesblitze, insbesondere von sog. Quereinsteigern, stören hier nur.

    Abschließend bleibt mir nach über 160 Bewerbungen nur, festzustellen, dass wir in einem sehr bildungsfeindlichen Land leben, welches um das goldene Kalb des Fachidiotentums tanzt.

    Abitur, Uniabschluss (Abschluss gut), Ausbildung (Abschluss sehr gut), zertifizierte Weiterbildungen, 4 Sprachen, Sprachzertifikate, Arbeitserfahrung etc. etc. ….Achtung Sarkasmus: danke deutscher Arbeitsmarkt

    • Auch wenn ich als Sozialwissenschaftlerin mit kaufmännischer Ausbildung schmunzeln musste, entspricht das genau meinen Erfahrungen. Quer- und Mitdenker werden nicht gesucht – im schlimmsten Fall rausgemobt. Und dann hört man dieses Geplärre vom Facharbeitermangel. Da wird einem doch nur noch übel.

  5. Wenn man den Menschen die Wahl lässt zwischen verschiedenen Schulformen und verschiedenen Formen beruflicher Bildung, dann ist es für mich nur logisch, dass mit der Zeit “Ungleichgewichte” entstehen.

    Ich meine, wer geht denn freiwillig auf die Realschule, wenn er auch auf das Gymnasium gehen könnte? Welcher Betrieb stellt freiwillig einen Fünfzehnjährigen Hauptschüler ein, wenn er auch einen Sechzehnjährigen Realschüler oder gar einen Achtzehnjährigen Abiturienten für eine Ausbildung gewinnen kann? Wir leben alle in einem Konkurrenzsystem und wählen doch nicht die weniger hoch angesehene Alternative. Dass mittlerweile sehr viele ein Studium wählen, obwohl es gar nicht deren Neigung entspricht, wundert mich nicht.

    Dass wir mehrere parallele Bildungswege haben, das ist das eigentliche Problem! Ich finde, dass es nur eine Schulform für alle Schüler bis 18 Jahren geben sollte, die man mit verschiedenen Schwerpunkten abschließen können sollte. Die Lehrer könnten zur Differenzierung auch das Notenspektrum besser ausreizen.

    Und in der beruflichen Bildung sollte es auch nur einen “Weg” geben. Eine straffe Vermittlung fachlicher und methodischer Grundlagen im Bachelor ist doch völlig in Ordnung. Ein vertieftes Studium kann im Master angeboten werden.

    • Sehr geehrter Herr Oberender,

      bezüglich Ihres Argumentes eines vertieften Studiums “lediglich” im Master habe ich eine andere Meinung.

      Als Magisterabsolvent kann ich bestätigen, dass ich trotz vertiefender Beschäftigung mit den Studieninhalten und beginnender Spezialisierung auch im Grundstudium die fachlichen und methodischen Grundlagen erworben habe. Dafür gab es ja die zwingend zu erbringenden Prüfungsvorleistungen. Meiner Meinung nach bedarf es keiner verschulten Zwangsmaßnahmen, wie sie teilweise um Bachelor eingesetzt haben. Durch den hohen Verschulungsgrad werden dann auch ganz schnell aus herausfordernden Hausarbeiten “einfache” Ankreuztests.

      Es sollte bereits, wie im “alten” Uni-System ab dem ersten Tag die persönliche Spezialisierung gefördert werden, denn nur so werden gebildete und vor allem hoch motivierte Menschen aus einem Studium “entlassen”.

      Was die Fachhochschule bzw. Berufsakademie betrifft, so war die “straffe Vermittlung laut Lehrplan” doch “früher” an der Tagesordnung. Das alles noch kombiniert mit Praxiseinheiten. Dies hat den Unternehmern aber scheinbar nicht gereicht.

      Andererseits gibt es dann aber auch teilweise gravierende Unterschiede zwischen den Absolventen der verschiedenen Weiterbildungsformen. Nicht unbedingt zum Vorteil der verschulten Formen.

      Es wird auch immer wieder vergessen, dass die verschiedenen “Ausbildungsformen” andere Bildungsideale “symbolisieren”. Eine Ausbildung für alle produziert nur Einheitsbrei, da man auf diesem Weg nie den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Menschen gerecht werden kann.

      Es würde ausreichen, in Orientierung am alten System, die Qualität der Ausbildung allgemein zu verbessern und vielleicht einmal ordentliche Löhne zu zahlen. Dann verschiebt sich auch der Fokus des “früher Nichtstudenten” wieder in Richtung Ausbildung.

      Wenn ich aber sehe, wie z.B. in “meinem” Bundesland die Schulbildung systematisch zerstört wird, dann hab ich da wenig Hoffnung. Es hilft nicht sog. angeblich nutzlose Fächer (Was ist das überhaupt?) zu kürzen oder einzustampfen, sondern es muss eine breite Bildungsplattform für alle entsprechend ihres Leistungsniveaus (inkl. Förderung) geboten werden.

    • Hallo Herr Oberender, über die Schule könnte man sich sicher noch mal ganz anders streiten. Längere gemeinsame Zeit fände ich gut. Aber das mit der straffen Vermittlung sehe ich genau nicht so. Die Frage ist doch, wozu wir studieren: um Futter für den Arbeitsmarkt zu produzieren oder mit einem Bildungsideal im Kopf (es muss nicht nur Humboldt sein). Und ich sehe: Mit straffer Vermittlung erreicht man weder das eine noch das andere, sondern nur Fast-Food-Lernen ohne nachhaltigen Effekt auf persönliche Skills.
      LG Svenja Hofert

  6. Hallo Frau Hofert,

    ich bin aktuell (leider) Wirtschaftsabsolvent und befinde mich im (leider) Bachelor.
    Warum habe ich das Ganze überhaupt gemacht?

    Ich wollte unbedingt Lehrer werden, da ich auch schon gescheitert und wieder aufgestanden bin und ich das Wissen und die Motivation, die ich hatte, weitergeben wollte.

    Dank der Universität und diesem Wahnsinn in unserer Gesellschaft, habe ich die Motivation für das Studium schnell verloren und wollte und will es nach wie vor abbrechen. Ich tue das nicht, weil auch hier wieder unzählige Stellen und Bekannte gesagt haben “das sieht schlecht für den Lebenslauf aus” “ein Bachelor ist auch ein Abschluss” etc.

    Ich finde: Der Bachelor ist kein Abschluss und schon gar kein akademischer Abschluss! Ja, das Niveau ist tief (nur permanentes auswendiglernen und wenig Tiefe), dennoch ist es sauschwer (Wort für Wort wird in dämlichen “Ankreuztests” abgeprüft, was für Gedächtnisweltmeister sicherlich leicht ist, aber nicht für die Leute, die noch mit dem “verstehen” lernen und nicht alles auswendig wie Roboter aufsagen können).

    Dementsprechend fühle ich mich von der Universität und von der Gesellschaft ziemlich “verar…”, um es mal hart zu formulieren.

    Ich gebe mein Bestes, habe ein klares Ziel, will was für die Gesellschaft tun, bin politisch aktiv (was ja angeblich die Jugend nicht mehr macht), erweitere meinen Horizont und und und…

    Nur die Unternehmen auf diesen ach so tollen Messen hier in der Stadt an der Uni sagen mir als 26-Jährigen ausgebildeten (hab eine gemacht nach der Realschule) 3. Semester, ich sei noch viel zu früh dran, um ein Praktikum zu machen, weil das nur was für 6. Semestler sei.
    Das ist doch die reine Schikane aus meiner Sicht.

    Dann gibt es noch zu Hauf Professoren (namhafte BWL-Professoren in Deutschland!!!) und Dozenten, die in JEDER Vorlesung stolz verkünden “Akademiker haben nur 2 % Arbeitslosigkeit” etc.
    Ich glaube dem Käse nicht, da die ganzen Geisteswissenschaftler und auch andere es ziemlich schwer haben einen Job zu finden und wenn, dann machen sie wie bald wohl jeder in diesem Land irgendeinen Billigjob oder gar 3 Jobs, wie es auch bald wohl “normal” an der Tagesordnung stehen wird, um die teure Miete (hier kostet eine 2-Zimmer-Wohnung über 1000 €!) überhaupt noch bezahlen zu können.

    Aber um beim Punkt zu bleiben:
    Ich würde gerne mit meinem bunten Lebenslauf arbeiten und hab auch – im Gegensatz zu den ganzen Prada-BWL-Jubelpersern – realistische Gehaltsvorstellungen (ich brauche hier im Monaco Deutschlands einfach 2000 € netto als Einstiegsgehalt, hatte nach der Ausbildung als Versicherungsazubi 1300 € verdient ohne sichtbare Gehaltserhöhung innerhalb der 5 Jahre seitdem). Die gehen nämlich vom 60.000 € im Jahr aus, na klar. Da kommt der Osterhase und der Weihnachtsmann und bringt die Kohle im Koffer oder im Sack vorbei. Da muss man schon lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

    Insgesamt bin ich auch einer, der zu erfahren ist, um an die Kindergartenuni zu gehen (ja, es sitzen 17-Jährige in der Uni, die sehr peinlich überheblich und was nicht alles sind).

    Leider bekomme ich auf meinen Bewerbungen aber nur Absagen oder noch schlimmer, gar keine Antwort!
    Ich habe ein Abitur von 2,1, eine Ausbildung, einen Bachelorschnitt von 2,6 aktuell und da liegt der Hase im Pfeffer. Bachelor und 2,6. Nicht zu gebrauchener Abschluss und schlechte Note.
    Note, Note über alles könnte es lauten hierzulande. Wenn man eben nicht 100 % das jeweilige Skript auswendig lernt, dann bekommt man keine Topnote.
    Ich finde das affig und verdummend, aber ich fahre auch keine Topnoten ein.

    Daher finde ich, das Studium ist sauschwer. Aber es hat kein Niveau! Und das demotiviert mich. So sehr, dass ich aus diesem Land (ja, gehts uns denn nicht so gut??) auswandern möchte, obwohl ich eben nach schweren familiären Tragödien sehr auf Familiennähe Acht gebe.

    Mein Fazit daher: In diesem Land komme ich mich irgendwie veräppelt vor als Student. Das Studium hat kein Niveau, es ist aber schwerer geworden als früher (das sagen die Älteren, die hier ein Studium belegen schon selbst!). Das liegt am stupiden Auswendig lernen. Mitschuld haben die Professoren, die sich keine Mühe geben zu einem großen Teil und nach der Wirtschaft trachten. Meine Zukunftschance sehe ich im Moment daher als katastrophal an. Mein Ziel hab ich schon lange aufgegeben, man quält sich durch die Studienzeit und hofft, noch was anderes machen zu können.

    Ich will hier keine repräsentative Meinung darstellen. Es ist aber meine Meinung und mein Erlebnis. Ich bitte daher, nicht draufzuhauen.

    Besten Dank und herzlichen Gruß,
    Markus

    • Hallo Markus, in meinem Blog haut niemand drauf, der würde direkt gesperrt ;-) Sie schildern nur, wie es vielen geht. Ich kann das mit dem Auswendiglernen 100% nachempfinden, da ich nicht nur mein Studium aus alter Zeit sondern auch eines aus aktueller erlebt habe – samt des Unterschieds in der Beurteilung von Seminararbeiten/Klausuren. Zudem sehe ich es bei meinem Sohn. Dieses Checklisten-Benoten kommt mit Pseudogerechtigkeit daher – und bewirkt nur eins: Man bemüht sich um Noten, aber nicht um Inhalte. Auswendiglernen kann keine Lösung sein. 2% Akademikerarbeitslosigkeit ist dann ein Gerücht, wenn Akademiker Boxspringbetten in Möbelhäusern verkaufen… Trotzdem lassen Sie sich nicht entmutigen, suchen Sie z.B. nach Aussteigern aus der Karrieremühle, die eigene Firmen gegründet haben. Da gibt es eine Menge, die ticken anders. liebe Grüße Svenja Hofert

      • Hallo Frau Hofert, hallo Markus,

        zunächst vielen Dank für Ihre Antworten. Ich denke das Problem liegt hier etwas tiefer begraben. Gerade an Universitäten ist es aus meiner persönlichen Erfahrung so, dass man Studierende insbesondere auf eine wissenschaftliche Laufbahn vorbereiten soll. Hier muss man die besonderen Umstände betrachten, die auf einen angehenden Wissenschaftler zukommen: Insbesondere Stellenknappheit und geringerer Verdienst als in der Wirtschaft. Wissenschaft erhält von der Gesellschaft begrenzte Mittel, um die dortigen Arbeitsplätze halten zu können. Um die Stellen- und Mittelknappheit wissen die Verantwortlichen für Lehre, also die Professoren und Dozenten natürlich sehr gut bescheid. Das ist auch ein Grund, warum ein Studium als harte Willens- und Charakterprüfung den Angestellten einer Universität nur in die Hände spielt. Warum durch gute Lehre gute Konkurrenz züchten? Womöglich noch Konkurrenz die besser sein wird als man selbst und einem dann in 3-4 Jahren den ohnehin wackeligen Arbeitsplatz streitig macht? Hat man dann diese Charakterprüfung nach langer Zeit und ohne wirkliches Geld zu verdienen abgelegt, darf man, wenn man dann Systemkonform genug denkt, auf einen Platz im akademischen Betrieb hoffen.

        Das ist zumindest ein Grund, warum Lehrende an Universitäten wenig bis gar keine Anreize haben sich um gute Lehre zu bemühen. Wenn man genauer über die Strukturen in der Wissenschaft nachdenkt, wird man denke ich weitere Gründe finden. Dagegen hilft auch kein oberflächliches “die Lehre evaluieren” wie es heute an Universitäten gerne gemacht wird. Das Problem steckt da eher in der Organisation des Job- und Sozialsystems Wissenschaft.

        Dass Studierende an einer Universität eher wissenschaftlich erzogen werden sollen, erklärt dann auch ein Stück weit die Problematik im Kontrast zwischen Studium und Berufswelt. In den beiden Welten herrschen andere Anforderungen und Zielvorgaben. Während im Studium gerade insbesondere Wissen (know-that) insbesondere in wissenschaftlicher Sprache honoriert wird, kommt es in der Berufswelt viel mehr auf das Können (know-how) an (ich kann mir ehrlich gesagt nicht wirklich vorstellen, dass dieser Umstand auch vor Bologna jemals anders gewesen sein soll).

        Frau Hofert, Sie schreiben:

        “Trotzdem lassen Sie sich nicht entmutigen, suchen Sie z.B. nach Aussteigern aus der Karrieremühle, die eigene Firmen gegründet haben. ”

        Mache ich denn eigentlich nicht auch irgendwie Karriere, wenn ich unternehmerisch tätig bin und eigene Firmen gründe?

        Liebe Grüße

    • Hallo Markus ! Deine Erfahrung hat mich beeindruckt. Glaub mir, Du bist nicht allein! Gestern habe ich noch eine Absage bekommen, trotzt all meinen Fleiß, guten Noten, Erfahrung ect. Im Lande läuft vieles schief.

      Ich bin auf d.Suche nach Leuten mit denen ich gemeinsam was aufbauen möchte. ( ein paar Ideen habe ich bereits)

      Es wäre nicht schlecht Kontakt mit Dir aufzunehmen !! Melde Dich, wird mich freuen !! (eu-kloster@t-online.de)

      Und kämpfe weite auf alle Fälle !!! Nicht aufgeben !!!

      P.S. Gestern habe ein Brief an den Ministerpräsidenten geschickt !!
      Die sind dafür da und nicht “Ich” für die.

      Freundliche Grüße
      Eugen Kloster

  7. Hallo zusammen,
    die Problematik ist seit einiger Zeit so bekannt.
    Interessant wäre, was Sie jungen Menschen nach Ihrer beruflichen wirtschaftlichen Ausbildung raten würden.
    Denn eines ist in meiner Situation bekannt, möchte ich einen Arbeitsplatz wo ich mir neue Abläufe und ähnliches entwickeln und den AG vorstellen, wird fast IMMER ein Titel gefordert und nicht das persönliche Potenzial.

    Würde mich über Anregungen freuen.

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  10. Ich wollte mich eigentlich nur für diesen Beitrag bedanken, der mir gerade mehr als den Atem raubt. Wie kann es sein, dass dieses Schubladen-Denken hier auch noch unkommentiert abgenickt wird? Ich kann meine Wut darüber kaum in Worte fassen… Sie schreiben davon, dass man sich nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen für das Aneignen (oder Reinprügeln) von Kenntnissen für einen schön klingenden Titel entscheiden soll, sondern allein dafür den Durst nach Wissen zu stillen. Aber genau diesen Menschen, die leidenschaftlich ihren Wissenserwerb als Ihre selbstgewählte Passion betreiben, stellen Sie sich in den Weg. Warum? Weil die Menschen sich nicht für den staubigen Hörsaal, sondern für andere Wege entschieden haben? Ich bin Handelsfachwirt (ja, ein Bachelor), aber das ist erst der Anfang. Durch diese berufsbegleitende Weiterbildung kam ich zum ersten Mal mit den minimalen Grundlagen des Personalwesens in Berührung. Noch während der Weiterbildung und dem Job verbrachte ich jede freie Minute damit autodidaktisch Fachwissen aufzusaugen und verlagerte kurz darauf meinen Arbeitsplatz in die Personalabteilung. Nicht um Geld zu verdienen, sondern um zu lernen und meine Leidenschaft zu leben. Als ich an die Grenzen der Wissensvermittlung an meinem Arbeitsplatz stoß. Begann ich die nächste Bachelor-Weiterbildung zur Personalfachkauffrau. In der gesamten beschriebenen Zeit und auch heute noch besteht jede Sekunde des Tages aus Vertiefung und Erweiterung meiner Kenntnisse. Ja, ich verdiene nebenbei Geld mit dieser Leidenschaft und ich stoße bei meiner Entfaltung durch Organigramme und Strukturen an Grenzen. Aber durch Erweiterungen im Tätigkeitsfeld und durch Hartnäckigkeit komme ich an meine Erfahrungen… und wenn wiederum die Grenzen erreicht sind werde ich wohl den Master machen. Und nun stellt sich jemand hin und packt alle ach so geldgeile und beschränkte Bachelor-Absolventen in nen großen Topf, rührt noch eine Menge fehlende soziale Kompetenz mit unter und serviert es mit einem lauten Aufschrei: “Was bilden die sich ein?”. Das mag durchaus vermehrt zutreffen, aber diese Pauschalisierung kenne ich sonst nur vom Springer Verlag. Es wird die Automatisierung des Bewerber-Verfahrens (zu Recht) verteufelt, aber was würde denn mit meiner Bewerbung bei einem Befürworter dieser Thesen geschehen. Da würde eine leidenschaftliche Bewerberin für jeden beliebigen Platz im Personalwesen ohne einen Hauch der Chance abgeschmettert, weil mein Lebenslauf einen roten Faden hat, 2 Bachelor-Weiterbildungen drin stehen und dann auch noch ohne Festlegung auf eine spezielle Richtung daherkommt? Das ist binärer als jede Bewerber-Software. Ich weiß, dass ich das Thema zu persönlich nehme, aber das mag der Tatsache geschuldet sein, das jeder Personaler der Ihren Beitrag nickend gelesen hat, wohl keine Ambitionen hat, sich dieses beschriebene Insekt Bachelor näher anzusehen… Und dann sehe ich mich schon in dem verstaubten Hörsaal sitzen, übervoll von Theorie, doch ohne das Herz der unerschöpflichen HR-Welt: dem Personal.

    • Hallo Frau K, ich verstehe leider überhaupt nicht, was Sie mit dem Beitrag ausdrücken oder sagen wollen, außer dass Sie ihn in der Tradition der Springer-Presse sehen. Tut mir leid, deshalb kann ich es auch nicht kommentieren. Sorry und herzliche Grüße Svenja Hofert

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  12. Hallo Frau Hofert,

    ich bin gerade “akut” auf Jobsuche und möchte mir nach anderthalb erfolglosen Jahren jetzt nicht die leise aufkeimenden Chancen verderben. Daher schreibe ich anonym, was sonst eigentlich nicht meine Art ist.

    Da ich (noch) an einer Uni tätig bin (möchte diese unselige Begristungspraxis – ausführliche Schilderungen anderswo – aber endlich verlassen), kann ich nur bestätigen, was Markus erlebt und was andere aus wieder anderen Perspektiven kritisieren:
    Das Studium trägt kaum noch zur Persönlichkeitsbildung bei. Das liegt auch an der Verschuung, Anwesenheitspflicht, Sammeln von Leistungspunkten (Stichwort: Bologna). Es hat seine Ursache aber mMn in erster Linie darin, dass die propagierte “Akademisierung der Arbeitswelt” zusammen mit der nun vergleichsweise kurzen Studiendauer und den mundgerecht verpackten Lernmodulen auch Menschen an die Uni zieht, die dort nicht gut aufgehoben sind, und die aus verschiedenen Gründen mit “Bildung” nichts anzufangen wissen. Klassischen Ursachenzuschreibungen pflichte ich hier nicht bei: Ich komme selbst aus einem nicht-akademischen Elternhaus und war (dennoch) intrinsisch motiviert und brauchte auch weder fachlich noch methodisch jemanden, der mich an die Hand nimmt. Eben klassisch “durchgeboxt” oder auch mal gemeinsame Sache mit Kommilitonen…
    Selbstkritisch muss ich aber wohl
    im Rückblick sagen: persönlich und karrieretechnisch hätte ich eine_n Mentor_in wohl dringend nötig gehabt. Denn irgendwie “flutscht” es nicht bei mir.
    Ich habe einen “Dr.” in einem anwendungsbezogenen Bereich (wenn auch “Dr. phil.”), verfüge über Auslandseefahrung, Sprachkenntnisse, arbeite in Kooperationsprojekten mit der Industrie und kümmere mich intern um die IT.
    Letzteres – angeblich ein Feld mit Arbeitskräftemangel – wäre auch meine Wunschbranche. Ich weiß, dass mir einige (weil sehr teure!) “Zertifizierungen” fehlen. Aber glaube niemand, so ein AG, bei dem man sich beworben hat, ruft mal an und fragt: “Können Sie sich vorstellen, Zertifikat A und B in der Probezeit nachzuholen und dafür zunächst mit einem geringeren Gehalt einzusteigen?” Da sucht man lieber jahrelang die bereits fertige eierlegende Wollmilchsau, lässt sich Aufträge und Folgeaufträge entgehen, statt eine motivierte, qualifizierte, lernbereite Kraft weiterzubilden!

    Bin gespannt, was Sie dazu sagen Frau Hofert!

    An alle anderen: viel Erfolg dort, wo Sie gerade stehen.

    Beste Grüße

  13. Daumen hoch Frau Hofert,
    endlich mal jemand, die diesen “Intelligenz hauptsache Akademiker”-Wahnsinn durchschaut und auch den Wert Älterer mit klassischer Berufsausbildung und entsprechender Praxis-Erfahrung erkennt.
    Praxiserfahrene Quereinsteiger eine Chance geben und sich mal zeigen lassen, was sie draufhaben, das könnte sich besser rentieren, als immer nur auf junge, unerfahrene Bachelors zu setzen.
    Wenn die Personaler alle so wie Sie denken würden, dann hätte ich mit meinen 2 Berufsausbildungen und 9 Jahre vollhaftender Selbstständigkeit mit unverschuldetem Absturz infolge Geschäftsaufgabe der Stammkundschaft in der Wirtschaft längst wieder eine Anstellung als Arbeitnehmer. Doch mit meinen 43 Jahren passe ich Personalern offensichtlich nicht in das Raster eines vollbelastbaren jungen Bachelors, der gerade erst die private Fachhochschule absolviert hat. Ich habe sogar schon in persönlichen Gesprächen versucht, dies Politiker zu erklären, doch die scheinen es nicht zu verstehen.

  14. Frau Hofert trifft es auf den Punkt. Wie oft höre ich von Studenten, die studieren, weil es ja für die Zukunft ganz wichtig sei und man das machen müsse. Abitur allein zähle ja nichts. Diese jungen Menschen wisse selbst gar nicht, warum sie das machen und die Motivation wird dementsprechend sein. Bei der Job Suche später wird es auch nicht hilfreich sein, wenn man vorher etwas studiert hat, was man gar nicht so wirklich machen wollte.

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