Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Das bisschen Schummeln ist doch kein Problem: Wie Arbeitgeber-Skandale à la Volkswagen entstehen können

By | 2015-09-23T11:52:44+00:00 23. September 2015|

Nestlé wird vom Shitstorm überzogen, Volkswagen hat binnen weniger Tage Milliarden an der Börse verbrannt. Die Empörung ist groß, wenn ein Thema plötzlich in die Mitte der allgemeinen Aufmerksamkeit rückt. Plötzlich gerät etwas in den Fokus, was eigentlich schon länger hätte bekannt sein müssen. Als Aktienbesitzer können wir schnell handeln: Auch ich habe meine Depots gesäubert. Für Angestellte gestaltet sich das deutlich schwieriger. Es besteht ein Abhängigkeitsverhältnis. Jeder weiß: Erst brechen die Kurse ein, dann kostet es Jobs, das wiederum wirkt sich bei 200.000 Arbeitnehmern gesamtwirtschaftlich aus, ein Kreislauf. Wie aber kann so etwas überhaupt entstehen? Warum kann es Firmen geben, die kriminelle Strukturen aufbauen können wie Volkswagen? Eine kleine Rundschau der aus meiner ganz persönlichen Sicht wichtigsten 5 Entstehungs-Faktoren.

1. Verharmlosende Kommunikation

Das Wort „Schummeln“, das in Verbindung mit VW die Medien dominiert, hat mich entsetzt. Ich konnte es nicht glauben und habe es deshalb bei Google News geprüft: 11.400 x Schummeln + VW und nur 1 x Betrug + VW. Genau hier fängt das Übel an, bei der Kommunikation. Schummeln macht jeder und ist erlaubt. Betrug ist strafbar und eindeutig auf der kriminellen Seite. Wenn schon die Presse hier beschönigende Worte nutzt, was soll dann erst bei den Mitarbeitern ankommen? Wir schummeln ja nur. Machen wir auch beim Monopoly. Um klar zu machen, was erlaubt ist und was verboten, müssen eindeutige Begriffe fallen. Worte bewerten, sie neutralisieren und verstärken. Sie geben eine Denk-Richtung vor. Deshalb nimmt hier alles seinen Anfang, beim Wording. Unten Screenshots meines Google-Experiments:

schummelvwbetrugvw

2. Gruppenpsychologie und Groupthink

An Entscheidungen wie der Entscheidung, eine betrügerische Software einzubauen, und das auch noch weltweit, kann nicht nur einer beteiligt gewesen sein. Viele mussten es gewusst haben, viele Teams, viele Gruppen, viele Führungskräfte. Und erst Recht der Chef. Aber wie man in der Familie vielleicht über den alkoholkranken Onkel nur hinter verschlossener Tür spricht, so redet man in der Firma über bestimmte Dinge auch nicht offen. Groupthink ist die Ursache, hier ein Artikel über Chancen und Risiken der Teamarbeit.

Die Zahl kritischer Personen ist außerdem immer kleiner als die der angepassten. Erst recht gilt das bei bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen. Abhängigkeit macht stumm. Wahrscheinlich gab es aber auch Kritiker, aber ebenso wahrscheinlich wurden diese ausgegrenzt und/oder mundtot gemacht. Womöglich haben sie eine „lohnt-sich-nicht-aufzubegehren“-Haltung entwickelt. Hier möchte ich auf meinen acht Jahre alten Artikel für Whistleblower hinweisen. Auch Hinweise an kritische Medien können den Stein ins Rollen bringen. Wobei zu vermuten ist, das all das passiert ist und bekannt war – allein es fehlte der Aufhänger für eine wirklich durchschlagende Nachricht. Den hat nun die USA geliefert.

3. Top-Manager-Resistenzen

Top-Manager sind macht- und selbstbewusste Persönlichkeiten. Idealisten finden keinen Weg ins Management eines Konzerns; sie werden maximal Unternehmensgründer. Es sind also immer Pragmatiker und Pragmatiker entscheiden danach, was den größten Vorteil bringt. Dabei überschätzen sie, je geringer der Gegenwind wird, desto öfter ihren Einfluss und ihre Intelligenz. So entwickeln Top-Manager meist eine resistente Persönlichkeitsstruktur. Sie sind kompetitiv, so dass ich mir vorstellen könnte, dass auch der Machtkampf Piech/Winterkorn eine Rolle spielt. „Kostensenken! Den US-Markt erobern! Jetzt zeige ich es dem alten Piech! (koste es, was es wolle).“ Denkbar.

Im Laufe der Zeit haben Top-Manager Antikörper gegen Zweifler, Angriffe und Anschuldigungen entwickelt. Sie beherrschen zudem die Kunst, zwei Sprachen zu sprechen, die offizielle und die informelle. Die offizielle folgt den Compliance-Richtlinien. Die informelle weiß sich abzusichern, indem sie vermeidet, Beweisdokumente persönlich zu unterzeichnen oder eindeutige E-Mails zu schreiben. „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“, das ist gerade auch Winterkorns Strategie. Ab in die Reihe zu Fifa-Chef Blatter.

4. Das Schweigen der Lämmer

Was kann ich schon bewirken? Das bringt mir nur Ärger ein. Das schadet meiner Karriere! Als Karriereberaterin kann ich sicher und mit einigen anonymen Beispielen im Kopf sagen, dass es eindeutig nicht karriereförderlich ist, sich deutlich und offen auf die Seite von Recht und Ordnung zu stellen, wenn alle anderen abschwächen und „durchwinken“. Letztendlich muss aber jeder für sich selbst wissen, was wirklich zählt im Leben. Menschen mit idealistischer Motivation werden es weniger gut aushalten können, als solche die die Dinge für sich pragmatisch interpretieren können. Insofern ist die eigene Motivstruktur maßgeblich für das das, was ich als Persönlichkeit als „geboten“ empfinde.

Aber jenseits dieser individuellen Motive und handlungsbestimmenden Motivstruktur gilt dennoch: Auch Pragmatiker haben Themen, bei denen sie nicht mehr wegsehen können. Und dann ist es auch die gesellschaftliche Verantwortung, das zu tun, was die größte Wirkung im positiven Sinn hat.

Susan Cain zitiert in ihrem Werk über „Still“ die introvertierte Bürgerrechtlerin Rosa Parks, die sich 1955 weigert, ihren Platz im Bus für einen Weißen freizumachen. Dies kennzeichnete unter anderem den Anfang der Bürgerrechtsbewegung. Bevor Rosa Parks das tat, hat sie sicher lange darüber nachgedacht.

5. Die systemische Selbsterhaltung

Die Wirtschaft ist ein geschlossenes System. In ihr herrscht nach Luhmann der binäre Code Zahlung/keine Zahlung. Das könnte man auch einfacher ausdrücken: Geld regiert die Unternehmen (insofern wunderbar, wenn Sie alle VW-Aktien verkaufen, das löst den maximalen Druck aus, aber klar, die Entlassungen werden folgen und dann hat man einen Kreislauf…). Unternehmen lassen sich nicht freiwillig ins Handwerk pfuschen. Nette Vereinbarungen und Goodwill nutzen nichts. Es muss Kontrolle her. Und zwar von außen. Solche Kontrollsysteme müssen stark und mächtig sein, damit sie funktionieren. Da haben ein paar Leute wohl darauf gesetzt, dass sie die Kontrolle über die Kontrollsysteme in Deutschland und der EU behalten… Und die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Übrigens mal ein positives Beispiel für Effekte der Globalisierung.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

10 Kommentare

  1. Heiko Stein 23. September 2015 at 13:34 - Antwort

    Ja, Frau Hofert, so ist es. Ich habe genau den angesprochenen ersten Punkt via Twitter heute so kommentiert:

    „Vorsatz“, „kriminelle Energie“ und „Betrug“ werden aus dem deutschen Wortschatz gestrichen und ab sofort durch „Ungereimtheiten“ ersetzt.

    Als würde eine solche Software rein zufällig entstehen und es nur durch Fahrlässigkeit zu einer Täuschung von Staat und Verbrauchern kommen …

    • evers 23. September 2015 at 14:36 - Antwort

      Ja das stimmt. Und es gibt nichts zu beschönigen.
      Mir kommt aber noch ein anderer Gedanke,warum wird in dieser Form nur immer über Unternehmen und Manager geschrieben und gesprochen? Und richtigerweise Verantwortung eingefordert.

      Leider passiert dies z.B. auf politischer Ebene nicht. Beispiel Griechenland. Den Zutritt zum Euro hat Griechenland ( und sage jetzt bewusst Griechenland, wie auch von VW gesprochen wird) sich durch klaren Betrug erschlichen. Ist dort jemand auch strafrechtlich in die Verantwortung gegangen oder genommen wurden? Wird heute über dieses Thema überhaupt noch gesprochen?
      Ähnliches giilt für den Brandenburger Flughafen, die Elbphilarmonie etc., etc.
      Ich wünschte mir, dass hier genauso konsequent und nachhaltig ver- und geurteilt werden würde.

      • Svenja Hofert 23. September 2015 at 15:58 - Antwort

        absolut. Griechenland hatte ich auch im Kopf und mir schwingen noch die Worte eines deutschen Archäologen im Kopf, der sagte, für die Griechen gibt es das Wort Steuerbetrug nicht. Das ist für die auch Schummelei, Gesetz hin oder her. Also auch wieder: Kommunikation. LG Svenja

      • Marie 25. September 2015 at 00:30 - Antwort

        Diese saturierte Arroganz und unverantwortliche Fahrlässigkeit ist erschütternd.
        Verantwortung?
        Der VW-Mitarbeiter und die „kleinen Sparer“ bezahlen die Fehlentscheidungen, beispielsweise durch Jobverlust aufgrund von Auftragseinbrüchen bei VW.

        Vielleicht ein erster Schritt bei Steuern:
        http://bit.ly/1izcV9l

  2. Dr. Bernd Slaghuis 23. September 2015 at 14:55 - Antwort

    Hallo Svenja,
    deutlicher lässt es sich wohl nicht ausdrücken, was so in (vermutlich) vielen deutschen Großkonzernen an der Spitze, aber auch im mittleren Management gemauschelt wird und warum so viele bis runter zur Basis bei diesen Spielchen mitmachen. Die Kombination aus Groupthink und schweigende Lämmer ist besonders übel.
    Macht, Statusdenken und Wettbewerb zwischen rivalisierenden Köpfen sind die weiter vorherrschenden Antreiber und persönlichen Motive für unternehmerisches Handeln dort, und das vor allem in den altgedienten Chef-Etagen. Ich bin gespannt, ob dieser Skandal etwas verändern wird, aber zumindest die VW-Aktie erholt sich heute schon wieder 😉
    Die ganze parallel stattfindende Diskussion um Augenhöhe und Transparenz in der Führung erscheint in diesem Licht vollkommen absurd und lächerlich, denn davon sind solche Unternehmen meilenweit entfernt.
    Liebe Grüße
    Bernd

    • Svenja Hofert 23. September 2015 at 15:57 - Antwort

      Hallo Bernd, danke für den Kommentar. Ja, das passt nicht gut zur Augenhöhe und stellt gerade Mittelmanager vor nahezu unlösbare Aufgaben. Wie soll man Menschen mit Verve und Begeisterung fördern und fordern, wenn der Arbeitgeber nicht nur gegen eigene Moralvorstellungen sondern auch gegen das Gesetz verstößt? Dieser Aspekt wird in der gesamten Managementliteratur ausgeblendet. Gerade im kaufmännischen Bereich ist dies aber ein ganz zentrales Problem. Und auch im Marketing, siehe Nestle. LG Svenja

  3. Claus 23. September 2015 at 22:22 - Antwort

    Liebe Frau Hofert!

    Danke für Ihren Beitrag 🙂

    Ich habe schon viel recherchiert über diesen aufgelegten Betrug mit mehr als 11 Millionen Beweisstücken – die Motivation für solch verwerfliches Handeln interessiert mich besonders und sollte weiter vertieft werden, um besser angeprangert werden zu können.

    Die bisher beste ‚Zusammenfassung‘ (schon vor mehr als 150 Jahren!) dazu habe ich bei einem gewissen Herrn Thomas Joseph Dunning gefunden, siehe unten; nebenbei bemerkt hat dessen Übersetzer ein wenig mehr Bekanntheit erlangt 😉

    LG
    Claus

    “[Capital is said by this reviewer to fly turbulence and strife,
    and to be timid, which is very true; but this is very incompletely
    stating the question]. Capital eschews no profit, or very small
    profit, just as Nature was formerly said to abhor a vacuum.
    With adequate profit, capital is very bold. A certain 10 per cent.
    will ensure its employment anywhere; 20 per cent. certain will
    produce eagerness; 50 per cent., positive audacity; 100 per cent.
    will make it ready to trample on all human laws; 300 per cent.,
    and there is not a crime at which it will scruple nor a risk it
    will not run, even to the chance of its owner being hanged.
    If turbulence and strife will bring a profit, it will freely
    encourage both. Smuggling and the slave trade have amply proved
    all that is here stated […]”

    – (T. J. Dunning, Trade´s Unions and Strikes:
    Their Philosophy and Intention. London: The Author, 1860, 52 p.;
    quoted p. 36, lines 1-10)

    »Kapital«, sagt der Quarterly Reviewer, »flieht Tumult und Streit
    und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die
    ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von
    Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere.
    Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher,
    und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft;
    50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle
    menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es
    existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf
    Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird
    es sie beide encouragieren. Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.«

    – (Übersetzung Marx; in: Karl Marx, Das Kapital I;
    Marx-Engels-Werke 23, Berlin: Dietz Verlag [1962] 1967²,
    799, Anm. 250).

    Quelle: http://bit.ly/1KBQWpI

    * * *

  4. […] haben halt ein bisschen geschummelt…“ Svenja Hofert macht in ihrem engagierten Artikel sich und ihrem Ärger berechtigt Luft, dass dieser Betrug als Schummelei verniedlicht wird. […]

  5. […] habe ich über diese Worte nachgedacht, die ich in Svenja Hoferts Karriereblog […]

  6. […] Hofert macht in ihrem engagierten Artikel sich und ihrem Ärger berechtigt Luft, dass dieser Betrug als Schummelei verniedlicht wird. […]

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