Wie Affen im Zirkus: Warum viele Mitarbeiter und Manager dressiert werden – und wie Sie sich befreien könnten

Halten Sie auch wie Mutti Merkel die Hände bei Präsentationen immer im positiven Bereich, zur Schale geformt? Kommen Sie sich dabei auch so blöd vor wie ich, die eine natürliche Neigung zu schnellen Bewegungen hat? Wir sind doch alle dressiert! Dressiert von Leuten, zum Beispiel Rhetorik-Experten, die alle Stärken glattschleifen, von Ecken und Kanten befreien und zur Mitte hin entwickeln wollen.

Gestern habe ich mir einen schönen, schlichten Youtube-Vortrag von “Denkwerkzeuge”-Autor Gerhard Wohland angeschaut. Herr Wohland sah nicht sonderlich gestylt aus, vom Typ durchaus kantig. Der Vortragsstil war weit weg von perfekt, die Schrift auf dem Flipchart kaum leserlich. Trotzdem war ich gefesselt! Mir tat dieser Vortrag  gut. Aus genau zwei Gründen:

  • Da hatte jemand wirklich einen Inhalt zu vermitteln (vorher hatte ich in 10 andere Videos bekannter Speaker auf dem Podium von Gedankentanken reingeklickt und jedes nach zwei Minuten entnervt zugemacht, weil die schöne Dramaturgie nicht über Inhaltsleere hinwegtäuschen kann).
  • Das alles wirkte ganz natürlich – eben Stärken-orientiert.

Ich hatte mir die Videos angeschaut, weil ich dem Thema Stärken und Emotionen und damit auch der Frage „was ist authentisch?“ weiter auf die Spur kommen wollte. Und zufälllig sprach Wohlland auch über den Widerspruch von Wert/Emotion auf der einen und Verhalten auf der anderen Seite, auf den ich hier weiter eingehen möchte.

Werte, Emotionen und Stärken gehören zusammen

Werte, Emotionen und Stärken stehen in unmittelbarer Verbindung. Sie sind ein eingespieltes Trio. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten: Wer Stärken lebt, lebt auch seine positiven Emotionen aus und handelt entsprechend seiner Werte!

Das wirkt positiv und energetisierend auf das Verhalten. Viel positiver als würde man nur gelerntes Verhalten “ausüben”. Weil das so ist, dürfen wir Coachs und Menschenentwickler nie beim Verhalten ansetzen, sondern müssen immer bei den Emotionen beginnen. Wir sollten wissen, wie eng Emotionen mit Werten verflochten sind. Und uns klar darüber sein, dass sich Verhalten, aber keine Emotionen und Werte lehren und trainieren lassen.

Stolz als Werteschlüssel

Fragen Sie sich, worauf Sie stolz sind, kommen Sie Werten automatisch auf die Spur. Stolz ist eine Emotion, die beruflich sehr relevant ist. Sind Sie stolz auf Ideen? Auf Menschen, die Sie entwickelt haben? Darauf, dass Sie etwas eingespart haben? Besser sind als Kollege X? Die elementare Emotion Stolz entspringt einem Motiv – dazu hier mehr – , ist aber auch gesellschaftlich und familiär geprägt. Wenn jemand stolz darauf ist, fleißig gearbeitet zu haben, so resultiert das einerseits aus der teils genetisch veranlagten Persönlichkeit, ist aber andrerseits auch seine Umwelt-Prägung. Diese Emotion bleibt stabil resistent gegen Einflüsse von außen, etwa Verhaltensschulungen.

Ein Manager, der Freude daran hat, über die Zukunft, neue Ideen und Entwicklungen nachzudenken, wird wahrscheinlich stolz auf seine Strategien und Konzepte sein. Strategie-Denken und Zukunftsorientierung gehen Hand in Hand. Das lässt sich auf die Big Five zurückführen: Menschen mit hoher “Offenheit für Neues” entwickeln viel leichter die Stärken Strategie und Vision als Menschen, die hier im Mittelfeld stehen oder auf der anderen Seite (also eher beim Festhalten und der Routine). Das Beschäftigen mit Neuem, mit Ideen und Fantasie macht den Offenen Freude! Freude ist eine Emotion, wie auch Interesse an der Entdeckung. Unsere Emotionen sind stark – deshalb ist es anstrengend und schwer gegen sie zu arbeiten.

Kompetenzschulung ist Affen-Dressur!

Artistic clown Stärken sollen aber nicht anstrengend sein, sondern leicht fallen. Deshalb docken sie immer harmonisch an Emotionen an und werden stark und stärker, wenn sie Werten entsprechen. Aber was, wenn das berufliche Umfeld etwas Anderes erwartet? Dann droht die Kompetenzschulung! Frauen, die sich für Führungspositionen bewähren sollen, werden in solchen Trainings Schritt für Schritt umgemodelt und zum Affen gemacht. Sie sollen beispielsweise „Biss entwickeln“. Das üben sie in Rollenspielen und werden dadurch vielleicht im Moment auch „besser“ im Sinne des erwünschten Verhaltens. Aber nicht dauerhaft! Und zum Wohlbefinden trägt das schon gar nicht bei.

Das antrainierte Bissig-Sein bereitet keinen Spaß, vielleicht macht es sogar Angst, möglicherweise erzeugt es das Gefühl von Unsicherheit. Man schult in Unternehmen “soziale” Kompetenzen und Verhalten vielfach wie die Merkel-Handschalen-Bewegung. Dabei wäre Dialog und Reflexion, zum Beispiel nach David Bohms „Tiefer Dialog“ (nach dem Buch „Der Dialog: Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen“) viel sinnvoller. Aber auch risikoreicher. Es würde das Ende der Dressur bedeuten. Wer das riskiert, meint es mit “Augenhöhe” wirklich ernst.

Im Moment bekommen die Firmen lauter trainierte Affen. Das sehe ich jetzt gerade bei agilen Kompetenzen, die alle Firmen ihren Managern lehren wollen. Massenhaft werden hier Zirkustiere dressiert, die kooperativ sein sollen, ohne an den Wert Kooperation zu glauben. Die zukunftsträchtige Ideen fördern sollen, ohne sich selbst für Zukunftsthemen zu interessieren. Oder, die sich menschenorientiert verhalten sollen, ohne sich wirklich für Menschen zu interessieren.

Augenhöhe ohne Affentraining

augenhoehetweetFreitag habe ich mir den AugenhöheWege-Film angesehen. Mir sind vier Dinge dabei aufgefallen, die ich getwittert habe, unter anderem die Aussage der „Elbdudler“, dass sie vielleicht deshalb so erfolgreich sind, weil sie keine Managementliteratur gelesen haben. Da ist was dran. Die meisten Managementexperten haben von Psychologie keine Ahnung. Sie unterliegen dem Irrglauben, dass alles schulbar sei. Und natürlich verkaufe ich als Autor mehr Bücher, wenn ich suggeriere, ich könnte lauter Affen trainieren und jeder Affe könnte erfolgreich sein. Da der Zirkusauftritt am Ende bisweilen gelingt, sehen sich viele bestätigt – alles kann prima evaluiert und der Erfolg vermessen werden. Wie wenig Bestand das hat, lässt sich erst erkennen, wenn man mit einem Abstand von Jahren daraufschaut. Aber dann verspricht schon der nächste, dass sein Zirkusaffen-Training Erfolg hat….

Wo muss man ansetzen? Bei den Emotionen! Eine Führungskraft, die es begeistert, wenn Menschen sich entwickeln, wird auch ohne viele Schulungen Menschen gut motivieren können. Sie braucht nur Impulse. Authentisches, auf Stärken  basierendes Verhalten ist immer Verhalten, dass der eigenen emotionalen Landschaft entspricht. Was bringt es Menschen Kooperation beizubringen, die Kooperation gar nicht denken können? Nichts. Der Effekt ist wie eine Ad-hoc-Nachricht an der Börse. Er wirkt kurz – auf Sicht von Jahren hat er keinen Wert.

About Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

Über Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

4 Kommentare zu “Wie Affen im Zirkus: Warum viele Mitarbeiter und Manager dressiert werden – und wie Sie sich befreien könnten

  1. klasse Artikel!

    ich hatte währen des Films auch genau diesen Fakt gewittert ;-)

    Ich las mal, dass der Begriff Manager für die Ausbildung von Zirkusleuten verwendet wurden. In der Manege werden dressierte Tiere vorgeführt. Täte passen …

    Viele Grüße
    Martin

  2. Pingback: Kompetenzschulung Ist Affen-Dressur! | Initiative Wirtschaftsdemokratie

  3. Stimmt…in vielem! Wichtig ist eine stärkere Fokussierung an Gefühl (Emotionen) und nicht zu sehr an der Kognition. Wie sagen neuerdings Neurowissenschaftler? “Unser Gefühlszentrum ist die Eintrittstür für unseren Verstand.”
    Nicht Anpassung ist gefragt, sondern Orientierung an den eigenen Stärken, die es zu pflegen und zu hegen gilt. Und da, Svenja Hofert, stolpere ich über Ihre Negativwertung von “Kompetenzschulung”. Warum? Für mich münden Stärken in Kompetenzen. Und wenn diese Stärken trainiert, verfeinert werden, ist das für mich Kompetenz-Schulung. Und möglicherweise gehört auch dazu, das Übertriebene an Stärken etwas “zurückzunehmen”. Bspl. Wer eine hohe Stärke in der Kommunikation hat, neigt möglicherweise dazu, zum “Schwätzer” zu werden. Will sagen, Stärken sind auch immer in einen äusseren Kontext (Situation, Unternehmen, Gesellschaft) eingebunden, die dem Ausleben und Einbringen von Stärken möglicherweise Regeln vorgeben und Grenzen setzen, was auch bedeutet, dass Authentizität in reiner Form bzw. nur Orientierung an den eigenen Gefühlen/Emotionen sehr schnell in egoistisches Verhalten mündet. Ein drastisches Bspl.: Ein Mann sieht eine Frau, die ihm spontan gefällt, sich eine starke positive Emotion bildet, die zu der Regung führt, diese Frau anzufassen…aber ungefragt angrapschen geht eben nicht!

    • Hallo Herr Haas, dann habe ich das nicht gut genug erklärt in der Abgrenzung der Begriffe. Verhaltens (Kompetenz-) Schulung kommt NACH Wertewandel. Wenn der Wertewandel erst erfolgt, ist diese oft gar nicht nötig. Meine These ist die: Ohne Wertewandel nutzt Kompetenzschulung nichts. Gerade das von Ihnen zitierte Beispiel macht das sehr deutlich. Natürlich haben Stärken zwei Seiten und in einer hohen Ich-Reife (ab integrierte Stufe nach Loevinger) ist die implementiert. D.h. ich bin vielleicht ein Einzelkämpfer habe aber Kooperation als Wert. Wichtig ist, dass es keine Introjekte sind. Darum geht es mir… ist aber Stoff für ein Buch das zu erklären und nicht so einfach zu verstehen. LG Svenja Hofert

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