Beratung: Warum das Systemische so viele überfordert und das zentrale Dilemma des Karrierecoachings

Eines meiner frühen Lieblingsbücher war „Am Anfang war Erziehung“ von Alice Miller aus dem Jahr 1983.* Am Anfang war Erziehung, denn die hat uns Berater gelehrt, uns selbst zurückzunehmen. Ja, einige systemisch-konstruktivistische Ansätze machten uns zu einer fragenden Hülle, die einem klar ausdifferenzierten Regelsystem zu folgen hat. Die Beraterpersönlichkeit soll in den Hintergrund treten. Dies scheint ein extremer Kontrast zu einer bunten, scheinbar von Dogmen freien Coach-Szene, die ihren Klienten beispielsweise per Video „Erfolg“ und „Berufung“ verspricht und für mein Empfinden dabei niedrigste Bedürfnisse antriggert. Ich nenne sie mal als Abgrenzung zur „seriösen“ systemischen Szene Fantasy-Coachs. Bei diesen Fantasy-Coachs muss man sich zum Beispiel „bewerben“, um überhaupt gecoacht zu werden. Sie nehmen fantasievolle Tagessätze und leben bevorzugt an einem schönen Ort irgendwo in der Welt, weil sie sich ja komplett selbst verwirklicht haben und genau das könne jeder..

Das andere ist oft nur inhaltlich anders, die Struktur bleibt gleich

Apfel Frucht Birne Birnen Äpfel Früchte Obst in einer Reihe Freisteller freigestellt isoliertSeit dieser Woche ist mir klar, dass beides, das so unterschiedlich und gegensätzlich scheint, auf der gleichen Entwicklungsebene liegt, nämlich E5 nach Loevinger (siehe zur Erläuterung von mir hier): Man hat ein Rezept und wendet es an. Da ist dieser nur scheinbare Gegensatz, der eine Einheit ist. Er fiel mir schon auf, als ich in jungen Jahren befreundet mit einem Mitglied der DKP war, der plötzlich in die rechte Szene rutschte. Der Unterschied ist nur inhaltlich, die Struktur ist dieselbe – die Handlungslogik. Kurzum: Ich wechsle vom Apfel zur Birne, aber bleibe beim Obst. Die Handlungslogik ist wahlweise dogmatisch-regelorientiert oder missionarisch-weltanschauungsspezifisch.

Warum seit dieser Woche? Ich habe mir den Zertifizierungsworkshop zum IE-Profil von Thomas Binder gegönnt, 4 Tage in Berlin am schönen Wannsee. Mit ganz tollen Leuten und einem sehr authentischen und fundierten Trainer, der sich sein ganzes Leben nur diesem Thema gewidmet hat. Kein Dampfplauderer, kein Verkäufer.

Die Antwort auf eine Lücke

Warum ich mich dazu entschieden habe? Das Thema Ich-Entwicklung bzw. Identitätsentwicklung schien mir die Antwort auf viele Fragen zu bieten. Die Antwort, die ich mit positiver Psychologie, mit Motivforschung und mit Persönlichkeitstheorien einfach nicht bekommen habe. Auch die integrale Schule, die sich um Ken Wilber formiert und Ausläufer Richtung Spiral Dynamics und „biopsychoszialen“  bis hin zu buddhistischen Gedanken hat, war mir nach ersten Berührungspunkten bald wieder suspekt. Allein schon aufgrund einiger Diskussionen, die ich um Netz verfolgte. Ich fragte mich: Wie können sich Menschen, Anhänger der gleichen Richtung so perfide und in Schwarz-/Weiß-Denken verhaftet, anpöbeln – zeigt nicht gerade das Schwarz-Weiß-Denken? Was es ja eigentlich nicht sein sollte. Bei Agilität war es genauso.: Wie kann man etwas an sich so sinnvoll Prozess- und Zielorientiertes so sklavisch und dogmatisch leben?

Das zentrale Dilemma des Karrierecoachings

sunblinds-235961_1920Nichts erklärte auch das zentrale Dilemma des Karrierecoachings, das ein entwicklungspsychologisches ist: Wer den Ruf nach Veränderung spürt und berufliche Neuorientierung sucht, flieht teilweise aus einem zu engen Korsett, oft aber auch vor seiner eigenen Weiterentwicklung. Das habe ich so vielfach erlebt und es hat mich immer wieder in Konflikte gebracht, vor allem wenn ich es mit Privatzahlern zu tun habe. Der Wunsch seine Berufung zu finden, ist manchmal das Gefühl, dass der alte  Anzug des Berufslebens zu eng geworden ist, aber oft auch nichts anderes als die Flucht davor, sich den Dingen zu stellen. Das ist wie das Beenden von Beziehungen, wenn diese zu viel fordern. Dann kündigen viele Menschen Job- oder Paarbeziehung auf oder fühlen diesen Impuls und suchen Karrierecoaching. Oft wäre die Lösung aber nicht die berufliche oder persönliche Veränderung, sondern das Weiten des Blicks. Oder das Heraufschieben von Jalousien, die die Aussicht verhängen.

Ich will einmal ein Beispiel nennen, damit Sie meine Gedanken besser nachvollziehen können:

Peter ist Vertriebsmanager. Er hat eine offene und direkte Art, die er an sich selbst sehr schätzt. Immer wieder gerät er mit seinen Vorgesetzten aneinander. Er versteht nicht, dass diese ihn nicht verstehen und das direkte keine Lösung ist. Er wird unglücklich und denkt, er müsse seine Berufung finden. Mit diesem Anliegen kommt er zu uns. Wir merken sein Schwarz-Weiß-Denken. Wir versuchen den Blick zu weiten, wir konfrontieren und er kann den Impuls annehmen. Aber dann kommt er nicht mehr zu den Folgeterminen.

Im Zertifizierungsworkshop brachte Thomas Binder die Formel von Schultz von Thun: Entwicklung ist Wertschätzung + Konfrontation, also E=W + K. Das hat mir dieses Dilemma noch einmal sehr deutlich gemacht. Es tritt nicht nur im Privatkundenbereich auf, sondern auch in der Arbeit mit Firmen und mit Coachs, etwa auch in unserer Weiterbildung TeamworksPLUS. Viele sind nur auf der Seite der Wertschätzung verhaftet. Sie sehen es nicht als ihre Aufgabe an, auch mal wachzukitzeln.

Wir haben gelernt, uns eindimensional zu verhalten

Wir haben in der systemischen Beratung gelernt, das Lösungssystem des Kunden anzuspielen, vielleicht haben wir auch Counselling-Ansätze aufgenommen und etwas Humanismus dazu erworben. Gerade die deutsche systemische Schule scheint mir oft extrem dogmatisch. Wir dürfen uns selbst nicht eingeben. Wir denken, alle Ressourcen, Themen zu lösen und sich zu entwickeln, lägen im Kunden und nirgendwo sonst. Das ist auch richtig, aber erst wenn man es konsequent denken kann, also als ganzheitliches Bild und mit dem Blick für Zusammenhänge, die weit über die eigene Person hinausgehen und die Welt als konstruiert begreifen. Und genau das können die meisten zwar intellektuell erfassen, aber nicht mit dem Herzen.

Ressourcen aktivieren bedeutet manchmal eben auch, sich in die Handlungslogik des Kunden zu denken und aus dieser heraus, Impulse zu geben. Ich führte schon Beratungen durch, als ich keine Ahnung hatte, was systemisch eigentlich ist. Ich war humanistisch geprägt. Meine Beratungen wurden schlechter – im Sinn von weniger wertvoll für den Kunden -, als ich mir die Zurückhaltung GENERELL zu eigen machte. Ich fing an, nichts mehr von mir einzugeben und nur noch nach Ressourcen auf der anderen Seite zu fahnden. Das ist eine Herangehensweise, die dem Gros der Karriereberatungskunden – die sich üblicherweise zwischen E4 bis E6 bewegen – wenig hilft.

Viele Menschen können entweder-oder vielleicht verstehen, aber für sich nicht denken

Irgendwie spürte ich schnell, dass ich damit am Ende weniger erreichte als vorher. Manche Kunden brauchen Regeln, genaue Anweisungen, ein klares „so oder so nicht“, Eindeutigkeit in der Empfehlung. Dabei muss ich selbst nicht dogmatisch werden. Also baute ich die beratenden Elemente wieder ein und mache seitdem das, was mir meine Intuition eingibt.

Damals begriff ich, dass Karrierecoaching etwas ganz Anderes ist als Business Coaching – allein schon durch die Situation in der der Kunde sich befindet. Es geht oft um eine fundamentale, die ganze Lebenswelt betreffende Veränderung. Karrierecoaching ist deshalb zwangsläufig ganzheitlicher und oft sogar existenziell. Als ich das verinnerlichte, wuchs die Idee zu meiner Weiterbildung im Karrierecoaching. Meine Mission ist es seither, Karrierecoachs für die Selbstortung zu sensibilisieren. Nicht jeder kann jedem Kunden den gleichen Nutzen stiften.

Berater müssen reifer sein als ihre Kunden

Der Coach selbst muss in seiner eigenen persönlichen Entwicklung etwas weiter sein als der Klient. Das wusste ich schon vor dieser Weiterbildung in Entwicklungspsychologie. Nun kann ich es noch klarer und konkreter fassen. Es bedeutet, dass der eine mit Workshops für Schüler und Studenten gut aufgehoben ist und der andere sich auch mit existenziellen Sinn-Themen beschäftigen kann. Aber unterm Strich sollten Berater mindestens in der so genannten „eigenbestimmten“ Phase sein, das ist die Loevinger-Ebene 6. Mit steigender Komplexität braucht ein Klient eher eine Berater-E7 (relativierend) oder E8 (systemisch). Davon gibt es, wie ich jetzt lernen konnte, aber nur sehr wenige – auch unter den mehrfach und vielfach ausgebildeten. Und manchmal schleicht sich bei mir ein Verdacht ein: vielleicht manchmal gerade unter diesen? Denn es gibt immer eine Entwicklung in die Höhe, die Breite und die Tiefe. Die in die Höhe hat mit Reife zu tun, die in die Breite UND in die Tiefe mit Wissen. Mit Reife wären wir wieder beim Obst.

Vielleicht erkennt man Personen, die reif sind am ehesten daran, dass sie nicht das eine oder andere für richtig und die Wahrheit halten. Dass sie sich und ihre Tools nicht um jeden Preis verkaufen. Auf einer bestimmten Ebene kann die Arbeit mit einfachen Tests wie dem DISG® hilfreich sein, da sie der Wahrnehmung von Unterschiedlichkeit dienen, auf einer anderen ist der MBTI® trotz aller Kritik erhellend, da er dem gleichen Ziel dienend eine größere Komplexität abbildet. Die Arbeit mit Motiven macht Sinn, wenn Menschen reifer sind und schon viel Anderes gemacht haben.  Die Beschäftigung mit Stärken wie in meinem Buch „Was sind meine Stärken?“ wiederum kann auf jeder Entwicklungsstufe mit unterschiedlichem Inhalt erfolgen, sie kann einfach und komplex sein. Oder anders ausgedrückt: Man kann damit fast alle Entwicklungsstufen abholen.

Sie sehen nicht, dass sie nicht sehen

Es gibt indes Berater auf Entwicklungsstufen, die ihre eingesetzten Tests oder auch „systemisches Coaching“ nur als „Tool“ interpretieren. Sie sehen beispielsweise nicht, dass Dialektik (die Lehre von den Gegensätzen und deren Aufhebung) und Epistemologie – Erkenntnistheorie – oft noch tiefer gehen als systemische Ansätze.  Oder das das Systemische für praktische Arbeit oft zu wenig humanistisch ist. Kurzum: Sie sehen nicht, dass sie die Wahrheit nicht gepachtet haben, weil diese vielschichtig ist. Und sie sehen auch nicht, dass sie nicht sehen. Das sind wieder die Jalousien vorm Kopf.

Eins ist mir noch mal klarer geworden: Menschen, die Menschen entwickeln, haben eine große Verantwortung – auch sich selbst zu entwickeln. Viele, die in einer „Schule“ zuhause sind laufen Gefahr, nur von einer Selbstbestätigung zur nächsten zur laufen. Damit vermindern sie Nutzen, den sie anderen stiften können. Neugier und Offenheit ist deshalb etwas, was sich jeder immer bewahren sollte. Und so wundert es nicht, dass die einzige Korrelation zur Ich-Entwicklung in den Big Five diejenige zur Offenheit für neue Erfahrungen ist…

 

*Wie ich dazu komme den Titel „Am Anfang war Erziehung“ auf dieses Thema zu übertragen, will ich gern erläutern. Ich bin bekannt für meine Gedankensprünge und wer mitspringen will, sei hier abgeholt: Alice Miller fordert in dem Buch einen weitgehenden Verzicht auf Erziehung. Das ist auch meine These hier: Ich halte die systemischen Erziehungsmaßnahmen für nicht förderlich. Miller bezieht in dem Buch Stellung gegen die gewalltätigen Erziehungsmaßnahmen des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Natürlich werden Berater nicht gewaltsam erzogen, doch ist das Prinzip der Ausrichtung an dem einen Wahren und Richtigen – hier der erzieherischen Haltung des „man muss es einprügeln“ –  strukturell nicht weit entfernt vom hier Beschriebenen.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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