Zukunftsthemen: 6 Denkfallen bei Berufswahl und Bildungsentscheidung

Was muss ich tun, um maximale Jobsicherheit zu haben? Auf welche Themen soll ich setzen? Diese Fragen stellen sich nicht nur junge Leute bei der Berufswahl, sondern auch Berufserfahrene, die den eigenen Lebenslauf weiterentwickeln möchten. Dabei unterlaufen sie oft typischen Denkfallen.

Denkfalle 1: Setze auf Zukunftsthemen, dann bist du sicher. These: Die meisten Zukunftsthemen sind Themen der Gegenwart.

Die Zahlen sprechen für sich: Aktuell sind 1.447 Jobs auf der Metajobsuchmaschine joblift.de veröffentlicht, die sich mit künstlicher Intelligenz (KI) beziehungsweise Robotik beschäftigen. VW sucht einen Artificial Intelligence Researcher und auch der Corporate Travel Manager im Praktikum soll künstliche Intelligenz einbeziehen. Machine Learning und Neural Networks kommen überall. Nimmt man alle Stellen im Bereich Automatisierung hinzu, so kommt man auf 13.600 aktive Jobausschreibungen. Durchschnittlich wurden in diesen Bereichen monatlich 6.708 neue Jobs im Laufe des vergangenen Jahres ausgeschrieben. Geht man davon aus, dass die Stellenausschreibungen weiterhin in ähnlichem Maße ansteigen werden, könnten die Bereiche KI, Robotik und Automatisierung in den nächsten zehn Jahren 804.960 Stellen schaffen – behauptet die Stellenbörse Joblift. Das würde rund 3 % des aktuellen deutschen Arbeitsmarkts ausmachen. 52 % aller Stellen sind in Bayern und Baden-Württemberg ausgeschrieben, die meisten von Ferchau Engineering…

Duplikate wurden zwar ausgeschlossen, versichert Joblift. Dass der Trend aber über 10 Jahre anhält, ist eher unwahrscheinlich. Irgendwann wird die Automatisierung auf ein neues Level gekommen sein, werden sich Roboter gegenseitig programmieren – und dann gibt es andere Themen. Stellenanzeigen bilden nur ab, was sich Jahre vor schon entwickelt hat und jetzt gefragt ist. Was dann in 10 Jahren Trend sein wird? Das gilt es vorauszudenken. Vielleicht Roboter-Ethik oder Roboter-Kitas.

Denkfalle 2: Am besten sollte alle Mathe und Informatik studieren, da die Zukunft digital ist. These: Da Roboter sowieso schlauer sind als der Mensch, brauchen wir bald keine reinen Mathematiker und Informatiker mehr.

Robotik, künstliche Intelligenz oder auch Data Science: Die Zukunft ist digital. Wer den Tatort aus Stuttgart diese Woche gesehen hat, bekam einen Eindruck. Hier zeigten die Macher einiges, was bereits funktioniert, etwa Mimik von einem Gesicht auf ein anderes zu übertragen. Der Roboter brachte sich selbst Dinge bei. „Geht doch nicht“, behaupteten die Kommissare und outeten sich als Laien. Geht doch. Und hier folgt eine möglich Denkfalle. Wir gehen davon aus, dass wir alle geniale und am besten promovierte Naturwissenschaftler sein müssen, die solche Systeme erschaffen und entwickeln. Doch in 10 Jahren werden wir hier ganz woanders stehen – dann könnte es darum gehen, den Teil der menschlichen Intelligenz zu nutzen, die über die Datenanalyse hinausgeht. „Ich kann heute ein KI-System schreiben, das besser als jeder promovierte Chemiker Massenspektrogramme analysiert“, sagt KI-Forscher Wolfgang Wahlser bei Heise. Als Folge davon „werden wir erleben, dass das akademische Studium in zehn Jahren nicht mehr so stark bewertet wird wie heute“ (hier).

Durch diese Entwicklung werden Fähigkeiten wichtiger, die gar nichts mit Mathe zu tun haben. Ethiker und Philosophen etwa könnten gefragt sein. Allerdings müssten diese ein Grundverständnis für IT und Mathe mitbringen, die Systeme verstehen können (aber nicht mehr programmieren). Das spricht für ganz neue interdisziplinäre Mix-Studiengänge. Bisher gibt es da wenig über die reine Hauptfach-Nebenfach-Kombi hinaus.

Denkfalle 3: Du musst spezialisiert sein, dann klappt´s auch mit dem Job. These: Die Themen der Digitalisierung brauchen künftig viel mehr interdisziplinäres Denken, also weniger Spezialisierung.

Wissenschaftler und Fachexperten kennen sich oft bestens aus, leider nur in den engen Grenzen ihres Fachbereichs, der dann auch noch stark reglementiert ist. Das führt zu Spezialistentum, aber auch Inseldenken, mit dem die Herausforderungen der Zukunft nicht bewältigt werden kann. Die Themen der Digitalisierung brauchen viel mehr interdisziplinäres Denken, das an den Unis kaum gefördert wird. Mix-Bachelors und Mix-Masterprogrammen gehören deshalb die Zukunft. Dabei sollten die Studienangebote viel besser als jetzt interdisziplinäres Denken fördern und die starren Grenzen überwinden. So wie wissenschaftliches Arbeiten als – leider ungeliebtes – Pflichtfach überall dazu gehört, könnte auch interdisziplinäres Denken übergreifend geschult werden.

Denkfalle 4: Als Ingenieur bist du immer auf der sicheren Seite. These: IT und Ingenieurwesen verschmelzen, bisherige Studienkonzepte sind dafür nicht aufgestellt.

Früher konnte man mit BWL nichts falsch machen, heute mit einem Ingenieurstudium. Wirklich? Die Digitalisierung verändert auch hier fast alles. Dass Elektrotechnik und IT recht dicht neben einander liegen, war schon länger klar. Aber wer hätte gedacht, dass auch Maschinenbauingenieure mal zu Informatikern werden würden? Schwupp, entstehen neue Fächer wie der Bachelor Maschinenbau-Informatik. Auch hier beginnt also das muntere Mixen – und das ist gut so. Schauen Sie sich SAP an: Nicht nur die Ingenieurwissenschaften nähern sich der IT an, auch die IT pirscht sich an die Maschinen ran. Es kann also sinnvoll sein, frühzeitig auf ein solches Schnittstellenfach zu setzen, um so einen leichten Berufseinstieg zu bekommen. Und für Berufserfahrene ist ein Schwenk in die Nachbardisziplin vielleicht ein Karrierekick, etwa über einen Master Ingenieurinformatik.

Denkfalle 5: Wir müssen uns daran ausrichten, was am Markt gefragt ist. These: Nein, wir brauchen mehr von dem, was in Zukunft gebraucht wird.

Wenn Sie nach dem gingen, was derzeit gesucht wird, dann haben Sie die Wahl zwischen Robotik, KI und Data Science – und der Bäckerei oder Fleischtheke.  Gleichzeitig bricht die Welt aus allen Fugen, lodern Krisenherde überall, stehen wir vor globalen Problemen einer Dimension, die allein mit Spezialwissen unlösbar ist. Ja, es ist ein Risiko, sich mit Themen wie Friedensforschung, Klimaforschung, Datenethik, Medizinethik, nachhaltige Architektur oder auch mit neuen Lernkonzepten zu beschäftigen, auch wenn derzeit kaum Stellen in diesen Feldern ausgeschrieben sind. Aber Entscheidungen gegen den Strom haben sich oft bewährt. Und wer die Regel bedenkt, im Bachelor breiter und im Master spitzer zu studieren, sorgt immer für eine gute Basis.

Denkfalle 6: Wir sollten die MINT-Fähigkeiten der Menschen schulen. These: Wir sollten vielmehr die Entwicklung des unabhängigen Denkens fördern.

Wer gut und brav Wissen reproduziert, wird belohnt. Am besten MINT-Wissen, also naturwissenschaftliches. Aber geht es darum wirklich? Würden Menschen, die sich  diese Themen zutrauen und sich dafür interessieren, sich das Wissen selbst nicht von alleine erwerben? Könnte man dann aufhören, die Reproduktion von Wissen zu bewerten? Oder anders gesagt: Geht es nicht mehr darum, Selbst-Bewusstsein zu fördern – und alles andere kommt danach von selbst?

Für mich gibt es da einen eklatanten Widerspruch: Die Arbeitswelt fußt in ihrem Leistungskredo auf wenig Selbst-Bewusstsein und statt dessen auf emotionaler Abhängigkeit (Anerkennung für Leistung). Auch Googles Smart Creatives sind im Grunde abhängig: Anerkennung bekommt der, der ein bisschen unordentlich ist und gegen den Strom schwimmt, aber trotzdem Leistung bringt. Am Ende des Tages ist es auch ein Raster, wenn man in kein Raster passen soll. Innere Freiheit erfordert auch hierzu kritische Distanz. Doch wo soll die herkommen? In der Schule wird ebenso wie an der Uni vertikales Denkens gefördert, die Entfaltung horizontalen Denkens jedoch gebremst (dazu hier mein Grundlagenartikel Ich-Entwicklung). So agieren oft selbst hochspezialisierte Experten und sogar Wissenschaftler im von hohen Zäunen eingegrenzten Garten ihres Denkens. Viel wichtiger wäre es, die eigenen Gartenzäune einzureißen und in den Dialog über die Grenzen der eigenen Disziplin hinaus zu treten. Je mehr unterschiedlichen Einflüssen Menschen unterliegen, desto mehr werden sie sich entwickeln. Je mehr sie sich von dem festen Vorstellungen anderer lösen, desto freier werden sie denken. Solche Menschen sind unbequem, aber sie sind es, die Unternehmen und auch die Gesellschaft voranbringen.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

10 Kommentare zu “Zukunftsthemen: 6 Denkfallen bei Berufswahl und Bildungsentscheidung

  1. Mit den 6 Denkfallen treffen Sie den Nagel auf den Kopf. Lese schon seit einiger Zeit bei Ihnen mit und bin immer wieder von Ihrem umfangreichen Wissen begeistert.

    Danke für Ihre wissenswerten Artikel.

    Gruß, Michel

  2. Diese Analyse der Denkfallen, in die uns Industrie und Politik reintreiben wollen, ist absolut stimmig! Die dagegen aufgestellten Thesen passen genau. Besonders These 5 können wir voll unterstützen. Nach unseren Forschungen sind zuerst „einfache“ Kompetenzen für die Zukunft-Jobs nützlich:

    Urteilskraft
    Dinge kritisch hinterfragen. Intelligente Mustererkennung. Wichtiges aus der Informationsmasse filtern.

    Visualisierung von Informationen
    Visualisierung von Zusammenhängen und Storytelling.

    Neues Denken
    Neue Lösungen für neue Probleme finden.

    Medienkompetenz
    Sicherheit im Umgang mit sozialen Medien erlangen.

    Kooperationsbereitschaft
    Über die eigenen Fachgrenzen hinausdenken und arbeiten.

    Soziale Intelligenz
    Angemessener Umgang mit Kollegen und Kunden.

    Digitale Teamfähigkeit
    Virtuelle Projekte steuern und durch geschicktes Netzwerken zum Erfolg führen.

    Interkulturelle Kompetenz
    Erfolgreich mit Menschen aus aller Welt zusammenarbeiten.

    Denken wie ein Computer
    Statistikkenntnisse und Sicherheit im Umgang mit Daten.

    Viele dieser Kompetenzen werden informell erworben. Für die Karriere wäre es förderlich, wenn diese anerkannt werden würden (Zertifizierung).

  3. Als Ingenieur ist man u tet Umständen arbeitslos. Gut war, dass Sie sagten, bzw.schrieben, dass man sich für Arbeitslosigkeit nicht etwa schämen sollte. Sonst wäre es zu schwer.

  4. Pingback: Update Recruiting 16.09 - die Recruiting-Topics im September 2016

  5. Guten Tag Frau Svenja Hofert,

    Ich bin der Ansicht das der Staat wesentlich mehr seine Pflicht wahrnehmen sollte um die Geschicke des Landes und deren Gesellschaft in die richtigen Bahnen zu leiten. Wir leben in einer Zeit in der das „Ich“ und dessen Ausbau eine große Rolle spielen und den häufigsten Rat den ich immer lese ist „mach worauf du Lust hast“ dann, ja dann ist man produktiv und verdient dann auch Geld. Fragen Sie mal Menschen die diesem Rat gefolgt sind und nun Arbeitslos oder schlecht bezahlt als ITler oder Mediengestalter rumhängen. Menschen sind nun mal nicht alle gleich und auch nicht in dem Alter erfahren genug die richtigen Entscheidungen zu treffen um in dieser Gesellschaft nicht zu verlieren. Lange rede kurzer Sinn, ich bin der Ansicht das hier mehr Planung und Regulierung statt finden muss.

    Viele Grüße

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