Fauler Berufungs-Zauber: An welchen Lockrufen Sie Scharlatane erkennen – und wie Sie Neuorientierung richtig begleiten

Was ich kann, das kannst du auch! Vertrau dir, liebe dich selbst, folge deinem Ruf, deiner angeborenen Bestimmung, du kannst alles, du musst nur machen/wollen/anfangen. Geht es Ihnen gut, wenn Sie das lesen? Fühlen Sie sich motiviert? Dann lesen Sie jetzt besser nicht weiter. Es könnte Ihnen nicht gefallen.

Gestern bin ich wieder auf so ein Video gestoßen, das erschreckend oft geklickt wird. Da stellt sich eine „Coach“-Frau in den Garten oder vor das Meer und lässt in instabilen Charakteren die Sehnsucht aufkommen, all das auch haben zu wollen: „Ich habe alle das, du kannst das auch haben“. Das so etwas wirkt, ist leicht nachvollziehbar: Wenn ich bei anderen größere Besitztümer oder mehr Freiheit sehe, will ich die auch. Niemand will anderen nachstehen. Das Internet weckt da ganz neue Begierden. Wir sehen ja nicht mehr nur den Nachbarn.

Coachs als Prediger und Heilsversprecher

Die Coachs, die solche Sequenzen drehen, arbeiten ganz bewusst mit sich selbst und vermeintlichen Ähnlichkeiten. Sie etablieren ein Geschäftsmodell, das ganz besonders gut funktioniert, wenn Menschen sich voll mit einer Person identifizieren. Denn je mehr sie das tun, desto eher werden sie deren Anleitungen Folge leisten. Wer aber Anleitungen Folge leistet anstatt auf sich zu hören, betreibt Selbstverleugnung. Coachs werden so zwar zu Predigern, denen man gebannt zuhört und Folge leistet. Mit Coaching hat das nichts mehr zu tun, das ist Manipulation. Bewusst oder unbewusst.

Eine wirkliche berufliche Neuorientierung würde eine andere Herangehensweise erfordern:

  • Zunächst müsste es darum gehen, an den „Interessenkern“ (ich finde den Ansatz des „inner core“ nach Deci/Ryan sinnvoll) der Persönlichkeit zu kommen. Dieser ist ganz eng mit der Persönlichkeit und ihren Bewertungen gekoppelt (mag ich/mag ich nicht). Dazu gibt es unterschiedlichste Methoden, z.B. aus der Biografiearbeit. Sie alle aber kosten Zeit.
  • Interessen sind weiterhin undenkbar ohne den Einfluss weiterer Persönlichkeitsbausteine zu betrachten (Motive, Eigenschaften, Fähigkeiten und soziale Interpretationen). Wer diese in die Beratung einbezieht, bekommt ein viel klareres Bild. Und das hilft enorm – gerade auch Menschen, die bisher nur eine Seite betrachtet haben. Hier kann man mit Tests arbeiten, aber das allein reicht sicher nicht. Hier hilft das Modell der New Big Five nach Dan McAdams sich die verschiedenen Schichten bewusst zu machen.
  • Werte sind Handlungsimpulse, die sich aus Motiven ergeben. Sie bestimmen die Richtung von Handlung. Sie lassen sich am ehesten  verändern, wenn man die zugrunde liegenden Motive betrachtet. Daraus wiederum entsteht Motivation etwas zu tun. Hier nutze ich selbst einen dialektischen Ansatz, gerade wenn Menschen stagnieren. „Einfaches Coaching“ würde bedeuten, die Bedürfnisse so zu nehmen wie sie sind und dann zu schauen „wo passt das?“. Das kann Sinn machen, reicht aber oft nicht bzw. genau darin liegt die Blockade. Beispiel: Jemand sucht nach Fremdanerkennung, es fehlt eben der inner core. Dann gilt es „die andere Seite“ zu stärken, durch bewusste Wahrnehmungsschritte und konkrete Übungen.
  • Wenn Menschen sich über Jahre nicht verändert haben und sich (zum Beispiel) selbst nicht lieben, hat das einen Grund. Emotionale Muster hindern; es gilt diese aufzulösen bzw. neu zu stricken. Das dauert und ist oft besser in einem therapeutischen Prozess aufgehoben.

Kurzum: Ein „Berufungscoaching“ ist oft ziemlich psychologisch und nur dann etwas Einmaliges, wenn jemand keinen Ballast mit sich rumschleppt (was selten ist) oder sich schon sehr lange mit etwas beschäftigt hat – der Coach also nur noch etwas hervorholt bzw. verbalisiert und verankert, was schon auf der Zunge und im Herzen liegt.

Es reicht in aller Regel nicht, Menschen zuzurufen „du muss nur wollen und alles ist möglich“. Stellt man sich das „Selbst“ als Haus vor, das man von außen betrachtet, so sind oft viele Fenster geschlossen. Vieles sieht man gar nicht. Einiges erkennt man intellektuell, aber kann kein Handeln produzieren, keine Konsequenzen ableiten. Berufliche Neuorientierung hat viel mit Fensteröffnen und Lichtmachen zu tun. Eine solche Öffnung lässt sich durch die Arbeit mit Emotionen erreichen, aber nicht durch das Herumwerfen mit Glücksformeln. Dass viele der alles-easy-Coachs mit der modernen Hirnforschung argumentieren, zeigt nur eins: wie leicht man Nichtwissen verkaufen kann.

Heimliche Narzissten…suchen Bewunderer

Nichts gegen Narzissmus: Ein gewisser Narzissmus fördert den beruflichen Erfolg – aber nur den der Coachs, nicht ihrer Kunden. Die Kunden haben andere Eigenschaften, andere Motive und sind z.B. weit weniger narzisstisch. Wer über psychologisches Grundwissen verfügt, vor allem aber wer Respekt vor Menschen hat, dem müsste das alles bewusst sein. Er sollte auch wissen, dass nicht jeder alles kann und auch nicht alles möglich ist.

Der Wunsch nach beruflicher Neuorientierung, die so viele Menschen lockt, schleppt ganz oft ein psychologisches und nicht selten therapeutisches Thema hinter sich her. Da sind Leute im  Unreinen mit sich selbst, fliehen vor Konflikten oder den eigenen Schatten. Ich behaupte: Berufliche Neuorientierer suchen oft nicht die Realisierung eines lang gehegten Traums, sondern flüchten vor der eigenen Entwicklung. Ein Indikator für eine solche Flucht ist die Suche nach einer absoluten Wahrheit – und zwar der eines anderen! Der Narzisst und der Suchende – eine Paarung, die aufgeht. Auch im nicht-beruflichen Kontext finden sich häufiger Narzissten und dependente Persönlichkeiten als Paar wieder.

Die Verantwortung geben diese Leute an den Coach, und dieser nimmt sie gerne an. Auch, wenn er auf seiner Website schreibt „ich nehme dich nur an, wenn du wirklich willst“. Damit baut er psychologischen Druck auf und sichert sich Leute, die seinen Guru-Status unkritisch annehmen. Doch Menschen, die unreflektiert die Botschaften eines Berufungspredigers in sich aufnimmt, sind nicht in der Lage, eigene Entscheidungen zu treffen. Jemand das zu sagen und einen Auftrag abzulehnen – das wäre wirklich verantwortungsvolles Verhalten.

Suche Traumjobproduzenten

Wer verantwortungsvoll mit Menschen umgeht, muss Dilemmata thematisieren. „Aber wenn der Klient zu mir kommt, dann will er doch beruflich etwas anderes machen. Dann kann es doch nicht meine Aufgabe sein, so etwas anzusprechen“, höre ich manchmal von Teilnehmern meiner Seminare. Doch! Wenn ich spüre, dass da jemand vor einem Konflikt wegläuft und ein vermeintlicher „Traumjob“ ihm nur das alte Muster wieder vor Augen halten wird, muss ich das ansprechen. Was der Klient dann daraus macht, ist seine Entscheidung. Aber ich darf mich nicht als Traumjobproduzent missbrauchen lassen. Ich kann manchmal nicht vermeiden zur Projektionsfläche zu werden – jedoch muss ich das aussprechen.

Einige Anbieter von Coaching handeln nicht bewusst manipulativ, sondern im besten Wissen und Gewissen. Sie wissen nicht, was sie tun, da sie gar nicht wissen, wie sie selbst funktionieren. Nicht wenige glauben ehrlich richtig zu liegen, wenn sie behaupten, alles sei möglich…

Natürlich ist vieles möglich: Man kann sein Denken beeinflussen und sich verändern. Aber: Das alles passiert nie an einem Tag. Wer mit Menschen arbeitet, dem muss das klar sein. Er muss wissen, das Veränderung mühsam ist. Und das Umlernen lange dauert – eben auch mit Blick auf die Arbeitsweise des Gehirns. Ihm oder ihr muss klar sein, dass der Zauber des Anfangs leicht ausgelöst ist, aber ebenso schnell verfliegt. Wenn Berufungscoachs Workshops anbieten oder einmalige Sitzungen, dann sind sie fein aus den Schwierigkeiten raus, die spätestens bei der dritten Stunde fast zwangsläufig auftauchen, dann nämlich, wenn der Klient arbeiten muss, auch an sich. Es ist legitim nur einen Workshop anzubieten, es ist aber verantwortungslos, nicht darauf hinzuweisen, dass  nach der Motivationsspritze entweder alles im Alten verläuft oder nach einem Rauf und Runter der alte Zustand wieder angesteuert wird.

Was sind die Konsequenzen? Beratungssuchenden empfehle ich: Wenn Sie merken, dass sie nicht stabil sind, machen sie eine Therapie und suchen Sie nicht nach Coaching. Der Wunsch nach einfachen Lösungen ist menschlich, aber größere berufliche Veränderungen bewältigt man nicht mit einem Fingerschnipp. Bleiben Sie kritisch: Seien Sie vorsichtig bei emotionaler Sprache, die die Grenzen der Nähe übertritt – von hier ist es nicht weit zur Werte-Indoktrination. Schauen Sie genau hin: Erfahrung und Ausbildung eines Coachs können wichtige Indikatoren sein, mindestens eins von beiden sollte ausgeprägt vorhanden sein. Noch wichtiger aber ist die Haltung zum Menschen und zur Arbeit mit Menschen. Sie sollte von Respekt geprägt sein.

Wenn Sie sich wirklich verändern wollen, suchen Sie jemand, der Sie flexibel und auf Sie abgestimmt abholen kann. Der klar sagt, wo Grenzen sind. Der nichts verkauft, nur weil er für etwas akkreditiert ist. Der möglichst viele unterschiedliche Methoden und Herangehensweisen kennt, denn das fördert Konstrukt-Bewusstheit und damit Unabhängigkeit. Denn: Ein guter Coach und Berater wendet Methoden nicht um der Methode willen an, sondern mit Blick auf den Menschen. Er kennt verschiedene Konzepte, behält aber zu allen eine kritische Distanz. Er handelt nach bestem Wissen, aber auch Gewissen. Er wird sich immer an ethischen Prinzipien orientieren. Vor allem aber wird er nie seine eigenen Werte über andere stülpen.

Zum Thema Berufung „Berufung – ein Abgesang in 5 Akten“ habe ich bereits hier geschrieben. Auch den diese Woche erschienen Xing-Artikel von Bernd Slaghuis kann ich empfehlen.

Coachs und Berater, die meinen Ansatz mögen und mehr erfahren möchten, sind eingeladen zu meinen Kursen „Karriereexperte Professional“ (nächster Termin 9.-11.3.2017) und „Menschen entwickeln: Psychologie für Coachs, Berater, Führungskräfte“ (5./6.5.2017).

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

3 Kommentare zu “Fauler Berufungs-Zauber: An welchen Lockrufen Sie Scharlatane erkennen – und wie Sie Neuorientierung richtig begleiten

  1. Jaja, in der Coachingszene tummelt sich ne Menge „folks“.
    Ich habe aber noch ne Frage:
    Wie schreibt Frau eigentlich „ungefähr 35,4 Bücher“?
    🙂

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