Mein Chef, der Wahnsinn – oder vom richtigen Umgang mit Narzissten

Wenn Susanne zurückblickt, erinnert sie sich, dass sie doch etwas gespürt hat, tief drinnen. Aber sofort hat sie es weggedrückt – dieses komische Gefühl im Vorstellungsgespräch. Sie hat es einfach nicht wahrhaben wollen. Er war doch so nett gewesen, dieser Geschäftsführer, der sie unbedingt haben wollte. Sie, die nun wirklich nicht die besten Voraussetzungen mitbrachte mit ihrem Teilzeitwunsch. Und sie wollte doch so gerne arbeiten.

Doch dann! Kaum hatte sie ihren Schreibtisch bezogen, ließ er die Maske fallen. Er stichelte, bohrte, piekste. Was sie überhaupt mache, warum sie so lange brauche, was das solle, wie unfähig sie sei. Da habe er ja einen schönen Fang gemacht, mit dieser Projektmanagerin! Nichts machte sie ihm recht. Kein Lob, kein nettes Wort, stattdessen abschätzige Blicke, verachtende Bemerkungen, auch über ihre Kleidung. Sie solle glücklich sein, dass er sie eingestellt habe, anderswo hätte so jemand keine Chance.

Um-den-Finger-Wickler

Haben Sie ein Bild von diesen Menschen, die einen erst um den Finger wickeln und wenn sie einen haben, saugen sie einen aus? Sie wirken zunächst sympathisch, eloquent und dann sehen sie manchmal auch noch atemberaubend gut aus. Mit ihrem überbordenden Charme beeindrucken sie. Aber dann… Einige fahren den Stachel so aus wie Susannes Chefs, andere machen das subtiler. Sie bleiben schleimig, nicht fassbar, gleiten einem immer wieder aus den Händen. Keiner kriegt sie wirklich zu fassen, weil sie selbstbewusste Leute frühzeitig auszuschalten wissen.

Mit wem wir es hier zu tun haben? Mit dem täglichen Wahnsinn in Form narzisstischer Prägungen, von denen bei einigen auch schon eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert werden könnte…. Wie das in seiner Extremform aussieht, können wir derzeit bei Donald Trump beobachten. Wenn diese Menschen nicht so erfolgreich wären, vor allem im Management, müssten sie auf die Couch. Doch können sie sich oft galant durchs Leben bewegen. Erfolgreiche Narzissten sind Charmeure. Das was wir oft als Charisma ansehen ist nicht selten übertriebene Selbstliebe, die tiefe Zweifel kompensiert, die in den ersten Lebensjahren entstanden sind. Narzissten brauchen Selbstbestätigung, sie ziehen ihr Selbstbild aus der Bewunderung durch andere. Dann erleben sie wahre Höhenflüge ihres Egos.

Abhängigkeit macht zum leichten Opfer

Besonders leichte Opfer männlicher Narzissten sind Frauen, die sich in einer abhängigen Lage befinden. Sie h können sich wie Susanne die Jobs nicht aussuchen. Aber auch Männer leiden unter männlichen und weiblichen Narzissten, sie werden zum Beispiel trotz Top-Leistung kleingehalten. Narzissten brauchen nicht nur Anerkennung, sondern Bewunderung. Gleichzeitig nutzen sie andere aus und manipulieren – durch besondere Nettigkeiten, aber eben auch mit Gemeinheiten, manchmal durch ein Wechselspiel aus nett und gemein. Eines ist aber sicher: Sie lassen souveräne Menschen nicht an sich heran, geschweige denn dass sie diese als ihre Mitarbeiter fördern würden. Sie suchen nicht nach dem leistungsfähigen Mitarbeiter, sondern nach dem willigen, der sich für sie aufopfert.

Im Berufsleben wiederholen sich oft frühere Familienkonstellationen. Kinder narzisstischer Eltern geraten oft immer wieder in dieselbe Falle, ohne es zu merken. Eine Kundin mit abgebrochenem Studium landete immer wieder bei promovierten, narzisstischen Chefs, die sie kleinmachten und auslaugten. Der Vater war Professor gewesen – und Narzisst. Er hatte alle seine Wünsche in sei projiziert; sie konnte ihm nie genug sein. Statt ihre Persönlichkeit und Individualität zu fördern, hielt er sie klein und sah sie als „sein Werk“. Das ist typisch. Narzissten sind übergriffig, sie respektieren die Grenzen der anderen nicht.

Was tun, wenn man einen narzisstischen Chef hat? Meine Tipps:

  • Lassen Sie sich nicht beindrucken: So wie Interviewer sich nicht vom Auftreten eines Bewerbers blenden lassen sollten, sollten Sie sich auch nicht von den Strahlen des neuen Chefs beeindrucken lassen. Sehen Sie sich die künftigen Kollegen an, schauen Sie in Ihre Gesichter, betrachten sie ihre Gangart, Körperhaltung, ihre Stimmung. Dann wissen Sie mehr über Ihren „Künftigen“ als sie je in einem Gespräch herausbekommen könnten.
  • Gucken Sie Charmeuren besonders auf die Finger: Das was gerne als Charisma verkauft wird, ist mitunter schlicht Narzissmus. Das sollten Sie immer im Hinterkopf haben, wenn Sie mit Leuten zu tun haben, die sehr charmant, sehr eloquent, sehr zuvorkommend, sehr galant sind. Im Grunde die typischen Heiratsschwindler. Die gibt es auch im Berufsleben. Die typischen Managementschwindler.
  • Gehen Sie rechtzeitig. Natürlich kann man immer mal an den Falschen geraten, beispielsweise auch aufgrund eines Chefwechsel, den Sie nicht beeinflussen können. Ist der neue Chef der „helle Wahnsinn“, so nehmen Sie so schnell wie möglich die Beine in die Hand und laufen sie weg. Solche Menschen laden ihren Psychomüll auf Sie ab – und dieser wird Teil von Ihnen. Je länger sie das mitmachen, desto komplexer wird die spätere Entsorgung. Am Ende liegen Sie auf der Couch.
  • Manipulieren Sie zurück. Haben Sie es moderatem Wahnsinn zu tun, dann können Sie auch zurückmanipulieren. Den anerkennungssüchtigen Vorgesetzten geben Sie die Dosis Schmeichelei, die er oder sie braucht. Schleimen Sie moderat und taktieren sie, um dadurch auch die eigenen Ziele zu erreichen. Es ist relativ einfach mit Narzissten, sie müssen Sie nur bewundern.
  • Schauen Sie sich Ihre Familienkonstellation mal an: Auch wenn Sie es vielleicht nicht hören wollen: Sollten Sie immer wieder in ähnliche Situationen geraten, so haben diese auch mit Ihnen zu tun, mit Mustern und Glaubenssätzen. Als Kind sind emotionale Markierungen und Bindungsmuster entstanden, die später oft nur noch bestätigt werden. Sich mit den Mustern der Kindheit beschäftigen, ist eine wichtige Voraussetzung für die Befreiung davon.

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About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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