Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Das Gesetz der heißen Herdplatte: Warum wir in Zukunft anders lernen müssen

By | 2017-05-28T13:35:26+00:00 27. Mai 2017|

Trauen Sie sich in unbekannte Gebiete? Sind Sie bereit, sich auch schon mal die Finger zu verbrennen? Würden Sie also morgen eine Vorlesung in Statistik besuchen, auch wenn Sie  bisher überhaupt keinen Bezug dazu hatten? Wenn Sie sich vielleicht sogar als „Mathelooser“ begreifen (oder dass auf Ihren niedrigen Testestoronspiegel schieben ;-))? Wahrscheinlich nicht, und das ist ein Problem, wenn Sie in der Arbeitswelt der Zukunft bestehen wollen. Wenn Sie Kinder haben, sollten Sie Ihnen das mit der Herdplatte anders weitergeben als bisher. Nicht „Finger weg“, sondern ran an den Speck. Es gehen ja schließlich auch Leute über heiße Kohlen. Die haben Wege gefunden, sich nicht zu verbrennen. Genau darum geht es. Wichtig ist es, das Augenmerk weniger auf die Ausbildung als vielmehr auf das Lernen lenken. Wir müssen lernen zu lernen. Und dabei nicht einfach neue Inhalte „downloaden“, sondern unsere Gehirn so entwickeln, das wir vernetzt denken können. Und kreativ, Stichwort heiße Kohlen.

Das Gesetz der heißen Herdplatte stammt von James Gardner March, einem eremitierten Stanfordprofessor und Organisationsentwickler. Es besagt, dass Menschen sich lieber da verstärken, wo sie ohnehin schon Kompetenzen haben. Sie fassen Unbekanntes und Neues nicht an. Nach einer kleinen negativen Erfahrung („hat nicht geklappt“) wenden sie sich von einem Thema ab. Es ist ihnen einfach „zu heiß“. So lernen die meisten Menschen auch nicht freiwillig Neues. Und schon gar nicht etwas, bei dem sie sich „verbrennen“ könnten. In Zukunft wird das nicht mehr gehen. Wir werden uns öfter „verbrennen“ müssen. Wissen verfällt zu schnell. Wir können es nicht mehr festhalten. Kommt die Künstliche Intelligenz noch mehr bei uns an, so wird sich das Tempo weiter verstärken. Die notwendige Spezialisierung, um Jobs auszuüben, kommt dann nicht mehr aus einem Studium oder einer Ausbildung, sondern aus dem Internet und der eigenen Selbstlernpraxis.

Dabei sollten wir mehr über das Lernen erfahren. Lernen zu lernen. Vielen ist nicht klar, wie Menschen lernen. Auch jene, die täglich mit Lernen zu tun haben: Lehrer, Coachs, agile Coachs, Personal- und Teamentwickler und Führungskräfte. Ja, letztere auch! Warum deren Aufgaben immer vom Lernen freigesprochen werden, ist mir ein Rätsel. Ein Leader ist auch ein Lehrer, in meinem Sinne, nicht im schulischen.

Neuerdings sprechen wir gern von Stärkenorientierung und ziehen dabei erschreckend statische Bilder vom Menschen auf. Tests verstärken das noch weiter. „Du bist wie du bist, ein Roter eben!“ Bewahre! Lassen Sie sich diese Bären nicht aufbinden! Das in Unternehmen verbreitete Denken in messbaren Zielen ist auch nicht gerade lernförderlich, der Versuch der Ergebnisbewertung meiner Meinung nach sogar schädlich.

Lernen braucht drei Voraussetzungen:

  1. Innere Haltung: Der Lernende muss daran glauben, etwas Neues lernen zu können.
  2. Motivation: Der Lernende muss sich für etwas so interessieren, dass er auch Schwierigkeiten („heiße Herdplatten“) in Kauf nimmt.
  3. Konzentration: Der Lernende muss sich entscheiden, seine Aufmerksamkeit länger auf etwas zu lenken und zu üben.

Diese Woche war ich mit einer meiner engsten Mitarbeiterinnen, Maja Skubella, bei Linkedin in Graz.

Im Author´s Room bei LinkedIn Graz

Dort haben wir auch etwas über das LERNEN gelernt. Linkedin beschäftigt sich in Graz mit Lernen, es hat kürzlich „Lynda.com“ gekauft, und Lynda das deutsche Portal Video2brain. Die Strategie, auf das Lernen zu setzen, ist weitsichtig. Wir wurden von zwei sehr netten Producern betreut, eine Schmalspurbesetzung, wenn ich an die Fernsehteams meiner Vergangenheit denke. Jeder der beiden muss viel können und wissen und sich ständig updaten. „Natürlich brauchst du irgendeine Form von Ausbildung. Aber das reicht nicht. Du musst immer lernen“, sagte einer. Das ist es, was ich meine.

Wenn Roboter arbeiten müssen wir etwas anderes tun

Ich erinnere mich an die Wette mit meinem Sohn. Ich hatte ihm, nachzulesen hier, im Jahr 2012 Kochroboter in jedem Haushalt schon für 2015 prophezeit. Da lag ich daneben. Stattdessen hat sich der Putzroboter sehr verbreitet. Andere Roboter werden kommen und uns viel Arbeit abnehmen. Das wiederum wird dazu führen, dass unsere Tätigkeiten anspruchsvoller, spezieller und interdisziplinärer werden. Die Fähigkeit zur Kooperation wird das Zünglein an der Waage sein. Über das Ende der Ego-Kultur und Kooperation habe ich vor einer Woche hier geschrieben.  Es bleiben also zwei große Themenfelder: Kooperation und Lernen.

Das Lernen haben wir leider verlernt, viele downloaden Inhalte in ihren Kopf, wo sie bis zur nächsten Prüfung bleiben. Sie lernen nicht aus Freude und Interesse. Freude und Interesse sind positive Grundemotionen, die alle kleinen Kinder fühlen können. Dann kommt die ganze Schicht der Erziehung, verdrängt und überlagert die Freude. Viele von uns sind ein Leben lang bemüht, sozial antrainierte Persönlichkeitsmasken wieder loszuwerden. Die Fragen „wer bin ich wirklich?“ und „was bin ich wirklich?“ sind die im Coaching wohl am meisten gestellten.

Ein Großteil meines Coachings hat deshalb damit zu tun: Ich baue zusammen mit Coachees Schichten ab, die elterliche und schulische Erziehung sowie das soziale Umfeld über uns gestülpt haben. Darunter liegt ein Kern – das, was unsere Persönlichkeit und unser Wesen eigentlich ausmacht, selbst wenn wir unser „self as a process“ sehen müssen, wie Jane Loevinger formulierte. Darunter liegt etwas, das Lernen als etwas Natürliches sieht, als Spiel, Entdeckungsreise – ohne direktes Ziel, im Flow. Dahin müssen wir erst mal hinkommen, und dafür müssen diese verdammten Schichten weg. Das, was das soziale Umfeld uns aufgebürdet hat. Das geht über unsere Entwicklung. Die Ich-Entwicklung ist auch der Schlüssel zu einem Lernen, das mehr ist als Downloaden. Fehlende Entwicklung lässt uns konventionell denken. Es bremst. Es macht unkreativ. Angepasst. Unfrei. Wenn wir nicht wollen, dass irgendwann die Roboter uns beherrschen, wie im Film die „Matrix“ sollten wir uns entwickeln.

Menschen können andere Menschen nicht benoten und bewerten

Dafür muss man auch pädagogisch umdenken. Fast jeder von uns lernt, keine heißen Herdplatten anzufassen. Ich bin wie viele Mädchen mit dem Stempel der Mathelooserin versehen worden. Das hat mich von einigen Herdplatten abgehalten. Wenn ich sehe, mit welchem Kalkül heute gelernt wird, liegt der Fokus auf ganz falschen Aspekten. Es geht um Noten. Mein Sohn passt sich an und schraubt sich herunter, um sich an den Blassen der Lehrer auszurichten. Ich habe mal selbstkritische Lehrer gefragt. Sie glauben, trotz aller Checklisten, dass mindestens zwei Noten oder sechs Notenpunkte Spielraum sind. Das ist nicht anders als früher, auch wenn Lehrer heute Formulare ausfüllen müssen und alles seine Pseudo-Ordnung hat. Bewertung spiegelt Konvention, und zwar nicht nur die Konvention des Bildungssystems, sondern auch die des Lehrers. So sorgt man für Anpassung, nicht für Freidenken. Es ist ohnehin völliger Unsinn zu glauben, Menschen wären in der Lage, andere Menschen zu bewerten. Bewerten – im Sinne eines Vergleichs mit anderen – können Roboter sicher jetzt schon besser. Was sie nicht können ist Feedbackgeben. Das ist eine menschliche Domäne. Statt Bewerten müsste Feedbackgeben geschult werden.

Unterschied Lernen und EntwicklungLernen braucht Entwicklung

Um Lernen zu können, ist also Entwicklung nötig. Ein Mensch muss (wieder) bei sich selbst angekommen sein, um sich auch mit neuen und anderen Dingen zu beschäftigen. Er muss die Fähigkeit des Kindes, die Dinge spielerisch zu erkunden, zurückgewonnen haben. Viele Lernbegleiter – Coachs, Führungskräfte, Lehrer – fördern keine Entwicklung, sie fördern Stehenbleiben. Entwicklung ist aber die Voraussetzung von Lernen! Lernen und Entwicklung als zwei verschiedene Stränge zu verstehen, die sich gegenseitig bedingen – das wäre eine gute Basis. In unseren Ausbildungen nutze ich als Symbol für das Lernen das Quadrat, das ich dem Tesserakt (einer vielschichtigen Form) gegenüberstelle. Das Quadrat ist Teil des Tesserakts! Ein erster Schritt kann die Entwicklung eines growth mindsets sein (hier Video über ihr Modell).

Wenn Sie das Thema als Coach interessiert, empfehle ich meine Weiterbildungen. Nächster Termin 29.6.-1.7.2017 „Karriereexperte Professional“.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

Ein Kommentar

  1. Ramon S 28. Mai 2017 at 10:55 - Antwort

    Nur zwei kleine Makel: der „Mathelooser“ hat auch im Englischunterricht „verlooren“ und der Professor James Gardner March ging eher als Emeritus von der Uni als zur Einsamkeit entschlossen in die Berge.

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