Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Die Arbeitswelt hinter den schönen Zahlen

Von | 2007-01-05T17:34:51+00:00 5. Januar 2007|

Die Arbeitslosigkeit sinkt, das freut uns alle.

Was mich allerdings ärgert: Kaum jemand schaut hinter die Kulissen. Und da sind die Zahlen dann immer noch gut, aber doch geschönt. Etwa eine Million Menschen in Qualifizierungsmaßnahmen sind offiziell nicht arbeitslos. Diese Menschen sind oft "geparkt" – und meiner Erfahrung nach nach mehr als zwei Qualifizierungsmaßnahmen auf den ersten Arbeitsmarkt gar nicht mehr vermittelbar. Kein Wunder: Neulich hörte ich, dass in solchen Maßnahmen nicht Goethe, sondern das SGB II auswendig gelernt wird. Oder: Dass immer mehr Langzeitarbeitslose als Dozenten "gecastet" werden, von Personalvermittlern, die von der Arbeitsagentur z.B. 18 EUR pro Stunde kassieren, um 12 Euro an die die Dozenten zu zahlen. Diese Langzeitarbeitslosen unterrichten dann z.B. Bewerbungstraining. Soviel zum Sinn mancher "Maßnahme".

Auch die 1-Euro-Jobs tunen die Statistik. 1-Euro-Jobs sind eben auch nur Jobs, findet nämlich die Agentur für Arbeit. Und so gelten 1-Euro-Jobber nach § 16 II SGB II nicht als arbeitslos – das sind immerhin über 300.000 Menschen, die die Zahlen schönen. Diese Menschen haben zwar durchaus Jobs, sind aber alles andere als gleichberechtigte Arbeitnehmer: Sie sind staatlich "zwangsverpflichtet" und dürfen z.B. nicht länger als neun Monate in dem gleichen Job bleiben – auch wenn sie das wollten. Darüber hinaus verdrängen Sie Festanstellungen, verhindern also auch Stellenzuwächse.

Nicht zu den Arbeitslosen zählen auch all die Menschen, die sich mit unterbezahlten Honorarverträgen durch das Leben schlagen. Auch nicht dazu zählen Leute, die in "reicher" Partnerschaft leben oder Geld aus anderen Quellen aufzehren.

Schön, dass der Markt wieder atmet, schön, dass es wirklich spürbar leichter geworden ist, Jobs zu finden. Aber bitte: es ist noch sehr viel zu tun. Vielmehr driften wir mehr und mehr ab in eine Zwei-Jobklassengesellschaft.

Wer an Hintergründen interessiert ist: Wikipedia hat in diesem Bereich wirklich gute Artikel, zum Beispiel zum Thema 1-Euro-Job.

Svenja Hofert ist Management- und Karriereberaterin. Mit ihren beiden Unternehmen entwickelt sie Menschen, Teams und Organisationen. Der Schwerpunkt von Hofert Tätigkeit liegt in der Ausbildung sowie im Coaching und der entwicklungsbezogenen Beratung von Führungskräften, Teams und Unternehmen. Hofert hat ab 2000 das Büro „Karriere und Entwicklung“ in Hamburg aufgebaut und unter anderem ein Startup-Portal etabliert, bevor sie 2015 die Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung GmbH mit Thorsten Visual gründete. Hofert lebt in der Nähe von Hamburg und etwa ein Drittel des Jahres in Marbella, Spanien. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat die gebürtige Kölnerin über 30 Bücher geschrieben, darunter immer wieder Longseller und Standardwerke, die bis zu acht Auflagen erreichten. Standen zunächst die Themen Karriere und Beruf im Mittelpunkt, erweiterte sie ihren Blick ab 2004 zu Gründung, Management und Unternehmensführung, um schließlich ab 2009 auch Teams und die neue Arbeitswelt in den Fokus zu nehmen. Der rote Faden blieb die Verknüpfung von betriebswirtschaftlichen, philosophischen und psychologischen Perspektiven – und ein Fokus-Thema: Die Entwicklung von Menschen, Gruppen, Organisationen. Buchung |

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