Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Die Geschichte der Bewerbung von 1970 bis 2012

Von | 2012-02-08T16:05:07+00:00 7. Januar 2009|

…ist eine Geschichte voller Mißverständnisse. Gestern habe ich beim Ausmisten alter Regale Bewerbungsratgeber aus vier Jahrzehnten gefunden. Der älteste stammt aus den 70er Jahren. Der Autor, Hans Friedrich, war ein Vorläufer von Hesse/Schrader. Bis in die 1990 Jahre wurden seine Bücher weiter aufgelegt.

Eine kleine Revue durch fast 40 Jahre Bewerbungsratgeberliteratur:

  • 1970er: Der Lebenslauf ist noch durchgängig handschriftlich und oft im Fließtext verfasst sowie maximal eine Seite lang. Wer einen maschinengeschriebenen Lebenslauf erstellt, soll eine Schriftprobe beiliegen. Studienabbrüche etc. werden deutlich erklärt. Elternberufe werden ebenso erwähnt wie die Mädchennamen der Mütter. Auch wer geschieden ist, soll das sagen. Überraschung: Schon damals rät der Autor von Floskeln wie „bezugnehmend auf Ihr Inserat“ ab, verdammt diese als Beamtendeutsch und rät statt dessen zu einem Einstieg wie „ich bewerbe mich um eine Stelle als…“. Überraschung 2: Der Autor rät zu Notlügen, um Lücken zu kaschieren.
  • 1980er: Die handschriftliche Variante wird langsam durch einen getippten Lebenslauf ersetzt, die tabellarische Form setzt sich durch. Lebensläufe werden länger. Es zeigen sich Formen der Angloamerikanisierung, da erstmals auch „Job Descriptions“ und Erfolge in die Unterlagen einziehen.
  • 1990er: Hesse/Schrader erfinden das Selbstmarketing mit zahlreichen Neuerungen: Lebensläufe dürfen 2-3 Seiten sein, eine dritte Seite wird von Fall zu Fall empfohlen, Deckblätter machen sich breit. Gegen Ende der 90er werden auch die Fotos immer größer. Aus dem ehemaligen Lichtbild wird ein Portraitfoto, das mit den Jahren immer größer wird.
  • 2000er: Die Online-Bewerbung setzt sich seit etwa 1998 langsam durch. Der große Umbruch kommt aber erst ab 2002 und dann noch mal ab 2006. Ab 2002 akzeptieren große Unternehmen wie Siemens alle drei Bewerbungsarten (E-Mail, Online-Formular, Post) gleichwertig und behaupten, keine Form zu bevorzugen. Ab 2006 werden die Ansagen eindeutig: Nur noch über das Online-Formular geben heute viele große Konzerne die Marschrichtung vor. Die E-Mail-Bewerbung mit einem PDF wird vor allem von deutschen mittleren und kleineren Firmen bevorzugt, während im Ausland teils lieber Worddokumente gesehen werden. Ein Grund für den Siegeszug ist auch das Allgemeine Gleichstellungsgesetz AGG, das den Unternehmen Dokumentationspflichten auferlegt, die mit digitalen Dokumenten leichter zu erfüllen sind.
  • ab ca. 2005: Netzwerke wie Xing und Facebook revolutionieren das Networking und damit direkt (Xing) und indirekt (Facebook) auch die Jobsuche. Bei Xing kann jetzt jeder Angestellte aufgrund seines interessanten Profils von anderen abgeworben werden (was einige Unternehmen verführt, ein Xing-Verbot in ihre Arbeitsverträge zu schreiben). Bei Facebook haben nun schon 18jährige zwischen 300 und 400 Kontakte. Wartet ab, wenn die alle in Jobs und Entscheidungsfunktionen sind – auf offizielle Ausschreibungen wird man dann lange warten… Man kennt ja den alten Facebook-Buddy. Menschen kommunizieren ganz anders miteinander, Networking und Empfehlungen bekommen eine neue Bedeutung. Richtige Bewerbungen wird es deshalb immer seltener geben – die Menschen lassen sich lieber im Internet finden.
  • 2011: Infografiken machen sich breit, z.B. Visualize.me. Der Trend geht zu mehr Übersicht – auch weil die Informationen in Lebensläufen immer detaillierte werden und gerade in wissensintensiven Berufen nur noch fachlich versierte Personen überhaupt verstehen, was sie da lesen…
  • 2012: Die Zahl der englischen Bewerbungen nimmt weiter zu. Es besteht immer weniger Notwendigkeit, Lebensläufe auch auf Deutsch vorzuhalten. Die Tabelle stirbt langsam….statt dessen dürfen Kurzbeschreibungen den ganzen Raum des Bildschirms einnehmen (so wie im angloamerikanischen Sprachraum auch).

(dieser Beitrag stammt aus dem Jahr 2009, überarbeitet 2012).

Svenja Hofert ist Management- und Karriereberaterin. Mit ihren beiden Unternehmen entwickelt sie Menschen, Teams und Organisationen. Der Schwerpunkt von Hofert Tätigkeit liegt in der Ausbildung sowie im Coaching und der entwicklungsbezogenen Beratung von Führungskräften, Teams und Unternehmen. Hofert hat ab 2000 das Büro „Karriere und Entwicklung“ in Hamburg aufgebaut und unter anderem ein Startup-Portal etabliert, bevor sie 2015 die Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung GmbH mit Thorsten Visual gründete. Hofert lebt in der Nähe von Hamburg und etwa ein Drittel des Jahres in Marbella, Spanien. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat die gebürtige Kölnerin über 30 Bücher geschrieben, darunter immer wieder Longseller und Standardwerke, die bis zu acht Auflagen erreichten. Standen zunächst die Themen Karriere und Beruf im Mittelpunkt, erweiterte sie ihren Blick ab 2004 zu Gründung, Management und Unternehmensführung, um schließlich ab 2009 auch Teams und die neue Arbeitswelt in den Fokus zu nehmen. Der rote Faden blieb die Verknüpfung von betriebswirtschaftlichen, philosophischen und psychologischen Perspektiven – und ein Fokus-Thema: Die Entwicklung von Menschen, Gruppen, Organisationen. Buchung |

6 Kommentare

  1. sevenjobs 7. Januar 2009 at 21:00 - Antwort

    Das ‚im Internet finden‘ wird häufig unterschätzt, denn das Internet vergißt nichts. ich wundere mich oft, mich welcher Offenheit Leute in ihren Blogs z.B. fremdenfeindliche Reden schwingen, die ihnen beim nächsten Bewerbungsgespräch natürlich unter die Nase gerieben werden: „Wie stellen sie sich vor mit unseren ausländischen Mitarbeitern zusammenzuarbeiten?“ Nichts ist einfacher als den Namen eines Bewerbers zu googlen.

  2. blogfeuer 28. Januar 2009 at 21:22 - Antwort

    Schoener Artikel!
    Aber ich muss auch im Jahr 2009 sagen… Es gibt noch viele Firmen, die mir in meiner alten Bewerbungsphase woertlich am telefon sagten „Schicken sie es per post – alles andere wird nich gelesen“…
    UND zum Thema Online_bewerbungen als PDF oder im Bewerbungsplattformen — vieles geht da echt unter – aus eigener Erfahrung.
    Deswegen spaetestens nach 1-2 Wochen nach dem Erhalt fragen!
    Das gilt nicht unhoeflich.. Wenn Firmen es nicht schaffen, ne Bestaetigung automatisch zu generieren oder auch haendisch zu verschicken, müssen sie mit Nachfragen rechnen.

  3. […] und gleichzeitig eher vorsichtig Neues eingeführt. Die Geschichte der Bewerbung, über die ich hier bereits berichtete, zeigt das […]

  4. […] Svenja Hofert: »Die Geschichte der Bewerbung von 1970 bis 2012« […]

  5. Annika 30. Dezember 2017 at 11:54 - Antwort

    Hallo,
    gibt es vielleicht auch noch Quellenangaben dazu?
    Das wäre echt super!

    Vielen Dank im Voraus!

    • Svenja Hofert 2. Januar 2018 at 19:36 - Antwort

      nein, da alles von mir selbst recherchiert ist – es gibt dazu nur meine eigenen Recherchen

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