Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

1,2,3 – keiner mehr dabei

Von | 2010-09-20T13:31:13+00:00 20. September 2010|

Neulich beim Zahnarzt. Wo sind bitte all die netten Blondinen, die gerade Frauen und Privatpatienten absichtlich so weit nach hinten legen, dass die Halsstarre droht?

„Weg. Die haben während meines Urlaubs alle gekündigt“, erwidert der Arzt. Vier Mitarbeiterinnen gekündigt. Schwanger, keine Lust mehr, einfach nicht mehr gekommen.

Die Szene ist echt, aber nachgespielt und einer Kollegin bei ihrem Zahnarzt passiert. Meine Zahnärztin beschäftigt keine Blondinen. Womöglich der Grund, dass die eine oder andere länger als ein halbes Jahr bleibt. Sicher nicht der einzige. Kurze Verweildauern und fluchtartige Kündigungen haben immer einen Grund – und der liegt weit überwiegend in der Person des Chefs, seinem Führungs- oder besser Nicht-Führungsverhalten.  Selbstständige, durchaus nicht nur Ärzte, sind oft eckige und kantige Persönlichkeiten. Schon unsere Studie hat bestätigt, dass Einzelkämpfer nicht so teamaffin sind wie Angestellte.

Für die Angestellten, die dicht an dicht mit einer Kantenpersönlichkeit arbeiten müssen, kann das hart sein. Der Chef ist immer da und nah. Man ist seinen oder ihren Stimmungen ausgeliefert. Ohne Stoßdämpfer. Während Manager in Konzernen geformt und durch Trainings geschliffen sind und sich schon aus Karrieregründen taktisch verhalten müssen, sich zudem durch unterschiedliche Vorgesetzte und Hierarchien manches abmildert, agiert hier der Mensch wie er ist: autokratisch, diktatorisch, aber auch zaghaft, unentschlossen, ängstlich. Viele sagen sich: Ist ja mein Laden, da muss ich mich nicht anstrengen. Egal wie er ist, der Chef in kleinen Unternehmen, Praxen und Kanzleien vergisst gern, dass er da eine Verantwortung übernommen hat und nicht nur die Gehaltszahlung, sondern auch die Personalentwicklung seine Aufgabe ist. Ein Kollege erzählte mir neulich, genau dies sei der Grund, aus dem er nur mit Freelancern arbeiten möchte. Keine Lust auf diese Verantwortung hätte er.

Der Zahnarzt mit der leeren Praxis allerdings kann keine freiberuflichen Arzthelferinnen beschäftigen.  Wenn er nicht den nächsten Eklat erleben will, muss er etwas tun: sich selbst entwickeln und dann auch das Personal. Und die Personalauswahl überdenken: Denn oft wählen Chefs die falschen Mitarbeiter aus. Wie wäre es statt der niedlichen Blondine mit einer resoluten Mittfünfzigerin, Herr …. Sie wissen schon?

Aber egal wie alt oder blond: Mitarbeiter brauchen Aufmerksamkeit und Pflege. Wer jemanden einstellt, hat unmittelbar Einfluss auf dessen Wohlbefinden – schließlich ist in Work-Life-Balance-Zeiten mehr als je zuvor das Leben eine Einheit. Wer sich aber wohlfühlt und eine vernünftige Bindung zum Chef hat, lässt nicht alles stehen und liegen, während dieser im Urlaub weilt.

Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

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