Ich liebe Tests. Nicht die in Brigitte & Co., die geben mir nichts. Nein, wissenschaftliche Tests. Solche, die sagen wer und wie du bist. Alle Sorten: kognitive Test, Konzentrationstests, Lerntypentests, Persönlichkeits-, Potenzial- und Motivationstests. Tests, die dich bestätigen oder besser noch, ein paar Fragen aufwerfen. Neue Aspekte zeigen. Oder Sorgenfalten auf die Stirn zaubern, wenn sie im Assessment Center als Teil eines Auswahlverfahrens angewendet werden. Darum geht es in diesem Beitrag: Ich möchte Ihnen anhand meiner eigenen Erfahrung die wichtigsten Tests vorstellen, Links liefern – und en passant das Bewusstsein für Sinn und Unsinn solcher Frage-Antwort-Spiele namens „Test“ schärfen. Ich habe etwa 50 Tests gemacht in meinem Leben und keinen einzigen bereut. Wer keine Erfahrung mit Testverfahren hat, sollte aber vorsichtig sein.

Niemals sollten Sie Tests machen, wenn Sie keine fachliche Auswertung erhalten und jemanden neben sich haben, der das Ergebnis mit Ihnen gemeinsam einordnen und bewerten kann. Online-Tests ohne persönliches Coaching – vergessen Sie es. Ich bin deshalb auch verwundert, dass z.B. an der Nordakademie in Elmshorn wild getestet wird, ohne dass die Teilnehmer eine vernünftige und persönlich-individualisierte Auswertung erhalten. Unerfahrene Menschen dürfen mit Ihren Testergebnissen nicht allein gelassen werden. So, nun aber genug gewarnt, das war´s  zu den Risiken und Nebenwirkungen.

IQ-Test

Meine erste Begegnung mit einem Test hatte ich in der 12. Klasse im Fach Erziehungswissenschaften. Der Test war ein Intelligenztest. Wir lernten, dass ein Abiturient einen IQ von 100 bis 110 hat (oder haben sollte). Leider hatte mein Sitznachbar einen IQ von 90. Auf mich hatte er bis dato ganz intelligent gewirkt. „Kann nur Blödsinn sein“, flüsterte ich ihm zu. Glücklicherweise schaffte er trotzdem sein Abitur und anschließend sogar ein Studium (laut Theorie hätte er dazu eigentlich einen IQ von 110-120 gebraucht). Anders übrigens als ein anderer Schulkollege mit einem IQ von 150, der später Chemie studierte. Der scheiterte lange vor dem Abschluss, wenn ich mich recht erinnere, am Sinn des Lebens oder dem Fehlen desselben. Schön, dass auch diverse Studien bestätigen: Der IQ sagt wenig über beruflichen Erfolg aus. Nutzt ja nichts, wenn jemand zwar denken, aber nicht umsetzen kann.

Tests im AC

Meine zweite Begegnung mit einem Test hatte ich während einer Jobsuche nach dem Studium. Ich wurde eingeladen zu einem so genannten Assessment Center; es war mein erstes und ich ahnte nicht, was auf mich zukam. Man setzte mich in einen einsamen Raum und packte einen Stapel Papier auf meinen Schreibtisch. In sechs Stunden sollte ich einen Haufen Aufgaben bearbeiten, davon erinnerte mich ein Teil gefährlich an den IQ-Test aus der Schule. Ich entschied mich, nach den ersten drei Aufgaben zu gehen. Seitdem weiß ich, dass offensichtlich auch Leute Assessment Center konzeptionieren, die nicht unbedingt die Anforderungen des Jobs der Einstellung zur Grunde legen. Die  Unternehmensvertreter werden das anders gesehen haben, aber was soll´s – wir drei wären nicht glücklich geworden miteinander: dieser Job, das Unternehmen und ich.

Tests zur Persönlichkeit

Wenige Jahre nach dem besagten AC, begegnete mir der Test mit den vier Buchstaben – DISG oder DISC – bei jemanden, der sich damit auf eine Stelle bewarb.  Er hatte seine Auswertung der Bewerbung beigelegt. Ich wunderte mich über ganz viel „D“ (für dominant) und so gut wie gar kein „G“ ( gewissenhaft), machte den Test selbst und beschaffte mir die notwendigen Infos, das Ergebnis zu verstehen. Natürlich sendete ich die Bewerbung dann zurück: ein Selbstdarsteller, dem man keinen einzigen Aktenordner anvertrauen konnte, war nichts für den Job. Deshalb mein Rat an alle Bewerber: Legt keine Testergebnisse bei, vor allem  nicht solche mit extremen Ergebnissen.

Manipulieren sollt ihr aber auch nicht; ein schlauer Test bekommt das raus und spielt im Zweifel gegen euch. Manipulation geht immer nach hinten los. Wenn Sie authentisch nicht passen, verbiegen Sie sich, und das tut niemand gut.

Tests zur Unternehmereignung

Kurz bevor ich den Sprung in die Selbstständigkeit aus einer sicheren Position heraus wagte, ermittelte ein Test, dass ich eigentlich nicht besonders geeignet sei für Unternehmertum (was sich inzwischen, 11 Jahre später, als falsch herausgestellt haben sollte). Bevor ich mich davon abschrecken ließ, begegnete mir der Organisationspsychologe Edgar Schein und sein Karriereanker. Ich ermittelte für mich „Unabhängigkeit“, dicht gefolgt von „Inhalt“ und „Unternehmerische Kreativität“. Das ist es, dachte ich, ein Test der kein Test ist und dennoch so viel aussagt über Karrieren unserer Zeit – und Motivationen unserer Gesellschaft. Ich arbeite heute noch damit. Ideal übrigens in Kombination mit dem Big5 – hohe Werte bei Offenheit und Extravertiertheit sowie niedrige bei Neurotizismus können unternehmerischen Erfolg sicherer voraussagen als der Test, den ich damals machte.

Test für Lerntypen

Im Rahmen meiner Trainerausbildung ermittelte ich meinen Lerntyp: Bei  mir dominiert Lernen durch Erfahrung und Bewegung, was erklärt, warum ich niemals Betriebsanleitungen lese, sondern alles selbst erkunde – und sogar beim Joggen Konzepte erstelle. Gleichzeitig kann ich mit Mindmaps nichts anfangen, weil ich kein visueller Lerner bin. Das Wissen um Lerntypen kann ich heute aber gut in der Beratung umsetzen. Ich merke das schon anhand der Sprache, die jemand nutzt und stelle mich darauf ein – wenn es sein muss auch mit Mindmaps.

Potenzialanalysen

Vor ca. acht Jahren kam ich auf das Bochumer Inventar (BIP), dass ich in der Folge einige Jahre per Hand und mit umständlichen Schablonen auswertete. Der BIP half, Tendenzen im beruflichen Profil zu erkennen, etwa über die Führungsmotivation oder die Gewissenhaftigkeit eines Probanden. Aber für meine Kunden war er nur begrenzt verständlich.  Heute steht  ein blauer Hogrefe-Koffer mit Fragebögen in meinem Büro. Wenn Sie mögen: Ich verkaufe ihn für einen Bruchteil der Einkaufskosten 😉

MBTI, Keirsey & Co.

Wann genau mir der MBTI mit seiner Variante Keirsey das erste Mal über den Weg lief, weiß ich nicht mehr. MBTI/Keirsey basieren auf C.G. Jung und ermitteln Persönlichkeitstypen anhand von vier Buchstaben. Ich habe den Test vier Mal selbst durchgeführt habe, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Immer war ich jedoch ein „NT“-Typ, einmal INTP, einmal INTJ, aber auch ein ENTP war dabei. MBTI unterscheidet mit den vier Buchstaben z.B. Extraversion (=E) und Intraversion (I). Wenn Werte dicht beieinander liegen, z.B . 55% Extraversion und 45% Intraversion, kann es wie bei mir zu Schwankungen kommen. Das sollte man wissen, bevor man seine vier Buchstaben zu ernst oder sogar als Grundlage für Berufsentscheidungen nimmt. Davon halte ich ohnehin nicht; ich sprach schon mal darüber.

Einmal machte ich den MBTI in Form des NeuroIPS, das ist ein visuelles Verfahren – sehr spannend! Auch den Golden Profiler absolvierte ich; das ist die MBTI-Version, die die Finanzberater von MLP (Finanzberater) Absolventen „schenken“, um sie so als Kunden zu binden.  Ziemlich verantwortungslos finde ich das, auch wenn jeder Auswerter zertifiziert sein muss. Aber was ist die Auswertung von jemand wert, dessen primäres Interesse darin liegt, Kunden für Finanzgeschäfte zu gewinnen? Ganz schwierig finde ich das. Jemand, der so einen Test auswertet, braucht Erfahrung und sein Interesse muss es außerdem sein, eine Lösung für den Menschen zu finden, der vor ihm sitzt. Wenn ich aber mein Geld mit Provisionen verdiene, habe ich das nicht. So sehe ich das wenigstens.

Und sonst

Ich habe auch noch den Birkman (ähnlich DISG, da bin ich auch zertifiziert), den Belbin-Test, den Identity Compass (toll!), das Team Management Rad von Margerison und McCann, Captain Online, Hermann Dominanz und erst letzte Woche die Profiling Values gemacht (und bestimmt noch weitere Tests, an die ich grad nicht denke). Letzterer unterscheidet Können und Wollen, was an sich ein spannender Ansatz ist. Doch der Test ist zu erklärungsbedürftig, um ihn in der Beratung mit Privatklienten einzusetzen.

Ganz anders als der Motivationstest nach Steven Reiss. Diesen Test entdeckte ich 2005, drei Jahre später ließ ich mich zertifizieren. Was mich faszinierte, war der Ansatz, einen Menschen über seine Motivationen zu beschreiben. Dies hat mir schon bei Ed Schein so gut gefallen. Motivation ist die Grundlage für alles. Die Motivationstruktur eines Menschen prognostiziert Verhalten in nahezu allen Situationen des Lebens. Sie sagt viel aus über die Berufswahl, die ideale Umgebung, Konflikte in der Partnerschaft oder im Chef-Mitarbeiter-Verhältnis. Ich habe keinen anderen Test gesehen, der so umfassend und zugleich werturteilsfrei beschreibt, was einen Menschen ausmacht.  Da geht es nicht um gut oder böse, um „passt“ oder nicht. Da geht es darum, zu erkennen was jemanden antreibt.

Und das ist wichtiger als alles andere. Denn: Aus der Motivation entsteht Wollen, aus Wollen Können. So einfach ist das.

Freue mich über Erfahrungen und Meinungen zu  den hier genannten Tests und anderen!