Charles Darwin war es. Franz Kafka. Albert Einstein.  Anscheinend mehr Männer als Frauen. Kate Bush, Tori Amos, scheint so, an der Frauenfront. Was verbindet diese Menschen?

Ihre Introversion.

Lassen wir Steve Wozniak, den Apple-Gründer, genial, erfolgreich, introviert, sprechen:

„Ich erwarb eine zentrale Fähigkeit, die mir meine ganze Karriere helfen sollte: Geduld. Ich meine es ernst. Geduld wird gewöhnlich völlig unterschätzt. Bei allen Projekten von der dritten bis achten Klasse lernte ich die Dinge nach und nach… Ich lernte nicht so sehr auf das Ergebnis zu schielen als mich auf den gerade anliegenden Schritt zu konzentrieren und ihn so perfekt wie möglich zu machen.“*

Der Ehrgeiz des Genies. Vermutlich ist Wozniak ein INTJ, der Typ „Mastermind“ nach dem MBTI. Jemand, der sich reinkniet und seinen Plan mit aller Konsequenz verfolgt. Natürlich ist nur ein Bruchteil der Introvertierten so. Aber gemeinsam ist ihnen: Sie arbeiten konzentrierter und verschwenden ihre Zeit weniger mit Oberflächlichkeiten. Berühmt werden sie eher zufällig, gepusht von einem extrovertierteren Geschäftspartner oder post mortem. „Tue Gutes und rede darüber“ – für viele Introvertierte ein Spruch, der ihnen bedrohlich vorkommt.

Auf meinem Nachttisch liegt ein sehr gutes Buch, „Still. Die Bedeutung des Introvertierten in einer lauten Welt.“ Bei Cain finden sich kluge Gedanken und eine Menge neue Sichtweisen. Was mich jedoch stört: Sie schreibt den Introvertierten ein wenig zu viel Genialität und den Extrovertierten zu viel Phrasendrescherei zu. Der eine stiller Denker, der andere Laut-Sprecher. So leicht ist das nicht. Es gibt unter den Introvertierten nicht nur denkfreudige und kreative Genies, sondern auch …. empathiefreie Vielredner, Prinzipienreiter und denkfaule Phlegmatiker. Cain beschwert sich über Klischees und beschwört selbst welche herauf. Und nicht zuletzt, das sagt auch Cain, gibt es eine größere Gruppe Ambivertierter, die von beiden Seiten etwas zu einer Mischform verbinden.

Lieber allein als im Team

Ob jemand introvertiert oder extrovertiert ist, sieht man nicht und hört man nicht. Es gibt redefreudige und eloquente Introvertierte und stille Extrovertierte. Es gibt nachdenkliche Extrovertierte, und unreflektierte Introvertierte. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist nur vom In- oder Extrovertierten selbst, durch einen Test oder gute Beobachtung des Verhaltens zu erkennen: Extrovertierte brauchen andere Menschen wie die Luft zum Atmen, und auch gemeinschaftliche Aktionen größerer Gruppen sind für ihre Batterien Plus. Introvertierte brauchen Ruhe und Alleinsein – auch wenn sie es schön finden unter anderen zu sein; nach einem Event ist Erholung angesagt. Introvertierte arbeiten meist lieber allein, Extrovertierte (meist) bevorzugt mit anderen zusammen. Introvertierte haben deshalb oft eine größere Neigung zum Schreiben als zum Sprechen; ihre Gedanken entfalten sie leichter, wenn sie „unter sich selbst sind“; nicht wenige Extrovertierte  dagegen entwickeln ihre Ideen beim Reden. Deshalb ist die moderne Teamkultur mit vielen Meetings für Introvertierte ein Graus. Sie mögen Austausch durchaus, aber besser dosiert und via Computer. Small Talk können sie vielleicht halbwegs, aber Spaß macht er ihnen nicht.

Schwarze Schafe

Etwas anderes ist auch typisch: Viele der besonders erfolgreichen Introvertierten waren in ihrer Kindheit Außenseiter. Die Rolle erhielten sie oft, weil sie sich für Dinge interessierten, die den anderen egal waren, Technik oder Mathematik typischerweise – wobei manchmal nicht klar ist, was eher da war: die Ausgrenzung oder das Interesse; sagt auch Steve Wozniak in iWoz. Die Vergangenheit als schwarzes Schaf macht sie mitunter eigensinniger, sarkastischer, manchmal aber auch menschenfreundlicher. Weil sie sich nach innen ausrichten, entwickeln sie leichter besondere Talente. Sie haben schlechterdings mehr Zeit zum Üben. Intelligenter, sagt Cain und zitiert Studien, sind sie nicht.

Yeah, du kannst

In den letzten Jahren und Jahrzehnten schwappte das extrovertierte amerikanische Yeah-Denken „Du kannst alles, Hauptsache du redest genug über dich selbst“ über die Introvertierten wie eine riesengroße Monsterwelle. Die laute Welle hinterließ bei ihnen das schlechte Gefühl, sich auch verkaufen und damit verbiegen zu müssen.

Von hier ist es nicht weit zu Selbstmarketing und Akquise. Wer als Experte Tipps gibt, propagiert überwiegend die kontaktfreudige, lockere „Hier-bin-ich-und-ich-bin-toll“-Haltung. Neulich traf ich einen Introvertierten, der sich so ein Ich-bin-Toll-Verhalten mit einem Buch angelernt hat. Er fühlte sich unwohl damit – und wirkte auch gekünstelt und unauthentisch. Ich sage: Weg damit. Das Erlebnis in einem Rhetoriktraining, an dem ich in den 1990er teil genommen habe, hat mich sehr geprägt. Dort waren nur Verkäufer; am Ende der Woche gab es einen Redewettbewerb. Einer der Teilnehmer war introvertiert und zurückhaltend, aber auch unheimlich sympathisch. Er redete nicht lange rum. Im Wettbewerb wurde er zweiter hinter einem kontaktorientierteren Extrovertierten.

Ich selbst kaufe lieber bei authentischen Leuten, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie meinen, was sie sagen. Sobald der leise Verdacht des Auswendiggelernten oder Marketingstrategischen in mir aufkeimst, juckt es mich in den Fingern, den Verkäufer zu enttarnen. Ich drücke auf den Stopp-Knopf, wenn inhaltsleere Laberei anfängt – und habe damit schon einige Akquisiteure ans Ende ihres Lateins gebracht.

Studien besagen, dass der Introvertierte weniger erfolgreich seien. Doch was ist Erfolg? Es mag zwar sein, dass die größten Das-schnell-Geldmacher meist Extrovertierte sind. Aber die genialen Erfinder und kreativen Bahnbrecher sind so gut wie immer die Introvertierten. Ihnen kommt das Internet sehr zupass. Das Netz ist DIE Plattform für Menschen, die lieber auf Abstand mit anderen kommunizieren und sich gern inhaltlichen Dingen widmen.

Befreien Sie sich vom Verkaufszwang

Viele Introvertierte glauben nicht passend zu sein für diese marktschreierische Welt.  Zwei Beispiele, die Sie sicher kennen: „Inhalt ist nur zu 10% wichtig“ – welch ein Blödsinn! Niemals hat sich mal jemand gefragt, wie und wodurch dieses „Studienergebnis“ zu beweisen wäre. Es wird einfach so angenommen und lustig weiter zitiert. Schneeballwissen nenne ich das: einer greifts auf und die anderen werfen es weiter. Schneeballwissen steckt auch in „Es gibt keine Chance für einen ersten Eindruck“. Das stimmt ganz einfach nicht.

Extrovertiert aufladen muss nicht sein

Sie sind eher ruhig und keine natürliche Labertasche? Hören Sie nicht auf das, was man ihnen einflüstert. Sie müssen nicht auf Netzwerk-Partys gehen und mit jedem, der nicht schnell genug weglaufen kann, zwei Minuten reden, um Ihr auswendig gelerntes Elevator-Pitch-Sprüchlein abzulassen. Sie müssen sich nicht (im falsch verstandenen Sinn) extrovertiert aufgeladen auf Kunden stürzen, um diese für sich zu gewinnen. Es geht auch anders – am besten so wie es Ihnen entspricht.

Introvertierte sind die besseren Manager!

Auch in der Führung wird die Kraft der Introversion unterschätzt. Man fordert Ellenbogen-Mentalität, perfekte Rhetorik und die Fähigkeit wie Politiker mit vielen Worten nichts zu sagen. Dabei gibt es aktuelle Studien, die belegen, dass introvertierte Manager erfolgreicher sind als extrovertierte, wenn sie ein Team aus eigenständigen und selbstorganisierten Mitarbeitern führen. So gesehen gehört den Introvertierten die Zukunft, denn unsere Arbeitswelt braucht mehr jener Menschen, die nicht für jeden Schritt eine Arbeitsanweisung brauchen.

*aus dem Buch von Susan Cain zitiert