Heute fand ich einen Artikel über Schwächen bei Career Builder mit den Kollegen von Karriereexperten. Wieder mal Zeit, etwas zu Schwächen zu sagen. Ist „what are your weaknesses“  doch auch im englischsprachigen Bereich aus Bewerbersicht nach wie vor der die schwierigste, ja schrecklichste Frage überhaupt.

Nun steht dieser Blog unter dem Motto „Arbeit der Zukunft“ und die erste Frage muss deshalb lauten: Ist so eine Frage überhaupt noch zeitgemäß, gibt es nicht modernere Interviewtechniken? Nein, natürlich ist die Frage NICHT zeitgemäß. Sie provoziert dämliche, auswendig gelernte Antworten vom Typ „ich bin ungeduldig“. Und diese Antwort sagt rein nichts über den Bewerber…außer: er ist möglicherweise etwas phantasielos (oder gerade in diesem Augenblick). Oder: Er liest Ratgeber und lernt auswendig. Schlauer bin ich also als Personaler bei dieser Antwort nicht. Wenn ich es dabei belasse, mache ich höchstwahrscheinlich auch Zuschreibungsfehler.

Nichtsdestotrotz ist es absolut sinnvoll, eigene Schwächen identifiziert zu haben. Und halten Sie sich jetzt fest – nicht etwa, weil ich wie alle anderen glaube, man solle Stärken stärken. Ich finde: Viele der selbstempfundenen Schwächen sind der Einbildung geschuldet. Ich will Ihnen ein Beispiel als selbst Betroffene nennen: Ich halte mich nicht für eine mathematische Leuchte, weil  ich abhängig von Lehrer und Thema von einer 1 bis zu einer 5 alle Noten mal hatte. Ich bildete mir irgendwann ein, stärker in Textaufgaben zu sein als im Rechnen, also vermied ich das Kopfrechnen. Nun habe ich neulich mit meinem Partner und meinem Sohn einen Schnellrechenwettbewerb im Auto durchgeführt. Beide sind Mathe-Einserkandidaten. Was soll ich sagen? Ich habe den Wettbewerb gewonnen.  Das hat eine Theorie bestätigt, die ich seit längerem habe: Entscheidend für die Wahrnehmung von Schwächen sind eigene Erfahrungen und das Feedback von anderen. Bekomme ich wenig Bestätigung für etwas, höre ich entweder auf mich damit zu beschäftigen oder sage bei ausgeprägten Kampfgeist „jetzt erst recht“. Siehe Talent und 10.000-Stunden-Regel.

Sollte ich also jemals noch mal selbst in einem Vorstellungsgespräch sitzen, könnte ich etwas in der Art sagen: „Ich dachte immer, ich könne nicht so gut Rechnen. Aber ehrlich gesagt, bin ich seit einem Erlebnis aus dem letzten Monat nicht mehr so sicher.“ Dann erzähle ich meine Anekdote. Der Personaler wird diese Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit gut finden. Selbstreflektion sieht er darin, und die ist nötig für den Weg nach oben. Auch die Bereitschaft Dinge zu tun, von denen man meint, man könne sie nicht, sieht er.  Die ist nötig, um sich zu entwickeln. Wenn ich mich dann nicht gerade für einen Job als Finanzbuchhalter bewerbe, sollte das Punkte geben.

Bei meinen Kunden erlebe ich: Da werden Themen als Schwächen gesehen, die irgendwie negativ besetzt sind. „Ich kann nicht schreiben, bin nicht kreativ, kann nicht präsentieren, bin nicht perfekt in XX… und überhaupt.“  Das ist ein relativ typisches Frauen-Ding: Ihnen fallen viele Schwächen ein. Häufig ist die Schwäche in realiter aber deutlich kleiner als selbst gesehen und das Talent größer als erkannt.

Bei Männern, mit Verlaub, sieht es manchmal, nicht immer, anders herum aus. Es kann sein, dass sie wirklich keinerlei Schwächen bei sich sehen, aber natürlich trotzdem welche haben, z.B. fehlende Selbstreflektion. „Hm, Schwäche…?“  Schwächen erkennen fällt übrigens genauso schwer wie das Sehen von Stärken. Auf eine meiner Lieblingsfragen „wenn Sie in einem Satz ohne Komma Ihre Persönlichkeit beschreiben müssten, was sagen Sie?“ führt eigentlich immer zu den gleichen Antworten. ITler sagen *immer* „ Ich bin sehr analytisch“. Dann sage ich: „Das sagen 100% Ihrer Kollegen auch.“

Ab dann wird es ernst; ich kann bohren und dann finde ich was. Auch immer, denn dabei helfen situationsbezogene Fragen, die übrigens auch weitaus effektiver sind als die nach den Schwächen. Aber man braucht seine Zeit, um etwas „Echtes“ rauszukitzeln. Man muss Antworten auch einordnen können. Man braucht Erfahrung. Um sich nach Schwächen zu erkundigen, braucht man die nicht.

Auch der Bewerber braucht Erfahrung. Mit sich selbst. Er kann sich nicht erst im Vorstellungsgespräch finden. Deshalb finde ich, ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit die beste Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche. Und überhaupt, das ganze Leben.