Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Warum sind Deutsche und Amerikaner „kreativ“, Spanier „führungserfahren“ und Irländer „motiviert“?

Von | 2011-12-18T23:45:32+00:00 18. Dezember 2011|

Richard Floridas „The Rise of the creative class and how it´s transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life“ ist jetzt schon fast 10 Jahre alt. Florida sagt, dass eine neue kreative Klasse die Welt in ein kreatives Zeitalter führen werde. Diese kreative Klasse würde für die Produktion von Neuem bezahlt – und nicht mehr für so etwas Schnödes wie Industriearbeit oder Dienstleistung.

Florida ist ein Visionär. Und ein Idealist, wie viele Visionäre. Sie gehen von sich selbst aus, und vergessen wie Menschen wirklich sind. Die allermeisten orientieren sich an anderen und brauchen Vorgaben und Rahmen, in denen sie denken und sich bewegen. Die allermeisten sind es nicht gewohnt, Neues zu produzieren. Deshalb wird es das kreative Zeitalter vorerst nicht geben. Nichtsdestotrotz wird Floridas Wort missbraucht, nicht nur in Florida und den USA, sondern auch bei uns.

Die neue Linkedin-Studie der top-overused buzzwords zeigt den Missbrauch des Wortes kreativ, dieser Vokabel der Freiheit und des Fortschritts. In Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien, Kanada: Überall herrscht kreativ in den Internetprofilen. Das sagt einiges über unser Selbstverständnis – und teilt schlussendlich auch die Welt in kreativ und „irgendwas anderes“.

So führt in Spanien interessanterweise „managerial“ die Liste an. Kurz in Madrid nachgefragt, wie das zustande kommt. Antwort: Wer derzeit in Spanien einen Job finden möchte, sollte besser führungskompetent sein, mit Akademikern ohne Erfahrung könne man dort die Straße pflastern.

Das in Italien führende „Problem solving“ mag die Hinterlassenschaft eines Langzeit-Problemverursachenden Berlusconis sein, außerdem einer traditionell langen Betriebszugehörigkeit geschuldet sein. Wenn Angestellte in Italien ihren Job wechseln, dann weil sie Probleme lösen müssen, die durch zu langes Festhalten am Althergebrachten verursacht wurden. Ist jetzt zugegebenermaßen sehr frei interpretiert.

Das „multinational“ in Brasilien scheint sich durch den Drehscheibencharakter des Landes leicht zu erklären. Wer hier einen Job ergattern möchte, sollte am besten mit der ganzen  Welt kommunizieren können.  „Effective“ als führendes Buzzword in Indien mag der Tatsache geschuldet sein, dass Effektivität hier eben nicht selbstverständlich ist, und fehlende Effektivität doch heftige Schäden verursacht. Ich erinnere mich an die kleine Szene, die mir ein Bekannter schilderte: Er fragt den indischen Mitarbeiter, ob er alles verstanden hätte – der nickt. Am Ende braucht der drei Wochen zur Erstellung eines PDFs. Dazwischen liegen 15 Fehlerkorrekturen und verzweifelte Versuche zu ergründen, was der Inder nun verstanden hat und was nicht.

Am Ende mit meinem Latinum bin ich allerdings bei Irland. Dort führt „,motivated“ die Hitliste an. Ja, das Land hat in diesem Jahr die höchste Arbeitslosigkeit seit 17 Jahren erreicht, über 14%. Sind die Menschen in den Boomjahren der Insel-IT vielleicht etwas faul geworden? Ist in schlechten Zeiten ein „ich bin motiviert“ ein passenderer Lockruf als „ich bin kreativ“?  Oder haben die Iren schlicht Richard Florida vergessen zu lesen?

Wie sieht es mit dem Kreativ-Buzzword eigentlich beim deutschen Linkedin, bei Xing aus?

Ich habe mir erlaubt, das zu testen. Leider zeigt Xing auf Suchanfragen stets die Maximalzahl von 300 Ergebnissen an, so dass man exakte Zahlen nicht ermitteln kann. Deshalb habe ich meinen kleinen Test auf meine Kontakte zweiten und dritten Grades beschränkt. Und siehe da:

  • Kreativ: über 300 Ergebnisse
  • Teamfähig: über 300
  • Kompetent: über 300
  • Innovativ: 174
  • Interkulturell: 58
  • Gewissenhaft: 49
  • Organisationsstark: 20

Eine klare Rangordnung, wobei kreativ und teamfähig erst mal gleichauf sind. Das Gewissenhaft dagegen schreiben sich nur 49 Menschen ins Profil, Organisationsstark gar nur 20. Kann es sein, dass diese Eigenschaften ein Imageproblem haben? Ganz offensichtlich.

Jetzt wollen Sie bestimmt wissen, welche Wörter Sie denn in Ihr Profil schreiben sollen. Versuchen Sie´s zur Abwechslung mal komplett ohne Buzzwords und beschränken Sie sich auf die Fakten – und eine Kreativität ohne das Wort kreativ zu verwenden.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

4 Kommentare

  1. Jasmin 19. Dezember 2011 at 16:43 - Antwort

    Nur ne kleine Anmerkung: Bei Xing kann man bei Suchergebnissen > 300 auch die genaue Anzahl gefunder Mitglieder einsehen: Einfach oben direkt unter dem Wort „Suche“ im Reiter „Mitglieder“. 😉

  2. […] Der Kern: Dueck zeigt auf, dass es mehrere Intelligenzen gibt – unter anderem auch eine kreative – , und in unserer Welt von morgen das zählt, was er professionelle Intelligenz […]

  3. Karriere Mann 28. Dezember 2011 at 09:15 - Antwort

    Offen und ehrlich wird eher selten in das Profil reingeschrieben, ist aber mindestens genauso wichtig und beeindruckend wie kreativ

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