Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Schleimen? Lohnt sich nicht

Von | 2012-03-15T11:34:35+00:00 14. März 2012|

Die gängigen Ratgeber nutzen alle  ähnliche Schemata: Sie zeigen uns, wie wir uns vermarkten und anpassen, damit wir einen Job bekommen und Karriere machen. Dass dieses Buckel-Verhalten geradewegs in den Burnout führt, passt nicht ins Konzept.

Aber die Arbeitswelt der Zukunft fordert keine stromlinienförmigen Opportunisten, sondern Charaktere. Deshalb ist eine Karriereberatung der alten Schule nicht mehr zeitgemäß.

Der Diplom-Psychologe Christoph Burger ist Karriereexperte und Karriereberater der neuen Generation, die ihren Kunden  nicht mehr rät, sich (vermeintlichen) Karriere-Regeln zu unterwerfen und die eigene Persönlichkeit zu unterdrücken. „Karriere ohne Schleimspur“ lautet entsprechend seine Devise – und sein neues Buch.

Schleimen sich die meisten Menschen durchs Leben?

Ein Teil passt sich zumindest sehr stark an. Vom Anpassen ist es eben nur ein kleiner Schritt zum Schleimen. Wenn jemand die Erwartungen von anderen erfüllt, anstatt auf sich selbst zu hören, ist das vielleicht kein Schleimen, aber doch ein sehr starkes Ausrichten nach dem Wind, der gerade weht.

Viele glauben aber, dass sie dieser Wind weiterträgt auf der Karriereleiter…

Die Leiter ist ja ein langsam aussterbendes Bild für Karriere. Es stimmt auch nicht. Gerade jene, die sich sehr stark anpassen, kommen oft nicht weiter. Und wenn doch, dann oft auf Kosten der Gesundheit und des Wohlbefindens. Wenn ich im Job nicht ICH sein darf, fühle ich mich nicht wohl.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen. Sind Sie ein Schleimer?

Eher das Gegenteil. Ich bin offen und manchmal direkt. Es kann sein, dass man damit aneckt. Es ist aber authentisch. Oft ist aber genau das der Schlüssel für Erfolg: Der eigenen Persönlichkeit entsprechend handeln. Das macht glaubwürdig, fühlt sich gut an und bringt einen nebenbei auch dorthin, wo man hinwill.

Jahrelang dominierten Karriereexperten das Bild, die nicht viel älter waren als wir beide, aber ganz anders dachten: Eher im Sinne „passt euch an“. Warum macht man gerade heute „Karriere ohne Schleimspur“?

Das hat ganz viel mit der veränderten Arbeitswelt zu tun. Es gibt aus meiner Sicht zwei Hebel: Aufgrund des demografischen Wandels ergeben sich mehr Spielräume, die gerade die Generation Y nutzen kann und will. Deshalb kommt das Thema auf. Der zweite Hebel ist das Alter: Jemand über 40 Jahren will sich nichts für ihn Unsinniges mehr vorschreiben lassen und sich selbst entfalten. Das macht die Zielgruppe für eine Karriere, die man früher vielleicht als „alternativ“ bezeichnet hätte, breit und groß.

Bleiben wir mal bei der Generation Y. Kann das nicht auch ins Gegenteil ausschlagen: Immer fordern, aber nichts geben? Freitag publizierte ich einen Artikel über die angeblich erheblich gesunkene Bereitschaft, heute Führungsaufgaben zu übernehmen.

Wir stehen da an einer Schwelle, an der sich viel verändern kann. Der Demografiewandel spielt den jungen Menschen in die Hand. Das kann auch dazu verführen, es zu überziehen. Ich hoffe sehr, dass der egoistische Moment sich hier nicht durchsetzt. Die Bedingungen zu Diktieren, ist sicher vielfach möglich, aber auch keine Lösung, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer zufrieden stellt.

Worum geht es dann  – wenn es mehr ist, als nur eigene Interessen durchzuboxen?

Die neuen Freiheiten könnten dazu führen, dass sich Arbeitsbedingungen zum Positiven hin verändern. Sie könnten dann zugleich menschlicher und produktiver werden. Die entscheidende Frage für den Einzelnen ist: Was tut mir gut? Es geht hier um eine Betrachtung des Lebens insgesamt, in dem der Beruf ein Teil ist. Sich da zu stark von andern steuern und auf die Spur bringen zu lassen, tut einem selbst nicht gut. Es führt zu Burnout und anderen Fehlentwicklungen.

Worum geht es dann  – wenn es mehr ist als nur eigene Interessen durchzuboxen?

Die Mehrheit meiner Kunden sucht Werte in ihrem Leben und Berufsleben. Sich um des Erfolg willens unterzuordnen, vermittelt diese Werte nicht. Ich empfehle, sich einmal seinen 80. Geburtstag vorzustellen. Wie möchte ich da auf mein Leben zurückblicken? Was bewerte ich dann als wichtig? Es wäre sehr gesund, diese Perspektive schon früher in das Leben, auch das Berufsleben, einzubringen.

Ich stelle immer wieder fest, dass viele Menschen sich auf Suche nach einer Karriere begeben, die Ihnen das Leben leicht macht und sowas wie eine Wunderpille ist. Die Motivationsjünger haben enormen Zulauf, viel mehr als seriöse Berater. Was versprechen die Menschen sich?

Sie hängen einem Traum nach, der sich nicht erfüllen wird. Sie tun das wider der Vernunft. So wie wir auch zu McDonalds gehen, obwohl wir wissen, dass das nicht gut ist. Die treibende Hoffnung ist die auf ein Wunder. Doch das gibt es nicht. Der Mensch lässt sich, wenn er erst erwachsen ist, nur noch schwer fundamental ändern. Im Berufsleben ist er damit in gewisser Weise festgelegt. Er steuert in seinen gewohnten Bahnen.

Ich sehe aber viele, die an Mantras glauben wie „Du kannst alles erreichen“.

Sowas klingt aber auch zu gut. Die Wahrheit ist, dass man sich nur innerhalb eines bestimmten Rahmens verändern kann und dafür Zeit braucht, viel Zeit. Eine normale Psychotherapie dauert mindestens 25 Stunden – verteilt auf ein Jahr. Psychotherapie ist zudem harte Arbeit, nicht einfach nur Spaß. Das gibt einen guten Anhaltspunkt dafür, was einer vor sich hat, der sich beispielsweise von einem eher schüchternen Typen zu einem agilen Verkäufer verändern will. Da reicht kein einzelner Erfolgstag.

Kommen wir mal zu einem praktischen Thema, dem Vorstellungsgespräch. Wie kann ich da auf die Schleimspur verzichten?

Indem ich mir klar mache: Okay, es ist ein Schaulaufen. Aber auch die Firma steht auf dem Prüfstand. Sind die dort vorbereitet? Pünktlich? Offen? Wer hier Warnzeichen missachtet, gerät leicht in einen Job, der nur mit täglichem Buckeln und Kröten-schlucken zu bewältigen ist. Und das wäre auf Dauer ganz sicher die falsche Stelle. 

Den Karrierecoach Christoph Burger finden Sie hier und als Mitglied der Karriereexperten.com.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

12 Kommentare

  1. Marda 14. März 2012 at 11:27 - Antwort

    Ein aktueller Song zum Thema buckeln: „Deichkind – bück dich hoch“

  2. Thomas Hochgeschurtz 14. März 2012 at 15:55 - Antwort

    Wer einen Arbeitsvertrag in einem Konzern unterschreibt, tauscht Entgelt gegen Zeit, nicht Selbstverwirklichung. Die Erfüllung von Erwartungen in die Nähe von Schleimerei zu rücken, halte ich für einen grenzwertigen Karrieretipp. Im Übrigen zeigen gerade die freiberuflichen Berater einen Hang zum „YES“-Consultant, erzählen also ihren Kunden das, was diese hören wollen. „Anpassung ohne Selbstaufgabe“ ist hier wohl das angebrachte Stichwort für angestellte, die Karriere machen wollen.

  3. Svenja Hofert 14. März 2012 at 16:33 - Antwort

    Hallo Herr Hochgeschurtz, hm, also YES-Consultants ist ein schicker Begriffe, ich klammere mich selbst aber entschieden aus 😉 …. Ich finde indes auch, dass es ohne einen gewissen Grad der Anpassung nicht geht. Auch als Berater, der sein „eigenes Ding“ macht, muss man sich anpassen. Ich passe mich andauernd an, z.B. indem ich Interviews mit Ihnen oder Herrn Burger mache, die gut gelesen werden. Wenn es nach mir ginge, würde ich mehr schwer verdauliches Zeugs schwafeln 😉 Aber: Ich passe mich nur in dem Maße an, in dem es für mich selbst vor meinem aktuellen beruflichen Hintergrund sinnvoll und meinen eigenen Werten entsprechend ist. Genau so muss es aus meiner Sicht sein, auch für Angestellte. herzliche Grüße und dank für den Input, Svenja Hofert

  4. Christoph Burger 14. März 2012 at 18:06 - Antwort

    Hallo Herr Hochgeschurtz,
    das Leben ist Anpassung! Wer die Trotzphase mit 3 nicht überwindet, wird es leider nicht in die Gemeinschaft schaffen, also nicht mal einen Schulabschluss bewältigen. „Anpassung ohne Selbstaufgabe“ sehe ich adäquat zu „Karriere mit Charakter“: Der individuelle Weg zwischen Anpassung und Selbstbestimmung. Aber wenn Sie die klassischen Karrierebücher lesen, wird einfach ganz selbstverständlich von Anpassung (Solo) ausgegangen. Der individuelle Weg wird gar nicht erst thematisiert geschweige denn problematisiert.

    Die „Yes“-Consultants zeigen dann in der Praxis auf, wo der Unterschied zwischen „uns“ (ich nehme an, ich kann Sie hier einschließen) und anderen Consultants liegt.

    Danke für Ihre Meinung & schöne Grüße, CB

  5. […] Interessen fördern ist nach allem, was ich sehe und erlebe, extrem wichtig. Dass sich Kinder freiwillig und ohne Elterliches Nase-Drauf-Stoßen ein Interesse suchen, passiert eher zufällig. Von 30 Kindern, so meine sehr private Schätzung mangels offizieller Zahlen, ist eines eigenständig und ohne Eltern-Push leidenschaftlich mit einem Thema identifiziert. Der Rest eiert rum, sucht, fängt an und hört auf. Das muss zu einem gewissen Grad auch so sein, weil Finden immer ein Prozess aus Anfangen und Aufhören ist. Nur: Viele Finden nie, weil sie viel zu kurz suchen. Mehr noch: Sie haschen nur. Das ist aktuell zu beobachten bei einem Teil der suchfreudigen Generation Y. […]

  6. Thomas Hochgeschurtz 19. März 2012 at 14:19 - Antwort

    „Karriere mit Charakter“ gefällt mir wirklich gut – Danke Herr Burger.
    Wenn man den Heiko Mell Karrieretest auf der VDI-Nachrichtenseite ausfüllt, vermittelt dieser (leider) Anpassung inklusive Selbstaufgabe. Und die Seite hat wahrscheinlich mehr Klicks als dieser Blog – Schade!

  7. Svenja Hofert 19. März 2012 at 14:39 - Antwort

    Hallo Herr Hochgeschurtz, das Denken des Beraters spiegelt sich immer in seinen Ratschlägen. Und leider war es schon immer so, dass die Innovativen (Anderen, Neudenkenden) in der Minderzahl waren. Muss auch so sein, sonst wären sie nicht mehr innovativ. LG Svenja Hofert

  8. Christoph Burger 21. März 2012 at 10:36 - Antwort

    @Hochgeschurtz: Danke, diese Rückmeldung ist sehr wertvoll für mich. Freut mich sehr!
    @Hofert: Hm, interessant. Ich denke allerdings, dass die Zeit für gewisse Gedanken (z.B. Persönlichkeit wichtiger als früher, Kaminkarriere rückt aufs Abstellgleis) kommt – das kündigt sich für die genannten Beispiele überdeutlich an, wie ich finde. Und generell sollte es doch wohl so sein, dass das Vorgedachte zunehmend Mainstream wird und die Vordenker (möglichst zu Lebzeiten) gut dastehen (während sie selbst bereits noch weiter sein mögen).

  9. […] im wesentlich sind das idealistisch geprägte Startups. Eine zweifellos gute Sache in Zeichen des Demografie-Wandels und einer immer mehr Sinn und Vergnügen suchenden Generation Y. Ich schlage weiter vor als […]

  10. Felix 15. April 2012 at 04:06 - Antwort

    Habe das Buch gerade durch, und konnte doch die eine oder andere Sache für mich daraus ableiten;Vielen Dank dazu! Allerdings ist mir aufgefallen, dass hier Selbstständigkeit und Unternehmertum gleich gesetzt werden, was ich für einen groben Fehler halte. Der eine sucht persönliche Freiheit, ohne Verantwortung für andere übernehmen zu müssen; arbeitet daher allein, und der andere strebt danach etwas aufzubauen, eine praktische Vision in Form einer Dienstleistung oder Produkt umzusetzen, und arbeitet daher zumeist von Anfang an auch Angestellte. Wie sehen Sie das? Grüße, Felix

    • Svenja Hofert 16. April 2012 at 08:35 - Antwort

      Hallo, wenn man Unternehmertum ganz klassisch definieren würde – Unternehmer als jemand, der etwas aufbaut, um es an einen Nachfolger zu übergeben – , wären nur 2% aller Selbstständigen Unternehmer. In meinem Slow Grow Prinzip geht es u.a. um den Unterschied, hergeleitete von den Motivationen. Ich finde aber, das ist schwer trennbar und auch nicht Aufgabe von Herrn Burger, der das Thema ja nur anreißt. In der Zukunft der Arbeit dürfte das aus meiner Sicht noch mehr verschmelzen: Der Unternehmer des Industriezeitalters gründete aus andere Motivation. Die Motivation in der Wissensgesellschaft ist mehr und mehr Selbstverwirklichung. Man wird Selbstunternehmer, auch als Angestellter. LG Svenja Hofert

  11. […] Die Weitblickerin Svenja Hofert hat das erkannt und mich mitsamt meiner Thesen deshalb hier als Karriereberater der neuen Generation bezeichnet. Vielen Dank! Eine Gefälligkeit war das […]

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