Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Sind introvertierte Piloten weniger absturzgefährdet?

By | 2012-03-12T16:43:56+00:00 12. März 2012|

Mein Artikel über „Leisetreter“ ist (überraschend) der meistabgerufene in diesem Blog überhaupt. Es geht darin um die Benachteiligung der Introversion in unserem Kulturkreis. Vor einigen Wochen hatte ich Sylvia Löhken hier zum selben Thema im Interview. Sie hat das Buch „Leise Menschen“ geschrieben, das ich gerade mit viel Gewinn ausgelesen habe.

Ein für mich – mit dem Blick der Karriereberaterin – zentraler Satz in dem Buch lautet etwa so: „Wenn ich ins Flugzeug steige und dieses gerät in Turbulenzen, würde ich mir ehrlich gesagt wünschen, dass der Pilot ein Introvertierter ist.“

Oh ja! Natürlich ist Introversion nicht das einzige Merkmal, welches ein Pilot mitbringen sollte, bewahre. Aber neben den kognitiven Fähigkeiten ist eben auch die Persönlichkeit entscheidend. Und da gehört die Introversion dazu. Diese würde ich, hier aus Passagier- und nicht aus Personalersicht, mit Hilfe des Reiss-Profils bestimmen und anhand weiterer Merkmale auswählen. So sollte es jemand sein mit einer eher niedrigen emotionalen Ruhe. Unter Stress sollte diese Person auf keinen Fall nervös-hysterisch werden wie Kapitän Schettino, der das sinkende Schiff, die Costa Concordia, verlassen hat. Es sollte auch niemand sein, dessen hauptsächliche Ehrgeiz-Quelle der Status ist, die grüne oder gelbe „Ordnung“ nicht zu hoch ausgeprägt. Wichtig wäre eine „rote“ Anerkennung, was Sicherheit auch bei fehlendem Feedback und die Bereitschaft mit sich bringt, aus Fehlern zu lernen. Neben der hohen Macht würde ich auch noch eine grüne oder gelbe Teamorientierung dazu definieren – und damit die höchstwahrscheinliche Bereitschaft zur Abstimmung mit Co-Pilot und Tower. Sie sehen: Es gibt Gründe, die für einen Intro sprechen. Nur werden diese oft nicht so gesehen. Orginalität und Ideenreichtum, die mir bei ENTP-Typen sympathisch sind, mag ich bei Flugturbulenzen aus Sicht des Passagiers nicht ein Cockpit lenken sehen.

Warum ich einen introvertierten Pilotentyp bevorzuge? Introvertierte lassen sich oft weniger ablenken, weil sie dank höherer innerer Stimulation den Reiz von außen nicht so brauchen. Das passt ins (doch einsame) Cockpit und auch aufs Kreuzfahrtschiff.
Wir haben in unserer Beratung einige Piloten auf das Assessment Center vorbereitet. Fast immer war der Grund für ein Durchfallen bei Lufthansa, Air Berlin & Co. eine zu große Introvertiertheit.
Nun liegt das Heil dieser Welt, um Gottes willen, nicht in den Intros, wie sie Sylvia Löhken nennt. Es sind auch nicht 30-50% der Bevölkerung bessere Menschen. Das ist Quatsch.
Wir alle füllen unsere Intro- oder Extroversion anders aus, manchmal liegen intro- und extrovertierte Seiten kaum trennbar dicht beineinander. Was indes wahr ist, ist die offensichtliche Benachteiligung der Introversion im amerikanischen und auch in unserem westeuropäischen Kulturkreis. Über Jahre, ja Jahrzehnte wurde das Extrovertierte kultiviert und gemehrt. Wenn Vertriebler oder Manager in meine Beratung kommen, weil sie unsicher sind, wie sie ihreIntrovertiertheit im Vorstellungsgespräch thematisieren, sagt das eine Menge über unsere übergeordnete Haltung, Wahrnehmung und Bewertung.

Wenn in der Schule extrovertiertes Verhalten, nämlich Aufzeigen und aktiv in der Gruppe sein, mehr als früher und mehr als je zuvor positiv bewertet wird, deutet auch das darauf hin, dass Extroversion als Ideal angesehen wird.
Der introvertierte Schüler wird sich mehr mit seinen Interessen beschäftigen als mit der äußeren Welt – und deshalb schlechtere Leistungen im Mündlichen nach Hause bringen. Vielleicht kann er deshalb nicht Arzt werden, obwohl er als solcher besonders gut wäre. Seine Leistungen aus dem Reich der tiefen Konzentration, der Genialität in der Lösungsfindung, der Kreativität, der schriftlichen Kommunikation und des Schöpferischen  fließen immer weniger in Noten ein. Das ist ungerecht.

Dieses Buch sollte deshalb auch bei (den überwiegend extrovierten Lehrern) landen, denn es hilft zu verstehen, wie der andere tickt. Für introvertierte Kinder ist die dauernde Gruppenarbeit eine Belastung und der laute Kindergeburtstag kein Fest, sondern eine Anstrengung. Danke Sylvia Löhken für die Anregung. Mir hat schon Susan Cain ausnehmend gut gefallen. Dieses Buch erweitert Cains wunderbar analytische und tiefe Sicht um die praktische Komponente und eine direkt nutzbare Lebenshilfe.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

4 Kommentare

  1. Burkhard Reddel 12. März 2012 at 19:10 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,

    ich war schon immer ein ruhiger Mensch und habe in meinem Leben bisher feststellen müßen, wer eine gewisse „Lautstärke“ nicht praktiziert, iwrd nicht wahrgenommen. Die leisen Töne oder Zwischentöne werden häufig nicht realisiert bzw. wargenommen. Wer zu leise ist geht unter nicht nur beurflich. Nicht umsonst haben viele Vertriebler bessere Chancen, weil sie auch sich selbst besser verkaufen können. Ich war nie der Typ für Selbstdarstellung. Gilt übrigend für das ganze Leben und nicht nur für den Beruf.
    Grüße B.RE

    • Gilbert 23. März 2012 at 00:31 - Antwort

      Ich glaube, das ändert sich gerade – Introvertierte sind „in“ wie noch nie zuvor. Irgendwie Zeitgeist. Ist doch auch mal schön. Googlen Sie mal „introvertiert“ oder „Susan Cain“… sie finden tausende Resultate, die Introvertierte ins rechte Licht rücken. Es gibt übrigens auch viele Tipps, zu Strategien für introvertierte Menschen: Wie können sie ihre Eigenheiten zu stärken machen?

  2. […] weniger positives Feedback bekommen als andere „pflegeleichte“.  Das sind z.B. bestimmte introvertierte Typen oder auch sehr handlungsorientierte […]

  3. […] Personalentwicklung und ist somit ein Instrument für die HR-Abteilung. Manche Firmen setzen ihn im Rahmen von Assessment Centern, einige schon bei der ersten Bewerberauswahl im E-Assessment […]

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