Als mich mein Lebenspartner über Ostern beim Spaziergang fragte, was ich denke, erzählte ich ihm von meinen Ideen zum Putz- und Kochroboter. Aus meiner Sicht müsste man den Kochroboter als eine Art Aufsatz für den Herd konstruieren.  Zuvor hatte ich einen Artikel zum Grundeinkommen in der Schweiz in der aktuellen brandeins gelesen. Mein Gedankensprung vollzog sich von der sich daraus ergebenden wahrscheinlich zwangsläufigen Abnahme an haushaltsnahen Dienstleistungen zu meiner Unlust, selbst zu kochen und zu putzen.

Ob mir denn die besonderen Pflanzen nicht aufgefallen seien, fragt mich mein Partner. Äh… Ich bin von Heringsdorf auf Usedom bis ins polnische Swinemünde gelaufen, rund 4 Kilometer, ohne auch nur einen Hauch meiner Umgebung wahrzunehmen.  Es braucht keinen Test, um danach zu sagen: Ich bin im MBTI/Keirsey eine Intuitive. Ich habe ein großes Vorstellungsvermögen, was sich in Träumen äußert, die durchschnittliche Tatort-Drehbücher langweilig erscheinen lassen (wenn ich sie denn nur komplett erinnerte) und denke immer eher ans Morgen anstatt ans Jetzt. David Keirsey schreibt in seinem Grundlagenwerk „Versteh mich bitte“, der größte Unterschied in den Temperamenten und damit Persönlichkeiten liege nicht zwischen intro- und extrovertiert, sondern zwischen intuitiv und sensorisch. Intuitiv wird bei Keirsey mit dem Buchstaben N symbolisiert, sensorisch mit S. Und ich bin geneigt, Keirsey darin zu folgen. N-Typen sind nun in geringerer Zahl vertreten; Keisey spricht von 25%.

Mich begleitete das Gefühl, irgendwie anders zu sein bis zur Oberstufe, als ich plötzlich Gleichgesinnte traf. Heute weiß ich: Das waren andere Rationalisten und Idealisten, also andere N´s (meinen eigenen Typentest könnt ihr diese Woche bei Facebook downloaden). Ich bin ein flexibler N-Typ, leichte Präferenz zum NT-Architekten (und damit zu den Temperameten von C.G. Jung, Keirsey und Mark Zuckerberg), aber auch NF-Eigenschaften (der „Psychologe“). Mich interessieren Systeme und Zusammenhänge, aber noch viel mehr der Mensch an sich.

Das frühe Gefühl, anders zu sein, ist typisch für Rationalisten und Idealisten.  Im Internet sind sie allerdings umgeben von Ähnlichdenkern, denn Internetaktivität ist die Domäne der NTs und NFs (siehe auch Guenter Dueck, der witzig die Unterschiede zwischen Google+, Facebook- und Twitternutzern darlegt. Mein Tipp für die Temperamente-Verteilung: Twitter = NF, Google+=NT, Facebook generell F-Typen).  Auch die Schwarmintelligenz, jede Wette, ist nicht gleich verteilt.

Erst in den letzten Jahren wurde mir bewusst, wie viel der Typus – ob die Trennlinie nun nach Aristoteles, C.G. Jung, Myer-Briggs, Riemann oder Keirsey gezogen wird, macht nur Facetten aus – mit beruflichem Erfolg zu tun hat. Bis Anfang des letzten Jahrnullst habe ich (auch) Beamte trainiert. Komischerweise kam ich mit den Polizeibeamten in verschiedenen Seminaren bestens zurecht, wohingegen ich mir an Verwaltungsangestellten im unteren und mittleren Dienst die Zähne ausbiss.

Ich verstand sie einfach nicht, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie wollten Prozessanleitungen, ich wollte das große Ganze erklären. Ich wollte Möglichkeiten zeigen; sie nur wissen, was sie genau machen sollen. Die gleichen Charts, die gleichen Inhalte, ein identisches Script – nur verschiedene Zielgruppen! Doch in den Seminaren mit N´s – bei Polizisten, Medienleuten, Informatikern und Kreativen – fühlte ich mich unter meinesgleichen, in den S-dominierten – bei den Beamten – fehl am Platz. Kreative und ITler sind weit überwiegend Rationalisten und Idealisten. Ebenso wie Polizisten, unter ihnen gibt es viele ENFPs. Verwaltungsangestellte dagegen sind in ihrer großen Mehrzahl – SJ. Das soll jetzt keine SJ-Schelte sein, denn auch hier gibt es prima ausgependelte und selbstreflektierte Exemplare. Wie gelesen ist auch mein Partner ein S. Aber der Weg, sie zu verstehen, ist für einen N-Typen schwieriger. Manchmal ist er unmöglich.

SJs schreiben E-Mails wie neulich die Leserin auf eines meiner älteren Online-Bewerbungs-Bücher (deren Existenz ich persönlich inzwischen ein wenig bedaure, denn sie bescheren mir seit 15 Jahren immer die gleichen uninspirierten Journalisten-Fragen): „Ihr Buch ist gut. Aber wieso haben Sie keinen dunklen Blazer an? Damit sind Sie als Karriereberaterin aber kein Vorbild.“ Hm. Formal ist wohl das richtige Wort für den Stil, der hier präferiert ist. Förmlich.

Natürlich müssen nicht alle SJ formal oder förmlich sein (und ich betone, ehe Mißverständnisse aufkommen – mit höflich hat das nichts zu tun!). Es gibt wie auch unter den NFs und NTs wenig und gut reflektierte, eben grundsätzlich solche, die erkannt haben, dass die Welt unterschiedliche Wahrnehmungen braucht und von Vielfalt profitiert.

Die Normalverteilung der 16 Temperamente in einer Schulklasse nach David Keirsey

Und jetzt fragen Sie sich: Was bedeutet das für das Berufsleben?

Sie werden oft aus der Brille eines gänzlich Andersdenkenden Menschen betrachtet. Der jeweilige Kollegen und Vorgesetzte sieht die Welt anders. Er interpretiert sogar Worte wie „teamfähig“ oder „kreativ“ höchst unterschiedlich. Fragen Sie einmal einen N-Typ, was er unter Kreativität versteht, und dann einen S. Es werden komplett unterschiedliche Antworten herauskommen. Während für den NT Querdenken Kreativität ist, ist es für den NF das „Ideen haben“. Der SJ-Typ wird Mozart als kreativ schätzen, der SP vielleicht ein Kunsthandwerk. Wenn also in einem Mitarbeiter-Bewertungsbogen eine Einschätzung zur Kreativität gefragt ist, könnte diese vollkommen verschieden ausfallen, sofern nicht definiert ist, was genau darunter zu verstehen ist.

Es ist immer gut und wichtig, auf Kritik zu hören – nur sollten Sie auch hier die eigene Brille UND die des anderen berücksichtigen; das rückt einiges ins rechte Licht. Es kann sein, dass Sie in dem einen Unternehmen in den Himmel gelobt und in dem anderen als Looser abgestempelt werden. Kürzlich habe ich einen Idealisten-Temperament-Manager beraten, der als ungeeignet für Führungsaufgaben entlassen wurde. Die Einschätzung seiner Person kam aus einem SJ-dominierten Umfeld. In seinem neuen Unternehmen ist er schnell aufgestiegen und wird auf einmal als Manager geschätzt, seine Fürsprecher sind Idealisten.

Die Temperamente nach Keirsey

Nun könnte man daraus ableiten, dass es sinnvoll wäre, sich möglichst in ein passendes Umfeld zu begeben, in dem alle so ähnlich ticken wie man selbst. Und genau darin sehe ich eine Gefahr. In der Schule etwa dominiert SJ, von denen Keirsey sagt „sie interessieren sich eher für reale Verhältnisse als für zukünftige Möglichkeiten“. Gut und wichtig – aber ohne den NT- oder NF-Impuls fehlt Inspiration, was ich gerade in der Schule deutlich merke.

Darüber spreche ich übermorgen im Interview mit Lars Lorber, den Betreiber von Typentest.de, der sich seit 9 Jahren mit dem Thema auseinandersetzt.

PS: Bei Facebook gibt es eine Powerpoint-Präsentation mit einem Test der Typen und weiteren Erläuterungen. Unbedingt Fan werden, mindestens als Berater, denn diese dürfen das wie immer weiter verwenden, sofern der Copyright-Hinweis bleibt 😉