„Du musst erfolgreich sein“, mahnen die Lehrer, haben aber nicht ohne Grund einen Job gewählt, in dem Erfolg bei maximaler Gehaltssicherheit (noch) eher individuell definiert werden kann. „Du musst etwas studieren, mit dem Du Geld verdienen kannst“, sagen immer noch viele Eltern, in erster Linie zu ihrem Sohn. So wachsen Jungs auf mit der Vorstellung schon früh bei der Berufswahl daran denken zu müssen, dass später nicht der Spaß an der Arbeit zählt, sondern des Geld.

Neben einem Ungleichgewicht bei der Bezahlung – viel Geld für Männerjobs, vor allem Ingenieure, wenig für weiblich geprägte Tätigkeiten – hindern Scheren im Kopf uns daran, so zu leben, wie wir möchten. Brav sieht der Ingenieur-, IT- oder Manager-Familienvater dabei zu, dass seine Frau in Keramik macht oder mit den Einkünften aus ihrem Büro-Teilzeitjob die eigenen Klamotten finanziert. ER darf sich eine radikale Neuorientierung, anders als die Frau, nicht leisten.  Das geht soweit, dass Frauen drohen, ihre Männer zu verlassen, wenn sie (zum Beispiel) statt dem Banker-Gehalt  ein Künstlerhonorar nach Hause bringen. Frauen, zumal jene in klassischen Rollen, sehen es auch nicht gern, wenn der Mann das Risiko einer Existenzgründung eingeht. Ich empfinde das als ungerecht gegenüber Männern.

Nicht Gender Pay Gap - Gender Career Gap

Wir beschweren uns über den Gender Pay Gap und versuchen verzweifelt und dennoch weitgehend vergeblich, Mädchen dazu zu bewegen, sich endlich für Naturwissenschaften zu begeistern. Wir sehen dabei nicht, dass nicht weitere Girls Days die Begeisterung für solche Themen anheizen werden, sondern vor allem eins: Der Vollzug der Gleichberechtigung auch das Mannes.  Das bedeutet: Auch er muss die Wahl haben dürfen und, wenn er denn möchte, auf Karriere verzichten können.  So wie auch Mädchen, denen aber ein sinnerfülltes Berufsleben noch viel eher zugestanden wird.

Es geht somit nicht um die scheinbar zementierten 23% Gehaltsabstand, sondern darum, einmal eine Sichtweise umzukehren: Nicht nur die Frau wird benachteiligt, sondern auch der Mann.  Er darf Karriere für sich nicht als ein in erster Linie sinnvolles Berufsleben definieren. Eine Frau dagegen schon.

Vier Gründe, warum wir jedem die freie Berufs- und Karrierewahl lassen müssen:

  1. Wir sind zu reich, um nur für Geld zu arbeiten

Um es auf die Maslowsche Bedürfnispyramide zu übertragen: Mädchen strebten öfter direkt auf die vorletzte Stufe, Jungs fingen öfter unten an. Doch das verändert sich, Stichwort Karriereverweigerung junger Männer. Ich sehe es auch in meiner Beratung: Themen verändern sich in den letzten 2,3 Jahren. Sinn wird wichtiger.

Eigentlich klar, in einem Land voll Überfluss: Ohne Sinn ist alles Unsinn. Sinnvolle Branchen haben die höchsten Bewerberzahlen. Auf den Hitlisten der beliebtesten Unternehmen erscheinen Fraunhofer, Max Planck, das Auswärtige Amt oder Google und Microsoft – aber niemals Ergo oder Allianz.

Etwas Sinnvolles zu tun, hat heute einen anderen Stellenwert als vor 50, 60 Jahren. Das liegt an einem allgemein gestiegenen Selbstwertempfinden – und an unserem Reichtum. Aber Sinnvolles wird, jenseits von Fraunhofer und Google, immer schlechter bezahlt als Sinn-Freies. Würden sich trotzdem noch mehr Menschen für Sinn und gegen Geld entscheiden, gerieten die „Sinnlosen“ unter den Druck, sinnvoll zu werden. Wir sehen erste (hilflose, da rein kommunikationsorientierte und nicht im Innern beginnende) Versuche bei der aktuellen Werbekampagne der Ergo und sogar bei KIK.

2. Die Arbeit nimmt zu viel Zeit an, um nur gemacht zu werden

Wer mehr als acht Stunden unzufrieden arbeitet, wird krank. Burnout ist in kurzer Zeit zu einem akzeptierten gesellschaftlichen Phänomen geworden. Es ist zulässig geworden, sich überlastet zu fühlen. Noch höre ich zu oft, dass den Menschen, die etwa wegen Burnout in einer Klinik landen, geraten wird, aus Sicherheitserwägungen am Job – der krank gemacht hat – festzuhalten. Doch Durchhalteparolen und Argumente wie „sei froh, dass du überhaupt Arbeit hast“ werden seltener.

3. Die Ego-Intelligenz steigt

Die Arbeitswelt der Vergangenheit war auf einem niedrigen allgemeinen Selbstwert aufgebaut. Guenter Dueck hat kürzlich in seinem Buch „Professionelle Intelligenz“ verschiedene Intelligenz-Arten beschrieben. Die Ego-Intelligenz fehlte. Das ist für mich die Fähigkeit, Chancen zu suchen und zu nutzen, war unterentwickelt. Das frühere System aus Abhängigkeiten konnte nur funktionieren, weil Menschen diese Fähigkeit nicht hatten, sondern es gewohnt waren, dass man ihnen Chancen gab, also sie steuerte. Durch wertschätzende Erziehung und ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein wandelt sich das in Teilen. Die Beschneidung von Autonomie und unsinnige Machtspielereien werden nicht mehr einfach hingenommen. Auch das führt zur vermehrten Suche nach Sinn.

4. Das Geschlechter-Verständnis ändert sich

Partnerschaften basierten im letzten Jahrhundert und auch heute noch weitgehend auf Abhängigkeiten. Dahinter stand, unausgesprochen, das Äquivalent zum längst ebenfalls brüchigen Generationenvertrag, den Partnervertrag, der seitens des Mannes so aussah: „Ich gebe dir finanzielle Sicherheit und damit gesellschaftliche Anerkennung, du darfst dich in der Familie selbst realisieren.“  (was ist aber anderes, als der Frau den Vorzug der vorletzten Stufe einzuräumen?)

Das ist immer seltener so, mit nachweislichen Folgen, wie etwa der, dass Männer immer seltener eine klassische Aufstiegskarriere anstreben.

In Zeiten des Umbruchs führt dies zu einigen Verwirrungen. Welche Rolle hat ein Mann, wenn er nicht mehr für die Brötchen sorgt? Wie muss eine Frau bei der Berufswahl umdenken, wenn nicht mehr nur sie einen sinnvollen Beruf suchen darf?

Darüber spreche ich in der nächsten Woche mit Hans-Georg Nelles von Väter und Karriere.