Miteinander reden – geht auch im Netz – Foto: Fotolia.com

Gestern unterhielt ich mich mit einer in Sachen Vertriebsberatung kompetenten Dame, Silke Loers, über Twitter. Uns ist aufgefallen, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt – und zwar ziemlich gleich, aus welchem Business sie kommen. Männer schleudern öfter Links als Frauen. Sie automatisieren häufiger Prozesse und tweeten gnadenlos systematisch nur Dinge von Leuten, die aus ihrer Sicht wichtig sind. Sie wissen, dass man die Influencer ausfindig machen muss, und diese gezielt ansprechen sollte, um den eigenen Account und Social Graph zu pushen. So sind #FFs, also Folgeempfehlungen, oft nicht ernst gemeint, sondern nüchtern an der eigenen Twittererfolgs-Maximierung orientiert.

Ein Danke für einen Retweets sagen mittelerfolgreiche Männer noch häufiger, die Big Player so gut wie nie. Ich bin nicht sicher, ob sich alle bewusst sind, dass ein Markt sich auch drehen kann. Und Produktlebenszyklen überall herrschen.  Es ist aber vielleicht nicht nur die Haltung der Erfolgreichen, die einige vom Dialog abhält (oder gar nicht auf die Idee kommen lässt, das Miteinander reden auch in Zeiten des Internets eine coole Sache ist, ja Grundsatz der sozialen Medien).

Es sind bei Frau und Mann möglicherweise auch unterschiedliche Prägungen. Einladungen zum „Twittcafe“ oder „Twitnights“ müssen die Herren der Schöpfung irgendwie befremdlich finden. Dabei ist es gerade das, was Twitter so spannend macht: der kurze, knappe, aber oft herzliche Dialog. Ich habe über Twitter tolle Menschen, vor allem Frauen, kennengelernt, die sonst nie meinen Weg gekreuzt hätten. In Vorträgen kann ich meinen Followerern manchmal schon zuwinken. Twitter hat, im Gegensatz zum NT-lastigen  Google+, etwas ungemein und weit überwiegend Positives. Niemand meckert außer einige narzisstische Blogger (hat z.B. 2000 Follower, folgt selbst aber nur 3 – Spiegel, Süddeutsche und Zeit) aus dem politisch-gesellschaftlichen Spektrum. Der weibliche Twitter-Dialog dagegen ist öfter mal unverbindlich und schafft gleichzeitig die Verbindlichkeit des „wir kennen und schätzen uns“.

Die besten Psychologen untern den Twittern kommen aus dem Vertrieb oder dem Coaching oder der Beratung, wahrscheinlich nicht von ungefähr. Wo sonst ist Empathie ein solcher Schlüssel zum Erfolg? So wirkt auf mich – und offenbar auch auf andere – manch Twitterer, auch mit großer Gefolgschaft, plump und unbeholfen. Danke? Für einige steht das nicht auf dem Plan. Komischerweise sind unter den Nicht-Dankern auch viele aus dem SoMe-Umfeld, die „es“ (die Tatsache, dass man dankt) eigentlich wissen müssten.

Ich berichtete an dieser Stelle bereits von jemand, der in drei Wochen 5.000 Follower aufgebaut hat, indem er wild allem gefolgt ist, was gewillt ist zurückzufolgen. Das willige (ergo unkritische) Twittvolk jedoch ist barbusig, im Finanz- oder SEO-Gewerbe tätig oder ein seelenloser Auto-Account. Was habe ich davon, wenn mir 5.000 Seelenlose folgen? Nun, Status denken sich einige. Und in der Tat: Die Newbies, also Neutwitterer, lassen sich rein von der Zahl beeindrucken, die so wirkt wie eine Rolex – wow, wichtig. Schaut man sich die Listen der Folgenden einmal an, entpuppt sich die Rolex als Fälschung. Es sind gefühlt und noch nicht gezählt mehr Männer, die diese Art des Twitterns anzieht.  So wie, das belegen Studien, die Statusorientierung bei Männern generell höher ist. Nur Männer können Sätze wie den schreiben, den ich neulich so ähnlich im – ansonsten top-empfehlenswerten – Buch von Hermann Scherer „Ihr Weg zum Top-Speaker“ las: „Wenn du erfolgreich sein willst, darfst Du dich nicht mit Coachs an einen Tisch stellen, die einen 600 Euro-Tagessatz haben“. So nett und hübsch ich den Herrn Scherer finde, das ist eine blöde Aussage. Man könnte sich auch dazugesellen und den Coachs enpassent raten, den Tagessatz zu erhöhen anstatt das Gespräch zu verweigern 😉

In letzter Zeit fällt mir auf, dass mehr und mehr Leute immer das gleiche retweeten. So liest man dutzendfach dassselbe. Mich hat das bewogen, auf Retweets von z.B. Karrierebibel weitgehend zu verzichten und aus sehr viel gebrauchten Quellen nur noch Infos zu empfehlen, die ich wirklich ungewöhnlich gut finde. Ich lese übrigens auch, deshalb bin ich nur Quartalstwitterer. Hab ich ein wenig Zeit, mir die Sachen auch zuschauen, twittere ich. Wenn nicht, kann es Tage still sein – sicheres Zeichen für arbeitsintensive Phasen. Geheimtipp zum Influencer-Twittern von Silke: nicht nehmen, was (von allen Seiten gleich) kommt, sondern die Headline umbenennen, macht ungewöhnlicher, erhöht die Attraction.

Es ist natürlich aufwändiger, seinem Publikum ausgewählte Perlen zu präsentieren, denn dafür müsste man an anderen Stellen suchen als an jenen, die alle kennen. Mit RSS-Feeds kennt sich immer noch kaum jemand aus, aber es lohnt sich – statt einfach die News der drei wichtigsten Blogs weiterzubeten-/treten, Begriffe zu abonnieren und freie Abende in die Akquise von Trüffel-Blogs zu stecken. Mit RSS solltet ihr euch vertraut machen, es ist eine riesige Hilfe.

Manchmal, diesen Tipp habe ich von Silke, ist es aber gut, nicht sofort auf RT zu drücken, wenn etwas in den Reader kommt. So wie ich mit manchen meiner Bücher, z.B. „Jobsuche und Bewerben im Web 2.0“ zu früh am Markt war (das Buch war eine Medienerfolg, aber Verkaufs-Flop, da damals, Anfang 2006, mit sozialen Medien noch kaum jemand was anfangen konnte), kann man auch mit Informationen zu früh sein. Sie nimmt dann keiner wahr, weil das breite Problembewusstsein noch fehlt. So kam ich gestern auf die Idee, einen ein Jahre alten Artikel aus dem Spiegel Online-Archiv über Arbeitgeberbewertungen zu retweeten, weil er mir kaum beachtet schien. Man sieht das ja z.B. an der Zahl der Tweets – Relevanz signalisieren vor allem die Tweets, emotionale Zustimmung demonstrieren Likes, intellektuelle Tauglichkeit Google-Plusse. An letztere ist am schwersten ranzukommen.

Manche Themen, auch dieses zu Arbeitgeberbewertungen, brauchen länger bis die Masse die Relevanz und Zukunftsbedeutsamkeit begreift. Trüffelschweine müssen ein Gefühl dafür entwickeln, welche das sind. Das ist das, was ich experimentelles Marketing nenne und was auch Prinzip meines Slow Growings ist. Und worüber ich mich bald mit Kerstin Hoffmann in diesem Blog unterhalte.