Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Spiral Dynamics und Karriere: Warum Werte uns mehr antreiben als wir denken

Von | 2013-06-14T09:39:57+00:00 17. Juni 2012|

Kennen Sie das? Sie reden mit jemandem und dieser Mensch lebt scheinbar in einer ganz anderen Welt. Er denkt, fühlt und handelt anders als Sie. Er sieht alles mit ganz anderen Augen. Seine Werte sind andere. Ihre Sicht der Dinge kann er nicht teilen. Sie fühlen sich als hätten Sie einen vollkommen anderen EIN-AUS-Gang, im Denken. So ging es mir neulich, als mich jemand ziemlich böse für meine (humorig gemeinte) emotionale-Superverkäufer-Kolumne anmachte.

Oder das: Sie arbeiten in einem Unternehmen, dessen Politik und Führungskultur Sie nicht verstehen. Das was das Management  beschließt, scheint Ihnen unsinnig, eindimensional oder kurzsichtig. So ging es mir, als ich mit Vertretern konservativer Mittelstandsunternehmern diskutierte. Egal, was ich sagte, es wurde nur der Aspekt gesehen, den ich – aus meiner Sicht – nicht nur längst gesehen, sondern schon widerlegt hatte. Ich versuchte zu vereinfachen – aber in meiner Weltsicht sind die Dinge nun mal nicht einfach, sondern multiperspektivisch. In meiner Sicht der Welt gibt es solche und solche Fälle, individuelle Lösungen und kreative Zugänge. Es gibt nie das eine oder andere, sondern immer alles – zu seiner Zeit.

Sie und ich – wir könnten nun verzweifeln oder einen weiteren Kommunikationskurs machen. Wir könnten einen Konsens schließen, um das lieben Friedens willen. Oder verstehen, dass das Verhalten und die Sicht des anderen aus dem Verhaftet-Sein in einer anderen Phase resultiert und wir deshalb nicht aufgeben sollten, zu unseren Überzeugungen zu stehen und für Verständnis werben.

sdSpiral Dynamics®, das ich in der Grafik vereinfachend Wertespirale nenne (hier ein PDF), über das ich hier schon im Zusammenhang mit Gründung sprach, ist ein Modell, das Menschen wie mir, die Zusammenhänge des menschlichen Denkens und Handels auf einer übergeordneten Ebene verstehen wollen, ein Werkzeug in die Hand gibt. Das Modell der Spirale hilft einem, nicht nur die Welt in allen ihren Facetten zu sehen, sondern auch den Menschen und die Unternehmen. Weil ich das Modell für so wichtig halte, gebe Ihnen weiter die wichtigsten Spiral-Fakten in Form einer Tabelle mit.

Die Spirale hat einen ersten und zweiten Rang (first and second tier). Der erste Rang endet im Grünen, das ist das Level der Kooperation, das sich auf der globalen Ebene in einem Wahrnehmen der globalen Zusammenhänge spiegelt,  auf der unternehmerischen in der Teamarbeit.  Auch die Demokratie ist ihrem Wesen nach grün. Das Grüne ist die letzte Phase einer natürlichen Entwicklung, bevor der zweite Rang als Ebene des Seins mit der gelben Phase beginnt.

Alle Phasen haben fließende Übergänge, Ein- und Ausgänge. So kann ein Mensch, ebenso wie ein Unternehmen, am Übergang, zum Beispiel von grün zu gelb stehen, also grün/gelb sein. In vielen Menschen wie Unternehmen sind sogar mehr als zwei Levels aktiv, aber meist herrscht eines vor – vielleicht auch situativ.

Auf der Ebene der Persönlichkeit ist das z.B. erkennbar am Umgang mit Anerkennung und Meinung. Während „grüne“ Menschen Konsens suchen und die eigene Überzeugung dafür im Zweifel zurückstecken, hören sich „gelbe“ Persönlichkeiten Ratschlag und andere Sichtweisen gerne an, ändern dadurch aber nicht notwendigerweise die eigene Position. „Rote“ setzen Ansichten durch, während „orange“ alles nach Leistung beurteilen.

Die gelbe Phase ist die flexible, integrative, aber noch individualistische, die alle vorherigen Farben zusammenzuführen sucht. Der Übergang von grün zu gelb ist zum Beispiel mit der Erkenntnis verbunden, dass der Kollektivismus auch keine Generallösung ist oder Autorität eine ähnliche Berechtigung hat wie das freie grüne Zusammenspiel. Man ahnt diesen Übergang derzeit an wenigen, sehr guten Schulen: Das weiche, grüne, kollektivistische Kümmern paart sich gerade bei ausgezeichneten Bildungseinrichtungen mit Strenge, Flexibilität und dem individuellen Fördern – vor dem Bewusstsein, dass jeder Mensch anders ist.

Die Spiraldynamik schlägt sich auch in Berufen und Motivationen für berufliche Veränderungen nieder. So begegnet mir als eine berufliche Hauptmotivation bei vielen jungen Menschen der grüne Wunsch nach Zusammengehörigkeit, der sich in der Teamarbeit spiegelt. Im Laufe der Zeit machen dann viele die Erfahrung, dass sich

  • bisweilen „rote“ Macht ohne Kompetenzberechtigung einfach durch das Recht des Stärkeren durchsetzt,
  • mitunter „blaue“ Autorität denjenigen nach oben befördert, dem es aufgrund der Betriebszugehörigkeit zu gebühren scheint,
  • „oranger“ Wettbewerb diejenigen erfolgreich macht, die die besten Zahlen liefern und die größten Statussymbole tragen,
  • Das Dogma „grüner“ Teamarbeit jene verzweifeln lässt, die erkennen, dass manche Leistungen nun mal individuell sind und bleiben müssen (was zum Beispiel nur durch eine gewisse Introversion und dem mit ihr teil verbundenen Eigenbrötlertum sichergestellt werden kann).

Ich habe diese Unterschiede ein Jahr nach Erscheinen in den Karrieresystemen weiterentwickelt und begrifflich und visuell fassbar gemacht.

Diese Erkenntnisse, können, müssen nicht, in die gelbe Phase führen. Das ist die Phase der Wissensarbeiter, derjenigen, die auf Kompetenz setzen. Sie steuert die Suche nach guten Lösungen, was Unternehmen vor ganz neue Herausforderungen stellt, denn die meisten agieren immer noch mit dem Schwerpunkt des strikt marktwirtschaftlich orientierten Oranges. Doch gelbe Persönlichkeiten lassen sich weder mit blauen noch orangen oder grünen Werten locken. Das ist das derzeitig größte HR-Problem, was jemand wie Mirko Kaminski (Interview) und Unternehmen wie Otto (Interview) durchaus sehen.

Doch die Maßnahmen, die aus dieser Erkenntnis entspringen, sind teilweise gelb (Selbstmanagement, Results only Environment), teilweise noch grün (Miteinander reden) oder sogar orange (Geld, Firmenwagen). Ich denke, mit dem Spiralsystem könnten Unternehmen eine ganze Menge neuer Anregungen für die Lösung der Probleme des demografischen Wandels bekommen. Doch leider ist es in Deutschland kaum bekannt.

Don Beck und Christopher C. Cowan, die Autoren des Buchs Spiral Dynamics, prägen den Begriff Win-Win-Win. Das einfache, uns bekannte Win-Win entspringt grünem Konsensdenken. Win-Win-Win dagegen ist die höhere Entwicklungsstufe, die den gesellschaftlichen  Nutzen mit einbezieht, das dritte Win. Corporate Social Responsibility ist eine erste Ausprägung solchen Denkens – wenn es ehrlich gelebt wird.

Es geht also nicht mehr nur um mich und den anderen, sondern auch um die dritte Instanz – die Gesellschaft, ja die globale Welt. Gründungen im Social Business verkörpern eine solche höhere Entwicklungsstufe. „Wenn gelb seinen Höhepunkt erreicht, fällt es uns wie Schuppen von den Augen, und wir können zum ersten Mal die Legitimität aller bislang erwachten menschlichen Systeme erkennen“, schreiben Beck und Cowan. Es gibt eine weitere, noch höhere Phase im Second Tier, das ist die türkise. Hier entwickelt sich das individualistische, integrierende gelbe Denken in eine spirituelle, holistische Phase. Die Schwarmintelligenz ist eine Ausprägung, die wir bereits jetzt sehen. Auch den Gedanken des bedingungslosen Grundeinkommens würde ich hier ansiedeln – selbst wenn einige der Befürworter noch komplett in ihren grünen, egalitären Strukturen verhaftet sind, ja sich manchmal „rot verhalten“, ähnlich wie die Piraten.

Sie interessieren sich für das Thema? Dann möchte ich Ihnen das Buch von Beck und Cowan nahelegen. Eine sehr schöne Kurzfassung hat Rainer Krumm mit 9Levels geschrieben. Er hat einen Test und eine eigene Software entwickelt.

Leider sind die vorhandenen Youtube-Videos alle sehr schlecht gemacht. Trotzdem, hier die weniger schlimmen:

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

10 Kommentare

  1. Bettina Geiken 26. Juni 2012 at 13:18 - Antwort

    Liebe Svenja, beim Suchen nach „gelben“ Unternehmen bin ich auf ihre Website gestossen. Ich frage mich, ob es bereits irgendwo eine Liste gibt von Unternehmen in Deutschland und/oder Europa, die weitgehend nach gelben Prinzipien gemanagt werden (also nicht nur gelbes Etikett, sondern „walk the talk“. Jegliche Information in der Richtung würde mir für meinen nächsten beruflichen Schritt sehr weiterhelfen. Vielen Dank und liebe Grüsse
    Bettina Geiken

    • Svenja Hofert 30. Juni 2012 at 11:02 - Antwort

      Hallo Bettina, ich habe zu dem Thema mal einen eigenen Beitrag gemacht. Es ist nicht ganz leicht zu erkennen, welche Unzternehmen gelb sind und welche sich nur einen solchen Anstrich geben. Es kann auch Rückfälle geben. Meine Beobachtung ist, dass bei Fusionen oft ein „Rückfall“ erfolgt, bis hin zu rot. LG Svenja Hofert

  2. […] Was Spiral Dynamics mit Karriere zu tun hat – und Wissensarbeiter wissen sollten.  […]

  3. Roman Kmenta 1. Dezember 2013 at 14:13 - Antwort

    Spannendes Konzept und für alle lebensbereiche einsetzbar!

  4. […] agiert. In dieser Stammesgesellschaft übt der Einzelne Macht von Oben nach Unten (rot) aus und braucht als Struktur eine Ordnung und Plan (blau) der die Machtausübung innerhalb des […]

  5. […] eine großartige Landkarte für dieses Entwicklungspotenzial unseres Bewusstsein entwickelt. Bei Senja Hofert findet sich eine sehr gute Beschreibung dieses […]

  6. […] Sie arbeiten in einem Unternehmen, dessen Politik und Führungskultur Sie nicht verstehen. Das was das Management  beschließt, scheint Ihnen unsinnig, eindimensional oder kurzsichtig. So ging es mir, als ich mit Vertretern konservativer Mittelstandsunternehmern diskutierte. Egal, was ich sagte, es wurde nur der Aspekt gesehen, den ich – aus meiner Sicht – nicht nur längst gesehen, sondern schon widerlegt hatte. Ich versuchte zu vereinfachen – aber in meiner Weltsicht sind die Dinge nun mal nicht einfach, sondern multiperspektivisch. In meiner Sicht der Welt gibt es solche und solche Fälle, individuelle Lösungen und kreative Zugänge. Es gibt nie das eine oder andere, sondern immer alles – zu seiner Zeit. (Quelle) […]

  7. Ursula Hesselmann 16. Dezember 2016 at 09:59 - Antwort

    Hallo Svenja,

    es gibt noch viele andere Tools und Fragebogen, welche zu Spiral Dynamics entwickelt wurden. Eines möchte ich hier unbedingt erwähnen – Value Match. Es ist sehr klar und eindeutig in den Analyse aber auch sehr mächtig für einen Berater um Kultur-, System- und Werteprofile zu erstellen. Hinzu kommt, dass es auch Veränderungsprofile gibt, die eine hervorragende Kombination aller Profile möglich macht und somit ein großes Bild und das Erkennen der Vielfalt möglich macht.

  8. Ursula Hesselmann 20. Dezember 2016 at 15:25 - Antwort

    Im Sinne einer offenen Trainerentwicklung und im Sinne von Gelb wäre es hilfreich wenn Du auch zu anderen Tools Stellung beziehst die ebenfalls Spiral Dynamics nutzen.
    9 Levels ist nur einer von vielen Fragebogen die sich der Methode von Spiral Dynamics bemühen. Es gibt einzelne Exceltabellen von Trainern als auch weitere coole Onlinetools wie Value Match.
    Ich hoffe Du stellst diesen Beitrag von mir online – wenn schon der letzte keine Chance hatte 🙁
    Vielen Dank und Grüße Ursula Hesselmann

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