Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

„Personaler sollen im Netz ruhig sehen, wie ich wirklich bin!“ Sicher?

Von | 2012-07-21T12:37:37+00:00 19. Juli 2012|

Man findet Sie beim Pilgerwandern via Instagram? Mit Hut und Hund bei Facebook? Unter der Dusche twitternd? Alle Welt rät von dieser Offenheit ab. Erlauben können sich Hinter-die-Kulissen-Blicke nur Stars à la Justin Bieber und Demi Moore, so der allgemeine Tonus.

Ich lese mich heute mit einer Aussage zitiert bei RTL (muss alt sein), die etwa so lautet: „Sagen Sie nichts im Social Web, was Sie nicht überall öffentlich kundtun würden.“ Bin ich zu konservativ? Heute kam erstmals ein ganz anderes Statement. Nicht so vorsichtig, teilt uns Thomas Bergen, Mitgründer von Getabstract über den Harvard Business Manager Blog mit. Er sagt, hier frei zusammengefasst: Ist doch toll, wenn ich als Chef im Internet Persönliches von meinen Bewerbern und künftigen Mitarbeitern erfahre!

Ich denke still und schreibe auch: Im Grunde hat er recht. Fände ich auch gut, dann fischt man nicht so im Trüben.

Aber… ich weiß wie oft ich mich selbst habe vom schönen Schein irreführen lassen. Deshalb nur im Grunde, denn es gibt zwei entscheidende Wenn und Abers, die Personaler und Entscheider bedenken sollten, die im Internet Hintergrundchecking betreiben.

1.   Dass, was man findet, muss nicht wahr sein.

Ich habe neulich auf die „Shampoo“-Seite geklickt, weil ich jemanden etwas zeigen wollte. Nun bin ich Fan. Aber nicht in echt. Ich habe das Zeugs noch nie gekauft und finde die Marke auch unsympathisch.

Ich klicke manchmal zufällig, manchmal zufällig NICHT und dann wieder strategisch (was auch nichts über mich sagt). Dass ich bei Facebook nicht verrate, ob ich in einer Beziehung lebe, heißt z.B. nicht, dass ich keine habe. Nicht zu vergessen: Es gibt auch immer mehr Fakes, immer mehr Leute, die bewusst ein zweites Ich aufbauen. Um sich zu schützen. Oder um Dinge zu machen, die sonst nicht gingen.

Liebe Personaler und Inhaber: Alles im Internet kann irreführen. Nichts ist, wie es scheint.

2.   Dass, was man findet, kann falsch interpretiert werden.

Herr Bergen sagt, er würde vom Bonsaizüchten auf den Charakter schließen. Ich bn nicht sicher, dass das Züchten von Bonsais mit dem Merkmal Gewissenhaftigkeit im Big5 oder woanders korreliert. Und wenn…? Es gäbe Ausnahmen. Bei dem zitierten  Porscheleasing sehe ich es ähnlich (Bergen würde keinem eine Buchhalterstelle geben, der einen Porsche geleast hat). Ich sage: Es könnte eine Person geben, die das gut trennen kann – nicht unbedingt sind private Merkmale auf den beruflichen Kontext übertragbar. Und überhaupt: Entspricht JEDER Buchhalter dem Klischee des sparsamen, peniblen Opelfahrers?

Ich finde Interpretationen von Internetaktivitäten ebenso heikel, wie von Freizeitaktivitäten im Lebenslauf auf den Menschen zu schließen. Nur weil jemand segelt, muss er nicht teamfähig sein. Und nur weil jemand Marathon läuft, ist er nicht notwendigerweise der totale Leistungsträger.

Man muss also weiterhin Internetaktive auf die Gefahren hinweisen – aber umso mehr die Personalverantwortlichen und Firmenchefs! Bonsais = gewissenhaft. Das ist System-1-Denken.

Aber raus kommen wir nicht. Schubladendenken und Fehleinschätzungen können auch die aufgeklärtesten Leute nicht vermeiden, was den Erfolg der anonymen Bewerbung erklärt.  Kein Personaler denkt von sich, er denke in Schubladen. Er tut es trotzdem, siehe Kahnemann.

Ergo bleibe ich bei meinem Rat: Passt auf, was ihr im Internet sagt.

Svenja Hofert ist Management- und Karriereberaterin. Mit ihren beiden Unternehmen entwickelt sie Menschen, Teams und Organisationen. Der Schwerpunkt von Hofert Tätigkeit liegt in der Ausbildung sowie im Coaching und der entwicklungsbezogenen Beratung von Führungskräften, Teams und Unternehmen. Hofert hat ab 2000 das Büro „Karriere und Entwicklung“ in Hamburg aufgebaut und unter anderem ein Startup-Portal etabliert, bevor sie 2015 die Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung GmbH mit Thorsten Visual gründete. Hofert lebt in der Nähe von Hamburg und etwa ein Drittel des Jahres in Marbella, Spanien. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat die gebürtige Kölnerin über 30 Bücher geschrieben, darunter immer wieder Longseller und Standardwerke, die bis zu acht Auflagen erreichten. Standen zunächst die Themen Karriere und Beruf im Mittelpunkt, erweiterte sie ihren Blick ab 2004 zu Gründung, Management und Unternehmensführung, um schließlich ab 2009 auch Teams und die neue Arbeitswelt in den Fokus zu nehmen. Der rote Faden blieb die Verknüpfung von betriebswirtschaftlichen, philosophischen und psychologischen Perspektiven – und ein Fokus-Thema: Die Entwicklung von Menschen, Gruppen, Organisationen. Buchung |

3 Kommentare

  1. […] Absolventa Blog: Arbeiten im Ausland: USA Karriere Bibel: Der Kollegen-Check – Wie viel Nähe im Büro ist gerade richtig? Svenja Hofert: Personaler sollen im Netz ruhig sehen, wie ich wirklich bin! Sicher? […]

  2. Gilbert 21. Juli 2012 at 12:02 - Antwort

    Auf einer gesellschaftlich-technischen Ebene ändert sich unser Privacy-Verständnis im Moment ohnehin. Firmen wie Facebook und Google haben ein großes Interesse daran, dass alle social media posting unter Klarnamen geschieht. Deswegen lassen sich deren Vertreter auch gerne zu Statements hinreißen wie „If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place“ (Eric Schmidt 2009, damals Googles CEO). Das ist ziemlich philosophisch und heißt am Ende: Werde so ein guter Mensch, dass du alles über dich selbst öffentlich preisgeben kannst, ohne Angst haben zu müssen, dein nächster Arbeitgeber (oder das FBI/der Verfassungsschutz) könnte daran Anstoß nehmen. Was dieser Ansatz vernachlässigt, ist die große Gefahr, dass sich niemand mehr trauen würde, auszubrechen, neues zu wagen, Despoten zu bekämpfen etc. Außerdem sollen in meiner Welt Teenager auch mal alkoholische Abstürze haben dürfen, ohne hinterher keinen Praktikums- oder Ausbildungsplatz mehr zu bekommen.

    Ich mache ganz bewusst keine Background Checks von Bewerbern. Ist auch langweilig und kostet zu viel Zeit.

    Ich würde Ihnen hier also etwas widersprechen, Frau Hofert: „Sagt, was ihr sagen wollt, postet die peinlichsten oder kontroversesten Sachen, aber macht es anonymisiert, sodass euer Klarname damit nicht in Verbindung gebracht wird.“

  3. Svenja Hofert 21. Juli 2012 at 12:43 - Antwort

    Och, finde das kein Widerspruch. Es ist ja auch eine Frage der Entwicklung von Menschen. Mit 18 denke ich noch nicht an all das, was passieren könnte und ich halte nicht für möglich, dass ich irgendwann mal ganz anders denke. Vielleicht mache ich meine Saufabende aus Überzeugung und poste die dann auch. 10 Jahre später sehe eich das anders und die Sachen sind immer noch drin. Deshalb würde ich meinem Sohn abraten, das ganze Zeugs online zu stellen, was privat ist. Könnte schwer werden…

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