Vor kurzem habe ich hier über das Buch „Weiblich, jung, flexibel“ von Felicitas Pommerening gesprochen. Es geht darin um die vielen Optionen, die junge Menschen heute haben und die frustrierenden Erlebnisse bei der Suche nach einem sinnvollen Job, der einen noch etwas Luft für Frei-Zeit lässt. Ist die Arbeitswelt wirklich so desillusionierend, wie in dem Buch beschrieben? Ein Zwiegespräch zwischen Pommerening und mir.

Woher kommt es, dass so viele junge Leute nicht richtig wissen, was Sie wollen?

FP: Darüber habe ich schon viel nachgedacht… und ich stelle immer gerne die Gegenfrage: Woher soll man denn wissen, was man will? Woher wissen Andere das? Das erscheint mir fast rätselhafter. Bei mir war es so: Ich wollte Journalistin werden. Aber dann hat mir die Arbeitsrealität nicht gefallen und von da an war ich ratlos…
SH: Es gibt nur wenige Menschen, die schon in jungen Jahren wissen, was sie wollen. Das war früher nicht anders. Ich denke, dass es deshalb schwieriger geworden ist, weil wir mehr sehen und für möglich halten. Ist das was für uns? Ist mehr für uns drin? …Das Leben ist eine Reise, das Berufsleben auch. Und wie bei einer Reise kann man sich entscheiden, einfach draufloszuziehen oder sich für das jeweils nächste Ziel entscheiden. Es ist nicht nötig, gleich einen Plan für alles zu machen. Mit Blick auf das jeweils nächste Ziel, den nächsten Schritt, ist vieles einfacher. Man kann z.B. sagen, im nächsten Job möchte ich XY lernen oder die oder jene neue Erfahrung machen.

Ist die Arbeitswelt ernüchternd?

FP: Ja, das finde ich schon – zumindest habe ich es so erlebt. Ich habe mehrere Berufsfelder ausprobiert und war oft enttäuscht. Ich muss aber auch zugeben, dass ich wohl mit den falschen Erwartungen an Vieles rangegangen bin. Ich war mir nicht bewusst, dass man sich fast überall erstmal hocharbeiten muss, bevor man etwas Interessantes machen darf. Der Einstieg ist eigentlich immer langweilig oder überfordernd… auf jeden Fall unschön. Ich finde das schade. Muss es wirklich so sein?
SH: Die Sache mit den Erwartungen trifft es. Die Firmen sind auf das neue Selbstbewusstsein der Generation Y nicht eingestellt. Sie erwarten mehr Anpassung und Dankbarkeit für die Jobs, das kennen sie so. Gerade Frauen meiner Generation „opferten“ sich gern als Assistentin. Die Jungen, so meine Einschätzung, werden das nicht mehr so tun. Woher also kriegen die Männer in Zukunft ihre Assistentinnen? Firmen sind nicht darauf eingestellt, dass Sinn schon so früh eine Rolle spielt – die Sinnsuche fing früher erst in meinem Alter an – und erst recht nicht, dass die Leute so viel hinterfragen. Früher ging es im Job eben nicht so sehr darum, etwas Interessantes zu machen und Hocharbeiten war selbstverständlich etwas, das länger dauert. Mit Spiral Dynamics lässt sich das erklären: Die Werte der Generation Y sind teils schon gelb, die Firmen leben das aber nicht. Trotzdem bin ich ziemlich sicher, dass es einen Bereich zwischen langweilig und überfordernd gibt, und zwar für jede und jeden. Nur muss man dazu suchen.

Warum betrifft das Suchen und Nicht-Finden vor allem Frauen?

FP: Ich glaube, dass Frauen schneller nach dem Sinn in ihrem Handeln fragen. Und da viele Jobs heutzutage wenig sinnvoll erscheinen, Fangen sie an, auf die Suche zu gehen. Aber das, was die meisten suchen, gibt es da draußen kaum: Eine sinnvolle Tätigkeit, die anspruchsvoll ist aber nicht zu viel Zeit raubt – diese Kombination
ist selten.
SH: Das ist der wesentliche Unterschied zu den jungen Männern, den ich sehe. Die jungen Männer wollen auch zunehmend Sinn und immer weniger die klassische Führungskarriere, definieren ihn aber teils anders. Am Technologiefortschritt mitzuwirken, fasziniert tendenziell mehr Männer. Ich bin nicht sicher, warum das so ist. Die naheliegende Erklärung wäre die Erziehung und die fehlenden familiären Vorbilder.
Wir finden nun mal selten Mütter, die SAP-Beraterinnen sind.

Warum stellen sich gerade junge Frauen im Vorstellungsgespräch so auf ihr Gegenüber ein, dass sie sich selbst unkenntlich machen? Sie haben das in Ihrem Buch sehr treffend beschrieben.

FP: Das muss Erziehung sein. Frauen erkennen oft ihren eigenen Wert nicht – und selbst wenn sie es tun, dann kehren sie das nicht nach außen. Sie wollen nett sein und gemocht werden. Bei Männern ist das anders. Sich selbst stark darzustellen, gehört zum Selbstverständnis und wird auch nicht abgestraft. Wissen Sie, da ist mir gerade erst so was passiert: Als Autorin muss ich mich ja im Moment viel selbst darstellen. Da hat mir doch tatsächlich ein Mann gesagt, ich wirke so ‚übereifrig‘. Ha! Was meinen Sie, hätte der das auch einem Mann gesagt? Frauen sollen nett und zurückhaltend sein. Und viele haben das verinnerlicht.
SH: Es ist wirklich so, dass Macht- und/oder selbstbewusste Frauen solche
Adjektive häufiger hören. Die Frau ist übereifrig, der Mann engagiert. Intelligenz wird bei Männern bewundert, bei Frauen hat man immer noch Angst davor. Wohl kein Zufall, dass in Talkshows außer Sarah Warenknecht, Christine Lagarde und Gertrud Höhler keine intelligenten Frauen vorkommen. Naja, neuerdings noch Anke Domscheit-Berg. Gibt es wirklich so wenig Frauen, die etwas zu sagen haben? Oder steckt das von Ihnen beschriebene Übereifrig-Phänomen dahinter, also eine verzerrte Wahrnehmung?

Zum Vorstellungsgespräch. Ich kann nicht bestätigen, dass Männer ihren Wert eher erkennen, da sehe ich täglich Gegenbeispiele. Männer können sich sogar noch schlechter verkaufen. Und beide Geschlechter denken genau gleich falsch, nämlich „was erwartet der andere denn von mir?“, um sich darauf einzustellen. Der Schuss geht natürlich nach hinten los. Wer sich an den Erwartungen anderer ausrichtet, ist nicht
authentisch und findet schon gar nicht, was er oder sie will. Einen Unterschied gibt es aber: Frauen richten sich eher an Erwartungen aus, um zu gefallen, Männer um erfolgreich zu sein.

Versperren die vielen Möglichkeiten den Blick auf das Wesentliche?

FP: Ich glaube, das ist eine Typ-Frage. Ich kenne Leute, die immer das Gefühl haben, etwas zu verpassen. Sie gucken sich dauernd um – nach anderen Stellen, nach anderen Wohnungen… was auch immer. Für solche Leute wäre es glaube ich fast besser, sie hätten nicht so viele Möglichkeiten.
SH: Das sind die bei Bas Kast („Ich weiß nicht was ich wollen soll“) beschriebenen Maximierer. Die stehen sich oft selbst im Weg. Maximierer sind nicht bereit, Opfer zu bringen. Mir fällt eine Kundin ein, die vor sechs Jahren eine Garantie wollte, dass eine bestimmte Weiterbildung ihr den Wunschjob brächte. Ich hab gesagt, die Garantie sei sie selbst. Das wollen Maximierer nicht gern hören. Aber genau so ist es. Man muss ein Risiko eingehen und anfangen an sich zu arbeiten, und da scheiden sich die Wege von erfolgreichen Selbstverwirklichern und Maximierern, die alles zum Nulltarif wollen.

Ist das geisteswissenschaftliche Studium das Problem? Zieht es gerade Orientierungslose an? Was könnte man tun?

FP: So würde ich es nicht formulieren. Ich glaube eher, dass die Abiturienten falsche Vorstellungen von diesen Studiengängen und von dem Jobs danach haben. Sie sagen: „Ich will was mit Medien machen.“ Oder: „Etwas Kreatives“. Aber was sie dann konkret erwartet, enttäuscht sie am Ende. Ich finde sehr gut, dass es Programme gibt, mit denen man versucht, junge Mädchen auch an andere Berufe heranzuführen – an technische und naturwissenschaftliche Felder. Und ich finde die Studiengänge an den
FHs gut, die schon näher an der beruflichen Realität dran sind.
SH: Leider wirken die Girls Days und anderen Programme nur sehr bedingt. Was das Praktische angeht, so befürworte ich eher eine breite Basis, auf der man sich spezialisiert. Es gibt ganz unterschiedliche Typen und hier macht unser Bildungssystem durch verschiedenartige Angebote durchaus Fortschritte: Die einen sind mit einer wissenschaftlicheren und breiteren Herangehensweise besser bedient, die anderen profitieren von einer praktischen Heranführung wie im dualen Studium. Es gibt viele Wege nach Rom, man muss nur sein Rom finden. Dafür muss man sich aber kennen. Und sich selbst Kennenlernen kann man am besten während man arbeitet, im Zweifel lieber irgendwas als nichts. Muss nicht mal vergütet sein.

Was schreiben Sie als Nächstes?

FP: Ich habe gerade verschiedene Projekte parallel laufen… aber ich beschäftige mich auf jeden Fall auch weiter mit Arbeitsthemen. Was wir beruflich machen – oder mit uns machen lassen – bestimmt ja im Endeffekt, wie wir leben. Das finde ich sehr spannend und ich glaube, dass wir da noch viel ändern und besser machen können.

SH: Dabei wünsche ich viel Erfolg!

Die nächste Lesung findet am 20. Juli in Dresden statt, im Kinderladen Bambini um 20 Uhr, präsentiert von: FLEXPERTEN – das Job- und Informationsportal für flexibles Arbeiten.