Sind Sie hochintelligent? Ihre Kinder? Bestimmt doch! Wie, etwa nicht? Looser oder…? (Ich scherze!)

Mir begegnen eigentlich nur noch Hochintelligente. Mütter und Väter haben hochintelligente Kinder, Lehrer hochintelligente Schüler. Wer gut in der Schule ist, gilt als hochintelligent. Wer schlecht ist, aber auch. Dass die Verteilung von gefühlter Hochintelligenz irgendwie nicht in die Gaußsche Normalverteilungskurve, auch Glockenkurve, reinpasst – geschenkt. Jeder denkt schließlich, er/sie sei anders. Auch 80% aller Führungskräfte halten sich wohl für überdurchschnittlich intelligent (was auch nicht sein kann, siehe Normalverteilung….) Aber gut: So wird der IQ zur Massenware.

Ich vermute, Internet-Tests wie der der Süddeutschen helfen dem IQ-Mythos auf dem Sprung: Ich habe im Laufe der Jahrzehnte mehrere Tests mit Büchern und Internet gemacht sowie einen „richtigen“ in der Schulzeit. Da gab es eklatante Unterschiede, mein Intelligenzzuwachs war immens 😉 Die subjektive Umfeldwahrnehmung führt mich zu dem Schluss, dass alle Selbsttester kleine Einsteins sein müssten, denn jeder Buch- und Internet-Tester, den ich je gesprochen habe, hat einen IQ jenseits der 130.

Mein Fazit, was mir Experten bestätigten: Solche Tests erzielen bessere Ergebnisse als die, die in einer seriösen psychologischen Praxis oder in einem Institut getestet werden. Weiter gibt es noch gravierende Unterschiede bei den jeweilgen Tests.

Ausschnitt aus der unten zitierten Quelle

Das mag auch, zum Teil, an den Faktoren Manipulierbarkeit, und die Unterdisziplinen böse Absicht und Selbstbetrug beim Selbsttest liegen – und erst recht beim Online-Test. Als lernhungriger Karriere-Coach, habe ich einst gemeinsam mit einem Vertrauten in der Bewerbungsphase via Internet einen IQ-Test bei einem internationalen Unternehmen gemacht, der Bestandteil eines so genannten E-Assessments war.

Unser gemeinsamer Quotient muss nicht mehr messbar gewesen sein. Ich weiß seitdem, dass man die aberwitzigsten Zahlenfolgen einfach ergoogeln kann – und mir ist lange klar: Es gibt einfach keine einzige IQ-Test-Frage, die nicht in irgendeinem Forum schon beantwortet worden wäre. Überspitzt könnte man es auch so formulieren: Ein IQ-Test bei laufender Internetverbindung testet lediglich Recherchekünste und Manipulationsbereitschaft in oben genannten Ausprägungen, also mit Aufschlüssen über die Neigung zum Selbstbetrug und/oder zur bösen Absicht.

Durchschnitt sein will keiner mehr. Es geht darum, außerhalb der Normalverteilung zu liegen, also am Rande der Glocke. Die kuriosen Auswirkungen wurden mir erst kürzlich bewusst: Als ich in geselliger Familienrunde nüchtern anmerkte, mein Sohn hätte die Schlagfertigkeit von mir geerbt, sei sehr clever, aber keineswegs hochintelligent, erntete ich sehr, sehr böse Blicke, vernichtende geradezu. Ich war bis dahin der Meinung, dass es für die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit besser sei, wenn das Kind sich innerhalb einer Normalverteilung wähnt (von IQ, Schönheit, Gewicht, sportlicher Fähigkeit etc.). Besser mitten in der Gaußschen Kurve als außerhalb am Rand. Denkste! Äh, dachte ich….

Das Land Schleswig-Holstein hat irgendein Hochbegabtenförderungsprogramm aufgesetzt. Es ist eine Posse. Lehrer bestimmen Pi mal Daumen, wer in dieses Programm gehen darf, explizit sollen nicht nur Noten entscheiden. Es traf meinen Sohn, der begeistert war (man lese Ironie…) als er hörte, dass er nun alle zwei Wochen zusätzlich Philosophie-Unterricht haben sollte, da alle wirklich spannenden Kurse ausgebucht waren. Zusatzunterricht als Hochbegabtenförderung? Nun ja, ich sage nur so viel: Richard David Precht vergammelt seitdem ungelesen im Bücherregal und jeder Versuch, philosophische Themen kindgerecht aufzubereiten, scheiterte bisher; das Thema ist verbrannt.

Die Posse endete damit nicht. In der weiterführenden Schule wurden die Hochbegabten-Pfründe, die eher Lasten waren, neu verteilt. Ich fantasiere hier etwas, habe aber Anhaltspunkte, dass mein kleines Drama nicht allzu sehr an der Realität vorbeischlittert.

„SIE ist wirklich sehr begabt“, ereifert sich der Kunstlehrer.

„Warum man DEN in der Grundschule ins Hochbegabten-Programm gesteckt hat, ist mir ein Rätsel“, so Mrs. Mathe.

Herr Deutsch: „ER ist wirklich sehr begabt.“

Frau Bio: „DER doch überhaupt nicht.“

Das Lieblingsschüler-Problem  als Drama in 4 Lehrer-Akten 😉 Mangels Standards und Richtlinien, setzte sich der Lehrer mit der höchsten Macht im Reiss-Profil durch, weil das schlichtweg Gruppendynamik ist. Intelligent ist, was ich dazu bestimme. Oder so  in der Art.

Passend zum Thema erschien gerade ein Buch von Dieter Zimmer, einem Wissenschaftsjournalist, der uns die Wahrheit über den IQ verraten möchte und doch nichts als altbekannte Fakten präsentiert, allerdings endlich mal zusammenhängend. Demnach ist Intelligenz immer noch das, was der Intelligenztest misst und weitestgehend erblich, nämlich zu 75%. Das ist wissenschaftlicher Konsens. Auch Hochbegabtenprogramme machen aus einem Dummie keinen Überflieger. Nach wie vor ist ein IQ jenseits von 110 ungewöhnlich und jenseits von 120 höchst selten, mehr dazu hier (das in meinem Beitrag verwendete Bild stammt hieraus). Und radikal ändern lässt er sich auch nicht.

Ich habe mir das mal ausgerechnet und zitiere hier Kollegin Uta Glaubitz, die neulich in einem SPON-Artikel erwähnte, Dachdecker hätten, einen durchschnittlichen IQ von 94. Das liegt absolut im Normalbereich. Trotzdem würde heute fast jeder gemeinerweise sagen „immerhin knapp über Toastbrot“, wissenschaftlich gesehen verläuft aber erst bei unter 80 die Grenze zum Schwachsinn.

Nun stellen wir uns mal vor, der Hans, Sohn eines Dachdeckers mit Spezialgebiet Reet und einer Bäuerin aus dem Dithmarschen mit Durchschnitts-Familien-IQ  94, wird von zwei Professoren adoptiert, liebevoll aufgezogen, intellektuell gefördert und landet auf einer Eliteschule, die damit wirbt, den IQ auf bis zu 140 steigern zu können.

Selbstverständlich ist diese Aussage ebenso wie diese Rechnung grober Unfug, weil es gar nicht messbar wäre, aber gute PR ist ja erlaubt, ergo können Kosmetikfirmen behaupten, Falten mit ihrer Creme zu reduzieren, sofern nur eine Testperson dies bezeugt und Schulen könnten mit Intelligenzsteigerung werben (und wenn sie nur einen Fall hatten mit einem IQ von 140, von dem aber ja nun wieder nur 25% förderfähig sind… verflixt…). Nun ist der angeborene Anteil der Intelligenz bei unserem Hans 75% von 94 beider Elternteile, also 70,5. Der maximal förderbare Anteil liegt, so Zimmer, bei 25% von 140, also 35. Hans könnte durch den Umfeldwechsel, also immerhin auf 105,5 kommen, was ihm neue berufliche Perspektiven eröffnen würde…. äh… z.B. als Kaufmann im Einzelhandel, denn Redaktionsleiter, ich verweise auf Glaubitz in ihrem Artikel, wird man damit noch nicht (die hätten nämlich 112 im Durchschnitt, sagt sie).

105,5 bei liebevoller Aufzucht: Damit läge unser Hans immer noch im Normalbereich, aber ich bin sicher, dass seine Familie den kleinen Hans dennoch für hochintelligent halten würde und garantiert jemand findet, der das bestätigt.

PS: Mit 19 habe ich in einem Heim für Behinderte gearbeitet und mir so die eigene Wohnung finanziert. Dort waren z.B. Menschen mit Trisomie 21, gemeinhin als Mongoloide bezeichnet. Deren IQ ist niedrig, liegt so zwischen 35 und 70, und sinkt mit dem Alter. Ich fand die Art wie einige von ihnen über fehlende Kompetenzen, z.B. Dinge zu errechnen, sprachen unheimlich natürlich. Es muss nicht jeder schlau sein, finde ich, Kompetenzen haben auch „Dumme“, oft sogar ganz besondere. Und man muss auch dazu stehen dürfen, ganz normal intelligent zu sein.