Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Was taugt E-Coaching?

Von | 2012-09-28T13:30:29+00:00 28. September 2012|

Telefonisches Coaching habe ich bisher abgelehnt, es sei denn es geht klar um inhaltliche Fragen oder wissensbasierte Entscheidungen.  Was etwa eine Intervention auslöst, kann man telefonisch nur sehr bedingt erspüren. Etwas anderes ist es, wenn ich einen Klienten sehr lange kenne. Da kommt es nun mal vor, dass jemand heute in Barcelona und morgen in New York ist. Sich zu sprechen halte ich da immer noch für besser als sich zu mailen.  Meine innere Priorisierung war bisher so:

  1. E-Mail-Coaching geht gar nicht. Empfinde ich als unersiös. Ich fürchte mich vor den Missverständnissen, die Worte auslösen. Frühe Erfahrungen im E-Training haben mich gelehrt, für möglich zu halten, was eigentlich unmöglich ist: Dass ein Mensch einen aus meiner Sicht vollkommen unmissverständlichen Satz komplett anders auffasst oder zwischen den Zielen Dinge liest, die nicht da sind (aus meiner Sicht). Wer das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun kennt weiß, warum so etwas passieren kann.
  2. Telefoncoaching ist heikel. In einigen Fällen habe ich mich dazu breitschlagen lassen, z.B. weil jemand mit kleinem Kind 1000 Kilometer entfernt nur zu mir wollte und das Anreisen nicht organisieren konnte und außerdem der Beratungsfokus überwog. Vor allem wenn es vorher einen ersten persönlichen Starttermin gegeben hatte – wunderbar. Telefoncoaching, um dieses Fazit weiterzuspinnen, funktioniert also nur dann, wenn es Teil eines Prozesses ist oder wenn es eindeutig Beratung, also wissensorientiert ist. Doch schon bei  „simplen“ Themen wie Bewerbungsstrategie kommt das Telefon an seine Grenzen. Denn Strategien sind immer individuell, so steht es auch in der Guerilla-Bewerbung. Um eine passende Strategie mit jemand entwickeln zu können, muss ich sie/ihn sehen und erleben.
  3. Skype ist No-Go. Ich mochte es bisher nicht. Auf jeden Fall stellte ich dazu bisher meine Kamera, also das Video, aus. Es irritierte mich, wenn ein Klient in seinem eigenen Wohnzimmer vor der Kamera rumsprang und mich nicht richtig anblickte (und ich ihn/sie nicht).  Beim Coaching sitzen die Leute normalerweise, Skype scheint einen niedrigen „Ich setze ich ruhig hin“-Reiz auszulösen.

Klar, dass mich das Thema E-Coaching auf der Zukunft Personal 2012 besonders interessierte, also besucht ich den Workshop von Prof. Dr. Michael Ziemons von der Katholischen Hochschule NRW, der nebenbei auch selbstständig ist und natürlich sein Programm verkaufen wollte (was er glücklicherweise eher dezent tat).

Ziemons hat in einer Studie ermittelt, dass meine intuitiv gefassten Einschätzungen 1. und 2. vollkommen richtig ist, und so auch nachweisbar. Aber mit 3. liege ich falsch. Es gäbe Belege, dass  Coaching via Skype auf jeden Fall dem Telefoncoaching haushoch überlegen ist und mitunter sogar dem Live-Coaching. Die Ursache liegt Ziemons i9 dem von ihm entwickelten System mit Coachingbögen, die den Prozess beim Coachee schon vor dem Coaching-Termin in Gang setzten.  Das Ganze nennt sich Blended Business Coaching und hört sich für mich nach einer netten Idee, das Distanzproblem zu lösen, etwa im Vertrieb, aber auch nicht nach dem Stein der Weisen an.  Muss ja auch nicht.

Mit Fragebögen arbeiten ist etwas, dass ich im Live-Coaching schon immer gemacht habe. Hat sich sehr bewährt. Der belegbare Vorteil liegt aber meines Erachtens nicht am Medium, sondern in der Methode, die genauso gut oder möglicherweise besser funktionieren würde, wenn man sich nach dem Ausfüllen des Coachingbogens persönlich trifft. Indes schlechter, wenn man „nur“ telefoniert. Denn: Beim Antworten auf offene Fragen, passiert oft schon ganz viel beim Coachee, da Gedanken angeregt werden.

Bleibt die Frage, soll man Skype nun einsetzen oder nicht? Die Nachfrage ist groß, das merken auch unsere Experten aus dem Netzwerk Karriereexperten.com. Barcelona, Shanghai, Rio oder auch Zurich und Brüssel: Überall sitzen Deutsche, die zum Beispiel zurück wollen und für ein Karrierecoaching nicht zwei Tage fliegen und den anschließenden Jetlag riskieren möchten. Ergo haben einige Kollegen schon Skype-Coaching in ihr Programm aufgenommen, z.B. Sabine Dinkel, der Coach mit Hund Wilma.

Mein Skype-Problem, habe ich inzwischen gelernt, ist ein Hausgemachtes: Meine Kamera steht auf meinem Bildschirm, um den Kunden anzusehen, muss ich mir den Hals verrenken. Das sieht saudoof aus und fühlt sich auch nicht gerade gut an. Profis besitzen eine Kamera auf Augenhöhe, in den Monitor gebaut.  Außerdem stehen hinter mir Bücher, die Kunden ablenken.  Ich könnte das, wenn ich wollte, ändern und zum Beispiel eine neutrale Wand hinter mich stellen…. Will ich? Unentschieden. Vorher wollte ich aber noch Google Hangouts ausprobieren, auch darüber sollen Coachings möglich sein.

Was sind Ihre Erfahrungen mit E-Coaching. Freue mich über Berichte von Praktikern und natürlich Lesern, die sich per Internet coachen ließen.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

11 Kommentare

  1. Simone-Maria Brunner 28. September 2012 at 14:16 - Antwort

    Für mich ist E-Coaching eine sehr gut durchführbare Variante. Es erfordert ein großes Einfühlungsvermögen und auch viel Kreativität. Auch lange Coachingprozesse habe ich so schon begleitet. Meine Klienten, die ebenfalls im Ausland wohnen und wieder nach Deutschland wohnen haben im Rahmen dieses Coachingprozesses Bewerbungen gestartet. Bereits im Vorfeld dieser Coachingsitzungen habe ich auch die Symbolon-Potenzialanalyse über Webinarplattformen besprochen. Die Ergebnisse sind sehr gut. Aus meiner Sicht muss natürlich die Qualität der Beratung stimmen.
    E-Coaching erfordert sicher mehr Empathie und von beiden Seiten, Coach und Coachee meine große Offenheit. Mehr Fragen zu stellen und so den nicht vorhandenen „Live-Eindruck“ abzusichern, dann ist das Coaching gut durchführbar.

    • Svenja Hofert 30. September 2012 at 16:21 - Antwort

      Hallo Simone, danke für deinen Kommentar. Ich denke allerdings, dass Offenheit und Einfühlungsvermögen überall gefordert ist, Kreativität bei Job-Coaching auch. Bei psychologischem Coaching sehe ich es nicht ganz so. Das Thema Bewerbungen und Karrierestrategie ist in gewisser Weise auch ein spezielles, weil es beratungsorientierter ist. Hier übrigens noch dein Profil bei den Karriereexperten: http://www.karriereexperten.com/mitglieder/coach-datenbank/simone-maria-brunner/brunner-beratung-training
      Ein Klient, den ich an dich empfohlen habe, ist sehr zufrieden. LG Svenja

  2. Sabine Dinkel 28. September 2012 at 22:04 - Antwort

    Spannend, und vielen Dank für die Erwähnung, da habe ich doch gleich den Impuls, zu antworten.

    Witzigerweise bin ich durch meine Klienten an das Thema E-Coaching gekommen.

    Immer wieder baten mich Klienten (die ich bereits im Live-Coaching hatte) zwischendrin auch um Coachings via Mail, Telefon oder Skype. Bei Skype hörte für mich zuerst der Spaß auf, ich habe mich vor der Vorstellung eines Skype-Coachings am Anfang total gegruselt (trotz Kamera auf Augenhöhe) ;o)

    Nichtsdestotrotz habe ich mich von einer Klientin liebevoll überreden lassen – und siehe da: es funktionierte ganz toll. Und ich sammelte immer mehr (positive) Erfahrungen.

    Als ich bei einem Auftraggeber, in dessen Coach-Pool ich bin, mein Coach-Profil daraufhin erweiterte, war er ganz begeistert und sagte: „Super, wir werden immer wieder gefragt, ob wir auch Coaches haben, die E-Coaching anbieten. Das wird garantiert in Anspruch genommen.“ Und tatsächlich – pro Woche gebe ich ca. eine E-Coaching-Einheit – allerdings überwiegend mit Klienten, die ich auch schon live gecoacht habe – aber nicht nur.

    Unter anderem habe ich einen Klienten, der für eine deutsche Firma in der Karibik sitzt. Ihn habe ich bisher nur via Skype und Mail kennengelernt. Und auch hier zeigt sich der Klient sehr zufrieden. Wir überbrücken sogar die 8 Stunden Zeitverschiebung.

    Auch mein Angebot E-Mail-Coaching habe ich zwei Klientinnen zu verdanken. Beide sind total zufrieden, dass sie sich schreibend ausdrücken können, sich einfach mal in Ruhe etwas „von der Seele schreiben“. Eine von beiden wohnt sogar in Hamburg und nutzt trotzdem überwiegend das Medium E-Mail.

    Gleichwohl gebe ich dir recht, dass es ohne die persönliche Ebene, sich zu sehen und zu erleben, sehr heikel sein kann. Dass das geschriebene Wort sehr viel Raum für Missverständnisse bietet.

    Grundsätzlich bevorzuge ich Face to Face-Coachings. Damit fühle ich mich einfach am besten.

    Fazit:
    Wenn es der Klient möchte und sich das Thema eignet, finde ich E-Coaching sehr hilfreich. Es ist dann vielleicht nicht die perfekte Lösung, dennoch – wie Friedemann Schulz mal so schön formulierte – „hinreichend gut“.

    Herzliche Grüße
    Sabine

    • Svenja Hofert 30. September 2012 at 16:15 - Antwort

      Liebe Sabine, genau: hinreichend gut! herzliche Grüße zurück Svenja

  3. Sascha Schmidt 1. Oktober 2012 at 07:52 - Antwort

    Liebe Svenja, ich teilte bisher Deine Skepsis und habe dann doch via dem Netzwerk Karriereexperten.com eine Coachinganfrage aus den USA bekommen. Ich habe da mein erstes Skype-Coaching (unbedingt mit Kamera) vorgenommen – es klappt erstaunlich gut.

    Wichtig ist in meinen Augen, dass dem Gesprächspartner klar gemacht wird, dass es einen qualitativen Unterschied zwischen realem Erleben und einer Webcam gibt. Wer zugleich mit geschultem Auge coacht, der wird auch über eine Webcam nonverbale Reaktionen mitbekommen – zumindest im Gesicht.

    Meine erste Skype-Klientin war über das Coaching sehr zufrieden; ich selber habe es jetzt in mein Angebot aufgenommen – als Alternative, wenn die Anreise nicht möglich sein sollte.

    LG, Sascha

    • Svenja Hofert 1. Oktober 2012 at 12:27 - Antwort

      Lieber Sascha, danke für die Ergänzung. Ich werde mich mal mit diesen Sachen beschäftigten…. so lange empfehle ich einfach an euch Skype-Experten weiter 😉 LG Svenja

  4. Gilbert 6. Oktober 2012 at 00:09 - Antwort

    Gut, ich dachte schon, ich bin alleine mit meinen Vorbehalten. Ich denke auch, dass man selbst solche Distanz-Coachings hinkriegt, gerade wenn man die Klienten gut kennt. Am Telefon habe ich das selbst schon gemacht, fand es aber nicht doll. Wie immer gehört auch Übung dazu.

    Was mich aber auch abschreckt sind entsprechende E-Coaching-Angebote im Internet. Heute habe ich z.B. ein Angebot eines Skype-Coaches aus Österreich gelesen:

    „Persönliches Coaching
    Meine Coachings sind keine Pfadfinderausflüge, sondern knallhart. Also machen Sie sich auf harte Fakten und ehrliches Feedback gefasst. Ich sage Ihnen nicht, was Sie hören wollen, sondern trete Ihnen in den Arsch. Die Mission lautet, Sie stark zu machen. Diese Missionsziel hat oberste Priorität.“

    Da möchte ich eigentlich nicht in den Verdacht geraten, mit solchen in einer Reihe zu stehen.

  5. Klaus Schaumberger 12. Oktober 2012 at 14:25 - Antwort

    Coaching via Skype, vor einigen Jahren hätte ich nicht gedacht das es einmal gelebte Realität wird. Heute genieße ich die Vorteile die diese Form von Coaching bietet. Beide Seiten sind flexibler, sparen viel Fahrzeit und Kosten. Natürlich kann man je nach Coaching nicht jede Methode via Skype anwenden – das ist aber ja auch nicht immer notwendig. Außerdem kann das Coaching ja auch aufgeteilt werden.
    In meinem Bildhintergrund ist ein Whiteboard das ich zusätzlich mit einsetze. Skype hat leider seit geraumer Zeit eine kostenlose Funktion gestrichen die bei google + mit dabei ist. Die Bildschirmübertragung macht es gut möglich Inhalte, Skizzen und mehr gemeinsam zu betrachten und zu bearbeiten.
    Ich möchte die Möglichkeiten der Technik zur Unterstützung des Coachings nicht mehr missen. Zudem schonen diese Werkzeuge ja auch die Umwelt.

    Klaus

  6. Anne Niesen 8. März 2013 at 18:52 - Antwort

    Hallo an alle,
    ich beschäftige mich viel mit Virtualität und liebe E-Coaching.
    Meine Erfahrung: Ich bin eher auditiv und höre tiefe Ebenen oft beser als das ich sie sehe. Virtuelle Möglichkeiten (wie erwähnt – screen sharing, white boards etc) geben bei Bedarf viele Hilfsmittel in die Hand. Natürlich sind Methoden und Vorgehensweise anders, aber wie so oft : Nicht schlechter! Wenn Kunden sich damit wohlfühlen und der Coachee auch, ist es dem f2f ebenbürtig und manchmal sogar überlegen! Ich habe schon Coachees gecoached, die ich nie getroffen habe, kein Problem!
    Anne (Niesen)

  7. Antje Fisseler 25. August 2017 at 10:56 - Antwort

    Guten Morgen,
    Nachdem inzwischen schon mehrere Jahre vergangen sind, wie sieht es aktuell mit e-Coaching in Deutschland aus?
    Meine persönlichen Erfahrungen damit sind sehr positiv und es interessiert mich sehr, herauszufinden, ob das inzwischen generell so gesehen wird.
    Herzliche Grüsse aus Paris,
    Antje

    • Svenja Hofert 3. Oktober 2017 at 16:18 - Antwort

      Hallo Frau Fissler, es kommt immer mehr, da hat sich seitdem durchaus etwas verändert. herzliche Grüße SH

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