Ob ich auch durch eine Krise zum Coaching gekommen sei, wurde ich schon mal gefragt von jemand, der sagt „ich will auch Coach werden.“ Ich verzog mich an den Nebentisch, sonst könnte ich mir eine ehrliche Anmerkung möglicherweise nicht verkneifen. Nein, Krise, kann ich nicht mit dienen. Keine Burnoutvergangenheit. Ein bißchen Glass Ceiling, aber hat mich nicht sehr mitgenommen – Geld genommen und angelegt.

„Ich will auch meine Berufung leben“, wäre möglicherweise der Folgesatz geworden. Hm, ha. Auch. Ich halte nicht viel von Berufungen, möglicherweise weil ich nicht besonders gläubig bin. Ich sehe Job als Job. Es gibt schlechte, mittlere und gute. Gut ist, was zu einem passt. Ich habe einen guten Job. Aber ich vermute, dass ich auch andere Jobs hätte machen können, mit dem ähnlichem Effekt einer ordentlichen Zufriedenheit. Und möglicherweise mache ich auch noch mal was anderes. Die Traumkarriere ist nie zuende.

Das (Berufs-)leben als Coach wird in einer Weise als vermeintlicher „Traumjob“ glorifiziert, die mir ungeheuer ist. Der Beruf, der keiner ist, zieht teils falsche Leute an. Wenn sich wieder jemand aus einer persönlichen Krise heraus selbstständig machen will, möchte ich manchmal Greggs Tagebuch zitieren und fragen „geht´s noch?“ Wenn die Berufung wenigstens nach 20 Jahren als Personalentwickler oder als Führungskraft kommen würde. Doch allzuoft zeigt sie sich unmittelbar nach der Entdeckung, mitunter mit 22 Jahren gemacht, dass das Berufsleben eher Eiertanz als fröhliches Eisessen ist. In diesem Alter kann man in der Persönlichkeitsentwicklung noch nicht besonders weit sein. Das zeigt z.B. auch die Glaube, man könne das.

„Können Sie nicht mal mit XY reden?“ werde ich manchmal von Menschen gefragt, die es nett meinen. „Der/die will sich als Coach selbstständig machen!“ Ich geh dann in Deckung. Denn aufklärerische Maßnahmen ohne Bezahlung nehme ich nur hier im Blog vor – sie haben in fortgeschrittenem Stadium der Willensbildung ohnehin keinen Sinn. Im besten Fall hört man „Ich weiß ja, dass der Markt zu ist, aber Coaching ist einfach mein Ding.“

Sein Ding in dieser Hinsicht entdeckt man leicht und schnell. Man macht eine Coachingausbildung und wird (wie alle!) gutes Feedback bekommen, denn es kann fast gar nicht anders sein. Die Situation des Coachings ist darauf angelegt, positive Feedbacks zu erzeugen, weil man im besten Fall Menschen zu befreienden Gedanken und ihrem eigenen Glück führt. Das verführt zu dem Schluss man sei selbst gut. Aber man wendet nur Methoden an. Die kann jeder lernen. Viele der Neu-Coachs sind in Wahrheit Feedbackjäger. Das ist eine verbreitete Motivation nach einer wodurch auch immer bedingten Krise.

Schauen Sie nur mal hier in meine Screenshots vom Google-Key-Word-Tool und achten Sie auf die Häufigkeit, mit der „Coach werden“ eingegeben wird. Das verspricht ein gutes Geschäft für mein im Herbst bei Gabal erscheinendes Buch „Meine 100 besten Coaching-Tools“. Und Coachingausbilder, von denen es immer mehr gibt, kriegen ihre Kurse offensichtlich bei dieser Anzahl an Anfragen auch noch voll, trotz wachsender Konkurrenz.

Eine Zeitlang haben Anbieter dieser Ausbildungen ihre Leute in dem Glauben gelassen, sie könnten sich damit selbstständig machen.

Mich freut insofern zu hören, dass einige offenbar umschwenken und Coaching nicht mehr als selbstständige Tätigkeit, sondern als im Job nutzbares Handwerkszeug verkaufen. Denn eine Job-Option als selbstständiger Coach ist es nur für die mit einschlägiger HR-Berufserfahrung und die, die Tätigkeiten kombinieren. Erst recht ist es keine Option, wenn man ernsthaft an Privatkunden als Zielgruppe denkt und kein Trainer, Outplacer oder Personalentwickler im Hauptjob ist. Privates Coaching ist eine Teilzielgruppe für eine Handvoll Leute, die meist ewig im Geschäft sind. Oder die das nebenberuflich machen. Oder die einen gut verdienenden Ehepartner haben.

Ein Buch, ein bißchen Posing und das ® an eine Wortschöpfung kleben – das war früher mal ein Weg. Der Markt ist heute „zuer“ als zu, auch begrifflich wie man oben sieht. Niemand wird mit einer Google-Anzeige mehr punkten oder müsste Geld ohne Ende rausschleudern, was sicher nicht wieder reinkommt.

Ich sehe diese Entwicklung schon lange, Coaching ist am Ende des Produktlebenszyklus angekommen. Deshalb habe ich 2011 die Karriereexperten gegründet, auch um (m)eine Begriffsalternative zu etablieren. Mein Gedanke war, dass sich das Coaching professionalisieren UND individualisieren muss. Mir war und ist es wichtig, die besondere Expertise, Herangehensweise, den speziellen Ansatz von Anbietern im Coachingumfeld zu zeigen. Ich sehe hier viele Marktlücken, die keiner füllt. Alle wollen Coach sein, systemischer Coach, Business Coach, whatever. Aber weniger wollen ein besonderes Profil entwickeln.

Aber auf dem freien Markt reicht das „ich biete Coaching“ nicht. Hier punkten besondere Kombinationen, Erfahrungen, Methoden, Konzepte, Zugänge, Ressourcen und natürlich auch die Persönlichkeit des Coachs – und dessen Marketing. Dazu möchte ich Ihnen morgen Deutschlands ersten Coach mit Hund  vorstellen – Sabine Dinkel, die genau das beherrscht. Und die es ohne die sonst gängige Zielgruppen- oder Themenpositionierung geschafft hat und trotz „zuem“ Markt. So viel ich weiß auch ohne größere Krise 🙂

Apropos Coach werden: Hier gibt es unseren Selbstlernkurs Coach werden, für alle,  die an einer realistischen Einschätzung interessiert sind.