Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Quote stimmt, Feintuning nötig (Bewerbungsexperiment Teil 4)

Von | 2013-04-18T16:32:27+00:00 18. April 2013|

Copyright: Svenja Hofert

Mein Test-Bewerber sucht immer noch. Seit das Bewerbungsexperiment begonnen hat, ist gut ein halbes Jahr vergangen, wir starteten im Oktober 2012. Bis heute hat mein anonymer Fall 23 Bewerbungen rausgeschickt – fokussierter als zuvor und mit stärkerem Augenmerk auf Kernkompetenzen. Weiterhin haben wir eine persönliche Erklärung für eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Entscheidung für die Art des Zweitstudiums im CV ergänzt. Ich halte nichts von Rechtfertigungen, aber manchmal ist es einfach notwendig, sich bzw. etwas zu erklären, weil beim Gegenüber sonst „System 1“ losgeht – man interpretiert. Freie Interpretationen sind meistens falsch; gemacht werden sie trotzdem.

Die Resonanz auf die Unterlagen ist mit rund 15% im Rahmen dessen, was ich aufgrund des Lebenslaufs erwartet habe. Die Fokussierung funktioniert. Sie könnte noch besser klappen, wäre der Bewerber bereit, seinen Wohnort zu verlassen. Das geht aus familiären Gründen nicht. Flexibleren Bewerbern rate ich dagegen: Im Zweifel lieber zwei lehrreiche Jahre woanders mitnehmen, um dann profilierter zurückzukehren.

Bisher gab es drei Einladungen verschiedener durch die Bank mittelständischer Unternehmen. Auch das hatte ich aufgrund des CV prognostiziert: Bei den Konzernen bestehen schlechtere Einladungs-Aussichten aufgrund des stärkeren Bewerbersogs, der nur durchschnittlichen Noten und der eher „ersten Kenntnisse“. Es zeigt sich auch, dass es Sinn macht, sich auch auf Stellen zu bewerben, die eigentlich zumindest „auch“ für kaufmännische Lehrabschlüsse ausgeschrieben sind. Und zwar trotz Doppelabschluss Diplom und Master. Übrigens keine Seltenheit: Ich habe Bewerber mit drei Masterabschlüssen gesehen: Das bringt alles nichts, wenn die Berufserfahrung dazu fehlt, die Kenntnisse nicht aktuell sind oder die Branche Probleme hat, Stichwort Medien und Verlage.

Nach dem einen Zweitgespräch gab es für meinen Bewerber einen Test, in dem vor allem kognitive Fähigkeiten geprüft wurden sowie einige firmenindividuelle Aufgaben zu lösen waren. Es handelte sich um firmenspezifische Berechnungen. Mit zwei Aufgaben konnte der Bewerber gar nichts anfangen –  danach eine nette Absage.

Wir haben zwei Mal über das  Vorstellungsgespräch gesprochen, einmal rund eine Stunde im Januar und diese Woche eine halbe. Ich würde eine viel intensivere Vorbereitung mit Video für sinnvoll halten, auch wenn ich Vorbereitung nicht per se für hilfreich erachte, siehe hier. Es zeigt sich wieder einmal: Die, die´s bräuchten, nehmen es erst in Anspruch, wenn alle Stricke reißen und die, die es nicht brauchen, übertreiben es…

Aber egal, ein paar Tipps sind besser als nichts: Beim ersten Gespräch machte ich klar, dass die sachliche und prägnante Kürze im kollegialen Umgang vielleicht sehr sympathisch, aber kaum geeignet ist, Vertrauen aufzubauen. Ein wenig detaillierter zu sprechen, erhöht das Verständnis. Das konnte er gut umsetzen.

Es blieb der Eindruck, dass die Lücke das Hauptproblem sei (zum konstruktiven Umgang mit Lücken im Lebenslauf gibt es bei Kexpa® einen Kurs). Er verwickelte sich in Widersprüche. Ich empfahl maximale Nähe zur Wahrheit und einen kleinen Blick hinter die familiären Kulissen zu gewähren, der offenlegt, warum die Lücke entstanden ist.

Ich habe mit Offenheit – bis zu einem gewissen Grad – weit überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Gut, es gibt vereinzelt Personaler und Fachvorgesetzte, die bohren, gemeines Zeugs sagen und Grenzen zum Privaten nicht respektieren, aber das ist die Ausnahme und kommt in den letzten Jahren seltener vor.

Jetzt bin ich gespannt auf das Ergebnis des dritten Gesprächs und hoffe, das Experiment bald erfolgreich abschließen zu können.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

2 Kommentare

  1. Boris Schneider 19. April 2013 at 15:47 - Antwort

    Da sieht man mal wieder, dass die besten Abschlüsse nichts bringen, wenn die Erfahrung fehlt und keiner möchte jemanden einstellen um ihm Erfahrung mit auf dem Weg zu geben. Teilweise haben es Studierte schwerer Arbeit zu finden als Abgänger von Schulen oder Personen, die eine betriebliche Ausbildung absolviert haben.

  2. Jahns 20. Juli 2014 at 19:39 - Antwort

    Gibt es einen Teil 5?

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