In einem Interview mit der New York Times hat der Google Chef-Personalentwickler Lazlo Bock kürzlich zugegeben, dass Noten einige Jahre nach der Uni – also bei Berufserfahrenen – keinerlei Aussagekraft mehr für den Job-Erfolg hätten. Das habe eine Big-Data-Analyse ergeben. Kurze Zeit später verkündet die Deutsche Bahn, in jüngster Zeit einer der HR-Vorreiter, demnächst die Persönlichkeit testen zu wollen – und Bewerber mit einer 4 in Mathe nicht gleich vorher auszusortieren. Woher kommt dieser Umschwung? Sind Noten nun ein Vorhersagekriterium für Erfolg oder nicht? Ich habe mir Studien und Meta-Analysen angeschaut.

Hier die Fakten:

Noten und Erfolg im Studium:

  • Noten in der Schule haben eine gewisse Vorhersagekraft für die Noten im Studium. Sie sind ein besseres Prognosekriterium als Eignungstests. Optimal ist eine Kombination: Eignungstest und Noten. Kaum mehr als Zufallstreffer bringen Auswahlgespräche.
  • In der Uni sind meist effiziente Lerner (die mit dem „Spacing-Effekt“ verteilt lernen) erfolgreicher als Viel-Lerner. Noten sind also auch eine Folge guter Selbstorganisation.

Noten und Intelligenz:

  • Von der Note in der Schule lässt sich nicht auf die Intelligenz schließen, nicht mal von der Mathe-Note. Allerdings fördert ein höherer IQ eine gute universitäre Leistung. Man kann also sagen: Wer die Schule schafft, mit und ohne Abitur, kann alles sein: intelligent und weniger intelligent. Wer die Uni schafft, ist höchstwahrscheinlich nicht ganz blöd. Der höchste Bildungsabschluss korreliert stark mit dem IQ.

Noten und Persönlichkeit:

  • Schaut man sich die Big Five an, so besteht die höchste Korrelation zwischen Gewissenhaftigkeit und den Noten im Studium. Das bedeutet, dass gewissenhafte Menschen wahrscheinlicher gute Ergebnisse schaffen. Das passt zum Thema gute Organisation und effektives Lernen.

Noten und Erfolg im Beruf:

  • Hier besteht ganz offensichtlich gar keine Korrelation. Ja, es ist zwar wahrscheinlicher, dass ein Einserkandidat sein Medizinstudium auch schafft. Dies sagt aber nichts über seinen Erfolg als Arzt aus, zumal dieser nicht nur vom IQ bestimmt wird. In anderen Berufen scheint es ähnlich zu sein.
  • Bei erfolgreichen Unternehmern ist es ganz offensichtlich so, dass sie häufiger weder erfolgreich in der Schule noch im Studium waren. Das lässt sich offensichtlich auf eine häufiger niedrige Verträglichkeit in den Big Five zurückführen – und damit auf eine geringere Anpassungsbereitschaft oder anders ausgedrückt: einen größeren Egoismus.

Thesen: Was führt dann also zu guten Noten?

1. Ein Mensch ist sehr intelligent, es fällt ihm leicht. Führt das IMMER zu guten Noten? Nein. Hochintelligente landen in allen Schulformen und beenden ihre Arbeiten von eins bis sechs. These = Intelligenz spielt kaum eine Rolle für Schulnoten. (Tatsache ist: Die Note in der 3. Grundschulklasse korreliert am höchsten mit späterem Erfolg – also die Note, die oft der Anstrengung der Bildungsbürgerkinder geschuldet ist , um jeden Preis aufs Gymnasium zu gehen…)

2. Ein Mensch interessiert sich wirklich für die Fächer in der Schule. Und zwar alle. Es gibt ein Neugiermotiv. Das ist in der Schule generell unwahrscheinlich aufgrund der Breite der Fächer und Unterschiedlichkeit des Lehrstils, an der Uni dagegen sehr wahrscheinlich, weil höchstwahrscheinlich niemand ein Fach wie Meeresbiologie aus Berechnung wählt. These = Neugier hat keinen Einfluss auf schulische Leistungen, aber auf universitäre und wissenschaftliche. Hier macht sich jetzt auch der IQ stärker bemerkbar.

3. Ein Mensch lernt gut, weil er/sie Zielorientiert ist (Nutzenmotiv) und sich davon einen konkreten Vorteil verspricht, etwa das Auto zum Abitur.

These = Nutzenorientierung könnte öfter übergangsweise zu guten Noten führen, ist aber mutmaßlich nicht nachhaltig, als Leistungsmotivation in der Uni reicht sie kaum.

4. Ein Mensch möchte den Lehrern UND ODER Eltern gefallen (Anerkennungsmotiv).

These = Das dürfte sehr oft zu guten Noten führen. Der Erfolg ist allerdings labil. An anonymen Unis sind anerkennungsorientierte Personen oft überfordert.

5. Ein Mensch ist gewissenhaft und verantwortungsbewusst. Das Lernen ist sowas wie Pflicht (Ordnungsmotiv). Dieser Zusammenhang ist belegt (Big Five Gewissenhaftigkeit).

Fazit: Brauchen Unternehmen Noten als Entscheidungskriterium? Nein. Sie brauchen Menschen, die in die Kultur passen und die die richtige Persönlichkeit und Motivation mitbringen, etwas zu leisten. Da kann ein Kandidat mit einer 3,5 im Abitur eventuell viel mehr erreichen als einer mit einer 1,1.