Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Ich will so werden wie ich NICHT bin

Von | 2013-10-13T13:13:31+00:00 12. August 2013|

apfelSchaffe ich es, meine Zurückhaltung zu überwinden? Gelingt es mir, klare Grenzen zu ziehen? Werde ich irgendwann dieses furchtbare Gefühl im Bauch überwinden, wenn ich mich durchsetzen muss? Muss ich bis dahin weiter so tun als ob? Fake it until you make it?

Ob das die einzige Alternative ist, werde ich oft gefragt. In den sauren Apfel beißen, machen, was man eigentlich nicht will, ablehnt, vielleicht sogar hasst. Diese Woche schrieb mir ein Kunde, der auf der Karriereleiter etwas höher steht, ob er weiter faken müsse. Ob dann irgendwann die Chance bestünde, dass ihm das, was ihm schwerfällt, ins Blut übergeht. Meist haben Menschen mit denselben Dingen Schwierigkeiten: an Machtkämpfen teilnehmen, so tun müssen  als hätte man ein Riesenego, Grenzen setzen, sich durchsetzen, Konflikte aushalten.

Vorneweg: Ich bin eine überzeugte Fakerin. So-tun-als-ob kann zum Ziel führen.

Faken hat was von Schauspielen. Merken Sie einem guten Schauspieler an, dass er spielt? Das tun Sie nicht. Weil ein guter Schauspieler die Gefühle seiner Figur nachempfindet und sich darauf einstimmt. Deshalb funktioniert das. Und deshalb ist Faken auch authentisch. Es ist sowas wie die Vorstufe des Könnens.

Genaugenommen geht es um einen Lernprozess:

  • Begreifen, was zu tun ist und warum.
  • Das neue Verhalten üben (etwa in Rollenspielen).
  • Einmal entsprechend des Gelernten in einer Livesituation handeln.
  • Das Ganze wiederholen und in das eigene Verhaltensrepertoire integrieren.

Faken bedeutet, dass man den inneren Schweinehund, den emotionalen Marker „das gefällt mir überhaupt nicht“ überwinden muss.

Im letzten Jahrhundert habe ich u.a. als Pressesprecherin gearbeitet. Ich musste in kritischen Situationen Interviews geben, auch live fürs Radio. Ich habe anfangs kaum ein Wort rausbekommen, meine Beine und Hände zitterten. Fast wäre ich in meinem Schweiß ertränkt. Ich wollte das nicht  – aber ich musste an die Front.

Ich veranstaltete eine Art Mentaltraining mit mir selbst: Ich konzentrierte mich auf den Augenblick, blendete alles aus, akzeptierte Zittern und Schwitzen. Und es ging. Letzte Woche habe ich allein 10 Interviews gegeben. Das macht mir heute Spaß. Ich rede ohne Vorbereitung, es ist Teil meines Verhaltensrepertoires. Demnächst bin ich eine Stunde im NDR Info Talk. Vielleicht werde ich anfangs etwas nervös sein, aber nach zwei Minuten ist es wie Mittagessen.

Doch damals machte ich das NICHT gern. Man hätte zu dem Zeitpunkt daraus schließen können, dass ich nicht für diesen Job  geboren bin. Hätte es damals schon Coaching gegeben, wäre ich vielleicht in meiner subjektiven Wahrheit konstruktivistisch zu dem systemischen Schluss gekommen, dass Interview geben nichts für mich sei. Ich bin deshalb im Nachhinein froh, dass es kein Coaching der Art gab, das ich bisweilen für kritisch halte. Es gab niemanden, der mir das spiegelte, was ich von mir selbst dachte. Das war: „Ich bin vollkommen unfähig und ungeeignet. Ich will lieber Konzepte für Webseiten erstellen und im Hintergrund bleiben! Aber ich muss, scheiße auch.“

“Ich will so werden wie ich bin” lautet der Titel eines Buchs. Ich bin gegenüber der ganzen „jeder Mensch ist besonders und muss nur seinen Kern finden“ inzwischen sehr distanziert. Mit Abneigung habe ich Gerald Hüthers „Jedes Kind ist hochbegabt“ gelesen. Es transportiert eine Form von Laissez-faire, das zu sehr davon ausgeht, dass jeder okay ist wie er ist. Nein! Es ist wichtig manchmal aus dem eigenen Quark zu kommen. Es ist bequem, sich darauf zu berufen, etwas nicht zu können. Das dauernde „konzentrier dich auf deine Stärken“ geht mir manchmal zu sehr in diese Richtung. Jaja, und ich weiß: Man soll Schwächen nur dann ausbügeln, wenn es für die Stärken nützt. Doch ich finde es hakt einfach schon an der eigenen Wahrnehmung von Stärken. Ich hätte als Anfang 30jährige nicht gewusst, ob ich das kann, jemals können werde und überhaupt…

Findet man sich nicht am ehesten, wenn man über seine (scheinbar) natürlichen Grenzen geht?

Manchmal werden uns – vor allem uns Frauen – zu viele Grenzen zugebilligt. Eine Kundin ist vor drei Jahren nach einem psychologischen Coaching aus ihrer emotional schwer zu verkraftenden, aber in meinen Augen durchaus erfolgreichen Selbstständigkeit ausgestiegen. Sie hatte mit ihrem damaligen Coach „erkannt“, dass der tägliche Kampf mit dem Schweinehund zu schwer für sie ist, zu viele Grenzgänge verlangt. Heute ist die Situation aber aufgrund der Marktsituation in den Medien noch viel schwieriger;  sie wünscht sich die Selbstständigkeit zurück. Es wäre im Rückblick besser gewesen, weiter zu gehen auf dem vor Jahren bereits erfolgreichen Weg. Jetzt muss sie von vorn anfangen.

Ich habe mich oft gefragt, wo die Grenze ist, an der man merkt, dass das Faken eine zu große Belastung wird, an der man spürt, dass man es einfach nicht kann und können wird; es subjektiv wirklich sinn-los ist.  Ich denke, die Grenze ist die Motivation: Wenn ich keinerlei Bedürfnis (die unbewusste Vorstufe zur bewussten Motivation) in mir spüre, dann wird es nicht gehen.

Also, wenn Sie eine Herausforderung nur ein bisschen, ein klein wenig kitzelt, heißt das, es gibt irgendeine, möglicherweise genauer zu untersuchende  Motivationsquelle. Und dann kann ich Sie nur ermuntern: Faken Sie.

Einige Tipps:

  • Tun Sie als wären Sie die Person, die Sie gerne sein würden.
  • Mentale Kraft kommt aus dem Moment: Blenden Sie alles andere aus, konzentrieren Sie sich nur auf das, was Sie im Moment wollen. Das Ausschalten schädlicher Gedanken kann man üben durch Meditieren.
  • Stellen Sie sich in schwierigen Momenten einen gelben Punkt vor, der Sie und Ihre Konzentration zentriert.
  • Wenn Sie Dinge nicht tun, die Sie gern tun würden: Suchen Sie sich ein Symbol wie ein Sprungbrett im Schwimmbad und stellen Sie sich vor in dem Moment, indem Sie z.B. losreden, einfach zu springen….
  • Stellen Sie sich Situationen, die Ihnen schwierig erscheinen bewusst als Schauspiel vor: Sie spielen eine Rolle, die anderen auch. Es gibt nur ein Ziel: In dieser Rolle so gut zu sein wie Sie es sich von sich selbst wünschen.

Hierzu passt unser Bestseller-Selbstlernkurs /E-Book Stärken-Navigator.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

9 Kommentare

  1. ina machold 12. August 2013 at 09:08 - Antwort

    Liebe Frau Hofert,

    danke für Ihren Artikel. Was ich aus meiner Arbeit bestätigen kann: gerade Frauen trauen sich oft weniger, ihre tatsächlichen Grenzen auszuloten und geben sich leicht mit gefühlten/vorgestellten Grenzen zufrieden. Und werden darin gerne von BeraterInnen unterstützt!

    Was den Kitzel angeht als Gradmesser dafür, ob Fake sinnvoll ist: ich bin überzeugt, dass viele Menschen anders „funktionieren“. Die empfinden keine Herausforderung, die lockt. Die macht höchstens Angst.

    Meiner Erfahrung nach kann schlicht die Akzeptanz der Notwendigkeit, eine bestimmte Fähigkeit zu lernen (so weit, wie es dem/der einzelnen möglich ist!), die nötige Motivation liefern. Daraus kann eine Haltung entstehen wie „Ich diskutier jetzt nicht mit mir, ob ich da hingeh – ich mach jetzt einfach meinen Job, so gut, wie es mir eben gelingt.“
    Ich habe oft erlebt, dass dadurch Entlastung entsteht.

    Herzliche Grüße
    ina machold

    • Svenja Hofert 12. August 2013 at 09:37 - Antwort

      Hallo Frau Machold, danke für die sehr gute Ergänzung. Mir fällt dazu auch gerade noch die „Wurmverhandlung“ von Maja Storch ein – die 2/3 bs. 1/3 Aufteilung. Also: 1/3 muss ich auch mal in den Apfel beißen und dann mach ich einfach. Sie haben recht, dass viele Menschen einfach Angst empfinden – und so gar nichts lockt. Dennoch: auch hier kann es den Turnaround geben. LG Svenja Hofert

  2. Karin Sartorius 12. August 2013 at 14:50 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,
    nun lese ich seit einigen Monaten Ihre Artikel, lasse mich manchmal emotional und mental davon pushen, ein ander Mal erklären Sie kompromisslos die Realität und ich denke: Es gibt noch viel zu tun und zu wagen für mich. Heute haben Sie meine Ahnung unterstützt, dass ein zuviel an „authentisch sein“ dem eigenen Mut Grenzen setzt und der eigenen Komfortzone weitere weiche Federn hinzufügt. Nach einer langen Auszeit als Mutter klingeln die gutgemeinten Ratschläge der Umgebung „Fang erstmal klein an“ in meinen Ohren. Meine eigenen Wünsche gehen aber dahin, wo meine größte Angst sitzt: Selbstständig werden, Öffentlichkeit suchen, mit den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen nicht im Hintergrund bleiben, nicht bei den Basics, sondern an die Front und denen die schon gut sind eine Dienstleistung anbieten, um noch besser zu werden. Bei einer anderen tollen Bloggerin bin ich letztens auf ein Zitat von Terry Pratchett gestoßen:“Klar kann ich das! Ich hab´s nur noch nie gemacht!“ Also es tun, obwohl ich Angst habe, Leichtigkeit faken – Erfolg erleben, weitergehen, bis sich der angstauslösende Moment wie ein normales „Mittagessen“ anfühlt. Vielen Dank für diesen persönlichen Artikel!
    Herzliche Grüße
    Karin Sartorius

    • Svenja Hofert 12. August 2013 at 15:20 - Antwort

      Hallo Frau S., lieben Dank für das Feedback. Das hört sich doch nach einem Kitzel an….Hören Sie nicht auf die Leute mit dem Kleinklein. Das ist deren Selbstkonzept, nicht Ihres. LG Svenja Hofert

      • Karin Sartorius 13. August 2013 at 09:25 - Antwort

        🙂

  3. Sylvia Grotsch 12. August 2013 at 20:09 - Antwort

    Hallo Frau Hofert, Sie sind mir noch nicht begegnet, aber ich Ihnen. Ich lese gerne bei Ihnen mit und dieses Thema kitzelt mich.

    Es erinnert mich an eine Zeit, wo ich mich selbstständig machen wollte. Aber immer noch argumentierte, ich könne das, was ich anbieten will, noch nicht wirklich gut genug. Die trockene Antwort meiner Coach damals: „Dann tu so als ob“.

    Und das hab ich dann auch getan. Dadurch kam ich in das richtige Fahrwasser. Allerdings würde ich heute immer sagen: Wenn es etwas ist, was einem „liegt“, was einen wirklich interessiert, dann ist faken gut, denn dann ist es in Wahreit kein faken, sondern üben (mir liegt die knallharte Durchsetzungstour nicht, also fake ich da erst gar nicht).

    Meinen ersten Kurs habe ich gegeben, als würde ich schon seit Jahren Kurse geben. Ich war allerdings auch wirklich gut vorbereitet. Nur die Souverenität war gefaked.

    Ich denke, gut ist sich klar zu machen, wie wichtig einem etwas ist und dann los. Notfalls mit faken. Aber ist das dann wirklich „gefaked“? Ist es nicht so, dass man halt mit einem Anfängergeist rangeht und sich sehr Mühe gibt, dass alles wirklich gut läuft?

    Aber was ich eigentlich sagen wollte: Mit der „als-ob-Tour“ habe ich erreicht, was ich wollte. Es war aber auch etwas, was ich mir von Herzen wünschte und was mir lag. Und wofür ich auch eine Menge vorarbeit geleistet haben.

    Einen schönen Abend Ihnen!
    SG

  4. Birgit Engelhardt 13. August 2013 at 04:35 - Antwort

    Danke für diesen guten Artikel! Kürzlich las ich irgendwo das Zitat: „Success is the difference between what you want now and what you really want.“ Wie wahr!

  5. Sabine Dinkel 13. August 2013 at 08:35 - Antwort

    Liebe Svenja,

    das ist dir ja mal wieder ein „unbequemer“ Artikel gelungen ;o)

    Vermutlich wäre ich beim Lesen in den Widerstand gegangen, hätte ich nicht gestern einen ganzen Tag Seminar genossen – und zwar zum Thema „Die Kunst der Improvisation – spielend zu mehr Präsenz, Lebendigkeit und Authentizität“.

    Ich durfte gestern lernen, dass „so tun als ob“ tatsächlich Wirkung zeigt. Mich mit bestimmten „inneren Teilen“ verbinden, die bei mir eben nicht immer die Hauptrolle spielen dürfen, weil andere meiner inneren Teile derartig viel Bühnenpräsenz haben, dass die anderen nur selten zum Zuge kommen.

    Wir haben mit unserem „inneren Status“ gearbeitet, und es tat mir verdammt gut, mich im Laufe der Übungen immer selbstbewusster und richtiggehend groß zu fühlen. Fast befürchte ich, Blut geleckt zu haben und mich nun auch noch dem Improtheater zu verschreiben (was haben wir auch gelacht, gestern!), obwohl ich gerade noch eine ganz andere Ausbildung in der Pipeline habe.

    Von daher kann ich bestätigen, dass „so tun als ob“ (sofern ich mich dazu hinreißen lasse) ein echt genialer Schritt aus der eigenen Komfortzone ist. Herrlich!

    Herzliche Grüße
    Sabine

    • Svenja Hofert 18. August 2013 at 13:06 - Antwort

      🙂

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