apfelSchaffe ich es, meine Zurückhaltung zu überwinden? Gelingt es mir, klare Grenzen zu ziehen? Werde ich irgendwann dieses furchtbare Gefühl im Bauch überwinden, wenn ich mich durchsetzen muss? Muss ich bis dahin weiter so tun als ob? Fake it until you make it?

Ob das die einzige Alternative ist, werde ich oft gefragt. In den sauren Apfel beißen, machen, was man eigentlich nicht will, ablehnt, vielleicht sogar hasst. Diese Woche schrieb mir ein Kunde, der auf der Karriereleiter etwas höher steht, ob er weiter faken müsse. Ob dann irgendwann die Chance bestünde, dass ihm das, was ihm schwerfällt, ins Blut übergeht. Meist haben Menschen mit denselben Dingen Schwierigkeiten: an Machtkämpfen teilnehmen, so tun müssen  als hätte man ein Riesenego, Grenzen setzen, sich durchsetzen, Konflikte aushalten.

Vorneweg: Ich bin eine überzeugte Fakerin. So-tun-als-ob kann zum Ziel führen.

Faken hat was von Schauspielen. Merken Sie einem guten Schauspieler an, dass er spielt? Das tun Sie nicht. Weil ein guter Schauspieler die Gefühle seiner Figur nachempfindet und sich darauf einstimmt. Deshalb funktioniert das. Und deshalb ist Faken auch authentisch. Es ist sowas wie die Vorstufe des Könnens.

Genaugenommen geht es um einen Lernprozess:

  • Begreifen, was zu tun ist und warum.
  • Das neue Verhalten üben (etwa in Rollenspielen).
  • Einmal entsprechend des Gelernten in einer Livesituation handeln.
  • Das Ganze wiederholen und in das eigene Verhaltensrepertoire integrieren.

Faken bedeutet, dass man den inneren Schweinehund, den emotionalen Marker „das gefällt mir überhaupt nicht“ überwinden muss.

Im letzten Jahrhundert habe ich u.a. als Pressesprecherin gearbeitet. Ich musste in kritischen Situationen Interviews geben, auch live fürs Radio. Ich habe anfangs kaum ein Wort rausbekommen, meine Beine und Hände zitterten. Fast wäre ich in meinem Schweiß ertränkt. Ich wollte das nicht  – aber ich musste an die Front.

Ich veranstaltete eine Art Mentaltraining mit mir selbst: Ich konzentrierte mich auf den Augenblick, blendete alles aus, akzeptierte Zittern und Schwitzen. Und es ging. Letzte Woche habe ich allein 10 Interviews gegeben. Das macht mir heute Spaß. Ich rede ohne Vorbereitung, es ist Teil meines Verhaltensrepertoires. Demnächst bin ich eine Stunde im NDR Info Talk. Vielleicht werde ich anfangs etwas nervös sein, aber nach zwei Minuten ist es wie Mittagessen.

Doch damals machte ich das NICHT gern. Man hätte zu dem Zeitpunkt daraus schließen können, dass ich nicht für diesen Job  geboren bin. Hätte es damals schon Coaching gegeben, wäre ich vielleicht in meiner subjektiven Wahrheit konstruktivistisch zu dem systemischen Schluss gekommen, dass Interview geben nichts für mich sei. Ich bin deshalb im Nachhinein froh, dass es kein Coaching der Art gab, das ich bisweilen für kritisch halte. Es gab niemanden, der mir das spiegelte, was ich von mir selbst dachte. Das war: „Ich bin vollkommen unfähig und ungeeignet. Ich will lieber Konzepte für Webseiten erstellen und im Hintergrund bleiben! Aber ich muss, scheiße auch.“

“Ich will so werden wie ich bin” lautet der Titel eines Buchs. Ich bin gegenüber der ganzen „jeder Mensch ist besonders und muss nur seinen Kern finden“ inzwischen sehr distanziert. Mit Abneigung habe ich Gerald Hüthers „Jedes Kind ist hochbegabt“ gelesen. Es transportiert eine Form von Laissez-faire, das zu sehr davon ausgeht, dass jeder okay ist wie er ist. Nein! Es ist wichtig manchmal aus dem eigenen Quark zu kommen. Es ist bequem, sich darauf zu berufen, etwas nicht zu können. Das dauernde „konzentrier dich auf deine Stärken“ geht mir manchmal zu sehr in diese Richtung. Jaja, und ich weiß: Man soll Schwächen nur dann ausbügeln, wenn es für die Stärken nützt. Doch ich finde es hakt einfach schon an der eigenen Wahrnehmung von Stärken. Ich hätte als Anfang 30jährige nicht gewusst, ob ich das kann, jemals können werde und überhaupt…

Findet man sich nicht am ehesten, wenn man über seine (scheinbar) natürlichen Grenzen geht?

Manchmal werden uns – vor allem uns Frauen – zu viele Grenzen zugebilligt. Eine Kundin ist vor drei Jahren nach einem psychologischen Coaching aus ihrer emotional schwer zu verkraftenden, aber in meinen Augen durchaus erfolgreichen Selbstständigkeit ausgestiegen. Sie hatte mit ihrem damaligen Coach „erkannt“, dass der tägliche Kampf mit dem Schweinehund zu schwer für sie ist, zu viele Grenzgänge verlangt. Heute ist die Situation aber aufgrund der Marktsituation in den Medien noch viel schwieriger;  sie wünscht sich die Selbstständigkeit zurück. Es wäre im Rückblick besser gewesen, weiter zu gehen auf dem vor Jahren bereits erfolgreichen Weg. Jetzt muss sie von vorn anfangen.

Ich habe mich oft gefragt, wo die Grenze ist, an der man merkt, dass das Faken eine zu große Belastung wird, an der man spürt, dass man es einfach nicht kann und können wird; es subjektiv wirklich sinn-los ist.  Ich denke, die Grenze ist die Motivation: Wenn ich keinerlei Bedürfnis (die unbewusste Vorstufe zur bewussten Motivation) in mir spüre, dann wird es nicht gehen.

Also, wenn Sie eine Herausforderung nur ein bisschen, ein klein wenig kitzelt, heißt das, es gibt irgendeine, möglicherweise genauer zu untersuchende  Motivationsquelle. Und dann kann ich Sie nur ermuntern: Faken Sie.

Einige Tipps:

  • Tun Sie als wären Sie die Person, die Sie gerne sein würden.
  • Mentale Kraft kommt aus dem Moment: Blenden Sie alles andere aus, konzentrieren Sie sich nur auf das, was Sie im Moment wollen. Das Ausschalten schädlicher Gedanken kann man üben durch Meditieren.
  • Stellen Sie sich in schwierigen Momenten einen gelben Punkt vor, der Sie und Ihre Konzentration zentriert.
  • Wenn Sie Dinge nicht tun, die Sie gern tun würden: Suchen Sie sich ein Symbol wie ein Sprungbrett im Schwimmbad und stellen Sie sich vor in dem Moment, indem Sie z.B. losreden, einfach zu springen….
  • Stellen Sie sich Situationen, die Ihnen schwierig erscheinen bewusst als Schauspiel vor: Sie spielen eine Rolle, die anderen auch. Es gibt nur ein Ziel: In dieser Rolle so gut zu sein wie Sie es sich von sich selbst wünschen.

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