Systemisch ist so etwas die die Rechtfertigung für alles. „Meine Coachingausbildung war systemisch“, signalisiert Qualität und die Einhaltung eines Standards, von dem kaum einer weiß, was er eigentlich beinhaltet.  Ist es nicht selbstverständlich, davon auszugehen, dass jeder Mensch Produkt seiner eigenen Wahrnehmung und Teil eines Systems ist, dass z.B. durch Interaktion zwischen Menschen und Umwelten ein System entsteht und sich verändert? Dass jeder Mensch nie losgelöst vom Kontext betrachtet werden kann, sondern im Zusammenhang gesehen muss? Interdisziplinär sozusagen? (im System stehend). Das ist, kurz beschrieben das, was der Begriff inhaltlich aussagt. Manchmal. Einige meinen auch Ableitungen aus der systemischen Familientherapie, dazu habe ich aktueller bei Teamworks geschrieben.

Auf das Thema „alles hängt mit allem zusammen“ können sich naturgemäß alle einigen. Das Festhalten am Systemischen entspricht einer deutschen Grundlogik zur Vereinheitlichung und Standardisierung. Im englischsprachigen Web finden sich kaum Seiten mit „systemic coaching“ oder auch „systemic counsel(l)ing“ die drei ersten unter diesem Begriff gefundenen Einträge bei Google haben eine de-Domain. Es muss also eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Bedeutungsschwere (oder –leere) dieses Begriffs geben. Anderswo scheint sich die Allheilwirkung des Unworts jedenfalls nicht in diesem Ausmaß herumgesprochen zu haben wie im deutschsprachigen Raum.

Da meine berufliche Orientierung in den Bereich Career Counseling, Karriereberatung, Training, Lernnbegleitung oder wie Sie es auch immer nennen wollen, Ende der 1990er Jahre stattfand, bin ich noch nicht in diese Welle geraten. Ich habe mich auch immer viel wohler in der Beraterrolle gefühlt – mich aber nie als besserwissender Ratgeber verstanden. Meine Weiterbildungen vermittelten mir einen Tool-Experten-Psycho-Kommunikations-Mix: Schultz von Thun, Carl Rogers, Fritz Perls, Virginia Satyr, Transaktionsanalyse etc. Von allem etwas – so wird es auch heute in einigen Coachingausbildungen serviert. Aber dann auch wieder nicht, denn in meiner Karriereexpertenakademie bekomme ich mit, wie unglaublich unterschiedlich die Teilnehmer aufgestellt sind, die eine systemische Ausbildung mit 150, 180 oder über 200 Stunden haben.

Die systemische Welle begann um 2003 richtig groß zu werden. Plötzlich bekam alles das Etikett „systemisch“: NLP, die integral-spirituelle Wilber-Richtung – alle nennen und nannten sich systemisch. Sie werden kaum eine Weiterbildung finden, die nicht systemisch heißt. Fast jeder versucht sich auch in einer Definition, aber ob eher intellektuell oder hands-on-formuliert, schlauer wird man nach dem Lesen nicht. Es sind Selbstverständlichkeiten: Natürlich sind alles interagierende Systeme, darin agiert auch ein Nur-Berater. Und den Kontext muss er einbeziehen, selbst wenn er betriebswirtschaftliche Analysen macht.

Aber: Systemisch ist auch nicht gleich Systemtheorie.

In Grundlagenbüchern beschreiben Autoren systemisch als praktisch angewandte Systemtheorie. Dabei gibt es viele Systemtheorien, allgemeine und spezielle.  Das Adjektiv „systemisch“ macht die Spannweite noch größer: Unter ihr erstreckt sich vom bunten Tool-Mischmasch bis hin zur fernöstlichen Philosophie alles, was dem jeweiligen Anbieter gefällt.

Auch „Systemstellen“ hat sich in den Kreis gestellt, beruft sich also auf die Systemtheorie oder halt die systemische Familientherapie, von der es aber auch zahlreiche Varianten gibt? Und Aufstellungsarbeit? Mir ist die Variante nach Hellinger jedenfalls suspekt – und tatsächlich ist sie höchst umstritten in Fachkreisen. Das ist etwas anderes als ein paar Püppchen hin und her zuschieben oder jene Art fortgeschrittene Rollenspiele, die man im Beratungskontext machen kann. Nein, nicht falsch verstehen, ich weiß, dass das es sehr effektiv sein kann, Situationen aufzustellen, lesen Sie etwa mein Interview zum Coaching mit Handicap hier. Doch als Massenveranstaltung aufgezogen, regt sich meine Abneigung gegen Phänomene, die in Gruppen Reaktionen entstehen lassen, die allein undenkbar sind und teilweise gar nicht vom Moderator aufgefangen werden können. Das jedenfalls höre ich von manchem Kunden.

Was ist der gemeinsame Nenner?

Zurück: Ich will über die unterschiedlichen Auslegungen und den fehlenden gemeinsamen Nenner sinnieren. Ich habe mir die Mühe gemacht, über rund ein Jahr über 25 Curricula zu vergleichen. Und dabei festgestellt: es hat noch nicht mal jeder ein Curriculum, es definiert nicht jeder Lernziele – manche sind darin sogar höchst oberflächlich. Ich habe kaum eine einzige Übereinstimmung gefunden. Der eine hat Schultz von Thun und der nächste Viktor Frankl im Plan. Nach DVCT-Ehrenvorstand Axel Janßen, mit dem ich neulich zwei Stündchen plauderte ist es sogar noch mal ganz anders. Es geht nicht darum zu verstehen, in welchem System sich ein Klient bewegt und die entsprechenden Fragen zu stellen und Interventionen zu „verabreichen“. Es geht darum, eine Wirkebene über eine komplett abstrakte Vorgehensweise herzustellen, über die keinerlei mentale Voreinstellung des Coachs auf den  Klienten abfärben kann. Fragen wie „welche Bedeutung hat für Sie…?“ wären danach unzulässig, die Expertise eines Coachs, seine Feldkompetenz komplett unwichtig. Spinne ich das weiter, wäre jede Selbstdarstellung des Coachs verboten, denn schon durch dessen Präsentation im Internet findet eine Beeinflussung statt, die letztendlich ein Störfaktor dabei ist, dass der Klient sich komplett selbst helfen kann. Diese Art intellektuellen Coachings funktioniert kaum bei weniger Gebildeten (für eine Gesprächsführung im Sinne der Forderungen der ICF braucht man ein Ich-Entwicklungsniveau von mindestens 6 bzw. ein postkonventionelles Denken nach Kohlberg, stellte schon Otto E. Laske fest), allein an der Anmoderation, die Axel in seinem „Handbuch Management Coaching“ vorstellt, würden diese scheitern. Managementcoaching? Ich arbeite viel mit Kohlberg, Kegan, Loevinger. Die meisten Manager denken nicht postkonventionell und können dieser Logik gar nicht folgen.

Haben Sie Niklas Luhmann gelesen? Sein Buch „soziale Systeme“ von 1987, das eine ganze Generation von Coachs beeinflusst haben müsste, steht auf Platz 11.000 bei Amazon. Ich weiß, was das für absolute Verkaufszahlen ungefähr bedeutet. Das ist in Summe ein winziger Bruchteil der 5.000 neu ausgebildeten Coachs pro Jahr, die sich auf Systemtheorien beruft. Das scheint mir irgendwo seltsam. Oder könnte es etwa so sein, dass viele es machen wie ich im Deutschunterricht – für Interpretationen nur das Inhaltsverzeichnis lesen. Geht. Reicht aber nicht für kritische Distanz. Vielleicht ist das der Grund, aus dem das Postulat des Systemischen so unkritisiert bleibt.

So schließt sich der Kreis: Da wird ein Begriff verwendet, um sich auf etwas zu berufen, was keiner richtig und im Detail kennt – und was auch deshalb eine derart breite Interpretation erlaubt.

Fazit: Was in Weiterbildungen unter dem Namen „systemisches Coaching“ vermittelt wird, ist keine einheitliche Methode, sondern ein Mischmasch aus vielen Ansätzen mit hohem Interpretationsspielraum.

tabellesystemisch

In eigener Sache

Ursprünglich hatte ich vor, eine Coachingausbildung für die Teilnahme an unserer Weiterbildung „Karriereexperten Professional“ vorauszusetzen. Nach einigen Gesprächen bin ich tief ins Zweifeln gekommen. Ich vermute, dass in vielen dieser Ausbildungen vor allem das Selbstbewusstsein über dauerndes Lob gestärkt wird, nicht aber die kritische Selbstwahrnehmung durch einen ehrlichen Spiegel (den vorzuhalten wäre ja dem kommerziellen Interesse schädlich). Deshalb kann man wohl nicht die Gleichung aufstellen Coachingausbildung = persönlichen Reifeprozess (ausreichend) durchlaufen.

Wir haben die Kriterien nun umdefiniert. Bessere Indizien für persönliche Reife als eine solche Weiterbildung sind wohl zweierlei: Feldkompetenz, also fundierte Berufserfahrung und Ausbildung sowie „Reife“. Ersteres kann man durch den Lebenslauf erfahren, letzteres bleibt der Selbsteinschätzung vorbehalten. Und wir haben kurzerhand eine Basics Karriereexpertenweiterbildung ins Programm genommen sowie eine Schulung zum Umgang mit Kompetenz und Potenzialentwicklungsmethoden. Sie suchen ein Werkzeug, das Ihnen unvoreingenommen hilft, sich selbst im Dschungel der Coachingausbildungen zu orientieren. Systematische Hilfe zur Selbsthilfe bietet unser Kurs „Coach werden?“.