Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Alles systemisch oder was? Über ein Wortungeheuer und seine relative Bedeutungslosigkeit

By | 2016-12-06T16:55:44+00:00 24. Januar 2014|

Systemisch ist so etwas die die Rechtfertigung für alles. „Meine Coachingausbildung war systemisch“, signalisiert Qualität und die Einhaltung eines Standards, von dem kaum einer weiß, was er eigentlich beinhaltet.  Ist es nicht selbstverständlich, davon auszugehen, dass jeder Mensch Produkt seiner eigenen Wahrnehmung und Teil eines Systems ist, dass z.B. durch Interaktion zwischen Menschen und Umwelten ein System entsteht und sich verändert? Dass jeder Mensch nie losgelöst vom Kontext betrachtet werden kann, sondern im Zusammenhang gesehen muss? Interdisziplinär sozusagen? (im System stehend). Das ist, kurz beschrieben das, was der Begriff inhaltlich aussagt. Manchmal. Einige meinen auch Ableitungen aus der systemischen Familientherapie, dazu habe ich aktueller bei Teamworks geschrieben.

Auf das Thema „alles hängt mit allem zusammen“ können sich naturgemäß alle einigen. Das Festhalten am Systemischen entspricht einer deutschen Grundlogik zur Vereinheitlichung und Standardisierung. Im englischsprachigen Web finden sich kaum Seiten mit „systemic coaching“ oder auch „systemic counsel(l)ing“ die drei ersten unter diesem Begriff gefundenen Einträge bei Google haben eine de-Domain. Es muss also eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung der Bedeutungsschwere (oder –leere) dieses Begriffs geben. Anderswo scheint sich die Allheilwirkung des Unworts jedenfalls nicht in diesem Ausmaß herumgesprochen zu haben wie im deutschsprachigen Raum.

Da meine berufliche Orientierung in den Bereich Career Counseling, Karriereberatung, Training, Lernnbegleitung oder wie Sie es auch immer nennen wollen, Ende der 1990er Jahre stattfand, bin ich noch nicht in diese Welle geraten. Ich habe mich auch immer viel wohler in der Beraterrolle gefühlt – mich aber nie als besserwissender Ratgeber verstanden. Meine Weiterbildungen vermittelten mir einen Tool-Experten-Psycho-Kommunikations-Mix: Schultz von Thun, Carl Rogers, Fritz Perls, Virginia Satyr, Transaktionsanalyse etc. Von allem etwas – so wird es auch heute in einigen Coachingausbildungen serviert. Aber dann auch wieder nicht, denn in meiner Karriereexpertenakademie bekomme ich mit, wie unglaublich unterschiedlich die Teilnehmer aufgestellt sind, die eine systemische Ausbildung mit 150, 180 oder über 200 Stunden haben.

Die systemische Welle begann um 2003 richtig groß zu werden. Plötzlich bekam alles das Etikett „systemisch“: NLP, die integral-spirituelle Wilber-Richtung – alle nennen und nannten sich systemisch. Sie werden kaum eine Weiterbildung finden, die nicht systemisch heißt. Fast jeder versucht sich auch in einer Definition, aber ob eher intellektuell oder hands-on-formuliert, schlauer wird man nach dem Lesen nicht. Es sind Selbstverständlichkeiten: Natürlich sind alles interagierende Systeme, darin agiert auch ein Nur-Berater. Und den Kontext muss er einbeziehen, selbst wenn er betriebswirtschaftliche Analysen macht.

Aber: Systemisch ist auch nicht gleich Systemtheorie.

In Grundlagenbüchern beschreiben Autoren systemisch als praktisch angewandte Systemtheorie. Dabei gibt es viele Systemtheorien, allgemeine und spezielle.  Das Adjektiv „systemisch“ macht die Spannweite noch größer: Unter ihr erstreckt sich vom bunten Tool-Mischmasch bis hin zur fernöstlichen Philosophie alles, was dem jeweiligen Anbieter gefällt.

Auch „Systemstellen“ hat sich in den Kreis gestellt, beruft sich also auf die Systemtheorie oder halt die systemische Familientherapie, von der es aber auch zahlreiche Varianten gibt? Und Aufstellungsarbeit? Mir ist die Variante nach Hellinger jedenfalls suspekt – und tatsächlich ist sie höchst umstritten in Fachkreisen. Das ist etwas anderes als ein paar Püppchen hin und her zuschieben oder jene Art fortgeschrittene Rollenspiele, die man im Beratungskontext machen kann. Nein, nicht falsch verstehen, ich weiß, dass das es sehr effektiv sein kann, Situationen aufzustellen, lesen Sie etwa mein Interview zum Coaching mit Handicap hier. Doch als Massenveranstaltung aufgezogen, regt sich meine Abneigung gegen Phänomene, die in Gruppen Reaktionen entstehen lassen, die allein undenkbar sind und teilweise gar nicht vom Moderator aufgefangen werden können. Das jedenfalls höre ich von manchem Kunden.

Was ist der gemeinsame Nenner?

Zurück: Ich will über die unterschiedlichen Auslegungen und den fehlenden gemeinsamen Nenner sinnieren. Ich habe mir die Mühe gemacht, über rund ein Jahr über 25 Curricula zu vergleichen. Und dabei festgestellt: es hat noch nicht mal jeder ein Curriculum, es definiert nicht jeder Lernziele – manche sind darin sogar höchst oberflächlich. Ich habe kaum eine einzige Übereinstimmung gefunden. Der eine hat Schultz von Thun und der nächste Viktor Frankl im Plan. Nach DVCT-Ehrenvorstand Axel Janßen, mit dem ich neulich zwei Stündchen plauderte ist es sogar noch mal ganz anders. Es geht nicht darum zu verstehen, in welchem System sich ein Klient bewegt und die entsprechenden Fragen zu stellen und Interventionen zu „verabreichen“. Es geht darum, eine Wirkebene über eine komplett abstrakte Vorgehensweise herzustellen, über die keinerlei mentale Voreinstellung des Coachs auf den  Klienten abfärben kann. Fragen wie „welche Bedeutung hat für Sie…?“ wären danach unzulässig, die Expertise eines Coachs, seine Feldkompetenz komplett unwichtig. Spinne ich das weiter, wäre jede Selbstdarstellung des Coachs verboten, denn schon durch dessen Präsentation im Internet findet eine Beeinflussung statt, die letztendlich ein Störfaktor dabei ist, dass der Klient sich komplett selbst helfen kann. Diese Art intellektuellen Coachings funktioniert kaum bei weniger Gebildeten (für eine Gesprächsführung im Sinne der Forderungen der ICF braucht man ein Ich-Entwicklungsniveau von mindestens 6 bzw. ein postkonventionelles Denken nach Kohlberg, stellte schon Otto E. Laske fest), allein an der Anmoderation, die Axel in seinem „Handbuch Management Coaching“ vorstellt, würden diese scheitern. Managementcoaching? Ich arbeite viel mit Kohlberg, Kegan, Loevinger. Die meisten Manager denken nicht postkonventionell und können dieser Logik gar nicht folgen.

Haben Sie Niklas Luhmann gelesen? Sein Buch „soziale Systeme“ von 1987, das eine ganze Generation von Coachs beeinflusst haben müsste, steht auf Platz 11.000 bei Amazon. Ich weiß, was das für absolute Verkaufszahlen ungefähr bedeutet. Das ist in Summe ein winziger Bruchteil der 5.000 neu ausgebildeten Coachs pro Jahr, die sich auf Systemtheorien beruft. Das scheint mir irgendwo seltsam. Oder könnte es etwa so sein, dass viele es machen wie ich im Deutschunterricht – für Interpretationen nur das Inhaltsverzeichnis lesen. Geht. Reicht aber nicht für kritische Distanz. Vielleicht ist das der Grund, aus dem das Postulat des Systemischen so unkritisiert bleibt.

So schließt sich der Kreis: Da wird ein Begriff verwendet, um sich auf etwas zu berufen, was keiner richtig und im Detail kennt – und was auch deshalb eine derart breite Interpretation erlaubt.

Fazit: Was in Weiterbildungen unter dem Namen „systemisches Coaching“ vermittelt wird, ist keine einheitliche Methode, sondern ein Mischmasch aus vielen Ansätzen mit hohem Interpretationsspielraum.

tabellesystemisch

In eigener Sache

Ursprünglich hatte ich vor, eine Coachingausbildung für die Teilnahme an unserer Weiterbildung „Karriereexperten Professional“ vorauszusetzen. Nach einigen Gesprächen bin ich tief ins Zweifeln gekommen. Ich vermute, dass in vielen dieser Ausbildungen vor allem das Selbstbewusstsein über dauerndes Lob gestärkt wird, nicht aber die kritische Selbstwahrnehmung durch einen ehrlichen Spiegel (den vorzuhalten wäre ja dem kommerziellen Interesse schädlich). Deshalb kann man wohl nicht die Gleichung aufstellen Coachingausbildung = persönlichen Reifeprozess (ausreichend) durchlaufen.

Wir haben die Kriterien nun umdefiniert. Bessere Indizien für persönliche Reife als eine solche Weiterbildung sind wohl zweierlei: Feldkompetenz, also fundierte Berufserfahrung und Ausbildung sowie „Reife“. Ersteres kann man durch den Lebenslauf erfahren, letzteres bleibt der Selbsteinschätzung vorbehalten. Und wir haben kurzerhand eine Basics Karriereexpertenweiterbildung ins Programm genommen sowie eine Schulung zum Umgang mit Kompetenz und Potenzialentwicklungsmethoden. Sie suchen ein Werkzeug, das Ihnen unvoreingenommen hilft, sich selbst im Dschungel der Coachingausbildungen zu orientieren. Systematische Hilfe zur Selbsthilfe bietet unser Kurs „Coach werden?“.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

21 Kommentare

  1. Lars Hahn 24. Januar 2014 at 16:15 - Antwort

    Treffer. Systemischer Coach scheint momentan eine sehr gefragte Berufs-/Aus-/Weiterbildungsbezeichnung zu sein. Ich frag dann immer nach, was denn systemisch genau heißt und erhalte erfrischend unterschiedliche Antworten.

    Meine nächste Frage lautet dann auch: Was habt Ihr dort getan und was habt Ihr gelernt. Meistens ist das wesentlich erhellender, wenn auch bisweilen ernüchternd.

    Merke: In Ausbildungen geht es um Inhalte und TUN, weniger um Mode-Begriffe.

    P.S. Ständig möchten Menschen mit mir Systemisch Kaffeetrinken. Da muss ich dann leider passen!

  2. Markus Väth 24. Januar 2014 at 19:07 - Antwort

    Dazu gibt es ein schönes entlarvendes Kapitel bei Viktor Lau, „Schwarzbuch Personalentwicklung“. Manches dort ist überzeichnet, aber viele trifft einfach auf den Punkt. Ebenso übrigens das Kapitel über NLP. 🙂

    • Svenja Hofert 25. Januar 2014 at 10:17 - Antwort

      @markusväth danke für den Hinweis, werde mir das gleich mal bestellen. Es gibt ja auch Uwe Kanning als Kritiker der PE. Sein Buch habe ich auch für Besprechung auf den Plan, glaube aber, das zielt eher auf Tests.

  3. Bernd Slaghuis 24. Januar 2014 at 20:03 - Antwort

    Liebe Frau Hofert,

    ist Ihr Fazit, dass alle Coaches und auch Berater eigentlich von der Methodik systemisch arbeiten (weil immer das Umfeld einbezogen wird) und daher dieser neumodische Zusatz eigentlich überflüssig ist? Mag sein, das ist eine spannende Frage und ich bin gespannt auf die weiteren Kommentare. Für mich als diesen Titel tragenden Coach gehen mir die folgenden Gedanken durch den Kopf:

    Systemisches Coaching ist für mich ganz eng mit dem systemisch-konstruktivistischen Modell und daraus abgeleitet mit den eingesetzten Methoden und Fragen im Coachingprozess verbunden. Ich bemerke in den Coachings, dass es gerade die Fragen sind, die die Systeme der Klienten explizit einbeziehen, den Klienten weiterbringen. Vielleicht stellt aber auch jeder nicht systemische Coach diese Fragen, wie z. B. „Woran würde XY bemerken, dass Sie einen Schritt weiter sind?“ und „Wie wäre das für sie/ihn?“.

    Auch die Aufstellungsarbeit (ich mache ausschließlich Strukturaufstellungen) kann extrem hilfreich sein, um dem Klienten neue Perspektiven auf sein Anliegen zu ermöglichen. Nicht jede Aufstellung muss aber zwingend systemisch sein. Ich bin bei Ihnen, dass Hellinger und insbesondere seine Arbeit der letzten Jahre sehr fragwürdig ist.

    Auch meine Grundhaltung als Coach wird durch den systemischen Ansatz geprägt. „Alles gewinnt seine Bedeutung, seinen Sinn und seine Wirkung erst in einem Kontext.“ Das Verständnis für und die Veränderung von Verhaltensweisen innerhalb der Systeme (Familie, Kollegen, Freunde, …) und deren interagierende Wechselwirkungen sind für die Klienten oft ein weiteres und wichtiges Puzzlestück im Lösungsprozess. Ich hatte vor kurzem eine junge Mutter im Coaching, die sich eine bestimmte positive Veränderung bei ihrem 3-jährigen Sohn wünschte. Nun – die Mutter saß mir gegenüber, nicht das Kind. Als Systemischer Coach gehe ich davon aus, dass eine gewünschte Veränderung des Verhaltens eines Mitglieds im jeweiligen System durch die Veränderung des eigenen Verhaltens herbeigeführt werden kann. Bei der Mutter hat es funktioniert und es funktioniert auch bei meinen Klienten im Karrierecoaching, die schon vergeblich versucht haben, ihren Chef zu ändern, aber meist frustriert aufgeben und sich jammernd zurücklehnen … denn alle anderen sind ja so schlecht und böse und die kann man ja schließlich nicht ändern 😉

    Neuen Klienten erkläre ich zu Beginn, was für mich Systemisches Coaching bedeutet und auch wenn wir vielleicht alle als Coach und Berater immer die Systeme einbeziehen (ist das denn so?), stellt Systemisches Coaching in meinen Augen ein Unterscheidungsmerkmal in der Methodik durch seine starke Fokussierung des Gesprächs eben auf die Systeme dar. Meine Klienten finden das spannend und systemisch im Sinne von strukturiert und alles abklopfend passt zu mir als Person – also nicht zuletzt auch ein gutes Verkaufsargument. Ich bleibe also gerne und mit Überzeugung weiterhin Systemischer Coach 🙂

    • Svenja Hofert 25. Januar 2014 at 10:14 - Antwort

      Nein, das ist absolut nicht das Fazit. Das Fazit ist, dass das systemisch-konstruktivistische Vorgehen, die Methodik unterschiedlich ausgelegt wird. Das vollkommen verschiedene Tools und Inhalte vermittelt werden und nicht dasselbe. Das ist das einzige und das ist auch die zentrale Aussage, siehe mein Vergleich der Ausbildungsinhalte. Schauen Sie sich mal an, was jemand vermittelt der eine NLP-angehauchte systemische Ausbildung anbietet, dann jemand der integrales systemisches Coaching lehrt, Christopher Rauen, die IHK, ILS und die Hamburger Schule u.a. Axel Janßen. Dann wissen Sie was ich meine. Und da müssten Sie eigentlich sehen, dass das was Sie gelernt haben nicht das sein kann, was die anderen lernen bzw. das die Überschneidungen minimal sind 😉 Und dann nehmen Sie noch einen Masterstudiengang hinzu. Alles heißt systemisch. LG Svenja Hofert

  4. Tanja Ries 24. Januar 2014 at 21:39 - Antwort

    Liebe Frau Hofert,

    der Unterschied zwischen Ihnen und „Denen“ mag weniger im systemischen Ansatz liegen, den in der Grundhaltung der Coaches und Berater_innen. Berater_innen beraten, das braucht natürlich Feldkompetenz, Coaches sind Wegbegleiter – die Kutsche – die i.d.R. die Haltung in sich tragen, dass der Coachee die einzige Person ist, die! innerhalb ihrerseits Systems, die Lösung kennt. Oder etwas salopp ausgedrückt: Der Klient ist kompetent. Der Coach begleitet den Coachee in seinem Lösungsfindungsprozess u.a. mit Hilfe systemischen Fragestellung neben all dem anderen was jede_r so noch im Gepäck hat.
    Auch wenn viele – klar kommuniziert – zwischen diesen Rollen wechseln, so finde ich diesen Unterschied zwischen Coach und Berater_in doch weitaus markanter, denn deren Ausbildungsansatz.

    Beste Grüße. Tanja Ries

    • Svenja Hofert 25. Januar 2014 at 10:04 - Antwort

      Hallo Frau Ries, ja, die Haltung ist ein wichtiger Aspekt. Ich möchte auch gar nicht „ich“ und „die“ sagen und das damit auf Personen beziehen. Es geht mir in diesem Beitrag wirklich nur um den Begriff und dessen Nutzung. Die Haltung ist ein weiteres Thema, da haben Sie mich auf eine Idee gebracht. LG Svenja Hofert

  5. […] Systemisch ist so etwas die die Rechtfertigung für alles. „Meine Coachingausbildung war systemisch“, signalisiert Qualität und die Einhaltung eines Stand (RT @SvenjaHofert: Alles systemisch oder was?  […]

  6. Timo v. Wirth 26. Januar 2014 at 13:12 - Antwort

    @Svenja_Hofert: Meiner Meinung nach gibt es in der Tat keine gemeinsamen Herangehensweisen oder Handlungsprinzipien für das „Systemische“ in der beratenden Tätigkeit mit Menschen.

    Weniger im Systemischen als vermeintlich absoluter Wert sollte die Qualität z.B. von Weiterbildungen gesucht werden, sondern darin, auf geeignete (weil z.B. praxisrelevante) Art und Weise etwas über sich selbst und seine Haltung in Bezug auf die Arbeit mit Menschen lernen zu können.

    Eine reflektiertere und ressourcenorientiertere Haltung, die z.B. das Erleben von Perspektivenwechsel, Lösungsorientierung und humanistisch-ethische Grundwerte integriert, kann dann den Blick auf den Gesamtkontext einer Person oder eines Teams erleichtern und damit die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten für den Kunden begünstigen.

    Haltung und Einstellung des Coaches sind für mich die zentralen Faktoren für nützliche Beratungs-Tätigkeit.

    Lebenserfahrung kann eine Voraussetzung sein, eine bestimmte Lebenshaltung in Bezug zu menschlicher Interaktion gewonnen zu haben.

    Das greift mir aber zu kurz. Es geht doch darum, wie ich persönlich mit den in meinem Leben gemachten Erfahrungen umgegangen bin und wie ich daraus Schlüsse gezogen habe, die meine Einstellungen und Haltung (und natuerlich mein Verhalten) schrittweise verändert haben.

    Eine zentrale Frage ist daher: wie ermöglichen z.B. Coaching-Ausbildungen die Reflektion eigener Lebenserfahrungen? Und geben Sie den Teilnehmenden ausreichend Möglichkeit, aus dieser Reflektion konstruktive, neue Handlungswege in den persönlichen Interaktionen und Beziehungen zu entdecken.

    Dann kann das eigene Handeln auch als systembezogener oder reflektierter hinsichtlich der Einflüsse verschiedener Systemelemente werden; und damit systemischer als zuvor …

  7. Pippilotta 26. Januar 2014 at 18:50 - Antwort

    Es scheint ja im Moment modern zu sein, sich als Coach mit dem Label „systemisch“ zu schmücken und sich mit diesem Begriff auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns zu beziehen.
    Als Soziologin habe ich Luhmanns Systemtheorie als einen sowohl inhaltlich als auch sprachlich hoch komplexen Ansatz kennengelernt. Gegenüber empirischer Überprüfung und praktischer Anwendung erweist er sich als äußerst sperrig. Diesen Ansatz auf praktisches Coaching-Handeln herunterbrechen zu wollen, erscheint mir sehr ambitioniert. Schlicht alles als „systemisch“ zu bezeichnen, was in irgendeiner Form das Umfeld einer Person – Familie, Freunde, Beruf – mit einbezieht, wird der Luhmannschen Theorie wohl kaum gerecht.
    Im Netz habe ich im Coaching Lexikon einen Artikel zur Systemtheorie (http://www.coaching-lexikon.de/Systemtheorie) gefunden, der die Begrifflichkeiten des Ansatzes ganz gut erklärt. Leider steht dort aber nichts zur praktischen Umsetzung im Coaching.
    Gibt es zu dem hier im Beitrag bzw. den Kommentaren genannten systemisch-konstruktivistischen Coaching-Ansatz empfehlenswerte Literatur?

    • Mag.a Irene Pollak, Wien 27. Februar 2014 at 17:39 - Antwort

      Zu Ihrer Frage nach systemischer Literatur: Arist von Schlippe/Jochen Schweitzer, Lehrbuch der Systemischen Beratung und Therapie. Dann wir der Begriff „systemisch“ gleich viel weniger beliebig erscheinen.

  8. Holger Nauheimer 10. Februar 2014 at 18:54 - Antwort

    Ausgezeichneter Denkanstoß! Vielen Dank. Worthülsen kommen und gehen. Auch ich nutze „systemisch“ mittelfrequent seit über zehn Jahren, aber das Korrekturprogramm meine Computers kennt das Wort immer noch nicht und versucht hartnäckig, es mit „systematisch“ zu ersetzen (musste oben zwei mal händisch korrigieren). Tja, der Coachingmarkt ist diffizil, und ich weiß gar nicht, ob man etwas anderes als Klientenfeedback für eine Qualitätsevaluierung nutzen kann – auch wenn das, was Sie schreiben, natürlich in Schwarze trifft – der Coach schafft das Coachingsystem, das der Klient entweder in seinem Gehirn verdrahtet (bzw. in seinen Synapsen verankert) oder eben nicht.

  9. Mag.a Irene Pollak, , Dipl. Lebens- und Sozialberaterin, Wien 15. März 2014 at 07:29 - Antwort

    Wer sich intensiv mit systemischem Coaching beschäftigt erkennt, dass es sich in erster Linie um eine spezielle Haltung handelt, nämlich forschende Einstellung und Bescheidenheit, Empathie, Selbstreflexivität, Reflexivität, Neutralität und Allparteilichkeit, Auseinandersetzung und Transparenz, Geduld. Dafür braucht es schon zwei drei Jahre Gruppentrainung und Face-to-Face-Training. Da Haltung und Interventionen aus der systemischen (Familien)Therapie entstammen und diese bereits gut evaluiert sind (siehe etwa Wirksamkeit der systemischen Therapie/Familientherapie, Hogrefe Verlag) gilt die Wirksamkeit heute als gesichert.

  10. Waldemar Pelz 29. Oktober 2015 at 00:39 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,
    nachdem Viktor Lau einen vernichtenden Beitrag (Interview) zum „systemischen Ansatz“ im Spiegel veröffentlicht hat, bin ich gebeten worden, ein wissenschaftliches Gutachten zum Systemischen Coaching zu erstellen. Es soll die Diskussion hier bereichern. Siehe:
    http://bit.ly/1kTxD5r

    • Svenja Hofert 29. Oktober 2015 at 08:50 - Antwort

      Hallo Herr Pelz. vielen Dank. Das spiegelt vieles, was ich als Laie im „Bauchgefühl“ habe und hatte. Finde gut, dass da endlich mal drüber gesprochen wird, da es ein nicht anzurührendes Tabu ist. LG Svenja Hofert

    • Samuel Dette 15. Juli 2017 at 08:20 - Antwort

      Herr Pelz, vielen Dank für ihr wissenschschaftliches Gutachten!

      Eine Frage dazu: Wie kann im ersten Absatz eine Auswertung von Quellen aus dem Jahre 2016 stehen, wenn ihr Kommentar schon 2014 verfasst wurde? Wird die Publikation regelmäßig überarbeitet und den aktuellen Ekenntnissen de Wissenschaft angeglichen?

      Vielen Dank,

      Samuel Dette

  11. Margit Nowotny 30. Oktober 2015 at 21:45 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,
    ich empfehle zur Lektüre:
    http://bit.ly/1Mn9nhQ

    http://bit.ly/1Mn9l9W

    Ihr Artikel ärgert mich, weil sie darin ebenso undifferenziert mit dem Begriff „systemisch“ umgehen, wie viele der von Ihnen gesichteten Curricula.

  12. Anonymous 15. Dezember 2015 at 17:21 - Antwort

    Liebe Frau Hofert,
    Danke für diese Interessante Sichtweise! Ich lese immer gerne Ihr Blog.

  13. Walter 4. August 2016 at 16:10 - Antwort

    Kleider machen Leute – und „systemisches Coaching“ klingt einfach gut. Dennoch gibt es auch hier sinnvolle Hintergründe.
    Die Einsicht, dass es sinnvoller ist, zunächst die eigenen Gefühle zu verbalisieren, ist schon der erste Schritt zu einer sinnvollen Lösung.

  14. […] Einen sehr lesenswerten Artikel zum Thema finden Sie auch bei meiner Kollegin Svenja […]

Hinterlasse einen Kommentar

*