Eindeutig: Der Fachkräftemangel ist ein Mythos! Ich kann die gut ausgebildeten Menschen nicht mehr zählen, die erfahren mussten, dass es nicht auf ein Studium und Berufserfahrung ankommt, sondern….

  • … darauf am richtigen Ort zu sein. Und der richtige Ort, das ist oft nicht München, Berlin, Hamburg. Der richtige Ort ist oft da, wo keiner hinwill, der die Großstadt liebt. Kennen Sie Künzelsau?
  • ….darauf zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben, zum Beispiel 2008-2009 auf Social Media gesetzt zu haben und 2003-2005 auf Online-Marketing.
  • …darauf, die richtige Erfahrung zu haben weil man zufällig zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Die richtige Erfahrung bedeutet: Auf die Kenntnisse gesetzt zu haben, die Unternehmen gerade brauchen. Und was genau das ist, ist vorher unendlich schwer vorherzusagen. Es kann sich laufend ändern. Und dann gibt es da auch noch den Schweinezyklus.
  • … darauf, nicht zu viel und nicht zu wenig Erfahrung zu haben. Meinen letzten Beitrag hat jemand kommentiert, der eine Technikerausbildung und ein Studium hat und nun promoviert. Ich sehe hier Leute mit fünf Masterabschlüssen. Lauter Bildungswillige. Die keiner möchte.

Mein kleiner Anreißertext zu Martin Gaedts „Mythos Fachkräftemangel“  – „Werdet Techniker“ –  hat sich bereits als Aufreißertext herausgestellt – mit bislang über 30 Kommentaren. Inzwischen ist er auch bei Spiegel Online erschienen.  Das Thema zieht weite Kreise. Hat man uns nicht allen etwas vom Lebenslangen Lernen erzählt? Werden wir nicht ständig mit Daten zum demografischen Wandel gefüttert, die junge Leute hoffnungsfroh in die Zukunft schauen und ältere denken lassen „vielleicht habe ich doch auch noch mit 55 Jahren eine Chance“?

technikerInsofern ist der Erkenntnis: Leider ist der Fachkräftemangel ein regionales und branchenbezogenes Thema und keineswegs allgemein gültig ein Aufreger. Das ist die These dieses Buchs, und das ist auch das, was ich täglich erlebe.

Zunächst war ich kritisch, als Gaedt mir das Buch ankündigte. Wenn Nicht-Journalisten Bücher schreiben, tun sie es normalerweise, um ihr eigenes Geschäft zu  beflügeln. Im besten Fall engagieren sie einen kompetenten Ghostwriter. Trotzdem ist der Inhalt oft Low-Level: Studien aus den 1970ern, kein guter Gesamtüberblick und zu wenig Belege (manchmal sogar gar keine) – und vor allem: Nichts Neues.

medizinischefahckraftMartin Gaedt verfolgt mit seinem Unternehmen Younect und seiner Plattform Cleverheads ein kommerzielles Interesse.  Aber der Mann hat auch ein ehrliches Anliegen. Das liest man aus jeder Zeile. Manche Bücher sind am Anfang gut geschrieben, weil man da einen Profi-Schreiber eingebunden hat und lassen nach der ersten Hälfte nach. Dieses ist gut von vorne bis hinten. Der Aufbau der Kapitel, die inhaltliche Führung – wer auch immer beim Schreiben gecoacht hat: Hut ab, Autoren können sich hier viel abschauen, wie ein richtig gutes Sachbuch aussehen muss.

Was ist so gut?

  • Die Recherche ist 1a. Da hat jemand nicht nur ohnehin verfügbare Zahlen und Sekundärquellen verwendet, sondern ist tiefer getaucht.
  • Die Leserführung ist super. Wenn man hinten noch auf etwas von vorne Bezug nehmen kann, dann ist etwas von Anfang an durchdacht.
  • Jedes einzelne Kapitel ist in sich geschlossen und hat einen dramaturgischen Aufbau.
  • Die Bilder sind prägnant und die Beispiele aus der Praxis.

Es waren zwei Königskinder, die konnten einander nicht finden….

Ich habe oft darüber geschrieben, dass uns die Verfügbarkeitsheuristik blind und taub macht – auch uns Karrierecoachs und Berufsberater. Weil wir Audi fahren und Haribo essen, wollen wir auch für solche Unternehmen arbeiten – Marken und anfassbare Produkte interessieren uns mehr als Maschinen. Deshalb gibt es so viele Marketingleute im FMCG (Fast Mpving Consumer Goods). Deshalb haben Otto, Beiersdorf etc. außer im IT-Bereich so gar keine Bewerbernotstände. Aber ein Rohrbauer in Hintertupfingen! Maximal mit einer Firma wie Grohe können wir uns anfreunden, die machen wenigstens noch was, das man im Bad sehen kann – die Armaturen. Bei den Berufen und Studiengängen ist es genauso. Es scheint attraktiver, was wir kennen – ein Milchtechnologe gehört nicht dazu. Und Kognitionswissenschaften? Never heard before.

Und dann sind da noch die Städte und Orte, an denen sich Unternehmen aufhalten, die noch Jobs haben. Allgäu! Schwarzwald! Hilfäääää! Das sind Orte, an die z.B. meine Kunden höchst ungern ziehen, manchmal erst nach vergeblicher Suche in den Städte. Man vermutet auf dem Land, manchmal zu Recht und manchmal zu Unrecht, weniger Weltoffenheit. Tatsache ist, dass die Betriebszugehörigkeit auf dem Land im Durchschnitt länger ist und das Denken von Menschen anders. Und dass es eine selbstbewusste Karrierefrau, jemand mit migrantischem Hintergrund, obwohl „Bildungsinländer“ oder ein schlichtweg „kulturverwöhnter“ Mensch es dort tatsächlich schwerer haben könnte.

Doch: Gerade diese „Hidden Champions“ bemühen sich oft um eine bessere Personalpolitik. Da gibt es ein vernünftiges Diversity Management, was nicht nur ökonomisch (beruhend auf „easy thinking“: Kunde Migrant = da schicken wir auch einen Vertriebler mit Migrantenhintergrund hin), sondern auch gesellschaftlich begründet wird. Da gibt es Mitspracherechte, Ideenmanagements, interdisziplinäres Arbeiten, ja sogar Beschäftigungsgarantien … Alles Dinge, die hier in Hamburg, Berlin, München, wo es immer noch 50-100 Bewerber auf eine Stelle gibt, überhaupt nicht in den Plänen der oft schwerpunktmäßig administrativ ausgerichteten Personalabteilungen stehen.

Aber, das muss ich auch anmerken: Es ist leider nicht so, dass arbeitssuchende Bewerber überall mit offenen Armen empfangen werden. Arbeitgeber haben eine völlig falsche Haltung zum Thema  Ausbildung. Ich hatte Kunden, die willig waren mit 30, 40 oder 50 noch mal eine duale Ausbildung zu machen. Was glauben Sie, wie offen Unternehmen dafür sind? Ich sage leider: wenig, sehr wenig! Dabei müssen wir uns doch alle klarmachen, dass der Lebenszyklus des verwertbaren Ausbildungs- und Berufspraxiswissens immer kürzer wird.

Die Königskinder Arbeitgeber und Bewerber kommen einfach nicht zusammen...

Die Königskinder Arbeitgeber und Bewerber kommen einfach nicht zusammen…

Damit die Königskinder sich finden können, müssen sich endlich auch die Arbeitgeber verändern. Warum kann es kein „Training on the Job“ für Geistes- und Sozialwissenschaftler sowie BWLer geben, indem diese z.B. ein oder zwei Jahre strukturiert und dual an eine Tätigkeit herangeführt werden? Auf den Websites der Hidden Champions, die so suchen, finde ich nur: Ingenieur, Ingenieur, Techniker. Da ist keine Nische für unsere Klienten, die im Personalwesen, Marketing, PR, Vertrieb oder anderem Funktionsbereichen außer IT einfach keinen vernünftigen Job mehr finden (vernünftig: denn die niedrige Arbeitslosenquote sagt ja nicht, dass alle Beschäftigten in einem ihrem Intellekt und ihrer Ausbildung nach angemessenen Beschäftigungsverhältnis stehen). Und nein, das muss und darf nicht der Staat zahlen! Der Staat ist für die Geistesbildung zuständig. Und die ist nicht ökonomisierbar. Das ist jetzt meine Meinung, nicht die von Gaedt.

Wenn Unternehmen sich mehr mit ihrer Aufgabe, der Weiterbildung nach Bedarfslage beschäftigten, hätte vielleicht auch die Bundesagentur wieder mehr Gelder, um sich Aufgaben zu widmen, die wirklich wichtig sind: der Schulung von Erstberatern und der Entwicklung einer Software, die nicht jeden zum Gärtner macht, der gern draußen arbeiten würde. An dieser Stelle übrigens ein lieber Gruß an alle Arbeitsagentur-Berater, die mir ob dieser Kritik böse sind. Es gibt definitiv  gute und engagierte Berater, vor allem in den Hochschulteams, aber auch unter den Fallmanagern. Meine Kritik ist nicht persönlich adressiert. Aber ist es nicht einfach verantwortungslos vom „System“ Arbeitsagentur, verunsicherte junge Leute vor einen Computer zu setzen kann, aus dem sie eine hanebüchene Berufsempfehlung mitnehmen….? Dabei gäbe es mit dem unheimlich reichhaltigen „Berufenet“ eine so tolle Basis, die man softwaretechnisch ganz anders umsetzen könnte.  Mit Blick auf Engpassberufe  UND Bewerberbedürfnisse – und eher informativ als schubladisierend gestaltet.

Mythos Fachkräftemanagel – meine Bewertung:

fachrkäfte

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