Früher gab es vor allem einen Grund zu lernen: Non scholae sed vitae discimus. Wir lernen fürs Leben. Viele berufen sich noch heute noch auf dieses Humboldtsche Bildungsideal. Nach Wilhelm von Humboldt ist das Bedürfnis, sich zu bilden, im Inneren des Menschen angelegt und naturgegeben. Im Humboldtschen Ideal steht die Persönlichkeitsentwicklung im Mittelpunkt, durch die Individualität möglich wird.  Jedem soll deshalb Bildung zugänglich gemacht werden  Materielle Ziele gehen damit nicht einher.

Ökonomisierung der Bildung

Doch die Ökonomisierung der Bildung schreitet in anderen Bereichen voran, die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre („G8“) ist nur ein Zeichen. Leider hat die Wirtschaft die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das eingesparte Jahr investieren die meisten Abiturienten meiner Beobachtung nach nicht in eine frühere Ausbildung (und damit Verfügbarkeit für Arbeitgeber), sondern in Reisen und Rumhängen. Sollen sie!

Ein weiteres Zeichen dieser Ökonomisierung ist der Ruf nach Akademikern, den die OECD so nachhaltig formt. Akademiker sollten den Wirtschaftsbetrieb aufrechterhalten und die Wettbewerbsfähigkeit  einer Wissensgesellschaft steigern. Vergessen wurde und wird dabei, dass alle Initiativen wie MINT nichts bringen, wenn die Menschen ein freies Recht auf Bildung deklarieren und auch ein wirtschaftsfernes Fach wie Geschichte als solches ansehen: Humboldt eben.

Wirtschaftliche Gründe für die Akademisierung

Mit der Akademisierung sollten Engpässe geschlossen und die Konkurrenzfähigkeit gewährt sein. Das ist ein grundsätzlicher Interessenkonflikt zwischen Wirtschaft und Mensch, denn die Bildungswilligen möchten berufliche Ziele und Träume verwirklichen. Die sehen viele eben nicht als Maschinenbauingenieur oder in anderen MINT-Berufen realisiert, also in den einzigen akademischen Berufszweigen, in denen man relativ sicher Geld verdienen kann. Jaja, BWL, mein meistgelesener Artikel der letzten Jahre. Wer ihn nicht kennt, hier.

So entsteht aufgrund der Bildungsfreiheit ein schiefer und krummer Arbeitsmarkt: Mit einem viel zu viel an Bewerbern in weichen, nicht-technischen Fächern und einem zu wenig in harten. Mission misslungen. Jeder weiß: Die Tatsache einer niedrigen Akademikerarbeitslosigkeit von drei Prozent kann die Schieflage nicht verdecken. Viele arbeiten nicht in akademischen Jobs, sondern in Berufen, für die eine Ausbildung gereicht hätte. Außerdem verursacht der Überfluss an Akademikern und das Streben der jungen Abiturienten an die Hochschulen Mangel in anderen Bereichen. Schon rudert Bildungsministerin Johanna Wanka zurück und will Studienabbrecher zu Handwerkern machen. Wieso nur Abbrecher?

Bildungsstufen oder AUSbildungsstufen?

Die Akademisierung wird oft unter dem Etikett des Rechts auf „Bildung für alle“ betrieben, also im Grunde im Humboldtschen Sinne. Die Wissensgesellschaft brauche mehr Menschen in höheren Bildungsstufen, da sind sich alle einig. Die OECD teilt deshalb in sechs Bildungsstufen ein, bis hin zur Promotion. Innerhalb der Stufen gibt es zum Beispiel ein 5A und 5B. 5A sind allgemeinbildende Abschlüsse von Hochschulen, 5B berufsqualifizierende wie etwa ein Techniker. Beide sind also gleichwertig, am Markt aber nicht, siehe meinen Beitrag zum Fachkräftemangel und den Engpassberufen.

5B wird in der Regel erlangt, weil ein Bewerber auf dem Arbeitsmarkt bestehen möchte und z.B. seinen Techniker macht, 5A könnte auch rein oder primär aus Lust am Lernen und der Bildung als Selbstzweck erfolgen. Gleiche Stufe, unterschiedliche Wirkung. Man kann „Gender Studies“ als Master studieren und steht damit mit dem Meister auf gleicher Stufe, scheinbar, im OECD-Code. 5A ist Bildungsfreiheit. „Was willst du denn damit machen?“ müssen sich viele 5Aler fragen. Das spiegelt indirekt eine utilitaristische Betrachtungsweise des „was bringt das für das Portemonnaie“?  Ein Studium soll danach einen Return on Investment bringen, diese Haltung hat sich auf breiter Linie durchgesetzt – und passt dann wieder so gar nicht zu Humboldt, der mit Utilitarismus nichts am Gelehrtenhut hatte. Dass Bildung etwas Monetäres bringt, ist eine möglicherweise falsche Erwartung. Vielleicht ist es überhaupt falsch, akademische Bildung und Arbeitsmarktkompatibilität in Einklang bringen zu wollen. Vielleicht ist die ganze Idee von 5A und 5B und ein Stufensystem, das Bildung und Arbeitsmarkt verbindet, schon irgendwie falsch. Zwei Schubladen auf einer Stufe, von denen nur eine direkt mit dem Arbeitsmarkt zu tun hat….

Studium generale

Was ist die Lösung? Möglicherweise braucht man gerade in der komplexer werdenden Wissensgesellschaft eine Art studium generale, das alle werdenden Akademiker durchlaufen – und dann erst ein Studium, das Wissen bringt, für das ein Arbeitgeber bezahlt. Im Grunde sollte jeder Akademiker wirtschaftliche und rechtliche Grundkenntnisse haben, Basiswissen in Philosophie und Ethik haben und Statistik können. Ja, Statistik. Um Dinge durchschauen und hinter die Kulissen sehen zu können, braucht man sowas. Und ist Bildung nicht auch die Fähigkeit, durchschauen zu können und zu hinterfragen? Oh, ich bin ein Kind der 1970er. Ich denke so.

Ich finde es notwendig, essentiell, sowie grundlegend demokratisch, die Fähigkeit zu haben, Dinge zu verstehen und hinterfragen zu können – und das bitte nicht, um damit Geld zu verdienen. Wenn´s dazu kommt, gut, aber es muss nicht. Aber natürlich, das kann nicht Interesse der Wirtschaft, der Arbeitgeber sein. Bildung in meinem Sinne, dem Humboldtschen der Generation X, ist entlarvend und deshalb gefährlich – anders als der spezialisierte Bachelor in Produktionslogistik.

Von Humboldt zu Luhmann

Niklas Luhmanns unterscheidet in seiner „Theorie sozialer Systeme“ die sozialen Systeme Politik, Wirtschaft und Recht, die die alten Stände abgelöst haben. Daneben führt in seinem Bild auch das Bildungssystem ein eigenständiges Dasein. Die sozialen Systeme nach Luhmann reproduzieren sich selbst, in dem sie einen immer gleichen binären Code anwenden. Das Bildungssystem löst seine Probleme nach dem Code „vermittelbar/unvermittelbar“.

Ein nicht kleiner Teil der von Bildungswilligen bevorzugten Bildung, zumal von Frauen, erzeugt unvermittelbare Akademiker – in Stufe 5A nach OEDC. Man will Kulturmanagement oder Geschichte studieren, Archäologie, Psychologie oder Soziologie. Dieses Recht auf Bildung hat man, die Universitäten bieten diese Fächer an. Sie bilden nicht für die Wirtschaft aus, das ist ein eigenes System oder sollte es sein. Doch inzwischen produziert die Wirtschaft eigene Bildungsinstitutionen.  Dazu muss man Luhmann kennen und wissen: In der Wirtschaft gilt ein eigener binärer Code, der lautet: Zahlung/Nicht-Zahlung. Arbeitgeber wollen Zahlung – wenn Bildung dabei, hilft sie auszulösen, bauen sie eben eigene Lehrstühle.

Studium als Geschenk an die Wirtschaft

Das erklärt die vielen neuen Studiengänge, die schon im Bachelor auf wirtschaftsnahe Spezialisierung setzen statt auf breite Grundausbildung. So führt frühe Spezialisierung in bestimmte Branchen und Tätigkeiten, die wirtschaftliche Zyklen durchlaufen und sich durch Technologien immer wieder neu erfinden. Was heute gefragt ist, kann morgen schon überflüssig sein.

BücherstapelDas Studium als Geschenk an die Wirtschaft ist dann schnell entwertet – es war ja für diese bestimmte Branche und nicht für die Persönlichkeitsbildung.  Im Luhmannschen Sinn bleibt dann auch bei 5B am Ende ein „unvermittelbar“.  Womit auch der Gesellschaft insgesamt nicht genutzt ist, aber die ist ja kein System.

Also im Zweifel lieber Futter für den Geist. Es lebe Humboldt.