Man bewirbt sich besser aus einer Festanstellung? Man bittet Leute nicht um einen Gefallen, die man kaum kennt? Wir konstruieren uns unsere Wirklichkeit. Und was die Mehrheit denkt, kann man auch ganz anders sehen – durchaus begründet. Ich habe  typische Glaubenssätze  mal umgedreht.

1. Man bewirbt sich besser aus ungekündigter Stellung

Do or don´t. tastaturViele Menschen sagen, aus ungekündigter Stellung seien sie entspannter beim Bewerben. Das spiegelt noch die alte Karriere- und Arbeitswelt, in der wir dankbar für jedes Jobangebot sein mussten. Warum man das anders sehen kann: Den Job zu kündigen, kann sehr befreiend sein. Endlich hat man Zeit, die ersten drei Monate vergehen im Flug. Man kann den Rasen mähen, nachdenken, endlich mal erledigen, was ewig liegen geblieben ist, sich auf sich konzentrieren und ganz in Ruhe Bewerbungen schreiben und Gespräche führen. Wohl wissend, dass so eine Jobsuche ein Jahr und länger dauern kann.

2. Man kommt im Unternehmen nur weiter, wenn man ein Blender ist.

Gerade Frauen hält das von Karriere sehr stark an. Ganz tolle, leistungsstarke Damen gehen lieber in Deckung, weil sie das glauben. Warum man das auch anders sehen kann: Es gibt die Heuchler, aber nicht nur. In bestimmten Unternehmen ist es für völlige Schaumschläger unmöglich nach oben zu kommen. Und fast überall finden sich auch normale und bescheidende Menschen, die in Unternehmen weitergekommen sind, weil sie einfach gut sind.

3. Man braucht einen lückenlosen Lebenslauf.

Alles muss belegt sein, Pausen sind verboten. Sogar drei Monate werden „überschminkt“, weil es in Ratgebern so steht. Warum man das auch anders sehen kann: Lücken werden immer normaler werden, weil es normal geworden ist, nach etwa fünf bis sieben Jahren Berufserfahrung nicht mehr direkt den Anschlussjob zu bekommen. Und weil viele auch mal gern ein paar Jahre pausieren und sich das auch leisten können. Erst recht, wenn zwei Karriere machen. Die Lücke ist der neue rote Faden!

4. Man bittet nicht einfach entfernte Bekannte um einen Gefallen.

Deshalb tun viele Menschen nicht, was absolut sinnvoll wäre: das eigene Netzwerk aktivieren, auch entfernte Kontakte. Warum man das auch anders sehen kann: Wer selbst bereit ist, zu helfen, wenn er kann, wird auch Hilfe bekommen. Siehe Give und Take. Wer selbst aber ein Nehmer ist, muss sich nicht wundern, wenn keiner was für ihn/sie tun will.

5. Wenn er/sie nicht zurückruft, hat er/sie kein Interesse.

Das ist ein ausgesprochen häufig anzutreffender Glaubenssatz. Warum man das auch anders sehen kann: Die meisten Menschen sind überschüttet von Informationen. In den E-Mail-Bergen wird es immer schwieriger die Spreu vom Weizen zu trennen. Jemand, der einmal versucht anzurufen oder zu mailen, hat man SOFORT vergessen. Mit Desinteresse muss das gar nichts zu tun haben. Und selbst wenn: Man kann Desinteresse in Interesse verwandeln, auch durch Dranbleiben.

6. Wenn das Unternehmen Interesse an mir hätte, würde ich schon längst Bescheid bekommen haben.

Die meisten Menschen deuten es als gutes Zeichen, möglichst schnell eine Absage oder eine Einladung zu bekommen und als schlechtes, nichts zu hören. Warum man das auch anders sehen kann: Die durchschnittlichen Zeiten bis zur Besetzung einer Position liegen bei über 50 Tagen. Je anspruchsvoller der Job desto länger dauert es, bis Einladungen verschickt werden. Es kann auch ein Zeichen von Interesse sein, wenn man länger nichts hört.

7. Man geht nicht auf Xing-Profile der Personen, die einem demnächst im Vorstellungsgespräch begegnen.

Denn: Dann würden die einen ja sehen. Und das ist irgendwie peinlich. Warum man das auch anders sehen kann: Dass man sich die Profile angesehen hat, zeugt von Interesse. Es schadet nicht, es könnte sogar nutzen. So erfährt man vielleicht etwas Privates, findet Verbindungen oder sieht wie jemand tickt. Wenn ich etwa sehe, dass ein Gesprächsteilnehmer promovierter Soziologe ist, kann ich andere Fragen erwarte als wenn es ein Jurist ist.

Eines meiner persönlichen Leit- und Lebensmotive ist: „Egal, was du denkst, denk das Gegenteil“ von Paul Arden. Es ist der einfachste Leitfaden für Querdenken, den es gibt. Wenn Sie also denken „heutzutage muss man studieren“ fragen Sie sich einmal, ob und unter welchen Umständen das Gegenteil stimmen könnte („heute muss man nicht studieren“). Denn tatsächlich gibt es keine Wahrheiten, sondern maximal Wahrscheinlichkeiten. Wir sollten unsere eigenen Glaubenssätze nicht allzu ernst nehmen. Sie sind nur Vereinfachungen und Abkürzungen unseres Gehirns, nicht mehr und nicht weniger. Manchmal helfen sie und manchmal hindern sie einen.

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