Immer mehr studieren. Auch die Ingenieurwissenschaften haben regen und zunehmenden Zulauf, bei den Naturwissenschaften verbessert sich die Nachfrage. Doch wird der Arbeitsmarkt alle Jung-Akademiker auffangen können? 2013 berichtete die Arbeitsamtsstatistik „Gute Bildung – gute Chancen. Der Arbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker der Bundesagentur für Arbeit“ von einem teilweisen Stellenrückgang bei Akademikerjobs bei überraschenderweise mehr Stellenzugängen für Geisteswissenschaftler. Ist das ein Zeichen, dass der Markt sich dreht? Im ersten Teil habe ich mir dazu meine eigenen Gedanken gemacht und herausgefunden, dass Arbeitgeber Geisteswissenschaftler z.B. suchen, die Boxspring-Betten verkaufen, was nun nicht zu den Traumjobs zählen dürfte. In diesem, zweiten Teil stehen Details zu den einzelnen Studiengängen im Ingenieurwesen und den Naturwissenschaften im Mittelpunkt sowie individuelle Einschätzungen und Prognosen. In einem dritten Teil wird es um Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler gehen.

akademikerMeine Einteilung folgt der der Arbeitsagentur. Eine Besonderheit ist hier zu beachten: Es zählt der ausgeübte Beruf, nicht der erlernte. Das heißt, ein Psychologe, der in der Informatik arbeitet, wird als Informatiker erfasst und nicht als Psychologe. Dies ist ein wichtiges Detail – vor allem für Studiengänge, die nicht in Berufe führen. Und das ist vor allem bei den Wirtschaftswissenschaften, den Naturwissenschaften und den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften der Fall, eingeschränkt bei Jura. Einen Trend, in andere Funktionen – oder eine Arbeitswelt „ohne Beruf“ – zu gehen, gibt es meiner Beobachtung nach auch in der Medizin. Selbst Ingenieure verlassen ihre angestammten Berufe, wobei der Ingenieur- ebenso wie der Arzt- und Anwaltsberuf lediglich in vertriebsnahen Feldern Zulauf von Absolventen anderer Fächer bekommt. Ein weiteres Detail: Einige Berufsgruppen speisen sich zu erheblichen Teilen aus Selbstständigen. Wie stark das Einkommensgefälle innerhalb dieser Gruppen ist, zeigt die Statistik nicht. Meine Erfahrung dazu: Freiberufliche Informatiker erwirtschaften leicht Jahreseinkommen über 100.000 EUR zu erwirtschaften, im Bereich Redaktion, Design und auch PR sind dagegen schon 50.000 EUR eher von Top-Verdienern zu erwarten.

Ingenieure allgemein – fast eine Million gibt es

Der Zahl erwerbstätiger Ingenieurfachkräfte ist deutlich gestiegen. „Rund 965.000 Erwerbstätige verfügten 2012 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes über einen Studienabschluss als Ingenieur in den betrachteten Tätigkeitsfeldern.“ Es gibt also immer mehr Ingenieure, deren Situation überwiegend gut ist, doch man höre: „Die Zahl der Arbeitslosen ist zwar gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Dennoch bewegte sich die Arbeitslosigkeit auf Vollbeschäftigungsniveau.“ Die Gesamtquote der Arbeitslosen beläuft sich so auf zwei bis drei Prozent – das ist insgesamt wenig und weniger als in nicht-akademischen Jobs. Dennoch bleibt ein Zuwachs im Vergleich zu 2012, der wenn auch auf niedrigem Niveau, deutlich ist. Auch die Zahl der Stellenmeldungen bei der Bundesagentur war 2013 im Ingenieursbereich rückläufig, ein Fünftel weniger als 2012.

Im Einzelnen:

Maschinen- und Fahrzeugtechnik

Ingenieure der Maschinen- und Fahrzeugtechnik sind unterschiedlich gefragt. In Ostdeutschland gibt es keine Engpässe, in Westdeutschland laut Bericht „Anzeichen für Fachkräftemangel“, und vor allem in Thüringen, Bayern, Baden-Württemberg bereits akuten Fachkräftemangel. Hierzu sollte man wissen, wie Fachkräftemangel definiert wird: Fachkräftemangel besteht dann, wenn Stellen länger als im Durchschnitt (laut Institut für Arbeitsmarktforschung 56 Tage) unbesetzt bleiben und es weniger als 150 Arbeitslose pro 100 Jobangebote gibt und/oder wenn es weniger Arbeitslose als gemeldete Stellen gibt. Nun ist „länger als im Durchschnitt“ eine schwierige Aussage, denn die Suchzeit kann auch von den Arbeitgebern verursacht sein, die sich mit den vorhandenen Bewerbern nicht zufrieden geben oder sich so lange Zeit lassen, bis gute Bewerber weg sind.

Fakten 2013:

  • 115.000 Beschäftigte
  • Minus 26% Stellen
  • + 3.300 Arbeitslose (+16%)

Mechatronik, Energie- und Elektrotechnik

Die Arbeitsmarktsituation für Experten der Mechatronik, Energie- und Elektrotechnik ist gut. Allerdings ist die Frage, ob dies auch perspektivisch so bleibt, wenn IT und Elektrotechnik weiter verschmelzen. „Darüber hinaus kann von einer zunehmenden Verlagerung vom Berufsfeld Elektrotechnik hin zur (Technischen) Informatik ausgegangen werden“, formulieren die Statistiker. Meine persönliche Erfahrung: Wer nicht im arbeitsteiligen Produktionsumfeld und auch nicht im Vertrieb tätig werden möchte, hat keine große Auswahl an interessanten und sinnstiftenden Arbeitsangeboten. Und das ist manchmal auch ein Aspekt bei der Jobsuche. Die Verfügbarkeit von Jobs allein ist es nicht.

Fakten 2013:

  • 85.000 Beschäftigte
  • Minus 20% Stellen
  • + 3.200 Arbeitslose (+14%)

Techn. Forschung, Entwicklung, Produktion

Dieses Berufsfeld ist ein Sammelbecken für vieles, Wirtschaftsingenieure sind zugeordnet. Der reine Blick auf die Zahlen irritiert erst einmal: plus 16% Arbeitslose. Allerdings beruhigen die Autoren gleich: „Der Anstieg ist aber nicht gleichzusetzen mit schlechteren Arbeitsmarktchancen, denn auch die Zahl der beschäftigten Ingenieure dürfte deutlich zugenommen haben.“ Trotzdem, diese 6.900 müssen ja irgendwie als Arbeitslose registriert worden sein. Vergleicht man die Zahlen, liegt das Niveau deutlich niedriger als 2003, aber etwa auf dem Niveau von 2006. Meine persönliche Erfahrung: Bei Wirtschaftsingenieuren stelle ich zunehmend erhebliche Unterschiede in der Qualifikation fest. Während einige auch konkret technische Inhalte lernen, bekommen andere maximal einen kleinen Einblick. Möglicherweise auch deshalb fällt Wirtschaftsingenieuren der Berufseinstieg vergleichsweise schwerer als Voll-Ingenieuren – aber immer noch leichter als Wirtschaftswissenschaftlern.

  • 330.400 Beschäftigte
  • Minus 24% Stellen
  • + 6.900 Arbeitslose (+20%)

Architektur und Bauingenieurwesen

Dieser Bereich hängt traditionell extrem an der Bauwirtschaft, unterliegt also größeren Schwankungen in oft kleineren Zyklen. Sowohl Architekten als auch Bauingenieuren ging es in den letzten Jahren beruflich besser. Die Studierendenzahlen steigen indes auch. Letztendlich ist dies der einzige Ingenieursbereich, in dem der Stellenzulauf 2013 noch weiter gestiegen und nicht geschrumpft ist. Meine persönliche Erfahrung: Eher unproblematisch in der letzten Zeit. Architekten und Bauingenieure sind teils auch kompatibel. Schwerer fällt es, so nehme ich es wahr, z.B. Stadtplanern. Selbstständige Architekten, das sind etwa die Hälfte, haben es oft nicht leicht am Markt zu überleben.

  • 126.400 Beschäftigte
  • Plus 4% Architekten und plus 6% Bauingenieure
  • + Arbeitslose (+4 und 2%)

Informatik

Ein Riesenfeld ist die Informatik, das auch immer weiter wächst und mit den Ingenieurwissenschaften verschmilzt. Die Arbeitslosigkeit ist generell niedrig, auch wenn sie im Jahresvergleich gestiegen ist. Aber Achtung: In die Informatik-Gruppe fallen auch Angestellte, die in diesem Feld arbeiten, aber vielleicht kein fachspezifisches Studium haben. In der Teilgruppe derjenigen mit mindestens vierjährigem fachspezifischem Studium ist die Arbeitslosigkeit womöglich auch deshalb am niedrigsten (zwei statt drei Prozent insgesamt für diesen Bereich).

Interessant ist die recht hohe Quote der Selbstständigen, die man nur zwischen den Zeilen liest. So unterscheidet die Arbeitsagentur Erwerbstätige und Beschäftigte. Beschäftigte sind sozialversicherungsrechtlich registriert, Erwerbstätige nicht unbedingt. Schaut man sich die Differenz zwischen Erwerbstätigen (335.000) und Beschäftigten (195.000) an, kommt man auf 140.000, die offensichtlich selbstständig sind.

Meine persönliche Erfahrung: Viele ITler arbeiten als Freelancer im Projektgeschäft, oft weil man hier deutlich mehr verdienen kann als angestellt. In der IT gibt es immer noch mehr Quereinsteiger als bei den Ingenieuren (die quasi quereinsteigerfrei sind). Ob man einen Job findet oder nicht, hat ganz entscheidend mit der Aktualität der Kenntnisse zu tun. Ein Qualifikationsupdate wirkt nirgendwo so schnell und sicher wie hier.

  • 335.000 Erwerbstätige, 195.000 Beschäftigte
  • Minus 6% Stellen
  • + 26.500 Arbeitslose (+23%)

Naturwissenschaften

Bei den Biologen sieht es nicht ganz so gut aus.

Bei den Biologen sieht es nicht ganz so gut aus.

Bei den Naturwissenschaften wird leider nicht differenziert zwischen (bezogen auf Chancen am Arbeitsmarkt) „guten“ (Physik, Mathe, Chemie) und „bösen“ (Biologie, Geologie) Fächern. Theoretische Physiker dürften es am Arbeitsmarkt grundsätzlich leichter haben als Biologen. Allerdings studieren fast 30 Prozent aller Naturwissenschaftler Biologie – das Fach dominiert deutlich. Der Zuwachs bei den Arbeitslosen fällt ähnlich wie das Minus an Stellen deutlich zweistellig aus. Wobei dies nach Fächern differenziert zuungunsten der Biologie und zugunsten von Mathe und Physik ausfällt. Bei den Biologen war 2013 annähernd der Arbeitslosenstand von 2003 erreicht! Meine persönliche Erfahrung: Biologen haben es schwer. Aber auch andere Naturwissenschaften sind keine Selbstläufer, was auch der Blick auf die Zahlen zeigt: 476.000 sind nach Studium Naturwissenschaftler, aber nur knapp die Hälfte nach Tätigkeit. Darin spiegelt sich: Ähnlich wie Sozial- und Geisteswissenschaftler müssen sich Naturwissenschaftler nach dem Studium orientieren, suchen sie keinen Studium-typischen Job wie Aktuar.

  • 476.000 Erwerbstätige nach Studium, 195.000 nach Tätigkeit.
  • Minus 18% Stellen
  • + 10.600 Arbeitslose (+17%)