Vor einiger Zeit habe ich einen Bürokaufmann/frau gesucht. Ich ließ mir Lebensläufe von einem Vermittler senden. Es war eine Katastrophe. Etwa 20 Frauen, kein Mann. Mehr als die Hälfte hatten studiert, viele BWL. Mein Jobangebot beinhaltete Ablage, Exceltabellen und Vorbereitung für den Steuerberater. „Ich will keine Studierte, um Gottes willen!“ rief ich beim Lesen der Unterlagen. Nicht, dass ich etwas gegen Akademiker habe, Gott oder wer auch immer bewahre. Aber so ein Job ist keine Perspektive für jemand, der mehr leisten könnte. Ich bin doch kein Ausbeuter, dachte ich….

Wenn alle Akademiker sind, wer hält dann noch Hände?

Szenenwechsel. In Spanien studieren Krankenpfleger. Jetzt kommen sie, oft hoch spezialisiert, nach Deutschland. Dort sind sie den Ärzten klar untergeordnet. Hier dürfen sie keine kleinen Ärzte sein wie in Spanien, hier sind es Zuarbeiter, weiter unten in der Hackordnung, die in Deutschland offensichtlich ausgeprägter ist als woanders. Während in Spanien, so erzählte mir eine Personalvermittlerin, Spezialisierung angesagt ist, versorgt in Deutschland ein Krankenpfleger einen Patienten rundum. Was für den Menschen besser ist, will ist ein anderes Thema (das arbeitspsychologische Prinzip der „vollständigen Aufgabe“ spräche für unser System), mir geht es mehr darum, den Unterschied im akademischen und nicht-akademischen Ausbildungssystem aufzuzeigen. Und die Sache, die dahintersteckt: Wer entweder mehr kann oder sich zu Höherem berufen fühlt – das zu unterscheiden ist nur im Einzelfall möglich, wenn überhaupt -, der geht nicht dauerhaft zurück in die… „Buckelei“. Wenn ich Schach auf höchstem Niveau zu spielen gelernt habe, langweilt mich das Match mit dem Einsteiger.

Deutschland auf dem absteigenden Ast – weil Akademiker fehlen und zu wenig arbeiten?

Eigentlich sollte das eine Rezension werden. Ich wollte über meine Wochenendlektüre „Die Deutschland Blase. Das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation“ von Olaf Gersemann schreiben. Ich dachte, das Buch hätte mir neue Lösungen aufgezeigt, aber im Grunde hat es mich nur darauf hingewiesen, dass es Leute gibt, die gekonnt mit Zahlen umgehen können, oft Volkswirte. Kombinieren sie ihr Metier mit Journalismus, können sie auch Worte um ihre Zahlengebäude bauen.

Ich bewundere Herrn Gersemann für sein analytisches Schachspiel auf dem Brett der Volkswirtschaft. Dort ist die Kette seiner Argumentation lückenlos. Das Buch ist für meinen Geschmack etwas kalt geschrieben, aber das ist wohl analytisch in der Interpretation des Algorithmisch-Logischen. Dafür hätte er von mir bei Amazon vier Sterne bekommen. Ich habe nachgeschaut, auch die anderen Rezensenten gaben bisher nicht volle Punktzahl. Vier Sterne sind gerecht, eine „zwei“ übersetzt in Schulnoten. Das ist fair in der Logik eines Notensystems: Wenn jemand eine Mathearbeit schreibt, bekommt er schließlich eine Mathenote und keine für Deutsch.

Bis 2020 das Arbeitsparadies kommt, Däumchen drehen?

Genau das ist der Punkt. Kommen wir zum Anfang: Meinem vermissten-gesuchten Bürokaufmann und den spanischen Krankenpflegern. Gersemann schreibt auch über den Arbeitsmarkt, immerhin gehört dieser zur Wirtschaftspolitik. Und er hat die Tipps parat, die jeder aus den Taschen zieht, der nur aus einer Disziplin heraus und mit Zahlen in der Hand auf das Thema schaut: demografischer Wandel, klar, zack, 2020, da dreht sich der Markt. Ach, bis dahin können die Leute, die studiert haben, ja ruhig etwas arbeitslos bleiben und sich auf Stellen bewerben, die unter ihrem Niveau sind. Dann aber dann, dreht sich alles. Passt in eine Rechenlogik, ist aber für die Menschen im Moment wenig hilfreich. Gerade haben wir in unserem Büro wieder viel mehr zu tun mit Entlassungen, ein Wirtschaftsumschwung kündigt sich an, Airbus entlässt, Gruner & Jahr, manche kleinen auch… es fühlt sich an wie vor wenigen Jahren… Erzähl diesen Leuten was von 2020 – das sind sechs Jahre!

Gersemann rechnet uns vor, wie Schweizer länger arbeiten als wir faulen Deutschen und dass wir das auch müssten, Volkswirtschaftliche Notwendigkeit eben, um zumindest ein moderates Wachstum zu erhalten, lässt außer Acht, dass das Arbeitsleben in der Schweiz ganz offensichtlich angenehmer ist (Herr Buckmann! Ist doch so?). Es ignoriert, dass Arbeitseinsatz nicht in Stunden gemessen werden sollte, zumal akademischer Arbeitseinsatz nicht, der ja kreativer sein sollte (auch Gersemann glaubt, dass das Kreative des Menschen im digitalen Zeitalter überlebt). Wenig innovativ ist Herr Gersemann auch in anderen Zahlen-Dingen. Das BIP – Bruttosozialprodukt – sei ja umstritten, schreibt er kurz, weil es ja auch dadurch erhöht würde, dass ein Radfahrer in Hamburg umgefahren wird und dieser sich ein neues Fahrrad kaufen muss. Weshalb man zwecks Erhöhung des BIPs doch einfach mehr Rowdytum einführen  könnte…. Optimal sei das natürlich alles nicht. Aber eine Idee, was man anders machen könnte mit diesem BIP: auch nicht. Also da gefällt mir der Glücksindex aus der Psychoecke schon wesentlich besser, aber so was nehmen Zahlenmenschen ja nicht ernst.

Speziell ist nicht gleich spezialisiert

Zurück zu meinem Bürokaufmann und dem Krankenpfleger: Er, Gersemann, propagiert die akademische Ausbildung, wahrscheinlich weil er sich nicht vorstellen kann, dass sich bei mir Promovierte auf den Job eines Belegsortierers bewerben. Er nimmt ein zugegeben prägnantes Beispiel: Den Tankwart – immer noch ein Lehrberuf. Braucht man wohl wirklich nicht. Aber dass das alle Ausbildungsberufe in Frage stellt? Bei Ikea hier um die Ecke, in der großen Bergstraße, passiert gerade das, was ich in „Am besten wirst du Arzt“ 2012 für den Beruf des Einzelhandelskaufmanns vorhergesehen habe: Man scannt sich seine Einkäufe selbst, man braucht eine Handvoll technisch versierter Leute, aber keine Kassenkräfte mehr. Gersemann war wohl noch nicht bei Ikea, aber auch er verweist darauf, dass der Einzelhandelskaufmann zu den bedrohten Berufen gehört. Der Mathematiker etwa nicht? Der Literaturwissenschaftler? Möglicherweise auch… das grenzt an Blasphemie…der Volkswirt? Die Berechnungen und Tabellen unter die Gersemann „Berechnungen selbst“ geschrieben hat – die kann auch der Computer. War er das überhaupt? Oder war es Excel, Stata oder SPSS?

Was bleibt, nachdem ich dieses Buch an einem wunderbaren Sonntag an einem wunderbaren See gelesen habe? Vor allem das sichere Gefühl, dass unser Problem am Arbeitsmarkt nicht die fehlende Akademisierung ist oder das international unvergleichliche (positiv wie negativ!) Ausbildungssystem sind. Der Tankwart kann nun wirklich abgeschafft werden; er ist speziell und nicht spezialisiert. Aber es ist nach wie vor auch so, dass Menschen in und nach Ausbildung viel leichter in Jobs kommen – und nach drei Jahren Lehre ist man ebensowenig wie nach drei Jahren Studium in irgendetwas Experte. Man hat sich selbst kennengelernt, Stärken gefunden und neue Ansätze. Man arbeitet an seiner Mosaikkarriere.

Das Studium kann ein weiterer Baustein sein, einer der später oft mehr Sinn macht als früher. Ich sehe derzeit vor allem den riesengroßen Gap zwischen den Erwartungen Jung Studierter und den Möglichkeiten am Arbeitsmarkt. Mir fehlt der Glaube, dass sich das 2020 schlagartig anders wird. Vor allem in den Großstädten nicht, wo alle hinwollen und kaum jemand weggeht, ist er/sie einmal da…

Der Vorteil eines ausgebildeten Bürokaufmanns ist, dass dieser oder diese wirklich kann, was er/sie tut. Ich hab das erlebt, es ist sensationell. Eine Studentin hatte vorher Bürokauffrau gelernt – ich werde ewig dankbar sein für das, was sie in meinem Büro eingeführt und geordnet hat. Unser Ausbildungssystem ist auch keine Einbahnstraße: Der spanische Krankenpfleger kann sich hier mit Weiterbildungen entwickeln, Stichwort Study Nurse, aber auch viele andere. Es ist sehr eindimensional, eine Akademisierung zu fordern und außer Acht zu lassen, dass betriebliche Ausbildungen auch erhebliche Vorteile haben.

Viele unserer Ausbildungen waren ohnehin schon halb akademisch, vergleicht man Lehrinhalte mit Bachelorthemen – da fehlte nur das Etikett. Und vieles was derzeit in oft teuren Studiengängen vermittelt wird, ist am Arbeitsmarkt viel weniger Wert als das Wissen aus einer Lehre.

Im Grunde gibt es nur ein Problem: Wenn der wind of change die Verhältnisse in Europa mal umdreht, was sicher passiert, ist das deutsche Ausbildungssystem ein Hemmnis, jetzt zumindest. Könnte man das aber nicht anders lösen – durch internationale Anerkennung auch deutscher Abschlüsse und nicht durch… noch ein Studium. Das Studium löst die Grundprobleme nicht, den großen Gap zwischen den Qualifikationen, der in Schulen und Elternhäusern entsteht.

Lieber in der Schule mehr lernen. MS Office

Lieber in der Schule mehr lernen. MS Office

Unter den Bewerbungen zum Bürokaufmann waren auch nicht-akademische. Da waren in jedem zweiten Wort Fehler. Das ist das eigentliche Thema. Diese Leute muss man fördern –  nicht die Studierquote in dem Maße, wie es gerade passiert. Wir können doch nicht im Ernst glauben, mit schlechten PIACC-Ergebnissen und Computerkenntnissen im Absteigerbereich der IT-Bundesliga dauerhaft Europas Überflieger zu bleiben – angesichts der fraglos anhaltenden digitalen Revolution? Und angesichts der glasklaren Tatsache, dass die Automobilindustrie vor einem Umbruch steht, was fundamentale Folgen für den Standort haben wird? (der dann nicht fit genug für kreative Berufe ist!)

Ein Studium schützt nicht vor eindimensionalem Denken

Gersemann schreibt auch, dass wir zu Spezialistenorientiert denken – so interpretiert er die Ausbildungen, siehe Tankwart. Es ist richtig, die Gefahr seinen Job zu verlieren steigt stetig. Und dann ist es ein Problem, wenn man nur Spezialwissen aus nur einem Betrieb mitbringt. Doch ein Studium schützt nicht vor Spezialistentum.

Auch unter den Akademikern denkt, schreibt und redet jeder nur aus seiner Ecke. Die Psychologen aus ihrer, die Volkswirtschaftler aus ihrer, die Mediziner aus ihrer. Das hat zwar nicht so starke Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, aber auf das kreative Denken! Das Buch ist für mich das beste Beispiel dafür. Insofern begrüße ich die neuen interdisziplinären Studiengänge, so lange sie nicht zu einer starken Wissenszerstückelung führen. Aber bitte, bevor ihr euch jetzt zum Mix-Studiengang einschreibt – denkt daran: Wer kreativ verbinden will, muss wissen was. Praktische Erfahrung, etwa gewonnen in einer Lehre, ist da oft nicht die schlechteste Basis.