Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Warum gute Unternehmen Mitarbeiter nicht kaufen müssen

Von | 2015-01-27T18:59:45+00:00 24. Januar 2015|

excited business woman holding money on green backgroundDiese Woche schrieb mir eine glückliche Kundin, die einen neuen Job angetreten ist, folgende Sätze: „Ein tolles Unternehmen mit Werten, die tatsächlich gelebt werden. Unglaublich, wie man dort  die „Ressource“ Mitarbeiter behandelt. Die Menschen sind  hochzufrieden, gutgelaunt und gehen alle sehr liebevoll miteinander um…“ Den Namen der Firma will ich hier nicht nennen, aber drei andere Personen habe ich schon auf das Unternehmen hingewiesen, da mir die Kundin dafür auch ein explizites „Go“ gegeben hat. Empfehlungsmarketing wie ich es, leider, selten betreiben kann. So folgt meine Kolumne heute der Frage: Was macht ein Unternehmen empfehlenswert?

Dafür gibt es durchaus ein paar klare Eckpunkte, die ich hier zur Diskussion stellen möchte:

Werte: Gute Unternehmen bringen innen und außen überein

Viele Firmen sind vor allem daran interessiert, akute Personalengpässe zu lösen. Dazu sind manchen alle Mittel recht. Bewerber suchen Flexibilität und Work-Life-Balance. „Okay, schreiben wir es auf unsere Website“, sagen sie sich dann. Besonders unglaubwürdig wird das, wenn Firmen alle Werte verkörpern wollen, die man so finden kann und ein Buzzword-Bingo betreiben. Manche Firmenchefs sind auch weiterhin überzeugt, dass sie immer noch mit Joggingstrecken und Tippkicker locken können, das heißt sie sind beratungsresistent. Gute Unternehmen haben ein klares Leitbild. Ihre Werte werden nicht einfach in einem Workshop so hingezaubert, sondern sind in einem längeren Prozess entwickelt und verbalisiert worden. Dabei hat man Mitarbeiter eingebunden. Es wurde darauf geachtet, dass keine Widersprüche entstehen. Wenn sich ein Unternehmen als kundenorientiert verkauft, die Mitarbeiter sich aber nicht so verhalten, wird dies der Kunde merken, aber auch die Mitarbeiter selbst…. Und das wäre schlecht für alle.

Feedback:  Gute Unternehmen geben Einordnungshilfe

Ich bin fest davon überzeugt, dass verkrustete Machtstrukturen, die immer noch in vielen Unternehmen üblich sind, nur deshalb entstehen könnten, weil Mitarbeiter kein vernünftiges Feedback bekommen. Mitarbeitergespräche werden meiner Einschätzung nach in 90% der Fälle halbherzig geführt. Entweder die Feedbackgebende Person will niemanden auf die Füße treten oder aber die Bewertung erfolgt politisch und eigeninteressenmotiviert. Dass man sich so Menschen heranzieht, die selbst und gerade in fortgeschrittenem Alter keinerlei Gespür für ihre wirklichen Stärken, aber auch Grenzen haben, wundert mich vor dem Hintergrund nicht. Gute Unternehmen ziehen die Entwicklung ihrer Mitarbeiter professionell auf. Führungskräfte, aber auch Mitarbeiter bekommen Feedback, das nicht „irgendwie“ gegeben wird. Dazu gehört, dass Bewerter auch Bewertertrainings bekommen, die ihnen helfen, eigene Mechanismen zu durchschauen und die eigene Position und Einschätzung zu reflektieren.

Personalauswahl: Gute Unternehmen besetzen Stärken- und motivorientiert

Die meisten Unternehmen wollen die Besten, so wie die meisten Bewerber die Bekanntesten bevorzugen. Das ist von beiden Seiten kurz gedacht. So meinen große Marken, dass es ja eine Ehre sei, bei ihnen zu arbeiten und strengen sich nicht weiter an. Möglicherweise sagt das Einserzeugnis und die Elitehochschule aber wenig über Motivation und Stärken aus. So kommt es in letzter Zeit immer häufiger vor, dass auch Top-Kandidaten den Top-Companies ade sagen….Und, wie unverschämt, bei einem Noname anheuern. Gute Unternehmen suchen nicht nur nach Noten und Top-Unis, sondern schauen auch, ob die Motivation, auch die lebensphasenbedingte (!), passend ist.

Motivation: Gute Unternehmen wollen Liebhaber, keine Huren

Dies führt unmittelbar zum nächsten Punkt. Oft habe ich es mit Menschen zu tun, die nicht wechseln KÖNNEN, weil sie in einem Unternehmen arbeiten, dass sie regelrecht gekauft hat. Das Gehalt liegt zum Beispiel 100% über dem Marktniveau. Die Firmen, die das tun, machen das mit voller Absicht. Sie wissen, dass Menschen käuflich sind, je länger sie irgendwo sind, desto eher, denn dann hat man es sich auf dem höheren Lebenshaltungskosten gemütlich eingerichtet… Interessant, man könnte auch sagen: konsequent  – Unternehmen, die nach dem „Hurenprinzip“ arbeiten, betreiben oft keinerlei Mitarbeiterentwicklung, dafür gibt es Zahlen- und Erfolgsdruck…. Gute Unternehmen zahlen nicht über Marktniveau, weil sie auch eine Fürsorgepflicht haben. Sie wissen, dass zumindest VIEL Geld und Arbeitsmotivation in keinem Zusammenhang stehen, ja mitunter negativ korreliert sind. Top-Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern außerdem die Möglichkeit, den Marktwert regelmäßig einzuschätzen und Unterstützung bei der Profilschärfung.

Strategie: Gute Unternehmen wissen, was sie tun

Hierhin, dahin oder…? Oft ist Mitarbeitern unklar, wo das Unternehmen hinsteuert, was es sucht und will. Auch, weil Unternehmen nicht konsequent sind, und etwa im Vorstand Interessenkonflikte statt Einheit vorherrschen. Gute Unternehmen sagen klar, was ihre strategischen und operativen Ziele sind und was diese konkret und im Alltag für die Mitarbeiter bedeuten. Sie wissen, dass Veränderungen den Geist beweglich halten und lassen Mitarbeiter nicht ewig auf derselben Position. Sie handeln, wenn sich Anforderungen ändern – mit allen Konsequenzen; die auch eine Trennung bedeuten können. In diesem Fall, dem der Trennung, bieten sie Hilfe, sich etwas Neues zu suchen. Unternehmen könnten dazu Netzwerke zu anderen Unternehmen aufbauen. Denn: Was bei einem Unternehmen derzeit nicht gefragt ist, könnte woanders genau richtig sein. Oft geht es ja nicht um eine generell passende Qualifikation, sondern um Qualifikationen, die zur jeweiligen Entwicklungsstufe des Unternehmens passen.

Sozialisierung: Gute Unternehmen holen Mitarbeiter an Bord

Der neue Job bedeutet für den neuen Mitarbeiter immer auch einen Kulturschock. Er soll sich innerhalb kürzester Zeit in einer neuen Umgebung orientieren und dann auch noch die impliziten Regeln lernen. Diese Sozialisierung gelingt gewöhnlich besonders schlecht bei Mitarbeitern, die dem Unternehmen an sich gute Dienste leisten könnten, weil sie anders sind… Gute Unternehmen haben für diese Situation Programme und helfen mit Workshops und Onboarding sowie Mentoring dem Neuen dabei, sich zu integrieren.

Produkt: Gute Unternehmen entwickeln gute Produkte

Die meisten Bewerber machen den Fehler, sich von großen B2C-Marken blenden zu lassen. Ich kann Ihnen aus Erfahrung sagen: Innen sieht es oft ganz anders aus. Oft müssen sich die großen Marken weniger anstrengen, so dass sie im Karriere-Vergleich zu weniger bekannten Marken alt aussehen. Allerdings heißt das nicht, dass es egal wäre, was der Arbeitgeber macht. Man will sich identifizieren können, stolz sein. Niemand will für ein Unternehmen arbeiten, dass Mist produziert oder drittklassige Produkte und Dienstleistungen anbietet, die man nur mit dem Fuß in der Tür und psychologischen Tricks verkaufen kann. Wenn Unternehmen kein gutes Produkt haben, brauchen sie z.B. Vertriebler, die Kunden Dinge aufschwatzen müssen. Vertriebler, die das tun, reden sich entweder in den Burnout oder haben eine Charakter- bzw. Integritätsschwäche, was dem Gesamtklima nicht gut tut… und dem Thema Werte oft konträr zuwider läuft. Womit wir beim Anfang wären.

Wie findet man den gute Unternehmen?

Jetzt fragen Sie, schön Frau Hofert, oder auch nicht. Aber: Wie findet man gute Unternehmen? Hören Sie sich um. Es geht nichts über persönliche Empfehlungen. Das Internet hängt da noch hinterher. Es gibt neben Kununu jetzt auch das amerikanische Glassdoor sowie Arbeitgeberbewertungen wie Greatplacetowork. Außerdem Portale wie Feelgood-at-work und Goodplace. Doch auch diese bieten nur Indizien für Unternehmen, die möglicherweise gut sein könnten. Internetportale wie Talents Connect mögen vor allem im Wertebereich einen besseren Match ermöglichen. Im Moment fehlen mir hier Erfahrungswerte.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

4 Kommentare

  1. Claudia Hümpel 24. Januar 2015 at 16:36 - Antwort

    Liebe Frau Hofert, sehr guter Beitrag, der vieles beleuchtet, was ich in meiner täglichen Arbeit im Gespräch mit Bewerbern und Mitarbeitern von Unternehmen erlebe.
    Ich möchte noch einen Punkt ergänzen: Gute Unternehmen ermuntern ihre Mitarbeiter zu konstruktivem Feedback und Kritik und beziehen die Ideen der Mitarbeiter in ihre Unternehmensstratgie mit ein.
    Das ist ein wichtiger Punkt, der von vielen Unternehmen bzw. deren Führungskräften zwar gesagt aber leider nicht immer gelebt wird. Gute Unternehmen wissen jedoch, dass offene und konstruktive Diskussionen zu besseren Produkten und Dienstleistungen führen.
    Schöne Grüße aus Wien nach Hamburg
    Claudia Hümpel

    • Svenja Hofert 28. Januar 2015 at 09:22 - Antwort

      Liebe Frau Hümpel, Dankeschön für das Feedback. Herzlichen Gruß Svenja Hofert

  2. Valentina Levant 28. Januar 2015 at 20:04 - Antwort

    Liebe Frau Hofert,

    vielen Dank für den tollen Beitrag.

    Wie findet man gute Unternehmen?
    Das ist eine wunderbare Frage, die viele beschäftigt. Das Internet gibt noch nicht alles her. Wie denn auch? Bei kununu und sonstigen Portalen geht es eher um subjektive Meinungen die einen Bewerber „vorbelastet“ in ein Vorstellungsgespräch gehen lassen.

    „Gute Unternehmen sagen klar, was ihre strategischen und operativen Ziele sind und was diese konkret und im Alltag für die Mitarbeiter bedeuten.“
    Genau das gilt es für die Bewerber im Vorstellungsgespräch mit smarten Fragen diplomatisch herauszufinden. Keine einfach Aufgabe natürlich. Und genau hier setzen sich viele Bewerber für sich nicht genug ein. Die traditionelle Bittsteller-Position des Bewerbers setzt sich oft durch. Man heiratet somit eine Katze im Sack.
    Oft bedeutet das eine baldige innere und äußere Kündigung, Frust und Zeitverlust.

    Meiner Erfahrung nach ermöglicht diese Musterunterbrechung in Vorstellungsgesprächen ein richtiges Kennenlernen sowie ein Gespräch auf Augenhöhe mit dem Arbeitgeber.
    In so einem Gespräch kann die Frage, ob das Unternehmen gut für einen ist, unmittelbarer beantwortet werden.

    Beste Grüße aus Frankfurt und vielen Dank nochmal für Ihren Einsatz!

    Valentina Levant

  3. Mario Mevert 18. Juni 2015 at 13:55 - Antwort

    Danke für den tollen Artikel Frau Hofert!!
    Endlich mal jemand, der es versteht 😉
    Das bestärkt mich sehr in meiner Vorgehensweise allgemein als Coach und als Job-Coach…
    Besten Gruß

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