Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Recruitingdilemma oder Digitalromantik? Wo stehen wir im Jahr 2025 wirklich? (Rezension)

Von | 2015-02-23T20:22:32+00:00 19. Februar 2015|

Business woman selected person talentSie ist schlank und muskulös, sieht gut aus und weint, als sie mit ihrer mega-erfolgreichen Freundin spricht, die vor lauter Arbeit nicht mehr zum Sport kommt… sowas auch. Die ärmste Yvonne aus dem Kapitel „arbeitslos statt Vollbeschäftigung“ im Buch „Das Recruiting-Dilemma“ von Sven-Gábor Jánszky: Seit drei Jahren aus dem Job, ein Schwerverbrechen im digitalen Zeitalter, in der die Monsterkraken Wirtschaft und Wandel uns gemeinsam dirigieren.  So dumm, Yvonne! Elternzeit genommen, Landei geblieben, das ist halt die Geschichte der Verlierer am Arbeitsmarkt im Jahr 2025 (… ich glaube nicht daran, und halte auch nichts von dieser Art Panikmache). 2025 – das ist die Zeitmarke die der Autor in seinen Betrachtungen der schönen neuen Arbeitswelt setzt. Drei Jahre sind heute im Grunde so wie dreißig, sagt er, und hat wohl noch nie in der Verwaltung gearbeitet. Ein wenig Klischeebeladen ist das hochgelobte Buch, das mir von einigen Seiten empfohlen wurde. Nur von Männern, die solche Details vielleicht eher überlesen. Jánczky ist Direktor eines Trendinstituts. Alle Jahre wieder, so steht es in seiner Vita, trifft er 300 CEOs, deren Frauen möglicherweise wie Yvonne in Fitnessstudios schwitzen und heulen.

Viele Personen, die viel reden und noch mehr schreiben…

Das reichlich auftauchende menschliche Personal in dem Buch ist leistungsbereit, lernwillig und kämpft für eine bessere HR-Welt, jedoch unter dem klaren Leistungsdogma. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das 2025, in nur 10 Jahren so sein wird, wie hier beschrieben. Gestern habe ich die Haushaltsplanung einer mittelgroßen Stadt in Excel gesehen. Mir fiel ein Fehler auf, also schaute ich mir an, welche Formeln hinterlegt waren. Gar keine! Der Finanzverantwortliche oder/und seine Mitarbeiter konnte offenbar kein Excel und hat selbst gerechnet. Herr Janszky, ab in die Verwaltung: Dort und nicht nur dort finden Sie Personal, die weit von der schönen neuen Arbeitswelt weit entfernt sind, in der sich alles ratzfatz dreht. Und nicht nur da. In Hamburg soll es eine Firma geben, die noch Schreibmaschinen einsetzt. Graphologie wird im Recruiting noch häufiger verwendet als Big Data.

Die Menschen wollen handgemachte Seifen und Bio-Rinder, aber nicht noch mehr digital

Ich bin zu sehr Realist, um zu glauben, dass sich die Grundstruktur der Menschen dramatisch ändert ohne staatliche Zufuhr von Drogen. Die Mehrheit hängt sich nicht rein. Die Mehrheit wird jede Gelegenheit ergreifen, sich nicht ändern zu müssen (und warum auch – für noch ein neues Handy?) Auch 2025 nicht. Die Mehrheit wird sich auch nicht ständig weiterentwickeln wollen, wie es der von Janszky etwas oberflächlich skizzierte Arbeitsmarkt angeblich fordert. Da braucht man sich nur ein paar Motivationstheorien ansehen und diese mit dem praktischen Erleben übereinbringen, und dann ist es einem klar. Schauen Sie sich die Leute an, die nach Traumjobs suchen. Die wollen Naturseifen herstellen oder Bio-Rinder züchten, auf keinen Fall wollen sie in der digitalen Welt ein Smartphone nach dem anderen hinterherjagen. Und ich verstehe das voll: Ich habe auch die Nase voll von der Digitalisierung. Ich brauche auch nicht alle zwei Jahre ein neues Handy, eigentlich könnte ich meins für den Rest des Lebens behalten. In Janczkys Welt ist jedoch schon out, wer ein altes Handy hat. Die heulende Mama Yvonne im Fitnessstudio hatte ein altes Handy, das kam ziemlich „bäh“ rüber in der Digitalromantik des Herrn Jánszky….

Das Buch

Jánszky haut in seinem Werk mit Thesen nur so um sich. Abgesehen von Klischees, sehr wenig Fakten und allzu blinder Zukunftsgläubigkeit sind durchaus ein paar nette Gedanken darin. Aber eine Reihe von Widersprüchen fallen  ins Auge: Jánszky fordert wie so viele (z.B. der aus meiner Sicht deutlich argumentationssicherere Guenter Dueck), dass jeder studieren MUSS, widerlegt sich im selben Kapitel jedoch selbst. Er sagt, dass es immer noch Leute geben werde, die vorgefertigte Schritte ausführen. Nun, haben die dann ein Bachelorstudium? Einige Kapitel weiter geht es um den Kampf um die Azubis. #Findedenfehler.

Ein paar weitere Thesen:

  • Hidden Champions in ländlichen Gegenden werden zu Caring Companys, erst recht wenn sie weit ab vom Schuss liegen und mit Bordmitteln keine Fachkräfte mehr gewinnen können. Dann müssen Sie sich sorgen und werden sogar zum Kulturproduzenten. Diese Tendenz ist bereits sichtbar und man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass Unternehmen in ländlichen Gegenden noch mal drei Mal so viel Gas geben müssen. Und dass es ihre Chance im War for talents sein könnte, Menschen eine Art „Heimat“ zu bieten.
  • Personaler werden zu Datenanalysten: Der Personaler mit seiner berühmten Menschenkenntnis ist ein Auslaufmodell, weil Menschenkenntnis auf wackligen Füssen steht, wenn man sich unsere kognitiven Einschränkungen so ansieht, die Kahnemann und Co. aufgedeckt haben. Dann lassen wír uns doch lieber vom Computer beraten, der kann logischere Schlüsse ziehen.
  • Dass es nur noch fluides Arbeiten mit Projektverträgen geben wird, sehe ich nicht für 2025, aber ein starker Trend wird es sein, sofern der Gesetzgeber, Stichwort Scheinselbstständigkeit, nicht interveniert. Diese Projektverträge sind wie heute schon in der IT, freiwillig und so von den Mitarbeitern gewollt, deren Antrieb eine hohe Lernkurve und Sinn ist. Aber vor allem von denen. Das ist eine Minderheit.
  • „Querkompetenzen“ werden wichtiger. Jánszky definiert diese aber nicht im pädagogischen Sinn als das Fachgebiet ergänzende Kommunikations-, Sprach- und Methodenkompetenzen, sondern als weitere Fachgebiete „Jeder Mensch sei nicht nur in seinem Fachgebiet gut, sondern in zahlreichen anderen Bereichen“ schreibt er. Und bringt als Beispiel Google, das Mitarbeiter dazu auffordert, 20% ihrer Arbeitszeit etwas anderes zu machen als im Hauptjob. Und ich glaube, Google meint nicht Sprachenlernen.
  • Coach dich zum Optimum. „Warum jeder Mitarbeiter fünf Coaches braucht“, heißt eine weitere These, die ich für groben Unsinn halte. Natürlich werden auch in Zukunft einige Leute neben einem Business Coach auch einen Personal Trainer und einen Finanzcoach haben, aber dass das jeder haben wird? Lesen wir diesen Beitrag 2025 noch mal.

Haufe_Das_Recruiting_DilemmaDas Buch von Janczky weiß nicht richtig, was es sein will: Der Titel eher ein Fachbuch, für ein Sachbuch zu viele Thesen, für Literatur zu platt, vom Ratgeber weit entfernt. Ein bisschen erinnert es mich an Lynda Grattons „The Shift“, die auch literarische Elemente verwendet – obwohl diese Vordenkerin der neuen Arbeitswelt im eher dürftigen Inhaltsverzeichnis nicht zitiert wird. Stattdessen ein Spiegel—Online-Artikel und eher wenig Fachliteratur. Nichts gegen SPON, aber bei solchen Thema  und 34,95 (also Fachbuch-Preis) sollte die Recherche doch eher anhand von Primärquellen erfolgen. Mein Eindruck ist, dass da jemand beweisen wollte, dass er schöne Geschichten schreiben kann  und über dem ganzen Storytelling die Argumentationslinie aus den Augen verloren hat. Lesenswert? Ich weiß nicht. Für Leute, die sich nicht auskennen, vielleicht. Für alle anderen: Zu wenig Knochen (Fakten) und Fleisch (Argumente).

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

Ein Kommentar

  1. Christoph Burger 20. Februar 2015 at 14:35 - Antwort

    Sehr erfrischend zu lesen, danke!

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