Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

„Ich fühle mich bereichert“: Wenn Manager mit über 40 noch studieren

Von | 2015-08-02T09:56:42+00:00 2. August 2015|

„Schaffe ich es ohne Studium bis zur Rente?“ Diese Frage stellen sich viele, die nicht studiert haben oder ihr Studium abbrachen. Es sind häufig Praktiker, die es weit gebracht haben, beispielsweise in der IT, der Produktion, aber auch im Vertrieb, mitunter auch im Marketing. In Forschung und Entwicklung und dem Rechtswesen ging es auch schon früher nicht ohne Studium. Nach wie vor ist der Vertrieb für Hands-on-Macher am offensten, doch die Luft wird dünner. Lohnt es sich also ein alter Student zu werden?

wissenistmacht_pixabay_adult-education-572269_640-1In den 1980er und 1990ern war es leicht, sich mit Fleiß und Engagement hochzuarbeiten. Viele Praktiker sind heute in den 40ern und 50ern. Sie haben meist eine kaufmännische Lehre oder eine Technikerausbildung, manche auch ein abgebrochenes Studium. In den 1990ern warben Unternehmen massenweise Studenten ab und boten ihnen gute Gehälter. Da ich damals in der IT gearbeitet habe, kenne ich viele Geschichten, bei denen jemand aus der Uni geholt wurde. Auf den gesamten Karrierelebenszyklus betrachtet, wurde das meist irgendwann zum Nachteil und zu einem Stolperstein im Lebenslauf. Und kommen Sie mir nicht mit berühmten Abbrechern wie Bill Gates: Das war eine andere Zeit und hier geht es um Selbstständige. Wir sprechen von Angestellten. Und ich meine speziell die, die noch mindestens 10 Jahre arbeiten müssen – nicht die Bildungsstudenten die in Rente sind und sich in, Geschichtsvorlesungen setzen.

Die kognitive Verzerrung „Selbstbestätigungstendenz“ (wir suchen Bestätigung für unsere Haltung und blenden Gegenbeweise aus) führt es mit sich, dass viele dieser Personen, überwiegend männlich, gute Argumente finden, sich nicht auf eine Studienzeit einzulassen.

Happy retirees studyingDiese Argumente gegen ein Studium im Alter von 40-55 sind:

  • Ich habe praktisch genauso viel gelernt oder sogar mehr als meine studierten Kollegen (wirklich?)
  • Bilanzen etc. kann ich auch lesen, das lernt man eben on the job.
  • Mit der ganzen Theorie kommt man in der Praxis sowieso nicht weiter.
  • Das Wissen ist ja eh so schnell veraltet.

Übrigens sind es die gleichen Argumente, mit denen gegen kleinere Weiterbildungen, etwa im Projektmanagement gewettert wird. Da höre ich dann, dass das Wasserfallmodell eh Unsinn sei oder man sich agile Methoden auch mit einem Buch aneignen kann, was bis zu einem gewissen Grad sicher stimmt. Für Studiengänge sehe ich die Buchmethode jedoch nicht, denn im Studium geht es ja nicht nur darum, sich Wissen anzueignen, sondern dieses auch anzuwenden und sich einer Benotung zu stellen. Letzteres ist der entscheidende Unterschied.

Im Grunde steckt hinter der Ablehnung, sich auf die zwei, drei Jahre einzulassen auch viel Unsicherheit (schaffe ich das?), mitunter Lernfaulheit und ziemlich oft der Unwille sich auf Veränderungen einzulassen. Besonders im Fokus sind dabei die oft damit verbundenen Einschränkungen, ob nun finanziell oder familiär und zeitlich. Überall wird man zudem auf Freunde und Bekannte sowie andere „Gönner“, etwa Vorgesetzte, treffen, die einem abraten, in dem Alter noch zu studieren. Meist werden es Leute sein, die in einer ähnlichen Situation stecken. Denn es gibt ein interessantes Phänomen, das ich hier schon einige Male thematisiert habe: Man stellt gerne Menschen ein, die einem ähnlich sind, sei es, dass sie dasselbe studiert haben oder an der gleichen Uni waren oder auch dass sie auch „Nur-Azubis“ waren.

Diese Menschen jedoch sterben aus, zumal an der Spitze von Unternehmen. Die Wahrscheinlichkeit sinkt, Manager ohne Studium überhaupt anzutreffen. Und sie wird in den nächsten Jahren immer weiter sinken. Damit verbunden sein wird ein Absenken der Akzeptanz für Lebensläufe ohne Studium in Führungspositionen. Dieses Absenken beobachte ich derzeit in fast allen Branchen, etwas weniger im Bereich Hotel und Gastronomie, wo die Hotelfachlehre immer noch angesehen ist.

Es gilt natürlich immer den Einzelfall zu betrachten. Aber meist ist das ein klares Argument pro Studium.

Weitere Argumente für ein Studium im Alter von 40-55 Jahren sind:

  • Das Selbstbewusstsein steigt: Wer es geschafft hat, ist am Ende glücklich und zufrieden.
  • Anerkennung ist sicher: Stille Bewunderung ist einem nahezu sicher (auch derer, die diesen Weg eben nicht gehen wollten).
  • Die analytische Denkfähigkeit steigt: Fast alle, die mir in meiner Praxis begegnet sind, haben etwas Wertvolles gelernt. Fast alle finden, dass sie gelernt haben, analytischer, systematischer und strategischer zu denken.
  • Gehirnzellen werden erneuert: Wer im fortgeschrittenen Alter Neues lernt, schafft neue Gehirnzellen und Verbindungen. Das fühlt sich nicht nur gut an, sondern macht auch geistig reger.
  • Man lernt mit der Generation Y zu arbeiten: Mit viel jüngeren Kollegen zu studieren kann anregend für beide Seiten sein. Manager lernen dabei oft ganz neue Seiten kennen und überdenken altgewohnte Einstellungen.

Also, trauen Sie sich! Ein Studium ist heute nicht mehr auf viele Jahre angelegt. Vielfach besteht sogar die Möglichkeit, ohne Bachelor direkt einen Master zu machen. Die zwei bis drei Jahre sind fast immer gut investiert. „Ich fühle mich bereichert“, habe ich oft gehört. Und ein Happy End auf dem Arbeitsmarkt gibt es meistens auch. Manchmal schein allein aufgrund des gestiegenen Selbstbewusstseins. Denn die Frage „warum haben Sie nicht studiert?“ nagt an einem – sowie der ewige Verdacht, dass Bewerbungsabsagen mit dem fehlenden Schein zu tun haben könnten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich hier Personaler äußern und schreiben, wie sie das sehen.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

6 Kommentare

  1. Jochem Neysters 3. August 2015 at 16:49 - Antwort

    Weiterbildung durch ein Studium ist sicher nichts falsches für das die eigene Arbeit, das eigene Ego und für den Ruf. Habe aber erlebt, dass jemand der das gemacht hat keinen finanziellen Nutzen daraus ziehen konnte, was ihn ziemlich frustriert hat.

    • Svenja Hofert 4. August 2015 at 09:41 - Antwort

      ich finde, der finanzielle Nutzen sollte nicht im Vordergrund stehen, sondern der persönliche. LG Svenja

      • Christoph Burger 10. August 2015 at 10:56 - Antwort

        Hallo Svenja, das genau ist für mich in der Beratung ebenfalls der entscheidende Punkt. Wer ein größeres Bildungsvorhaben nur macht, um etwas Bestimmtes zu erreichen – meist, weil sich gerade kein passender Job zu bieten scheint – ist auf dem Holzweg. Stattdessen muss die Weiterbildung an sich positiv bewertet werden.
        Beste Grüße,
        Christoph Burger

  2. Isabella Denz 8. August 2015 at 13:44 - Antwort

    Ich kann Ihnen nur beipflichten. Mit 51 Jahren habe ich meinen ersten Master in Nonprofitmanagement und dieses Jahr, mit 62 Jahren, meinen zweiten Master im Bereich Erwachsenenbildung, beide an der Fachhochschule für Wirtschaft in Olten in der Schweiz abgeschlossen. Ich habe im beruflichen und im persönlichen Bereich nur profitiert (übrigens auch finanziell). Nach der obligatorischen Schule habe ich eine Damenschneiderinnenlehre absolviert, besitze keine Matura (Abitur) und habe auch keinen Bachelorabschluss. In die Masterausbildungen wurde ich „sur Dossier“ zugelassen, d.h. Erfahrung, Empfehlung, besuchte Weiterbildungen. Schade, dass nicht mehr Ältere Menschen diesen Schritt wagen! Ich erlebe oft, dass jüngere Menschen begeistert sind über meinem Lebenslauf/Lebensverlauf. Ich habe fünf Kinder grossgezogen, die alle im Bereich Aus- und Weiterbildung aktiv unterwegs sind – ein Vorbild haben ist immer noch etwas vom besten.
    Herzliche Grüsse Isabella

  3. Stefan Gasser 12. August 2015 at 13:45 - Antwort

    Guten Tag Frau Hofert
    Bin um ein Schmunzeln nicht herumgekommen, als ich ihr Statement pro und gegen ein Studium las.
    Persönlich habe ich nicht studiert, habe praktische und langjährige erfolge Vertriebserfahrung in verschiedenen Branchen. Für manche Bereiche kann ein Studium Sinn machen. Selbst habe ich jedoch in der Zusammenarbeit mit sogenannten Koliphären, die sich einem Studium verschrieben haben, sei es privat oder beruflich nicht durchwegs positive Erfahrungen gemacht egal auf welcher Hierarchiestufe. Sei es,dass sogenannte Studierte nicht in der Lage sind auf Geschäftleitungsebene Briefe zu lesen und kundenorientiert positiv zu antworten respektive zu agieren. Nur weil irgendeiner ein BWL-Studium macht und sich zu höherem berufen fühlt, wird auch nicht automatisch mehr Umsatz oder neue Geschäftsfelder generiert. Ein Bildungsstand alleine sagt noch überhaupt nix aus, ob einer in einer Führungsposition funktioniert.

  4. […] Im Karriereblog von Svenja Hofert ging es um Manager, die mit über 40 noch einmal studieren. Ihre Argumente dafür kann man eigentlich ganz unabhängig vom Alter anwenden, finde ich. […]

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