Nestlé wird vom Shitstorm überzogen, Volkswagen hat binnen weniger Tage Milliarden an der Börse verbrannt. Die Empörung ist groß, wenn ein Thema plötzlich in die Mitte der allgemeinen Aufmerksamkeit rückt. Plötzlich gerät etwas in den Fokus, was eigentlich schon länger hätte bekannt sein müssen. Als Aktienbesitzer können wir schnell handeln: Auch ich habe meine Depots gesäubert. Für Angestellte gestaltet sich das deutlich schwieriger. Es besteht ein Abhängigkeitsverhältnis. Jeder weiß: Erst brechen die Kurse ein, dann kostet es Jobs, das wiederum wirkt sich bei 200.000 Arbeitnehmern gesamtwirtschaftlich aus, ein Kreislauf. Wie aber kann so etwas überhaupt entstehen? Warum kann es Firmen geben, die kriminelle Strukturen aufbauen können wie Volkswagen? Eine kleine Rundschau der aus meiner ganz persönlichen Sicht wichtigsten 5 Entstehungs-Faktoren.

1. Verharmlosende Kommunikation

Das Wort „Schummeln“, das in Verbindung mit VW die Medien dominiert, hat mich entsetzt. Ich konnte es nicht glauben und habe es deshalb bei Google News geprüft: 11.400 x Schummeln + VW und nur 1 x Betrug + VW. Genau hier fängt das Übel an, bei der Kommunikation. Schummeln macht jeder und ist erlaubt. Betrug ist strafbar und eindeutig auf der kriminellen Seite. Wenn schon die Presse hier beschönigende Worte nutzt, was soll dann erst bei den Mitarbeitern ankommen? Wir schummeln ja nur. Machen wir auch beim Monopoly. Um klar zu machen, was erlaubt ist und was verboten, müssen eindeutige Begriffe fallen. Worte bewerten, sie neutralisieren und verstärken. Sie geben eine Denk-Richtung vor. Deshalb nimmt hier alles seinen Anfang, beim Wording. Unten Screenshots meines Google-Experiments:

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2. Gruppenpsychologie und Groupthink

An Entscheidungen wie der Entscheidung, eine betrügerische Software einzubauen, und das auch noch weltweit, kann nicht nur einer beteiligt gewesen sein. Viele mussten es gewusst haben, viele Teams, viele Gruppen, viele Führungskräfte. Und erst Recht der Chef. Aber wie man in der Familie vielleicht über den alkoholkranken Onkel nur hinter verschlossener Tür spricht, so redet man in der Firma über bestimmte Dinge auch nicht offen. Groupthink ist die Ursache, hier ein Artikel über Chancen und Risiken der Teamarbeit.

Die Zahl kritischer Personen ist außerdem immer kleiner als die der angepassten. Erst recht gilt das bei bestehenden Abhängigkeitsverhältnissen. Abhängigkeit macht stumm. Wahrscheinlich gab es aber auch Kritiker, aber ebenso wahrscheinlich wurden diese ausgegrenzt und/oder mundtot gemacht. Womöglich haben sie eine „lohnt-sich-nicht-aufzubegehren“-Haltung entwickelt. Hier möchte ich auf meinen acht Jahre alten Artikel für Whistleblower hinweisen. Auch Hinweise an kritische Medien können den Stein ins Rollen bringen. Wobei zu vermuten ist, das all das passiert ist und bekannt war – allein es fehlte der Aufhänger für eine wirklich durchschlagende Nachricht. Den hat nun die USA geliefert.

3. Top-Manager-Resistenzen

Top-Manager sind macht- und selbstbewusste Persönlichkeiten. Idealisten finden keinen Weg ins Management eines Konzerns; sie werden maximal Unternehmensgründer. Es sind also immer Pragmatiker und Pragmatiker entscheiden danach, was den größten Vorteil bringt. Dabei überschätzen sie, je geringer der Gegenwind wird, desto öfter ihren Einfluss und ihre Intelligenz. So entwickeln Top-Manager meist eine resistente Persönlichkeitsstruktur. Sie sind kompetitiv, so dass ich mir vorstellen könnte, dass auch der Machtkampf Piech/Winterkorn eine Rolle spielt. „Kostensenken! Den US-Markt erobern! Jetzt zeige ich es dem alten Piech! (koste es, was es wolle).“ Denkbar.

Im Laufe der Zeit haben Top-Manager Antikörper gegen Zweifler, Angriffe und Anschuldigungen entwickelt. Sie beherrschen zudem die Kunst, zwei Sprachen zu sprechen, die offizielle und die informelle. Die offizielle folgt den Compliance-Richtlinien. Die informelle weiß sich abzusichern, indem sie vermeidet, Beweisdokumente persönlich zu unterzeichnen oder eindeutige E-Mails zu schreiben. „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“, das ist gerade auch Winterkorns Strategie. Ab in die Reihe zu Fifa-Chef Blatter.

4. Das Schweigen der Lämmer

Was kann ich schon bewirken? Das bringt mir nur Ärger ein. Das schadet meiner Karriere! Als Karriereberaterin kann ich sicher und mit einigen anonymen Beispielen im Kopf sagen, dass es eindeutig nicht karriereförderlich ist, sich deutlich und offen auf die Seite von Recht und Ordnung zu stellen, wenn alle anderen abschwächen und „durchwinken“. Letztendlich muss aber jeder für sich selbst wissen, was wirklich zählt im Leben. Menschen mit idealistischer Motivation werden es weniger gut aushalten können, als solche die die Dinge für sich pragmatisch interpretieren können. Insofern ist die eigene Motivstruktur maßgeblich für das das, was ich als Persönlichkeit als „geboten“ empfinde.

Aber jenseits dieser individuellen Motive und handlungsbestimmenden Motivstruktur gilt dennoch: Auch Pragmatiker haben Themen, bei denen sie nicht mehr wegsehen können. Und dann ist es auch die gesellschaftliche Verantwortung, das zu tun, was die größte Wirkung im positiven Sinn hat.

Susan Cain zitiert in ihrem Werk über „Still“ die introvertierte Bürgerrechtlerin Rosa Parks, die sich 1955 weigert, ihren Platz im Bus für einen Weißen freizumachen. Dies kennzeichnete unter anderem den Anfang der Bürgerrechtsbewegung. Bevor Rosa Parks das tat, hat sie sicher lange darüber nachgedacht.

5. Die systemische Selbsterhaltung

Die Wirtschaft ist ein geschlossenes System. In ihr herrscht nach Luhmann der binäre Code Zahlung/keine Zahlung. Das könnte man auch einfacher ausdrücken: Geld regiert die Unternehmen (insofern wunderbar, wenn Sie alle VW-Aktien verkaufen, das löst den maximalen Druck aus, aber klar, die Entlassungen werden folgen und dann hat man einen Kreislauf…). Unternehmen lassen sich nicht freiwillig ins Handwerk pfuschen. Nette Vereinbarungen und Goodwill nutzen nichts. Es muss Kontrolle her. Und zwar von außen. Solche Kontrollsysteme müssen stark und mächtig sein, damit sie funktionieren. Da haben ein paar Leute wohl darauf gesetzt, dass sie die Kontrolle über die Kontrollsysteme in Deutschland und der EU behalten… Und die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Übrigens mal ein positives Beispiel für Effekte der Globalisierung.