Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Über die Liebe und andere berufliche „Störfelder“ – oder: Wie privat darf Karrierecoaching sein?

Von | 2016-02-16T09:15:33+00:00 12. Februar 2016|

„Sie gehen ja ganz schön tief, da bin ich ordentlich ins Nachdenken kommen“, kommentierte ein Kunde nach erfolgreichem Outplacement meine Arbeit. Und schob nach: „Über diese Dinge denkt man ja nicht nach.“ Im Coaching hatten wir auch an seiner inneren Haltung gearbeitet. Das tat dann auch mal weh.

„Was ist eigentlich Coaching?“ fragte Nico Rose diese Woche bei Facebook, auf seinen Beitrag bei Lead Digital verweisend. Er schrieb darin, wie selten er erlebe, dass ein Coaching nur beruflich sei, und das es oft mit beruflichen Fragen verbunden werden müsse. Ich fand den Aspekt der nicht-beruflichen Themen im Coaching spannend und schreibe dies als Replik.

Nico Rose hat recht, wenn er sagt, dass die wenigsten Fragen rein beruflich sind. Für mich leitet sich daraus ab, wie privat ein solches Coaching werden darf. Schnelle Antwort: Es darf so privat sein, wie es der Kunde und ich selbst es möchten. „Ich selbst“, das ist nicht unwichtig, da ich von Kollegen weiß, dass nicht jeder alles vertragen kann und hören möchte. Nicht jeder mag also die privaten Fragen hinter den beruflichen….

Alles ist erlaubt, wenn beide wollen

brothers-457237_1280Für mich persönlich sind auch Liebesnöte oder Familienprobleme OK. Arbeite ich mit Frauen und Müttern sind sie selbstverständlicher Bestandteil. Ist doch berufliche Veränderung kaum ohne den Blick auf Familie und Kinder denkbar, jedenfalls wenn man es nicht mit Überflieger-Managerinnen zu tun hat.

Eigentlich gibt es wenig, das ich nicht hören mag. Nur eins ist mir immer wichtig: Es muss relevant sein für das Thema, es darf nicht in Plauderei ausarten und die professionelle Distanz muss gewahrt bleiben. Es bleibt Coaching, das heißt, ich suche immer einen Zusammenhang zum Thema und einen Zugang zur Lösung. Wenn mir eine Kundin von ihren Schwierigkeiten erzählt, einen Partner zu finden und sie das erleichtert – wunderbar. Wenn aber das Private keine Rolle spielen soll, halte ich mich daran. Um manchmal zu sagen: „Ich glaube hier können wir das nicht mehr ausklammern.“ Bisweilen ist es aber auch andersrum: Merke ich, dass etwas den Rahmen sprengen würde, beschließe ich mich rein auf das Berufliche zu konzentrieren, da alles andere Rahmen und Budget sprengen würde. Es gibt also Fälle, wo ich etwas nicht anspreche, das sehr emotional werden würde.

Säulen checken

Die Zusammenhänge von privatem und beruflichen Themen machen die Motivanalyse MSA®, mit der ich arbeite, aber auch die Säulen der Identität von Hilarion Petzold schön deutlich. Ich frage, wie gefüllt die Säulen Partnerschaft, Familie, Körper/Gesundheit, Geist und Beruf sind, wenn 100% maximal wären. Manchmal setze ich noch den Sinn hinzu, aber nur wenn das Faß, was ich dadurch aufmache, danach nicht überläuft. Menschen wird dadurch oft deutlich, dass sie mehrere Baustellen haben und sie können sich leichter entscheiden, an welcher sie anfangen sollen…. Denn meine Botschaft ist erfahrungsgeleitet: Immer nur eine Säule zur gleichen Zeit bearbeiten! Nicht wenige haben nach dem Coaching gesagt, dass Sie erstmal ihr Partnerproblem lösen müssen. Oder dass die vergebliche Suche nach dem Traumjob auch mit fehlenden Interessen zu tun haben.

shield-105498_1280Die Frage „wie privat darf berufliches Coaching sein?“ ist vor allem für jene Berater interessant, die sich wie ich in einem sehr arbeitsmarktnahen Bereich bewegen. Hier steht man immer mit einem Fuß in der Beratung, und das soll auch so sein. Feldkompetenz eben. Aber viele Karriere- und Outplacementberater fokussieren auf die praktische Unterstützung. Die gebe ich auch, gerade heute habe ich drei Stunden mit einer Outplacementkundin Bewerbungen formuliert. Aber das ist eben nur ein Baustein.

Ich mache eigentlich nichts ohne ein System und eine vorher durchdachte, individuelle Vorgehensweise. Manchmal höre ich von Kunden, dass es Berater gibt, die 1000 Bewerbungen verschicken und dann die Resonanz abwarten. Das nennen sie Outplacement. Bei Standardprofilen kann das funktionieren. Nur wer hat das schon? Die, die nach so einer „Behandlung“ bei mir waren, hatten damit jedenfalls keinen Erfolg. Komischerweise waren es oft die, die auch irgendein persönliches Thema h hatten – das auf diese Weise natürlich nicht gelöst wird. Und das Thema der fehlenden Qualifikation für gefragte Jobs löst man auch nicht mit Massenaussendungen.

Jeder Kunde ist anders

Die Bedürfnisse von Kunden mit beruflichen Anliegen sind höchst unterschiedlich. Sie sind auch sehr unterschiedlich entwickelt: Einige sind extrem reflektiert und reif, andere stecken noch in der Selbstfindung. Mir helfen als Coach hier die Loevinger-Stufen sehr, die Kunden-Bedürfnisse zu orten und mich darauf einzustellen. Der oben erwähnte Kunde sagte zum Beispiel: „Ich glaube, wie Sie arbeiten, das ist nicht jedermanns Sache. Aber es muss richtig sein: Es hat was gebracht.“ Eine ziemlich  rationalistische Perspektive. Innenschau gehört für „Rationalisten“ im Loevinger-Sinn eher nicht zum Lebensentwurf. Hier auch private Bereiche einzubeziehen, erfordert mehr Fingerspitzengefühl, als bei jemand, der „systemisch“ denkt. Man darf als Coach auch nicht zu überfordern.

Manchmal braucht es auch einen Kunstgriff…

Karrierestandort definieren

Mit Coach-Ausbilder Axel Janßen habe ich vor einiger Zeit den Karrierestandortfinder als Tool entwickelt. Axel nennt es systemisch, für mich ist ganz einfach eine gute praktische  Hilfe, um die unterschiedlichen Aspekte des Lebens von vorneherein einzubeziehen. Unsere Klienten identifizieren darauf relevante Bereiche, die Sie selbst mit Leben füllen können. Wir fragen „was ist wichtig für Sie, bezogen auf Ihren Standort“? Was der Standort ist, haben wir vorher genau definiert. Es kann sein:

  • Ich bin beruflich sehr unzufrieden.
  • Ich möchte eine neue Stelle.
  • Ich möchte noch einmal studieren.
  • Ich suche einen Job, der mich glücklich macht.

Worte triggern im Gehirn ähnliches an wie Bilder. Nehmen wir das Wort „Gesundheit“, das in unserem Modell im inneren Kreis steht. Dadurch, dass man es wahrnimmt und es durch eine Art Trichter der Emotionen schickt, kommt es in den Fokus. Ein Klient, der als Ziel nur die Identifizierung eines neuen Berufsfelds benannte, konnte dadurch benennen, dass seine Suche damit zu tun hat. Er hatte eine Krebserkrankung hinter sich. Das ist privat – aber dann eben doch beruflich ziemlich relevant. Ich finde, man kann das nicht ausklammern.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

3 Kommentare

  1. Bernd Slaghuis 16. Februar 2016 at 09:30 - Antwort

    Hallo Svenja,
    das ist ja ein spannendes Thema, was Nico Rose und Du da angestoßen habt. Wie schon auf Facebook „angedroht“, habe ich mir dazu auch einige Gedanken im Blog gemacht:

    http://bit.ly/1U54Vwn

    LG, Bernd

  2. […] seinem Beitrag bei Lead Digital letzte Woche thematisiert und Svenja Hofert gleich darauf in ihrer Replik aufgegriffen hat. Ich bespreche dieses Thema und meine Haltung als Coach mit jedem Klienten im […]

  3. Claudia Kirsch 24. Januar 2017 at 13:37 - Antwort

    Danke, Svenja,

    dass Du den Blick von der beruflichen Veränderung auf die private Situation weitest und Coaches hier legitimierst
    Wenn das neue Ziel „Selbstständigkeit“ lautet, wird auch in 90 % der Fälle die private Situation thematisiert.
    Oftmals beeinflussen Lebens-/Ehepartner das Vorankommen und werden damit Coaching-Thema. Zwei Beispiel aus meiner Arbeit: eine Führungskraft aus dem HR-Bereich macht sich selbstständig und die Ehefrau, aus einer Beamtenfamilie stammend, leidet unter dem Mangel an finanzieller Sicherheit und wirkt bremsend. Oder eine Akademikerin will mit ihrer freiberuflichen Tätigkeit wachsen und wird von dem Partner immer wieder neu in die Mutterrolle zuhause gedrängt.
    Im Coaching ist dies natürlich zu thematisieren und es geht darum, einen „Humus“ mit verschiedenen Menschen, Maßnahmen und Vorgehensweisen zu kreieren, so dass persönliches und berufliches Wachstum überhaupt erst möglich wird.

    Nachbarschaftliche Grüße
    Claudia

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