Der Anruf kostete sie Überwindung. Dann hatte sie endlich die Personalerin an der Strippe. „Was hat denn nun genau gefehlt?“ fragt Lisa. Sie habe doch alle Anforderungen mehr als erfüllt. Dass man ihr nun schrieb, dass „andere Bewerber passendere Qualifikationen“ mitbrachten, irritierte sie. Schließlich ging es im Anforderungskatalog des Inserats um Englisch, SAP und Kenntnisse in der Büroorganisation – alles kein Hexenwerk. Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Es fehlte das i-Tüpfelchen, das Sahnehäubchen“, versucht sich die Personalerin rauszureden. „Aber was soll das denn sein? Chinesisch?“ fragt Lisa. „Ja, sowas“, sagt die Personalerin. Und warum schreiben sie das nicht rein, würde Lisa am liebsten in den Hörer brüllen. Aber das macht man ja nicht als braver Bewerber, die Absagen nach dem Willen den Unternehmen am besten still kassiert…

Eine Absage wie eine Ohrfeige?

Eine Absage trifft Bewerber oft ins Mark. Für viele fühle sich die Absage an wie eine Ohrfeige, haben das Haufe Personalmagazon und der Bewerbungssoftwareanbieter Softgarden gemeinsam herausgefunden. Viele Menschen nehmen Absagen persönlich. Doch persönlich ist bei Absagen wirklich gar nichts. Die meisten Absagen erfolgen automatisiert – oft ohne dass ein Entscheider diese je gesehen hat. Denn meist wird nur eine Vorauswahl an die Fachabteilung weitergeleitet. Und nicht selten schaut nicht mal ein erfahrener Personaler über die Unterlagen. Wer jetzt denkt, das gelte nur für einfache Stellen, irrt. Nicht nur einmal habe ich mitbekommen, dass ein erboster Fachverantwortlicher die Unterlagen eines bestimmten Kandidaten – von dessen Bewerbung er über Ecken gehört hat – aus der Personalabteilung angefordert hat. Teils hatten die Personaler da schon abgesagt… ganz schön peinlich.

Ich bin in Urlaub, melde mich in 4 Wochen!

Fach- und Personalabteilung arbeiten durchaus nicht immer Hand in Hand. Wer das weiß, versteht warum viele es als lohnenswertes Invest ansehen, die Personalabteilung zu umgehen. Personaler können blockieren. So wie Fachverantwortliche für Staus sorgen, weil sie keine Zeit haben, in die Unterlagen zu schauen. Das führt am Ende zum gleichen Ergebnis: Es wird auch Personen abgesagt, die man besser eingeladen hätte. Überhaupt, Professionalität ist nichts. das Bewerber voraussetzen sollten: Eine unserer Kundinnen bewarb sich kürzlich auf eine bewerbung@-Adresse und bekam sogleich eine Urlaubsanzeige für 4 Wochen, obwohl die Stelle da schon angetreten sein sollte. Eine andere wurde als Herr angesprochen, die nächste bekam einen Standardtext für eine Stellenanzeige auf eine Initiativbewerbung. Und dann war da noch das Unternehmen, das nicht mal wusste was in seinem Text stand. Führerschein wozu? Ehhhh, steht das drin? Keine Ahnung warum.

Ich passe 100%? Heißt gar nichts, absolut nichts

Wer erst anfängt sich zu bewerben, ist vielfach überrascht von der Flut der Neins und der Fantasielosigkeit der Texte. Noch mehr erstaunt oft, dass Absagen häufig genau auf jene Stellen erfolgen, die hundert Prozent auf das eigene Profil passen, so als wären sie für einen gemacht. Viele können es gar nicht glauben. Sie hoffen und bangen, warten, denken an das Unternehmen, malen sich aus, wie es wäre dort zu arbeiten. Und dann…

Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass in dem zuständigen Geschäftsbereich keine Möglichkeit gesehen wird, Sie Ihren Kenntnissen und Qualifikationen entsprechend für unser Unternehmen einzusetzen.

Da möchte man doch gleich zum Hörer greifen und nachfragen, woran es denn nun genau gelegen hat. Eine konkrete Antwort ist natürlich nicht im Interesse des Unternehmens, das Bewerberanrufe ebenso fürchtet wie das AGG, das seit 2006 bestehende Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Das wollte Diskriminierung verhindern, arbeitet ihr aber oft nur noch weiter zu. Denn nun legt sich einfach ein Kartell des Schweigens über die Absagenwelt:

Bitte sehen Sie von Nachfragen ab. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir bei der Vielzahl der Bewerber kein detailliertes Feedback geben können.

Da hilft es wenig, wenn die Absage etwas netter verpackt wird:

Täglich treffen wir viele Entscheidungen – auch solche, die uns weder leicht fallen noch angenehm sind: Ihnen heute absagen zu müssen, gehört dazu.

farbige Papierkugeln als Symbol fr verworfene IdeenIch kann es nicht oft genug betonen: 90% Absagen auf Bewerbungen sind voll normal, wenn Sie nicht ein total scharfes Nischenprofil haben. Absagen haben nicht nur nichts mit Ihnen zu tun, sondern oft auch nichts mit Ihrer Qualifikation. Viele Unternehmen suchen in Wahrheit nach einem viel speziellerem Kandidaten als die Stellenanzeige vermuten lässt. Beispielsweise gibt es eine glasklare Altersvorstellung oder es ist längst klar, dass die Stelle an einen Mann oder an eine Frau gehen soll. Nur schreiben darf man das nicht. Und will es auch nicht. Viele Bewerbungen bedeuten nämlich auch Status und Image. Die Personalabteilung misst ihren Erfolg daran. Es sichert ihren Job!

Möglich auch, dass das Unternehmen erst mal abwarten will, wer sich so bewirbt und durch die Bewerber erst lernt, wen es haben will oder nicht. Da kann es durchaus sein, dass auch die Stelle am Ende ganz anders aussieht als ursprünglich skizziert. Da kann man sich als Bewerber schon leicht wie ein Versuchskaninchen vorkommen.

Bitter: Selbst Behörden kann man hier nicht trauen. Die Aussage „in Teilzeit möglich“ ist gesetzlich verpflichtend – das heißt aber lange nicht, dass sich jemand daran gebunden fühlt. Ich habe mehrmals erlebt, dass Bewerber, die sich dann auf Teilzeit berufen haben, zu hören bekamen, dass das aber nicht ginge. Oh, die Gesetze. Traue ihnen nicht.

Rat für Bewerber

Liebe Bewerber, lasst eure Emotionen zu Hause oder packt sie woanders hin. Spendet sie euren Lieben zuhause, investiert sie in die Rettung der Welt. Gebt euch trotzdem Mühe bei den Bewerbungen, aber schaut auch zu, dass sie gelesen werden. Das erreicht ihr zum Beispiel dadurch, dass ihr konkrete Namen reinschreibt („mein Kollege X arbeitet bei euch in der Grafikabteilung“). Stresst die Personalabteilung, wenn die Absage verdächtig schnell kommt. Steigt ihnen aufs Dach, fragt sie Löcher in den Bauch, das sage ich auch hier bei Focus Online. Und bewerbt euch wieder, wenn die Stelle erneut ausgeschrieben werden sollte, obwohl in der Absage die Sache mit dem besser passenden Bewerber stand. Tut mir ja leid, dass euer Idealkandidat so schnell wieder abgesprungen ist. Ich bin da zuverlässiger. Kann sein, das ihr dann doch noch gehört werdet.