Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Karrierekonventionen brechen: Von der Mosaik- zur holistischen Lebensphasenkarriere

Von | 2016-06-28T00:59:47+00:00 26. Juni 2016|

Wie viele Menschen mit ungewöhnlichen Lebensläufen kennen Sie? Und was halten Sie für ungewöhnlich? Das hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten sicher sehr verändert. Vieles, was früher ungewöhnlich war, ist heute normal. Ein recht neues, und deshalb ungewöhnliches Phänomen sind für mich aber Menschen mit Bildungsbrüchen im Lebenslauf.  Damit meine ich Menschen, die bewusst in einem Job arbeiten, der deutlich unter ihrem Qualifikationsniveau liegt – weil sie dort mehr Befriedigung und Übereinstimmung mit eigenen Werten finden. Sie haben damit mit Karrierekonventionen gebrochen.

Einige Beispiele: Der Taxifahrer, der mich gestern zur Dammtorwiese brachte, arbeitete einst als Techniker und baut heute in seiner Freizeit Biogasanlagen. Der KFZ-Mechaniker hat zwar einen Doktortitel, bevorzugt aber das handfeste Schrauben. Die Physiotherapeutin, die mich neulich massierte, war früher in der Online-Branche tätig und hat keine Lust mehr auf die Schnelligkeit der Branche. Die Servicekraft in Mecklenburg hat ihren Job als Journalistin aufgegeben, weil sie den negativen Energien der Branche entkommen und zu sich finden wollte. Sind das Mosaikkarrieren, bei denen sich Stein um Stein zum großen bunten Ganzen fügt? Mehr als das – Karrieren, die einem Aspekt geschuldet sind, der unplanbar ist, wenn man am Anfang des Berufslebens steht: Den Veränderungen eigener Werte aufgrund neuer Lebensphasen und -bedingungen.

Die Wirtschaft dreht sich in atemberaubenden Tempo. In vielen Unternehmen arbeiten Menschen so sehr auf Hochtouren, dass mir beim Betrachten von außen schwindlig wird. Einen Eindruck von dieser Geschwindigkeit hat mir die Zusammenarbeit mit agilen Trainern und Beratern gezeigt. So rasant! So schnell! Startups und die Digitalbranche leben eine Dynamik und Innovationskraft, der auch mit täglicher Meditation kaum jemand dauerhaft standhalten kann. Das Bedürfnis nach Ruhe und Beständigkeit muss kommen.

Nicht jeder Job, jede Branche, jeder Beruf ist für jede Lebensphase geeignet. Es gibt Lebensphasen, in denen Menschen mehr Ruhe suchen und andere, in denen Trubel und Action das bevorzugte Lebensgefühl ist. In meiner Karrierecoaching-Ausbildung sensibilisiere ich die Teilnehmer und Teilnehmerrinnen dafür, dass Klienten durch unterschiedliche Eintrittstüren in die Beratung kommen.

Es gibt die, die einen möglichst zukunftssichere Karriereentscheidung brauchen und sich leicht vom Versprechen einer Lösung locken lassen. Das sind Kunden in der Entreephase. Es gibt die, die ihre Karriere erfolgreicher, ertragreicher oder sinnstiftender gestalten wollen. In der Entree- und Karrierephase steht handfester Rat im Vordergrund und die Antwort auf die Frage, was Rezepte für den eigenen Erfolg sind. In der Identitäts- und Sinnphase geht es um mehr und anderes. In der Identitätsphase steht die Selbstfindung im Mittelpunkt und die Entdeckung eines facettenreichen Ichs. Themen sind Abnabelung und „mach dein Ding“. In der Sinnphase schließlich erkennen viele, dass Selbstverwirklichung keine Lösung ist, sondern vielmehr die Einheit und Harmonie mit sich und der Welt.  Vielleicht will jemand in einer ländlichen Gegend leben – etwa in der alten Heimat -, vielleicht privat Biogasanlagen bauen. Nicht mehr der Beruf gibt Identität, sondern das ganze Leben ist der Maßstab für Entscheidungen. Man könnte diese Phase deshalb auch holistische Sinnphase nennen. Schon vorher streben Menschen nach Sinn, hier jedoch hat dieser weniger mit äußeren Themen zu tun. Nicht alle Menschen durchlaufen diese und weitere Phasen, aber im Zuge der gesellschaftlichen Änderungen gehen immer mehr hin zu Identität und Sinn. In diesen Phasen ist weniger wichtig, dazu zu gehören und sich an Konventionen auszurichten. Karriere bekommt damit eine andere, postkonventionelle Bedeutung.

Es gibt 5 typische Hürden, die Menschen abhalten Karriere-Konventionen hinter sich zu lassen: Statusdenken, Veränderungsangst, Existenzangst, einseitiges Stärkendenken und Aufstiegsdenken.

Karrierekonventionen brechen – 5 Neuprogrammierungen des Denkens:

  1. Statusdenken ablegen: Wir alle justieren den Status von Menschen auch anhand seines Bildungsniveaus und des Status des Jobs, den er ausübt. Wir denken in Höher- und Niedrigerqualifizierung wie es uns Medien vorgeben. Jemand mit Höherqualifizierung darf nicht in einem niedriger angesehenen und qualifizierten Job arbeiten. Das wäre sonst so als würde er ein 20 Jahre altes Auto fahren, das kein Oldtimer ist. Einen ehemaligen Top-Manager, der heute als Coach arbeitet, anerkennen wir, weil Coach irgendwie akademisch klingt und nach komplizierter Ausbildung. Treffen wir Menschen, die mit einem Doktortitel Taxi fahren, fragen wir uns dagegen heimlich, wo der Haken ist. Das steht dem eigenen Veränderungswunsch entgegen, führt zu selbstabwertenden Gedanken. Mein Tipp: Das eigene Denken ist selbst konstruiert. Wir können uns entscheiden aufzuhören, so zu denken. Dafür müssen wir einen inneren Verhaltensökonomen einstellen, der uns mahnt, wenn wir wieder mal einer Denkfalle aufsitzen. Oder auch: Wir sollten „schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahnemann lesen.
  2. Veränderungsangst überwinden: Erst in jüngster Zeit werden wir gesamtgesellschaftlich auf Veränderung umprogrammiert. Doch noch hat sich die Mehrzahl der Menschen, in ihrem Leben selten verändern müssen. Es ist nach wie vor so, dass viele nach dem Studium etwas ausprobieren und dann eher die Neigung entwickeln, an einem Ort zu bleiben. Für andere wiederum ist Veränderung zur Konvention geworden – internationale Schulen, Studium, Auslandskarriere, rasante Karriereschritte – auch das macht eine Gegenbewegung schwierig. Veränderung im Sinne eines Auf- und Abstiegs- wie der Auf- und Abstieg von einem Berg und das zeitweilige Innehalten im Tal –  ist dadurch ungeübt. Menschen, die sich viel verändern mussten oder wollten, können leichter damit umgehen. Lösung: Veränderungen üben, Gegenbewegungen zum bisherigen Leben trainieren. Das muss nicht nur der Berufswechsel sein, sondern kann auch das Ausprobieren eines neuen Hobbies sein oder das Ausprobieren neuer und anderer Lebensformen.
  3. Existenzangst als irrational begreifen. Wir leben in einem schrecklich reichen Land und halten uns viel zu früh für Existenz-bedroht. Zudem unterliegen wir alle der Ankerheuristik. Wir justieren unseren Wert anhand des letzten Gehalts. Gerade Konzernmitarbeiter sind damit oft in einer gehaltlichen Region, die sie in „Lebensphasen“-Jobs nie mehr erreichen werden. Die Lösung heißt nicht „ärmer werden“, sondern reicher über die Lebensspanne: Wenn wir viel verdienen, können wir für Zeiten mit weniger Verdienst Geld zurücklegen.
  4. Einseitiges Stärken-Denken relativieren: Berufliche Entscheidungen in der Entree- und Karrierephase werden gern nach Stärken und Talenten getroffen. Das ist auch richtig so. Doch irgendwann sind diese gar nicht mehr so relevant. Vielleicht ist jemand mathematisch sehr begabt, doch die Arbeit als Masseur ist im Moment einfach zur Lebenssituation passender. Ist das dann Verschwendung von Stärken und Ressourcen? Ich finde nicht. Hinzu kommt, dass mit dem Alter Stärken ohnehin immer relativer werden, da man diese konkreter und in ihrem Komplementär-Stärken-Charakter greifen kann. Berufsfindung ist noch stark auf Entweder-Oder-Denken ausgerichtet (entweder verbal oder mathematisch, entweder introvertiert oder extrovertiert, menschen- oder sachorientiert usw.). Solches Denken löst sich in der Identitäts- und Sinnphase auf. Mein Stärken-Navigator im Buch „Was sind meine Stärken?“ ist so konzipiert, dass der ganzheitliche Aspekt integriert werden kann.
  5. Anschlussdenken aufgeben: Wir denken, der nächste Job müsse immer eine Erweiterung des vorherigen sein. Auch der Gedanke der Mosaikkarriere ist darauf ausgerichtet. Aber muss das so sein? Wenn ich mich morgen entscheide, in einem Cafe zu arbeiten, so baut das auf keiner vorherigen Erfahrung auf und es ist auch kein Anschluss zu etwas, das vorher da war. Und das muss es auch nicht. In unserem Kopf aber ist es drin. Wir denken in Schnittstellen und Verknüpfungen und logischen Schritten, in Zwangsmosaiken. Es gibt Sinn zurück, damit aufzuhören und Entscheidungen ganz allein aus der Gegenwart heraus zu treffen.

 

 

Svenja Hofert ist Management- und Karriereberaterin. Als Vor- und Querdenkerin beschäftigt sich vor allem mit Entwicklung und Zukunftskompetenzen. Der Schwerpunkt von Hoferts Tätigkeit liegt in der Ausbildung und im entwicklungsbezogenen Coaching von Führungskräften, Teams und Unternehmen. Hofert hat ab 2000 das Büro „Karriere und Entwicklung“ in Hamburg aufgebaut und unter anderem ein Startup-Portal etabliert, bevor sie 2015 die Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung GmbH mit Thorsten Visual gründete. Mit Teamworks arbeitet sie für große und kleinere Organisationen und bietet Ausbildungen und offene Seminare und Workshops an. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat die gebürtige Kölnerin über 30 Bücher geschrieben, darunter immer wieder Longseller und Standardwerke, die bis zu sieben Auflagen erreichten. Standen zunächst die Themen Karriere und Beruf im Mittelpunkt, erweiterte sie ihren Blick ab 2004 zu Gründung, Management und Unternehmensführung, um schließlich ab 2009 auch Organisationen, Teams und die neue Arbeitswelt in den Fokus zu nehmen. Der rote Faden blieb die Verknüpfung von betriebswirtschaftlichen, philosophischen und psychologischen Perspektiven – und ein Fokus-Thema: Die Entwicklung von Mindset. Hofert hat einen Master of Science in Wirtschaftspsychologie sowie einen Magister Artium, u.a. in Sprachwissenschaft. Ihre Unternehmen befinden sich im Zentrum der Hansestadt Hamburg in Alsternähe, sie selbst lebt im Hamburger Umland sowie in Marbella, Spanien. Buchung |

3 Kommentare

  1. Günther 3. Juli 2016 at 20:07 - Antwort

    Schönen guten Abend Frau Hofert,
    herzlichen Dank für diesen Artikel – wenn möglich bitte unbedingt einem größerem Publikum verfügbar machen, damit „ENDLICH“ mehr und mehr das längst überfällige Umdenken stattfindet.
    Leider haben in vielen, auch Personalpolitischen Entscheidungsprozessen, noch immer die alten und überholten Grundmuster die Oberhand, da diese eine vermeintliche Sicherheit vorgaugeln – was für ein Irrweg und was für eine Vergeudung mit immer den gleichen widerkehrenden teils katastrophalen Auswirkungen.
    Wie Eingangs bereits erwähnt, würde ich mich sehr freuen, wenn dieser Artikel noch viel viel mehr Menschen erreichen würde – das wäre ein weiterer wichtiger Schritt, Richtung Freiheit und Wahrheit und damit letztendlich zurück zu uns selbst.
    Beste Grüße
    Günther Krämer

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