Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Ich-Entwicklung: Die vergessene Ebene der Persönlichkeit

Von | 2016-08-28T10:55:49+00:00 27. August 2016|

Arbeiten Sie mit Menschen? Sind Sie Berater, Coach, Trainer oder Führungskraft? Haben Sie auch schon festgestellt, dass Persönlichkeitstests kaum etwas über den Menschen sagen? Oder beobachtet, dass eine reife Person in einem aus Personalersicht „problematischen“ Big-Five-Profil stecken kann, während sich hinter einem viel versprechenden Testergebnis eine „Transuse“ verbirgt? Eine Erklärung dafür liegt in der unterschiedlichen Reife der Personen, in ihrer Ich-Entwicklung. Mit diesem Beitrag möchte ich zusammen mit einer Definition, was Ich-Entwicklung ist, das Buch von Thomas Binder „Ich-Entwicklung für effektives Beraten“ vorstellen.  Dieses  detaillierte Fachbuch ist empfehlenswert für alle, die sich tiefer in das Thema einlesen möchten.

Jane Loevingers Ich-Entwicklungs-Theorie

Ihre Theorie der Ich-Entwicklung entwickelte die Psychologin Jane Loevinger in mehr als 40 Jahren Forschung. Sie fand Muster in ihren Daten, die darauf hindeuteten, dass persönliche Entwicklung als Prozess abläuft und sich in Stufen abbildet, die sich klar voneinander abgrenzen. Keine der Stufen kann übersprungen werden, die Entwicklung vollzieht sich also von Stufe zu Stufe. Jede Stufe integriert die jeweils vorherige. Es müssen nicht alle Stufen durchlaufen werden, vielfach stagniert Entwicklung an einer Stelle. Die Stufen umfassen drei Bereiche geteilt: den vorkonventionellen, den konventionellen und den postkonventionellen. Es gibt bei der Ich-Entwicklung viele Ähnlichkeiten zu anderen Entwicklungsmodellen, etwa Spiral Dynamics, das im Unterschied zu Loevingers Theorie nicht empirisch belegt ist. Eine Übersicht der Stufen und ihrer Wirkung auf verschiedene Aspekte, etwa Lebensmotto und die ideale berufliche Rolle, habe ich Ihnen hier hochgeladen.

Weitere Ebene der Persönlichkeit – oder vielmehr eine Moderatorvariable?

Die Ich-Entwicklung fügt den bekannten Ebenen der Persönlichkeit eine weitere hinzu. Man könnte auch sagen, sie moderiert die anderen, d.h. beeinflusst die Art und Form, wie sie auftreten.Jemand mit einem hohen Neurotizismus in den Big Five kann ständig nur in eine Richtung „kreis“denken – ich kann nichts, ich bin nichts wert etc. – oder aber sein eigenes Denken reflektieren und damit auch steuern. Letzeres spricht für eine höhere Ich-Entwicklung.

i-e-illu_08_2b_dcMenschen können sich in zwei Richtungen weiter entwickeln. Horizontal werden sie immer besser in ihrem Fach und/oder lernen neues Verhalten. Vertikal erweitert sich auch ihr Denken; der Radius und die Zahl wahrgenommener und integrierter Aspekte wird größer. Nach Harvard-Professor Robert Kegan, der sich neben Loevinger ausführlich mit Ich-Entwicklung beschäftigte, liegt der Unterschied beim Lernen in In-Formation und Transformation. Bei der In-Formation wird neuer Inhalt in ein Gefäß gefüllt, bei der Transformation entsteht ein neues, zusätzliches Gefäß. Das Lernen gelangt so auf eine andere neue Ebene. Die meisten so genannten Transformationsprozesse in Personen und Unternehmen sind deshalb keine – hierzu passt das Interview mit Thomas Sattelberger bei Xing „Wie Sklaven auf der Galeere“ (hier). Sattelberger bemängelt genau dieses Phänomen: MIt altem Denken verändert sich nichts. Mitarbeiter und Management lernen zwar neue Verhaltensweisen, aber sie ändern nicht ihr Denken. Letzteres aber ist im Zuge der Veränderungen in der Arbeitswelt gefordert, wird aber mit Maßnahmen vorangetrieben, die der In-Transformation dienen (z.B. Verhaltenstraining). Wirksamer wären Reflexionsprozesse, etwa der tiefe Dialog nach David Bohm, den ich in meinem Buch „Agiler führen“ vorstelle.

Ein Beispiel, das den Unterschied In-Formation und Transformation verdeutlicht:

Herr Huber führt sein Team als Experte und verteilt Aufgaben. Er hat durch Schulungen gelernt, mit jedem Mitarbeiter täglich zu sprechen und sein Verhalten auf einen kooperativen Führungsstil angepasst. Wie vor den Schulungen bewertet er es aber positiv, wenn Mitarbeiter möglichst tief in ein Thema einsteigen und Aufgaben auf eine gewissenhafte, viele Lösungsalternativen produzierende Art und Weise erfüllen. Erst wenn er seine Überzeugung aufgibt, und Lösungen etwa in der widersprechenden These oder einer anderen Perspektive zu suchen beginnt, erfolgt ein Schritt im Denken, kann man also von Transformation sprechen.

i-e-illu_08_1dc Nur wenn sich das Denken öffnet und neue Weltsichten zulässt, lässt sich von echter Reifung sprechen, also vertikaler Entwicklung.

Viele Persönlichkeitsentwicklungen manifestieren sich auf der Stufe E5, auf der etwa 38% aller Menschen verbleiben. Das ist die Stufe vieler Experten, aber auch einiger Führungskräfte. Die Grenzen dieser Stufe ist überall da, wo der eigene Bereich verlassen werden, neue Aspekte integriert oder eine neue Haltung entstehen soll. Diese hat einen anderen Charakter, erfordert einen neuen Bewusstseinsfokus (worauf schaue ich?), einen anderen interpersonellen Stil (beispielsweise Einbeziehung von anderen  Denkweisen durch offene Fragen) und erzeugt andere Handlungslogiken (warum tue ich etwas?). Doch persönliche Entwicklung schätzen Menschen auf E5 – anders als Lernen! – oft weniger, der Drive an sich zu arbeiten, kommt nicht von innen. Diesen Selbstverbesserungsdrang sowie eigene Wertvorstellungen unabhängig von anderen entwickeln Menschen erst ab E6. In E4 bestimmt der Rahmen der eigenen Gruppe das Handeln vollständig. In E5 hängt man noch im Rahmen, den andere ziehen, hat sich nicht voll von ihm befreit.

E6 kann als Zielstufe der westlichen Gesellschaft angesehen werden. In dieser Stufe hat der Mensch eine voll ausgebildete eigene Identität mit eigenen Werten und Zielvorstellungen. Er sieht langfristige Ziele und vermag auch den Prozess dahin gestalten. Er kann unterschiedliche Positionen einnehmen, die im gesellschaftlichen Kontext Abbildung finden. Auf jeder Stufe können Menschen widersprüchliche Haltungen, aber bis zu E6 sind beide sind im aktuellen Denken abgebildet, ergo konventionell. Das heißt keineswegs, dass alle E6er konventionell im Verhalten und in ihrer Außenwirkung sind. Ein Gruftie, der sich den Regeln seiner Gruppe anpasst, ist zwar nach außen unkonventionell, im Loevinger Sinn allerdings ein E4. Ein Nachhaltigkeitsverfechter mag in Birkenstock zur Arbeit gehen – und damit den Kodex brechen -, kann aber trotzdem E4 sein, weil er dem Kodex seiner In-Group folgt. Er kann auch E5 sein, sofern er sich mit Nachhaltigkeit auch selbst identifiziert, oder E6, wenn er die Nachhaltigkeit unbedingt im größeren Kontext realisieren möchte, auch gegen Widerstände.

Bildung ändert kaum etwas am Denken

Nun könnte man verschiedene Zusammenhänge vermuten. Besteht etwa ein Zusammenhang der Ich-Entwicklung mit Bildung? Nur sehr gering. Der Bildungsabschluss der Eltern spielt nur bei sehr jungen Menschen eine Rolle, bei älteren hingegen nicht mehr. Zusammenfassend deuten die Studien daraufhin, dass Personen mit Collegeabschluss eher auf E5 oder höher landen, ohne dagegen auf E5 oder niedriger. Wohl gemerkt in der westlichen Welt. Hier ist E5  so etwas wie der Scheideweg. Allerdings scheint es so sein, dass freidenkerische und reflexionsfördernde Umgebungen – etwa sehr moderne Unis – die Ich-Entwicklung fördern. Das ist vielleicht der Effekt der mir ein Lehrbeauftragter schilderte: Die Diskussionsfreudigkeit sei größer da, wo bewusst Gegenpositionen gefordert sind. Und meine These ist, dass genau das auch übertragen auf Unternehmen viel wirksamere Entwicklung bringt als so manche Schulungsmaßnahme.  Alter und Ich-Entwicklung: Ab 25 Jahren steht das nicht mehr im Zusammenhang. Interessant für mich: Schüler, die früh eine E5 erreichen, entwickeln sich danach tendenziell weniger als solche, die dort später ankommen. Reife ist also keine Frage des Alters.

Besteht ein Zusammenhang von Ich-Entwicklung und Intelligenz?

Intelligenz steht in fast keinem Zusammenhang, einzig der Intelligenzbereich Wortflüssigkeit ist bei spätentwickelten Personen größer, also ab E7. Aber das ist ja auch logisch: Um Komplexität zu beschreiben, braucht es mehr unterschiedliche Worte, also elaborierteres Vokabular….

Was passiert, wenn ein Mensch sich weiter als E6 entwickelt, also den gesellschaftlich (derzeit) erwünschten Rahmen verlässt? Dann betritt er den so genannten postkonventionellen Bereich. In den Stufen ab E7 lösen sich Menschen zunehmend von sich selbst und festen Vorstellungen, werden multiperspektivischer und integrieren immer mehr Aspekte. Sie sehen mehr, integrieren mehr – was es ihnen ermöglicht, zum Beispiel strategischer zu agieren. Und auch: wirksamer zu beraten und andere auszubilden.

Das mit späteren Stufen einhergehende strategischere Denken ist aber auch Vorteil für Unternehmensführung. Binder benennt in seinem Buch Studien, die belegen, dass Postkonventionalität in verschiedenen Feldern von Vorteil ist:

  • Manager auf späteren Entwicklungsstufen besitzen eine höhere Kompetenz für Strategie und Personalführung und legen auch ein effektiveres Entscheidungsverhalten an den Tag.
  • Generell ermöglicht höhere Ich-Entwicklung ein besseres Verstehen von Emotionen, was z.B. positiv in der Beratung und im Coaching ist.
  • Postkonventionelle Ich-Entwicklung sorgt für einen reiferen Ausdruck von Motiven (Beispiel: Macht als simples Dominanzverhalten versus Macht als Einflussnahme, um Dinge zu verbessern).
  • Postkonventionelle Ich-Entwicklung verschafft ein komplexeres Selbstbild und damit eine höhere Entwicklungsfähigkeit.
  • Big-Five-Eigenschaften wie Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit verändern ihren Ausdruck durch spätere Ich-Entwicklung.
  • Das allgemeine Glücksgefühl steigt und die Anfälligkeit für psychiatrische Erkrankungen sinkt.

Die Systemtheorie nach Luhmann, der Konstruktivismus, die Theorie U nach Otto Scharmer – all das fordert postkonventionelles Denken, also Stufen ab E6/E7, zieht dessen ungeachtet aber oft Vertreter an, die in einer konventionellen Ich-Entwicklungsstufe verhaftet sind. Diese sind zum Beispiel daran zu erkennen, dass sie Theorien vereinfachen, mechanistisch anwenden und als ultimative Wahrheit darstellen. Doch die gibt es nicht – würden Menschen auf postkonventionellen Stufen sagen. Wahrheit ist relativ zum Menschen, der sie sucht oder eben damit aufgehört hat. Wahrheit ist fließend – und nur ein Wort. Um mit Ken Wilber zu sprechen: Grenzen entstehen erst, indem man sie zieht. Ach, ich liebe dieses Zitat.

binder_kleinFazit vom roten Sofa:

Das hier gezeigte Buch „Ich-Entwicklung für effizientes Beraten“ sieht bei näherer Betrachtung nicht mehr gut aus, weil ich so viel darin gelesen habe. Und manche Passagen immer wieder. Der Autor Thomas Binder ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Ich-Entwicklung, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema und hat darüber promoviert. So ist ein Standardwerk zum Thema entstanden. Ich bevorzuge eine nachvollziehbare Beweisführung, sinnvolle Strukturierung und eine mittlere Komplexität. In diesem Buch kam ich diesbezüglich voll auf meine Kosten: es ist nicht zu schwer und auch nicht zu einfach. Ich hatte auch nirgendwo das Gefühl von „Bruch in der Argumentationskette“, das ich sonst öfter habe. Das Buch ist aber eindeutig Fachbuch und kein Ratgeber – wie der Titel vielleicht nahelegen könnte. Und das ist auch gut so, da jemand, der Gebrauchsanleitungen sucht, mit der Ich-Entwicklung wahrscheinlich wenig anfangen kann.

Sie sind neugierig und wollen sich wirklich weiter entwickeln. Dann empfehle ich das IE-Profil zur Ich-Entwicklung, das ich im Rahmen meiner Stärken-Coachings und für die Führungskräfteentwicklung anbiete.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

5 Kommentare

  1. Nadja Petranovskaja 29. August 2016 at 18:43 - Antwort

    Hallo Frau Hofert, vielen Dank für die spannende Zusammenfassung! Ich bin neugierig, an welcher Stelle Sie Reiss Profil anordnen würden in der von Ihnen zusammengestellten Tabelle? E6?
    Viele Grüße,
    Nadja Petranovskaja

  2. […] fördern die persönliche Reife sehr viel mehr als manche staatliche Uni. Hier kommt die Ich-Entwicklung ins Spiel: Je mehr die Umgebung Menschen dazu auffordert, wirklich eigene Wertmaßstäbe zu […]

  3. […] Man kann hier mit Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung argumentieren oder Loevingers Stufen der Ich-Entwicklung. Im Zusammenhang mit Diversity ist auch das Modell der Kohlberg-Schülerin Carol Gilligan […]

  4. […] den Gallup StrengthFinder, die Big Five, Reiss Profile, Harrisson Assessments und das IE-Profil geschrieben. Als ich „voll durchleuchtet“ schrieb, ahnte ich bereits, dass die Wahrheit […]

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