Haben Sie nicht auch oft das Gefühl, dass die falschen Menschen auf zentralen Positionen sitzen, während die richtigen verkannt werden? Personaler und Experten sind blind. Sie reden von Kompetenzen, arbeiten fleißig an denkenzukunftderarbeitKompetenzmodellen und versuchen alles in Schemata zu pressen, die begrenzen anstatt zu befreien. Immer wieder lese ich von Kompetenzen für die Zukunft der Arbeit und bin erschreckt, dass niemand sieht, dass es darum doch gar nicht geht. Wenn sich Denken ändert, passt sich auch das Handeln an – Kompetenzentwicklung ist damit in der jetzigen Form gar nicht mehr nötig. Meine These: Wir müssen aufhören, Menschen so zu nehmen wie sie sind. Wir müssen sie zur Freiheit entwickeln, schon in der Schule. Denn das Denken, das wir für die Zukunft der Arbeit brauchen, kann im derzeitigen System nicht entstehen. Es ist zu sehr auf Anpassung, zu sehr auf Reproduktion und zu wenig auf Philosophie und Reflexion ausgerichtet. Von der Startup-Kultur des Silicon Valley bis zu den Konzernen: Wie im Industriezeitalter sind wir immer noch darauf ausgerichtet, Menschen in Abhängigkeit zubringen und zu  halten. Eigene Wertmaßstäbe können so gar nicht erst entstehen.

Dieses neue Denken, das die Voraussetzung dafür ist, mit den künftigen Herausforderungen produktiv umgehen zu können, sieht so aus:

  1. Es ist Kontext-bewusst: Menschen die kontext-bewusst sind, begreifen, dass Umfeld, Situationen und Personen die Wahrnehmung beeinflussen – ihre eigene und die anderer.
  2. Es ist Realitäts-Aktualisierend: Menschen, die Realitäts-aktualsisierend sind achten auf das, was ihre Wirklichkeit ausmacht und aktualisieren diese aufgrund neuer Erfahrungen, z.B. ohne frühere Standpunkte zu verteidigen und zu rechtfertigen.
  3. Es ist Selbst-aktualisierend: Menschen, die Selbst-aktualsierend sind, sehen sich selbst nicht als statisch an, sondern erkennen laufende Entwicklung, die frühere Annahmen integrieren, aufgeben  oder neuordnen kann.
  4. Es ist eigenen Maßstäben folgend: Menschen mit eigenen Maßstäben folgen diesen, auch wenn niemand sie kontrolliert oder überprüft (denn es sind ja die eigenen). Sie haben einen eigenen Willen, der unabhängig ist von einer Kultur und Umwelt.
  5. Es ist zutiefst annehmend: Toleranz ist weniger als Akzeptanz und Wertschätzung weniger als Annehmen. Menschen, die annehmen, müssen zunächst wahrnehmen – sich selbst, andere und die Natur  in ihrer Vielfalt und mit Widersprüchen.
  6. Es ist freiheitlich orientert an anderen: Menschen, die beiden Pole Autonomie und Zugehörigkeit vereinen, besitzen ein starkes Gemeinschaftsgefühl, erleben zwischenmenschliche Beziehungen tief und bedeutungsvoll, ohne je abhängig zu sein.
  7. Es ist Konstrukt-bewusst: Menschen, die Konstrukt-bewusst sind, wissen nicht nur, sondern verstehen auch, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern sich jeder Mensch seine Wahrheit und auch Welt konstruiert. Dazu gehört eine Bewusstheit für die Bedeutungsgebung von Sprache.

Sie wollen solche Menschen erkennen? Wenn man diese Menschen beobachtet, so fallen folgende Aspekte auf:

  • Sie thematisieren ihre Wahrnehmungen: Solche Menschen verhalten sich spontan, in dem sie ihre eigenen Wahrnehmungen thematisieren und aussprechen, wobei sie den anderen im Blick halten und angemessen kommunizieren.
  • Sie konzentrieren sich bei gleichzeitigem Blick auf sich und andere auf das Problem: Es geht darum, Herausforderungen zu nehmen, nicht sich selbst zu bestätigen, Ansprüchen zu genügen oder Verpflichtungen zu entsprechen.
  • Sie können allein- und bei sich sein: Solche Menschen erleben unabhängig von Kategorien wie Introversion oder Extraversion Alleinsein als angenehm. Sie genießen eine Privatsphäre.
  • Sie handeln entsprechend eigener Maßstäben: Solche Menschen greifen ein, wenn eigene Maßstäbe verletzt werden. Und sie treffen konsequente Entscheidungen.
  • Sie können mit philosophischem Denken etwas anfangen: Solche Menschen sind philosophischer, in dem Sinne, dass ihre Erklärungen verschiedene Schichten beinhalten und diese zu ordnen suchen.
  • Sie sind schöpferisch-kreativ: Solche Menschen sind kreativer, ideenreicher, weil sie Neues (auch aus dem Alten) generieren können.
  • Sie denken dialektisch: Solche Menschen sind bemüht, Gegensätze aufzulösen und zu vereinen. Sie erkennen bereits, dass auch Gegensätze wie etwa Flexibel/Strukturiert in Wahrheit eins sind.
  • Sie zeigen sprachliche Gewandtheit: Solche Menschen können sich komplex ausdrücken ohne kompliziert zu werden. Sie haben einen großen und vielschichtigen Sprachschatz.

katalysatorenZusammenfassend sind diese Menschen Katalysatoren, weil sie Veränderung wirklich vorantreiben können. Das Dilemma: Das können keine 25jährigen Personalreferenten erkennen, die all das (noch) gar nicht denken können. Ein solches Verhalten kann nur erkunden und wahrnehmen, wer es auch denken kann. Ob das die Abschaffung der Personalentwicklung bedeutet, wie derzeit Niels Pfläging verlangt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sollte es die Abschaffung nichtsnutziger Kompetenzmodelle und komplexitätsreduzierender Tests bedeuten – jedenfalls, wenn es darum geht, Führungskräfte einzustellen.

Meine Übersichten orientieren sich an humanistischen und entwicklungspsychologischen Ansätzen wie dem von Abraham Maslow, Lawrence Kohlberg und Robert Kegan. Ich habe diese erweitert, konkretisiert und neu geordnet.