Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Weg mit den Kompetenzen, her mit der Freiheit des Denkens: Was die Zukunft der Arbeit wirklich braucht

Von | 2016-12-01T12:34:52+00:00 27. November 2016|

Haben Sie nicht auch oft das Gefühl, dass die falschen Menschen auf zentralen Positionen sitzen, während die richtigen verkannt werden? Personaler und Experten sind blind. Sie reden von Kompetenzen, arbeiten fleißig an denkenzukunftderarbeitKompetenzmodellen und versuchen alles in Schemata zu pressen, die begrenzen anstatt zu befreien. Immer wieder lese ich von Kompetenzen für die Zukunft der Arbeit und bin erschreckt, dass niemand sieht, dass es darum doch gar nicht geht. Wenn sich Denken ändert, passt sich auch das Handeln an – Kompetenzentwicklung ist damit in der jetzigen Form gar nicht mehr nötig. Meine These: Wir müssen aufhören, Menschen so zu nehmen wie sie sind. Wir müssen sie zur Freiheit entwickeln, schon in der Schule. Denn das Denken, das wir für die Zukunft der Arbeit brauchen, kann im derzeitigen System nicht entstehen. Es ist zu sehr auf Anpassung, zu sehr auf Reproduktion und zu wenig auf Philosophie und Reflexion ausgerichtet. Von der Startup-Kultur des Silicon Valley bis zu den Konzernen: Wie im Industriezeitalter sind wir immer noch darauf ausgerichtet, Menschen in Abhängigkeit zubringen und zu  halten. Eigene Wertmaßstäbe können so gar nicht erst entstehen.

Dieses neue Denken, das die Voraussetzung dafür ist, mit den künftigen Herausforderungen produktiv umgehen zu können, sieht so aus:

  1. Es ist Kontext-bewusst: Menschen die kontext-bewusst sind, begreifen, dass Umfeld, Situationen und Personen die Wahrnehmung beeinflussen – ihre eigene und die anderer.
  2. Es ist Realitäts-Aktualisierend: Menschen, die Realitäts-aktualsisierend sind achten auf das, was ihre Wirklichkeit ausmacht und aktualisieren diese aufgrund neuer Erfahrungen, z.B. ohne frühere Standpunkte zu verteidigen und zu rechtfertigen.
  3. Es ist Selbst-aktualisierend: Menschen, die Selbst-aktualsierend sind, sehen sich selbst nicht als statisch an, sondern erkennen laufende Entwicklung, die frühere Annahmen integrieren, aufgeben  oder neuordnen kann.
  4. Es ist eigenen Maßstäben folgend: Menschen mit eigenen Maßstäben folgen diesen, auch wenn niemand sie kontrolliert oder überprüft (denn es sind ja die eigenen). Sie haben einen eigenen Willen, der unabhängig ist von einer Kultur und Umwelt.
  5. Es ist zutiefst annehmend: Toleranz ist weniger als Akzeptanz und Wertschätzung weniger als Annehmen. Menschen, die annehmen, müssen zunächst wahrnehmen – sich selbst, andere und die Natur  in ihrer Vielfalt und mit Widersprüchen.
  6. Es ist freiheitlich orientert an anderen: Menschen, die beiden Pole Autonomie und Zugehörigkeit vereinen, besitzen ein starkes Gemeinschaftsgefühl, erleben zwischenmenschliche Beziehungen tief und bedeutungsvoll, ohne je abhängig zu sein.
  7. Es ist Konstrukt-bewusst: Menschen, die Konstrukt-bewusst sind, wissen nicht nur, sondern verstehen auch, dass es keine objektive Wahrheit gibt, sondern sich jeder Mensch seine Wahrheit und auch Welt konstruiert. Dazu gehört eine Bewusstheit für die Bedeutungsgebung von Sprache.

Sie wollen solche Menschen erkennen? Wenn man diese Menschen beobachtet, so fallen folgende Aspekte auf:

  • Sie thematisieren ihre Wahrnehmungen: Solche Menschen verhalten sich spontan, in dem sie ihre eigenen Wahrnehmungen thematisieren und aussprechen, wobei sie den anderen im Blick halten und angemessen kommunizieren.
  • Sie konzentrieren sich bei gleichzeitigem Blick auf sich und andere auf das Problem: Es geht darum, Herausforderungen zu nehmen, nicht sich selbst zu bestätigen, Ansprüchen zu genügen oder Verpflichtungen zu entsprechen.
  • Sie können allein- und bei sich sein: Solche Menschen erleben unabhängig von Kategorien wie Introversion oder Extraversion Alleinsein als angenehm. Sie genießen eine Privatsphäre.
  • Sie handeln entsprechend eigener Maßstäben: Solche Menschen greifen ein, wenn eigene Maßstäbe verletzt werden. Und sie treffen konsequente Entscheidungen.
  • Sie können mit philosophischem Denken etwas anfangen: Solche Menschen sind philosophischer, in dem Sinne, dass ihre Erklärungen verschiedene Schichten beinhalten und diese zu ordnen suchen.
  • Sie sind schöpferisch-kreativ: Solche Menschen sind kreativer, ideenreicher, weil sie Neues (auch aus dem Alten) generieren können.
  • Sie denken dialektisch: Solche Menschen sind bemüht, Gegensätze aufzulösen und zu vereinen. Sie erkennen bereits, dass auch Gegensätze wie etwa Flexibel/Strukturiert in Wahrheit eins sind.
  • Sie zeigen sprachliche Gewandtheit: Solche Menschen können sich komplex ausdrücken ohne kompliziert zu werden. Sie haben einen großen und vielschichtigen Sprachschatz.

katalysatorenZusammenfassend sind diese Menschen Katalysatoren, weil sie Veränderung wirklich vorantreiben können. Das Dilemma:  Das können keine 25jährigen Personalreferenten erkennen, die all das (noch) gar nicht denken können. Ein solches Verhalten kann nur erkunden und wahrnehmen, wer es auch denken kann. Ob das die Abschaffung der Personalentwicklung bedeutet, wie derzeit Niels Pfläging verlangt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sollte es die Abschaffung nichtsnutziger Kompetenzmodelle und komplexitätsreduzierender Tests bedeuten – jedenfalls, wenn es darum geht, Führungskräfte einzustellen.

Meine Übersichten orientieren sich an humanistischen und entwicklungspsychologischen Ansätzen wie dem von Abraham Maslow, Lawrence Kohlberg und Robert Kegan. Ich habe diese erweitert, konkretisiert und neu geordnet.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

4 Kommentare

  1. Christoph Schlachte 27. November 2016 at 15:40 - Antwort

    Hallo, das klingt nach einer guten Umgebung, wo Menschen so handeln können und dürfen. Auch gut, wenn diese so gefördert werden und so das eigene Unternehmen weiter entwickeln können.

    Wenn ich an die Unternehmen wie die Deutsche Bank und VW denke, da habe ich den Eindruck, dass kritische und konstruktive Meinungen wenig gefragt ist. Profit und Rendite muss geleistetet werden.

    Unternehmen sind auch sehr fokussiert auf Automatismus in Strukturen und Prozessen. Da sind andere Meinungen nicht willkommen; sicher auch weil Zeit und Ressourcen fehlen, um damit sinnvoll umzugehen. Niels Pfläging meint auch, dass in Unternehmen die Theorie X eher im Alltag umgesetzt wird; vor allem wenn es schwierig ist oder Druck herrscht. Dann ist Theorie Y eine schöne „Schauseite“. Leider wird das von Mitarbeitern und Führungskräften auch bemerkt.

    Erleben das Mitarbeiter und auch Führungskräfte, dann folgt recht schnell Frust, Dienst nach Vorschrift und am besten für den konstruktiven Mitarbeitern ein Wechsel in ein Unternehmen, die gezielt solche Mitarbeiter will und diesen Raum gibt. Kenne Unternehmen, die das schätzen; leider nicht so wirklich viele. Es gibt Zuversicht, dass das über die Jahre mehr wird. Mir gefällt unter anderem die dm-drogerie märkte und auch die Sparda Bank München. Eine coole Initiative: http://bit.ly/2gz5akC

    Davon darf aus meiner Sicht mehr passieren; vielleicht wird das über die nächsten Jahre ein zweistelliger Anteil von Unternehmen, die auch Mitarbeiter orientiert sind und einen Nutzen für das Gemeinwohl verfolgen.

    Herzliche Grüße

    Christoph Schlachte

  2. Katharina 1. Dezember 2016 at 07:31 - Antwort

    Guten Tag, der Artikel spricht mich sehr an und gibt mir zu denken. Einen Gedanken allerdings verstehe ich nicht. Warum ist Akzeptanz weniger als Toleranz? Wenn ich etwas toleriere „ertrage“ ich es. Das ist für mich nur das absolute Minimum des Miteinanders. Akzeptanz wäre da schon ein Stück weiter. Da schwingt immerhin mit, dass ich mich oder meine Meinung nicht unbedingt besser finde und einen anderen Menschen und eine andere Meinung wirklich akzeptiere und nicht nur ertrage. So zumindest war bisher mein Verständnis dieser Begriffe. Bin sehr gespannt auf eine Erläuterung.
    Herzliche Grüße
    Katharina

    • Svenja Hofert 1. Dezember 2016 at 12:37 - Antwort

      Hallo Katharina, das war ein Dreher, Sie haben natürlich vollkommen recht: Akzeptanz ist MEHR als Toleranz. Habe es korrigiert – vielen Dank und herzliche Grüße Svenja Hofert

  3. […] Einen Tag nach dem wevent hat Svenja Hofert auf ihrem Blog einen interessanten Beitrag veröffentlicht, der sich kritisch mit diesem Thema auseinander setzt. „Weg mit den Kompetenzen, her mit der Freiheit des Denkens: Was die Zukunft der Arbeit wirklich brauc…“ […]

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