Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Warum Menschen mit extremen Stärken oft an der Grenze zum Wahnsinn stehen

Von | 2017-05-01T13:36:42+00:00 29. April 2017|

Schauen Sie sich Elon Musk von Tesla an. Richard Branson. Steve Jobs. Ihren Bürokollegen. Und dann sich selbst. Wie viel Verrücktheit steckt in Ihnen? Und ist es für die Arbeitswelt der Zukunft nicht viel besser, wenn sie von leichtem Wahnsinn mitgestaltet wird? Enthält ein Büro nicht immer auch Spuren von Verrücktheit? Übertriebene Charaktereigenschaften, extreme Stärken und Talenten können sehr fruchtbar sein. Wer wenn nicht ein wahnsinnig kreativer Erfinder macht die Nacht zum Tag? Wer wenn nicht ein von einer besseren Welt beseelter Idealist reißt andere mit?

Getriebenheit  kann produktiv machen. Zerrissenheit führt nicht selten zu Kreativität. Rücksichtslose Entschlossenheit boxt sich ihren Weg durch verhaltene Entscheidungsvorsicht. Die Nebenwirkung von depressiver Melancholie ist eine Nachdenklichkeit, ja oft sogar Tiefsinn. Kurzum: Extreme an der Grenze zum Wahnsinn und darüber hinaus gehören zum Leben. Es wäre langweilig ohne sie.

Ich möchte mit dieser Kolumne eine Brücke zur Besprechung des Buchs „Ich und Du und Müllers Kuh“ von Ariadne von Schirach schlagen, das mich hierzu angeregt hat. Haben Charakterstärken, um die es hier geht, doch auch mit meiner täglichen Arbeit viel zu tun, mit Führungskräfteentwicklung, mit Teamentwicklung, Stärkencoaching, Agilität, ja, selbst mit Berufsorientierung. Stärken leiten sich auch aus dem Charakter ab, nicht nur aus der Übung, die den Meister macht. Stärken brauchen Übertreibung.

Doch die gängige Meinung ist, dass es um“ positive“ Übertreibung gehen muss. Doch muss es das immer? Um etwas, das wir erwarten oder gelernt haben zu erwarten? Warum können wir Wahnsinn nicht Wahnsinn sein lassen? Als Produktivität würde die Getriebenheit den Normalbereich betreten, als Muße bekäme das Phlegma einen massenkompatiblen Anstrich, als Vielseitigkeit würde Zerrissenheit ein kleines Nichts werden… Nein, das Wertequadrat von Schultz von Thun, das für einen positiven begrifflichen Ausgleich sorgen kann, funktioniert an dieser Stelle nicht. Es verhindert das Extrem. „Saturn verschlingt eines seiner Kinder“, ein Bild von Goya aus dem Prado, ist kein Produkt ausgeglichener Stärken. Nur wer das Böse kennt, kann das Gute sehen.

Stärken und Talente entstehen immer aus einer Übertreibung und diese ist nicht nur positiv. Ziemlich sicher snd die Ursachen in der Kindheit gelegt. Ein Mathegenie hat nicht nur Mathe gelernt, sondern sich auch frühzeitig auf eine Welt konzentriert, die ihm Halt gibt und Orientierung, auch Schutz vor zu viel Gefühlen. Getriebenheit, beispielsweise unternehmerische oder idealistische, ist charakteristisch für Menschen mit hysterischen Tendenzen. Sie rettet vor Festlegung.

Nach Riemann existieren vier „Grundformen der Angst“, die sich so auch um Universum abbilden. In jedem Menschen sind diese Grundformen aktiv und seelisch gesunde Menschen halten alle davon im Gleichgewicht –  oft ist das die Folge eines Entwicklungsprozesses. Karl König bringt zwei weite Ängste dazu, die von Schirach in ihrem Buch aufnimmt: Die Angst des Narzissten vor Bedeutungslosigkeit und die Angst des Phobikers vor dem Versagen.

Wenn auch das Ziel der Ausgleich aller Ängste ist, so bleibt doch die Tatsache, dass aus dem Extrem – und sei es nur dem zeitweiligen – oft viel entsteht, das der Welt auch nutzt. Was das ist, möchte ich im Folgenden erläutern. Dabei nutze ich den Begriff Charaktertendenzen, da dieser einen dynamischeren Ausdruck hat. Nach Karl König ordne ich in der Chronologie ihrer Entstehungsgeschichte in der Kindheit.

Die narzisstische Charaktertendenz

Narzissten sind oft schon im Mutterleib abgelehnt oder in früher Kindheit überverwöhnt worden. Manche sind auch emotional vernachlässigt. Narzissten schaffen sich eine Parallelwelt, in der sie bestimmen. Ihre Angst vor Bedeutungsverlust treibt sie. Das macht sie in der Berufswelt oft sehr erfolgreich. Wer hängt sich schon rein und ordnet seinem Erfolg alles andere unter – wenn nicht ein Narzisst? Die gängige Narzisstenschimpfe ist also übertrieben und teils ungerechtfertigt. Narzissten brauchen Liebe in Form von Anerkennung, auch wenn sie immer Schwierigkeiten haben werden, diese zu geben. Sie entwickeln sich weiter, wenn sie ein Bewusstsein über die eigene Prägung ausbilden, das hilft die Neigung, „nicht genehme“ Personen im eigenen Unternehmen auszuschalten, unter Kontrolle zu halten. Sie werden von sich selbst freier, wenn sie sich beobachten und über sich lachen können.

Die schizoide Charaktertendenz

Menschen mit schizoider Tendenz haben eine unsichere Bindungserfahrung in früher Kindheit gemacht, etwa durch Trennung der Eltern. Diese Menschen schließen sich ein in einer eigenen Welt, haben Angst vor Nähe. In der Berufswelt sind es oft Forscher, Wissenschaftler und Nerds. Der Außenwelt fallen sie durch ihre originellen und kreativen Ideen auf.  Sie lieben mehr noch als andere Gleichgesinnte, was Internetphänomene erklärt, wie etwa die „INTJ-Foren“ (nach dem MBTI-Modell bzw. nach David Keirsey, INTJ kommt dem Schizoiden sehr nah). Menschen mit schizoiden Tendenzen entwickeln sich, wenn sie endlich Nähe anderer zulassen und sich verletzlich zeigen.

Die depressive Charaktertendenz

Menschen mit depressiver Tendenz suchen Nähe, weil sie andere so sehr brauchen und Angst davor haben, ein eigenes Ich zu werden. Oft ist die Ursache Überbehütung in der frühen Kindheit. Es fällt diesen Menschen schwer, zu bewerten und sich selbst eine Meinung zu bilden. In der Berufswelt sind sie gute Teamarbeiter und Umsetzer. Viele habe ich im sozialen Kontext und Vertriebsinnendienst kennengelernt. Menschen mit depressiven Charaktertendenzen entwickeln sich, wenn sie die eigenen Bedürfnisse erkennen und lernen zu bewerten (mag ich/mag ich nicht). Dann können es sehr gute und zugewandte Führungskräfte werden, die sich um Menschen wirklich kümmern.

Der zwanghafte Charakter

Menschen mit zwanghafter Tendenz brauchen Kontrolle. Sie treibt die Angst, die Kontrolle zu verlieren, deshalb mögen sie Veränderung nicht allzu sehr. Sie haben oft einen autoritären Charakter, legen Wert auf Ordnung. In der Berufswelt sind sie vielfach in Tätigkeiten zu finden, die Disziplin und Regelorientierung erfordern, etwa in der der Verwaltung. Ich erinnere mich an die Personalleiterin eines Konzerns, die offen zugab, Zwanghafte gern für den Finanzbereich einzustellen, weil sie nachts nicht schlafen könnten, vor lauter Verantwortungsgefühl. Mit dieser Einschätzung liegt die Dame nicht falsch. Das Problem ist allerdings der schwarzweiße Umgang, der einen ernstzunehmenden Ansatz zum Klischee degradiert. Zwanghafte entwickeln sich, wenn sie lernen, Kontrolle abzugeben und Veränderungen zuzulassen.

Der phobische Charakter

Phobiker haben Angst vorm Scheitern und sind deshalb in allem sehr vorsichtig. Sie gehen keine Risiken ein. In der Berufswelt sind Menschen mit dieser Charaktertendenz oft vorsichtige Planer oder in Berufen zu finden, die maximale Sicherheit bieten. Dabei gibt es Überschneidungen mit den Depressiven. Doch während bei den einen die Nähe zu anderen den Antrieb bildet, ist es bei den anderen die Angst, die Vorgaben nicht zu erfüllen. Deshalb sind diese Menschen manchmal sehr genau und gewissenhaft. Phobiker entwickeln sich, wenn sie lernen, das Scheitern zuzulassen.

Der hysterische Charakter

Hysteriker treibt die Angst vor Festlegung. Sie stecken voller Möglichkeiten, sind oft kreativ und unkonventionell. Sie mögen sich nicht festlegen, haben Angst vor Endgültigkeit. Und was ist endgültiger als der Tod? So streben sie oft nach „Verewigung“. Das kann sehr fruchtbar sein, denn auf dem Weg dahin sind sie fleißige Produzenten. Naturgemäß findet man viele Hysteriker in kreativen Jobs und mit unkonventionellen Lebenswegen. In der Buchhaltung werden wenige von ihnen zu finden sein, Hysteriker entwickeln sich, wenn sie ihre eigene Beschränkung, Beschränktheit und Unvollkommenheit sowie die Begrenztheit der eigenen Existenz anerkennen.

Was tun mit diesem Wissen?

Die Sicht auf Charaktertendenzen ist eine von vielen Möglichkeiten, Menschen besser zu verstehen und auch Stellen gezielter zu besetzen. Wenn auch das Ziel ist, für die seelische Gesundheit einen Ausgleich der unterschiedlichen Ängste zu schaffen, so ist dies oft ein Lebensprojekt und endet nicht selten in einer gewissen Weisheit. Auf dem Weg dahin können die Extreme im beruflichen Kontext jedoch sehr hilfreich sein.

Ein reifer, nicht schwarz-weißer Umgang setzt ein „growth mindset“ voraus. Wer ein statistisches Menschenbild hat, ob in der Personalabteilung oder als Führungskraft, sollte ohnehin die Finger von Persönlichkeitsmodellen lassen. Es braucht weiterhin moralisches Bewusstsein. In den Händen von Menschen, die andere manipulieren wollen, bergen zu tiefe Einblicke in menschliche Seelenlandschaften eine Gefahr. Andrerseits gibt es eben auch viele Chancen, klarer zu erkennen, wer wohin passt. Wenn der Product Owner in einem agilen Team ein bisschen „schizo“ ist, so ist das für diese Rolle völlig OK. Ein leicht depressiver „agile Coach“ macht möglicherweise einen besseren Job als ein „Hysteriker“. Der wiederum kann ein prima Marketingmanager sein – wird in der Verwaltung aber auf verlorenem Posten stehen.

Natürlich ist eine Kombination aus mehreren Tendenzen häufiger als die extreme Ausprägung nur einer. Man kann sich das vorstellen wie ein Balkendiagramm. Wenn Sie jeder Balken maximal 100% Punkte hätte, wieviel würden Sie sich in den einzelnen Charaktertendenzen geben? Oft ist die Selbsteinschätzung hier sehr treffend. Auch für die Entwicklung von Menschen kann das Modell helfen. Dann wäre die Frage nicht von welchen Tendenzen habe ich am meisten, sondern von welchen an wenigsten?

Das Buch

Die Autorin Ariadne von Schirach ist mir aus dem „Philosophie Magazin“ bekannt. Sie führt in diesem „Fachbuch“, so nennt es Klett-Cotta jedenfalls (für mich ist es eher Sachbuch), philosophische und psychologische Ansätze zusammen. Mir scheint das ein Trend der Zeit. Wir sind mit dem systemischen Coaching an Grenzen gekommen. Lange verpönte psychoanalytische Ansätze erleben auch durch neurobiologische Erkenntnisse ein Revival. Die Psychoanalyse steht der Geisteswissenschaft und vor allem der Philosophie sehr nahe, und ist von ihr bisweilen nicht zu trennen. Philosophische Ansätze wiederum, sei es die Dialektik oder der sokratische Dialog bieten wunderbare Coachingansätze. Auch deshalb finde ich dieses Buch gerade auch für Coachs so interessant.

Von Schirach belebt in diesem Buch neue-alte Verbindungen wie die zwischen Psychologie und Philosophie und die zwischen Fritz Riemann und Karl König. Aber auch die vom einzelnen Menschen zum Kosmos, die schon Riemann gesehen hat. Riemanns Werk entstand nicht zuletzt aus der Beschäftigung mit Astrologie und Psychologie, also zweier in bestimmten Kreisen verfeindeter Disziplinen, die eine Wissenschaft, die andere Pseudowissenschaft.

Er erkannte, wie sowohl der Kosmos als auch der Mensch sich in unauflösbaren Spannungsverhältnissen bewegt, in denen beide sich immer neu verorten müssen. Dieses Streben nach Ausgewogenheit garantiert die lebendige Ordnung.

Frau von Schirach bedient sich in diesem Buch zwar bei Riemann und König, schafft dabei aber dennoch einen ganz eigenen Zugang. Riemann hat mit seinen „Grundformen der Angst“ ein Standardwerk geschrieben. Schirach begegnet dem mit Respekt und Respektlosigkeit zugleich. Sie sortiert seine Gedanken und führt sie mit Gedanken großer Philosophen zusammen. Dabei geht sie ins Detail, bleibt nie an der Oberfläche und öffnet auch den Blick hinter die Kulissen des Lebens ihrer Protagonisten.

Bild: ®Tollpatsch@photocase.com

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

Ein Kommentar

  1. Markus Väth 30. April 2017 at 18:21 - Antwort

    Liebe Frau Hofert,

    Sie schreiben nonchalant in einem Zwischensatz: „Wir sind mit dem systemischen Coaching an Grenzen gekommen.“ Finde ich sehr spannend und würde dazu gern mehr von Ihren Gedanken erfahren. Vielleicht in einem neuen Blogartikel?

    Herzliche Grüße,

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