Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Harmonie oder ordentlich fetzen? Drei Schritte, um ein gemeinsames Verständnis von Zusammenarbeit zu entwickeln

Von | 2017-06-08T15:37:05+00:00 3. Juni 2017|

„Wir haben gut zusammengearbeitet, denn wir haben uns ordentlich gefetzt“, kommentierte das eine Team, als ich es bat, ihre Zusammenarbeit zu bewerten. Man gab sich vier von fünf möglichen Punkten. Das andere Team hatte wesentlich friedvoller an seiner Lösung getüftelt. „Wir haben gut zusammengearbeitet, denn wir waren harmonisch“, so deren Fazit.

Ich hatte beide Teams in einem bewusst offenen Format gegeneinander antreten lassen. Sie sollten eine Lösung für ein Problem finden. In Wahrheit ging es mir aber nicht um die Problemlösung. Eigentlich wollte ich genau auf diese Metaebene der Bewertung von Zusammenarbeit gehen. Damit hatte ich beide Teams gepackt, denn ich hatte die Augen für etwas geöffnet, was viele nicht sehen: Die Bedeutung der eigenen Bewertung des Stils der Zusammenarbeit für deren Bewertung.

Konfrontativ oder harmonisch oder beides?

Ich beschreibe hier eine Szene aus der letzten Ausbildung TeamworksPLUS®, aber sie hätte auch im Unternehmen stattfinden können. Nur halt, dort wäre das EINE (konfrontativ) und das ANDERE (harmonisch) vermutlich zusätzlich mit der unternehmenskulturellen Brille oder aus der Perspektive der Führungskraft bewertet worden. Aber natürlich ist weder konfrontative noch harmonische Zusammenarbeit per se gut. Es kommt darauf an, auf die Umstände. Und darauf, ob das jeweils andere ausgeschlossen und damit mögliche Ideen untergraben werden. Das kann sowohl in einer harmonischen als auch in einer konfrontativen Zusammenarbeit geschehen, und auch in einer Mischform. Letzteres vergessen viele. Sie denken, wenn man das eine und das andere zusammentut, käme etwas Besseres heraus. Das muss nicht so sein: Denken wir in These, Antithese und Synthese, so ist die Synthese genausowenig per se die beste Lösung wie der Kompromiss.

Damit wir alle Seiten eines Problems logisch betrachten können, hilft uns die Philosophie. Mein Großvater war Philosoph, ich bin mit diesem Denken aufgewachsen. Jahrzehntelange hatte ich es verloren. Die Philosophie schien mir sehr unpraktisch. Aber wie das oft ist in der Mitte des Lebens, kommen alte Themen auf einen zu, jetzt als reife Äpfel. Und so beginne ich mich seit einiger Zeit erneut damit zu beschäftigen.

Philosophisches Denken führt zu neuen Erkenntnissen

Ich habe in der letzten Zeit entdeckt, dass philosophische Logik und dialektische Gesprächsführung für das Coaching und die Teamentwicklung sehr hilfreich sind. Vor allem wenn man es mit reflektierten Menschen zu tun hat, betritt man damit eine Ebene, die weit tiefer führen kann als systemisches, z.B. zirkulierendes Fragen. Das ist natürlich nicht jedermanns Sache, denn es bringt weder die schnelle Lösung noch immer den sofortigen Aha-Effekt. Ganz oft führt es zu keiner Antwort, zeigt es eher Widersprüche. Das muss man zulassen können. Dafür öffnet es das Denken. Und das halte ich für extrem wichtig in diesen Zeiten oft einseitiger Positionen und alternativer Fakten.

Dialektik von Heraklit bis Hegel

Der Begriff Dialektik besteht er seit fast 2500 Jahren und wurde von vielen Philosophen gedreht und gewendet und dabei immer ein wenig anders interpretiert. Man könnte ihn ganz einfach als die Kunst der Gesprächsführung übersetzen, aber das wäre zu wenig. Als erstes in der Reihe der Dialektiker ist Heraklit von Ephesos zu nennen. Jedenfalls ist von ihm zuerst etwas dazu überliefert worden. Er sah in der Dialektik die Lehre von den Gegensätzen, die die Welt bewegen.

Ja, wirklich bewegen, denn nur der Gegensatz sorgt für Bewegung: männlich und weiblich etwa kann etwas gebären, also bewegen. In der Konfrontation ist die Harmonie Vorbedingung des Friedens, in der Harmonie kann die Konfrontation den Anfang der Geburt eines neuen Gedankens anzeigen.

Für Sokrates ist die Dialektik ein Verfahren zur Klärung der Begriffe, für Platon zur Erkenntnis von Ideen. Beide Ansätze kann man sehr gut miteinander verbinden. Dann ist der sokratische Ansatz eine absteigende Dialektik mit dem Ziel herauszufinden, was etwas für den einen und den anderen Menschen bedeutet – und was dieses verbindet. Der Ansatz Platons ist dann eine aufsteigende Dialektik mit dem Fokus das hinter der Idee liegende zu verstehen. Dabei hebt man die Idee gedanklich auf eine neue Stufe, in welcher dieser Widerspruch aufgehoben ist.

Johann Friedrich Hegel orientierte sich mehr als 2000 Jahre später an der Triade aus These, Antithese und Synthese. Die Synthese ist die höhere Ebene, auf die wir durch die Beschäftigung mit These und Antithese kommen. Kant nahm eine kritische Haltung zur Dialektik ein, da diese sich nicht auf Empirie oder andere begriffliche Logik stütze, also transzendental sei.

Obwohl das Konstrukt der Dialektik also höchst uneinheitlich definiert ist, gibt es verbindende Elemente:

  • Auf der einen oder anderen Ebene beschäftigt sie sich immer mit Gegensätzen.
  • Auf der einen oder anderen Ebene geht es immer um die Konkretisierung des Abstrakten.

Dialektik spürt den Bedeutungen nach, die das Individuum oder seine Bezugsgruppen – sei es Team, Unternehmen, Kultur oder Gesellschaft – den Dingen geben.

sör alex / photocase.de

Im Coaching und auch in der Teamentwicklung sowie natürlich auch bei der über ihr stehenden Organisationsentwicklung geht es sehr oft um ein gemeinsames Verständnis von etwas.

Praktische Anwendung mit Hegels Dreischritt

Hegels Dreischritt hilft sehr dabei, dieses zu ergründen, indem man das Verständnis der Einzelnen zunächst einmal systematisch zerlegt und differenziert:

 

  1. Aufheben im Sinne von „Beseitigen“ des Gegensatzes.
  2. Aufheben im Sinne von „Bewahren“ des Gegensatzes.
  3. Aufheben im Sinne von „Hinaufheben“ auf eine höhere Stufe.

Lehre Nr. 1: Zwei Seiten erkennen, die eins werden können

Nehmen wir das obige Beispiel der Zusammenarbeit. Die These ist, dass gute Lösungen im Team Konfrontation brauchen, die Antithese, dass sie Harmonie benötigen. Ist das ein Gegensatz? Nicht, wenn man ihn zeitgleich denkt. Das wäre eine mögliche Synthese. Wir haben dadurch den Gegensatz „beseitigt“. Dieses Beseitigen kann Teil des Wegs zur effektiven Zusammenarbeit sein. Das Beseitigen führt zur Erkenntnis, dass nichts besser ist als das andere, weil beides zwei Seiten einer Medaille sind. Die zudem in der Definition des Einzelnen zerfließen, erkennt doch fast jeder einen anderen Punkt, an dem Harmonie in Konfrontation umschlägt.

Lehre Nr. 2: Grenzen definieren

Wollen wir den Gegensatz bewahren, so können wir herausfinden, dass unter bestimmten Voraussetzungen Harmonie, unter anderen Konfrontation der guten Lösung Vorschub leistet. Wir können uns dann bemühen, eine Grenze zu ziehen, die überindviduell ist. Wann wird aus Harmonie Konfrontation? Wenn wir etwas direkt und unverblümt aussprechen beispielsweise. Oder wenn wir nicht lockerlassen. Oder alles drei. Grenzen müssen sehr genau definiert werden. Das ist die Erkenntnis von Schritt 2 – und sehr gut übertragbar in den Unternehmenskontext.

Lehre Nr. 3: Die übergeordnete Idee finden

Im dritten Schritt geht es um das Heraufheben auf eine höhere Stufe. Wir können uns nun fragen, was über der Zusammenarbeit steht. Was ist deren Sinn und Zweck? Beispielsweise die Lösung eines herausfordernden Problems. Bei dieser Herangehensweise erkennen wir vielleicht, dass auch Zusammenarbeit nicht für sich stehen kann. Ihr gegenüber steht die Einzelarbeit. Nun können wir beide Positionen, Zusammenarbeit und Einzelarbeit, absteigend ergründen. So kommen wir vielleicht darauf, dass beides einander braucht, eine produktive Zusammenarbeit die Vorbereitung des Einzelnen oder/und auch dessen Wissen und Standpunkt.

Durch das Durchdenken der drei Schritte haben wir also mehrere Aspekte von Zusammenarbeit ergründet. Das hilft, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln – das ja letztendlich die Basis für jede Zusammenarbeit ist. Wer den dialektischen Ansatz nutzt, wird ziemlich sicher auf Gedanken gekommen sein, die er auf den ersten Blick nicht gesehen hat. Und diese Erweiterung des gedanklichen Radius´ macht nicht nur die Zusammenarbeit fruchtbarer, sondern auch vielfältiger, mehrdimensionaler. Und was brauchen wir dringlicher um die Probleme der Zukunft zu lösen als mehrdimensionales Denken? Gleichzeitig hilft es, danach den Fokus wiederzufinden. So verlieren wir uns nicht in der Komplexität der Bedeutungsvielfalt, sondern können das Wesen dessen, was wir ergründen wollen, endlich genauer fassen.

Diese Kolumne im Video-Blog von Svenja Hofert (3,5 Minuten)

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

4 Kommentare

  1. Sladjan Lazic 5. Juni 2017 at 00:07 - Antwort

    Sehr gut geschrieben.

    Karl Marx beschreibt auch die Dialektik auf seine Art. Der dialektische Materialismus, das Denken in Widersprüchen, um die Welt auf materieller Grundlage zu erklären. Somit grenzt er sich deutlich von Hegel ab.

    Marx sagte, „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an sie zu verändern.“

    Jetzt könnte ich natürlich mithilfe Marx seiner eigenen These fragen, ob Marx überhaupt Marxist war, im Anbetracht seiner dekadenten Lebensweise. Doch das würde hier den Rahmen sprengen.

    Sie sind die erste und einzige Bloggerin die ich kenne, die sich mit solchen tiefen Themen befasst, Frau Hofert.

    Viele Grüße,
    Sladjan Lazic

    • Svenja Hofert 5. Juni 2017 at 16:46 - Antwort

      Hallo Herr Lazic, danke! Bei Marx habe ich aufgehört, den habe ich nie richtig kapiert 😉 Ist das jetzt ein Kompliment, dass ich die erste und einzige Bloggerin bin? Es gibt noch andere, z.B. Gilbert Dietrich, die gehen viel tiefer. Das setzt aber oft viel Know-how voraus. Mein Ansatz ist vielmehr eine Tiefe, die der Normalbürger vertragen kann. Hoffe ich. Wenn es mir nicht gelingt, Bescheid sagen! LG Svenja Hofert

    • Alex 19. Juni 2017 at 18:41 - Antwort

      Marx hat sich selber nicht als Marxist bezeichnet insofern wäre die Frage unsinnig. Marxs war höchstens Kommunist.

      Einem Kommunisten dekadenten Lebensstil vorzuwerfen zeigt ein unverständnis der kommunistischen Theorie die nicht besagt das alle in Armut zu Leben haben – gemeinsamer Reichtum ist das Ziel. Dieser wird nicht durch den Verzicht eines einzelnen erreicht sondern das Umstrukturieren der Kapitalistischen Gesellschaft.

      „Der Begriff „Marxismus“ war zunächst nicht Selbstbezeichnung einer Partei oder Gruppe, sondern wurde von außen an sie herangetragen. Schon in den 1850er Jahren gebrauchten Anhänger Weitlings den Begriff „Marxianer“. Innerhalb der Internationalen Arbeiterassoziation (1864–1876) kam es zu Konflikten zwischen Anarchisten („Bakuninisten“) und den dann von diesen so titulierten „Marxisten“.[1] Zu dieser Zeit wurde der Begriff Marxist auch zunehmend von Unterstützern gebraucht. In den späten 1870er Jahren distanzierte sich Marx selbst von einer Jugendfraktion französischer Sozialisten um Paul Lafargue und Jules Guesde, die sich als Marxisten bezeichneten, da sich diese „Jungen“ nach seiner Ansicht zu entschieden gegen die Idee des Reformismus wandten. In diesem Zusammenhang hat Marx laut Engels gesagt, er selbst sei kein Marxist.[2] Der Begriff „Marxismus“ lässt sich ab den 1880er Jahren feststellen. So z. B. in der 1882 erschienenen Schrift Le Marxisme et l’lnternationale von Paul Brousse.“
      http://bit.ly/2tkvZP8

      Zu guter letzt will ich auch noch mal beipflichten, dass es toll ist das bei Frau Hofert immer wieder solche Themen aufgegriffen werden. 🙂

  2. Sladjan Lazic 5. Juni 2017 at 19:04 - Antwort

    Das ist auf jeden Fall ein Kompliment, denn kaum ein/e Blogger/in schreibt über Kant und die Dialektik. 😉

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